Dante
Die Göttliche Komödie
Dante Alighieri
Die Göttliche Komödie
Die Hölle
Erster Gesang
- Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt. - Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,
Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen. - Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu künden,
Sag’ ich, was sonst sich dort den Blicken bot. - Nicht weiß ich, wie ich mich hineingewunden,
So ganz war ich von tiefem Schlaf berückt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden. - Doch bis zum Fuß des Hügels vorgerückt,
Der an dem Ende lag von jenem Tale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrückt, - Schaut’ ich empor und sah, den Rücken male
Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerad zum Ziele führt mit feinem Strahle. - Da fingen Angst und Furcht zu Schwinden an,
Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfah’n. - Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten,
Schiffbrüchige vom Strand, entfloh’n der Flut,
Starr rückwärts schauend, ihren Grimm betrachten; - So kehrt’ ich, noch mit halberstorbnem Mut,
Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend,
Der jeglichem verlöscht des Lebens Glut. - Und, etwas ausgerastet, weitergehend,
Wählt’ ich bergan den Weg der Wildnis mir,
Fest immer auf dem tiefern Fuße stehend. - Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier,
Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
Gewandt und sehr behend ein Panthertier. - Nicht wich’s von meinem Angesichte wieder,
Und also hemmt es meinen weitern Lauf,
Daß ich mich öfters wandt’ ins Tal hernieder. - Am Morgen war’s, die Sonne stieg itzt auf,
Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
Als Gottes Lieb’ aus ödem Nichts herauf - Die schöne Welt berief zu Sein und Leben;
So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar
Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben - Und durch die Frühstund’ und das junge Jahr
Doch so nicht, daß in mir nicht Furcht sich regte,
Als furchtbar mir ein Leu erschienen war. - Es schien, daß er sich gegen mich bewegte,
Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut,
So daß er Schrecken, schien’s, der Luft erregte. - Auch eine Wölfin, welche jede Glut
Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
Die schon auf viele schweren Jammer lud. - Vor dieser mußte so mein Mut sich neigen
Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
Daß mir die Hoffnung schwand, zur Höh’n zu steigen. - Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
In Kümmernis und tiefem Bangen lebt; - So machte dