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Johann Gottlieb Fichte
Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung



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Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung

Johann Gottlieb Fichte

J. G. Fichtes, des philosophischen Doktors und ordentlichen Professors zu Jena, Appellation an das Publikum über die durch ein Kurfürstlich Sächsisches Konfiskationsreskript ihm beigemessenen atheistischen Äußerungen. Eine Schrift, die man erst zu lesen bittet, ehe man sie konfisziert Die erste Auflage erscheint im Januar 1799 bei Cotta und Gabler - Tübingen, Jena und Leipzig. Noch im Frühjahr besorgte Fichte eine zweite.

(1799)

Aus der National-Zeitung von 1798, St. 51.

 




Folgendes Kurfürstl. Sächs. Reskript ist an die beiden Universitäten Leipzig und Wittenberg ergangen:

Kurfürstlich-Sächsisches Reskript an die Universitäten Leipzig und Wittenberg vom 19. November 1798

Von Gottes Gnaden, Friedrich August, Kurfürst usw. Würdige, Hochgelahrte, Liebe, Andächtige und Getreue. Wir haben wegen der in dem ersten und zweiten Aufsatze des ersten Hefts des von den Professoren zu Jena, Fichte und Niethammer, herausgegebenen Philosophischen Journals p. ao. 1798 enthaltenen atheistischen Äußerungen die Konfiskation dieser Schrift angeordnet. Und da wir zu den Lehrern unsrer Universitäten das gegründete Vertrauen hegen, daß sie jede Gelegenheit, welche ihnen ihr Amt und ihr Einfluß auf die Jugend und das Publikum überhaupt an die Hand gibt, dazu benutzen werden, die angegriffene Religion mit Nachdruck, Eifer und Würde in Schutz zu nehmen und dafür zu sorgen, daß vernünftiger Glaube an Gott und lebendige Überzeugung von der Wahrheit des Christentums überall gegründet verbreitet und befestiget werde. So lassen wir Euch solches hierdurch unverhalten sein. Datum Dresden am 19. Nov. 1798.

Heinrich Ferdinand v. Zedtwitz. Karl Gottlieb Kühn.

 




Der erste Aufsatz in dem genannten ersten Hefte des genannten Journals ist von mir; ich habe in demselben den Grund unsers Glaubens an Gott untersucht; ich habe Sätze aufgestellt, welche von einer gewissen abgöttischen und atheistischen Partei unter uns atheistisch genannt werden; jene Beschuldigung des Atheismus geht also auf mich.

Möchte man doch immer in Kursachsen die von mir verfaßten oder nur herausgegebenen Schriften verbieten. Sie haben da schon so manches Buch verboten und werden noch so manches verbieten; und es ist keine Schmähung, in dieser Reihe mit aufgeführt zu werden. Ich schreibe und gebe heraus nur für diejenigen, die unsere Schriften lesen wollen; ich begehre keinen zu zwingen; und ob die einzelnen selbst oder ob in ihrer aller Namen die Regierung versichert, daß sie meine Schriften nicht mögen, ist mir ganz einerlei. Sind etwa die einzelnen nicht gleicher Meinung mit ihrer Regierung, so mögen sie das mit ihr ausmachen; es ist nicht meine Sache.

Also - vom Verbote ist gar nicht die Rede, sondern von dem Grunde desselben. Sie geben mich für einen Atheisten aus. Dies ist meine Sache: dagegen muß eine Verteidigung erfolgen, und ich selbst muß diese Verteidigung übernehmen.

Die Beschuldigung der Gottlosigkeit ruhig ertragen, ist selbst eine der ärgsten Gottlosigkeiten. Wer mir sagt, du glaubst keinen Gott, sagt mir: du bist zu dem, was die Menschheit eigentlich auszeichnet und ihren wahren Unterscheidungscharakter bildet, unfähig; du bist nicht mehr als ein Tier. Ich lasse ihn bei diesem Gedanken; und sage ihm dadurch: du bist unfähig, über dergleichen Gegenstände zu urteilen, und unwürdig, daß man dich darüber urteilen lehre; dergleichen Gegenstände sind für dich gar nicht vorhanden; und ich mache ihn dadurch zum bloßen Tier. - Ich konnte, nachdem man wissen muß, daß diese Beschuldigung zu meinen Ohren gelangt, nicht stillschweigen, ohne eine Verachtung gegen mein Zeitalter zur Schau auszulegen, die ich nicht empfinde und welche zu empfinden mir mein Gewissen verbieten würde.

Ich konnte nicht stillschweigen, ohne meinen ganzen Wirkungskreis aufzugeben. Ich bin Professor an der Landesuniversität mehrerer Herzogtümer, deren Akademie auch von Ausländern zahlreich besucht wird; ich bin philosophischer Schriftsteller, der einige neue Ideen in das Publikum bringen zu können glaubt. Es müßte in Deutschland alle Achtung für das Heilige völlig verloschen und unsere Nation müßte wirklich sein, wessen jene mich zeihen, wenn nicht die christlichen Fürsten, welche die Hoffnung ihrer Länder, die Väter und Mütter, welche ihre Söhne auf dieser Akademie wissen, alle, welche angefangen, meine Philosophie zu studieren, ohne sie auf den Grund zu kennen, in ihrem Innern erbebten; wenn von nun an meine Person und meine Schriften nicht geflohen würden wie verpestete. Wer mir sagt, du bist ein Atheist, lähmt und vernichtet mich unwiederbringlich, wenn er Glauben findet. Ich bin jenen Erschrockenen Beruhigung, ich bin mir selbst Verteidigung meines Wirkungskreises schuldig. Geduldig mich lähmen zu lassen, verbietet mir die Pflicht.

Ich konnte zu dieser Beschuldigung nicht stillschweigen, ohne mich politischen Folgen, ohne mich der sichtbarsten Gefahr für meine bürgerliche Existenz, für meine Freiheit, vielleicht für mein Leben auszusetzen. Jenes Verbot ist nicht wie so manches andere Verbot durch das Ungefähr aus einem Lostopfe herausgezogen worden; es ist die Folge eines durchdachten und langsam und bedächtig ausgeführten Plans. Von geheimen Intrigen und Stadtgeschwätz zwar nimmt der rechtliche Mann keine Notiz; nachdem sie aber eine öffentliche Begebenheit veranlaßt haben, ist es Zeit, auch sie selbst der Publizität zu übergeben, damit jedes Ereignis in seinem Zusammenhange erscheine. Also - es ist mir sehr wohl bekannt gewesen, daß schon seit einem Vierteljahre und darüber die Partei, welche es für Gottesdienst halten würde, mich zu verfolgen, in demjenigen ihrer berühmten Sitze, der mir am nächsten liegt, Dresdenüber jenen Aufsatz beratschlagt, gemurmelt, gescholten, gepoltert hat; anfangs weniger laut, dann, durch die in geheim angeworbene Beistimmung dreist gemacht, lauter und entscheidender. Für aufgeklärt, für wohldenkend bekannte Theologen haben geäußert, daß sie nicht wissen würden, was sie von meiner Landesobrigkeit ferner zu denken hätten, wenn ich dasmal nicht abgesetzt würde. Andere haben, auf den Fall, daß sie in dieser Hoffnung doch sich täuschten, vom Reichsfiskal und Reichstage gesprochen. Der erste Schritt, den sie auf ihrem Wege zu tun hatten, ist gelungen; sie haben ein öffentliches Verbot jenes Journals, eine öffentliche Rüge jenes Aufsatzes, als eines atheistischen, sich zu verschaffen gewußt. Ich darf nicht hoffen, daß diese Helden mit dem ersten Siege sich begnügen und auf dem errungenen Lorbeer ruhen werden. Ich müßte sie nicht kennen, oder sie werden, so man sie nicht beizeiten entkräftet, alle die angekündigten Schritte tun, so wie sie den ersten getan haben, und nicht ruhen, bis ihr Ziel erreicht ist. Sie haben ihren ganzen Grimm und allen Schimpf, den sie vorderhand, mit jenem Verbote ausgerüstet, mir antun konnten, erschöpft: sie haben ihn übertrieben, und ein Verbot, das nur auf das erste Heft des Journals geht, auch auf das zweite öffentlich Dies war ein Irrtum Fichtes, der auf Fehlmeldungen beruhteund durch geheime Intrigen auf dasganze Journal ausgedehnt. - Vanini zog aus dem Scheiterhaufen, auf welchem er soeben als Atheist verbrannt werden sollte, einen Strohhalm und sagte: wär' ich so unglücklich, an dem Dasein Gottes zu zweifeln, so würde dieser Strohhalm mich überzeugen. Armer Vanini, daß du nicht laut reden konntest, ehe du an diesen Platz kamest! Ich will es tun, noch ehe mein Scheiterhaufen gebaut ist; ich will, solange ich mir noch Gehör zu verschaffen hoffen kann, so laut, so warm, so kräftig sprechen, als ich es vermag. Dies zu tun, gebietet mir die Pflicht. Ich will ruhig erwarten, welche Wirkung es haben wird. Diese Ruhe gibt mir mein Glaube.

Der Erfolg für meine Person ist mir ganz gleichgültig. Ich weiß es und fühle es mit herzerhebender Gewalt, meine Sache ist die gute Sache, aber an meiner Person ist nichts gelegen. Unterlieg' ich in diesem Kampfe, so bin ich zu frühe gekommen, und es ist der Wille Gottes, daß ich unterliegen sollte; Er hat der Diener mehrere, und er wird, wenn seine Zeit kommt, die Sache, die seine eigne Sache ist, ohne allen Zweifel siegen lassen. Wann er dies tun wird und ob durch mich oder einen andern, davon weiß ich nichts und soll ich nichts wissen; nur so viel weiß ich, daß ich auch meine Person verteidigen muß, solange ich kann, indem für mich der Sieg der guten Sache allerdings auch an die Tätigkeit dieser Person mit geknüpft ist. Aber selbst, wenn ich gewiß wissen könnte, daß ich bestimmt sei, die unzähligen Opfer, welche schon für die Wahrheit fielen, um eines zu vermehren, so müßte ich doch noch meine letzte Kraft aufbieten, um Grundsätze in das Publikum bringen zu helfen, welche wenigstens diejenigen sichern und retten könnten, die nach mir dieselbe Sache verteidigen werden. Unter den Ruinen der Wahrheitsmärtyrer hat von jeher höhere Freiheit und Sicherheit für die Wahrheit gekeimt. In einem jeden Zeitalter ist die größere Menge unwissend, verblendet und gegen neue Belehrungen verstockt. Jedes Zeitalter würde das Verfahren der vorhergehenden gegen diejenigen, welche alte Irrtümer bestreiten, in allen Stücken nachahmen; wenn man sich doch nicht zuweilen schämte, selbst zu tun, was man nur soeben an den Vorfahren laut gemißbilligt hat. Die Zeitgenossen Jesu errichteten den Propheten Denkmäler und sagten: wären sie in unseren Tagen gekommen, wir hätten sie nicht getötet; und so tut bis auf diesen Augenblick jedes Zeitalter an den Märtyrern der vorhergehenden. Vgl. Matth. XXIII 29-30

Jedes hat darin ganz recht, daß es dieselben Personen, wenn sie wiederkämen, nicht verfolgen würde, indem diese ja nun größtenteils ihre untrüglichen Heiligen geworden sind; sie verfolgen jetzt nur die, welche jene nicht für untrüglich anerkennen wollen; aber darin muß man ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie es doch allmählich mit mehrerer Bedenklichkeit und mit besserem Anstande tun lernen.

War es je notwendig, dergleichen Grundsätze zur Verteidigung der Glaubens- und Gewissensfreiheit in das Publikum zu bringen, so ist es gegenwärtig dringende Notwendigkeit. Verteidigen wir nicht jetzt, nicht auf der Stelle unsere Geistesfreiheit, so möchte es gar bald zu spät sein. Man unterdrückt den freien Forschungstrieb nicht etwa mehr, wie es ehemals geschah, hier und da, so wie es die augenblickliche Laune gebietet; man tut es aus Grundsätzen und verfährt systematisch. Welcher ist unter meinen Lesern, der nicht den durch das Unglück der Zeiten herbeigeführten Grundsatz behaupten, predigen, einschärfen gehört habe: Freiheit der eigenen Untersuchung gefährdet die Sicherheit der Staaten; Selbstdenken ist die Quelle aller bürgerlichen Unruhen: hier, hier ist die Stelle, wo man das Übel mit der Wurzel ausrotten kann. Die einzige untrügliche Wahrheit, über die kein menschlicher Geist hinauskann, die keiner weitern Prüfung, Erläuterung oder Auseinandersetzung bedarf, ist schon längst fertig: sie liegt aufbewahrt in gewissen Glaubensbekenntnissen; das Geschäft des Selbstdenkens ist schon längst für das Menschengeschlecht geschlossen: - so muß man sprechen. Diese Wahrheit auswendig zu lernen, sie unverändert zu wiederholen und immer zu wiederholen, darauf muß man alle Geistesbeschäftigung einschränken; dann stehen die Throne fest, die Altäre wanken nicht, und kein Heller geht an den Stolgebühren verloren. - Diesen Grundsatz auszuführen, schicken sie sich jetzt ernstlicher als je an. Für den Anfang mußte, um die Laulichkeit des Zeitalters aufzuschrecken, ein großes, die Ohren gehörig füllendes Wort, das des Atheismus, gewählt und dem Publikum das selten zu erlebende Schauspiel einiger Gottesleugner gegeben werden. Wie gerufen fiel gerade ich mit meinem Aufsatze ihnen unter die Hände. Man lasse sie nur erst mit mir fertig sein, sie werden dann allmählich schon weiter schreiten; und vor dem Ende eines Jahrzehnts wird über die geringste Abweichung von der geringsten Phrase in der Konkordienformel Die Formula concardiae von 1577 - eines der symbolischen Bücher der lutherischen Kirche - diente als Wiederholung und Erklärung einiger Artikel der Augsburger Konfession. Sie beendete wesentlich die Streitigkeiten der verschiedenen lutherischen Theologenschulen.kein kleineres Aufheben gemacht werden als jetzt über meinen vermeinten Atheismus. Es könnten daher zwar wohlmeinende, aber mit dem menschlichen Herzen und ihrem Zeitalter sicherlich unbekannte oder leichtsinnige und eines ernsthaften Nachdenkens unfähige Leser sein, welche mit dem Einwurfe meine Schrift in die Hand nähmen, mit dem Einwurfe sie fortläsen, daß ich einer geringfügigen Sache eine zu große Wichtigkeit gäbe und viel Lärmens erhöbe über wenig oder nichts. Abgerechnet, daß ohne alle Rücksicht auf die Umstände die Beschuldigung der Gottlosigkeit schlechterdings nicht für geringfügig aufgenommen werden darf, sind diesesmal die Umstände in der Tat so, daß meine ganze fernere Wirksamkeit, daß meine bürgerliche Sicherheit, daß die allgemeine Gewissensfreiheit sich in Gefahr befindet. Schon jetzt - ich schreibe dies einige und zwanzig Tage nach der Ausfertigung des Verbots - hat sich ohne mein Zutun und Mitwissen eine mißbilligende Stimme gegen meine Ankläger hören lassen; Fichte meint: „Etwas zur Antwort auf das Schreiben eines Vaters an seinen studierenden Sohn über den Fichtischen und den Forbergischen Atheismus", Jena 1799es würden, wenn ich auch beharrlich schwiege, deren mehrere sich vernehmen lassen; denn die öffentliche, feierliche, aus einem hohen Regierungskollegio ausgehende Beschuldigung des Atheismus ist zu unerhört, zu ungeheuer; die Veranlassung dazu ist so offenbar und so gänzlich ohne Grund, und es sind denn doch noch nicht alle Exemplare meines Aufsatzes weggenommen, daß kein Mensch in ganz Deutschland mehr denselben mit dem deswegen ergangenen Reskripte vergleichen könnte. Meine Gegner werden sonach in kurzem zu ihrer eigenen Verteidigung genötigt sein, fort zu intrigieren und zu kabalieren, ihre Partei gegen mich in geheim zu verstärken, die Mächtigen gegen mich zu verhetzen; meine Worte so lange zu verdrehen, bis sie sagen, was sie wünschten, daß ich gesagt hätte, Lügen auf mich zu erdichten und herumzubieten; kurz, mich völlig schwarz zu machen, damit sie neben mir ein wenig weißer erscheinen. Oder, wenn auch möglich wäre, was ich zur Ehre meines Zeitalters für unmöglich halte, daß keiner unter allen freien Denkern ein Wort zu meinem Besten sagte und auf diese Weise meine Gegner von außen nicht weiter gereizt würden; wenn möglich wäre, was ich für noch unmöglicher halte, daß sie selbst durch ihren Feuereifer von innen nicht weiter gereizt würden und sich für diese Sache mit dem erhaltenen Triumphe begnügten: welches soll denn für die Zukunft unser beiderseitiges Verhältnis werden? - Ich habe in jenem Aufsatze, der meine Gegner gegen mich so verbittert hat, meine Grundsätze über Religion bloß angedeutet; es war ein Gelegenheitsaufsatz, welchen ich der gleich nach ihm abgedruckten Schrift eines anderen philosophischen Schriftstellers zur Begleitung mitgeben zu müssen glaubte; ich muß meine Grundsätze noch weiter auseinandersetzen, noch tiefer begründen, noch eingreifender anwenden. Können sie, ohne ihre vorhergehenden Lügen laut zu bekennen, zu diesem Unternehmen stillschweigen? Müssen sie nicht, nachdem ich durch die gegenwärtig getroffene mildere Maßregel, wie sie sie nennen mögen, mich nicht warnen, ihr gelinderes Zuchtmittel nicht an mir anschlagen lassen - müssen sie nicht notwendig, um konsequent zu erscheinen, zu härteren greifen und alle jene Schritte, die sie schon so bestimmt angekündigt, einen nach dem andern, tun? Also, ich müßte über dergleichen Gegenstände in offenem Drucke ganz schweigen, wenn ich vor ihnen Friede haben sollte. - Aber nur über dergleichen Gegenstände? Man würde sich sehr irren, wenn man glaubte, daß sie es nur mit meinem vermeinten Atheismus zu tun hätten: mit meiner ganzen Philosophie, mit aller neueren Philosophie haben sie es zu tun, und daran haben sie ganz recht, und zeigen, daß sie ihren wahren Feind wohl kennen; jener vorgebliche Atheismus ist nur Vorwand. Sie haben in der Freude des Herzens ihr Geheimnis verraten, indem sie frohlockend ausgerufen: nun sähe man doch gottlob endlich klar, worauf die neuere Philosophie hinauslaufe, auf puren Atheismus. Meine Philosophie, meine ganze Denkart ist durch sie nun einmal in allen ihren Teilen für eine Lehre erklärt, die notwendig zum Atheismus führt, und sie können konsequenterweise keinen einzigen Zweig derselben anders aufnehmen als alle übrigen; was ich auch nur vorbringen mag, sind sie durch ihre Lage genötigt zu verfolgen. Ich müßte sonach überhaupt nichts mehr drucken lassen, wenn ich vor ihnen Frieden haben sollte. - Aber ist denn der Druck der einzige Weg, auf welchem ich meine Überzeugung mitteile? Bin ich nicht auch akademischer Dozent? Oh, sie haben sich das nicht entgehen lassen, denn noch gellen mir die Ohren von der oft gehörten Litanei: es ist kläglich, wie viele junge Leute dieser Verführer in den Abgrund des Verderbens mit sich hineinzieht! Nachdem einmal bekannt ist, daß sie es wissen, ich sei akademischer Dozent, können sie nun, so gewiß man bei meiner Verfolgung sie vom Eifer für die Ehre Gottes und für die Wohlfahrt des Nächsten getrieben glauben soll - sie können nicht ruhen, bis meine Stimme ebenso auf dem Katheder als in öffentlichen Schriften verstummt ist. - Aber man bleibt doch in der Gesellschaft; man kann doch durch Unterredungen zwar nicht mehr ganze Haufen von Seelen, aber denn doch immer Seelen verführen, und ihr Wächteramt erstreckt sich auf die Erhaltung aller. Sie müssen sonach notwendig, wenn sie konsequent sind, mich sogar aus der menschlichen Gesellschaft vertreiben; und nun erst könnten sie nach ihren Grundsätzen vernünftigerweise ruhen. Also, wenn auch der unerwartetste Zusammenfluß von Umständen und eine noch weniger zu erwartende Milde meiner Gegner es ihnen möglich machte, das Vergangene zu verzeihen, so ist doch ihre Ehre, ihre Würde, ihr ganzes äußerliches Ansehen, die Möglichkeit ihrer innern Selbsttäuschung, unauflöslich daran gebunden, mir nur auf diese Bedingung zu verzeihen, daß ich vom literarischen Schauplatze und dem der Gesellschaft auf die Zukunft gänzlich verschwinde. In dieses Verhältnis mit einer zahlreichen, kühnen, politisch geltenden Partei gekommen zu sein - wer möchte dieses für geringfügig und für eine Begebenheit halten, bei der man ruhig sein und zusehen könnte?

Wer möchte meine Vorhersagung und Befürchtung für übertrieben halten, wenn er sich nur einen Augenblick an die Erfahrung der vorigen Zeiten erinnert? Auch da hob man nicht, weder in den ältern Zeiten beim Verbrennen noch in den neuem bei der Vertreibung vom Amt, Haus und Hof durch den Reichsfiskal, an. Das erste waren immer Konfiskationsbefehle, und selten so geschärfte, als gegen unser Journal ergangen; daß die Schrift atheistisch genannt worden, daß man den Debit derselben bei Geld- und Gefängnis- - ich sage Gefängnisstrafe, verboten hätte. Hätten die unglücklichen Opfer der Wahrheit die ersten Angriffe ihrer Gegner nicht so gleichgültig behandelt, hätten sie nicht von ihnen erwartet, was man von Feinden der Wahrheit nie erwarten muß, Menschlichkeit und Vernunft - es wäre wohl mit den wenigsten so weit gekommen, als es kam. BahrdtKarl Friedrich Bahrdt wurde als Professor für biblische Theologie in Leipzig angeblich wegen liederlichen Lebenswandels entlassen. Dann war er Professor und Prediger in Göttingen, doch 1775 vertrieben ihn seine orthodoxen Gegner auch von dort. Als Generalsuperintendent in Durkheim wurde er 1778 durch ein Urteil des Reichshofrates für unfähig erklärt, ein geistliches Amt auszuüben, und erhielt Druckverbot. 1779 floh er nach Halle und hielt dort philosophische und philologische Vorlesungen. Wegen eines anonymen Pasquills auf das preußische Religionsedikt von 1788 büßte er 1789 ein Jahr Festungshaft ab., auch im übrigen wenig wert, für die Wahrheit zu leiden, verdarb sich durch seinen Leichtsinn; Lessing widerstand unter dem Schutze eines großmütigen und aufgeklärten Fürsten kräftig seinem unbarmherzigen Ankläger Goeze, der auch vom Reichsfiskal redete, und seine Gegner schämten sich und verstummten.

Also - verteidigen muß ich mich, jetzt da es noch Zeit ist, und ich will mich verteidigen.





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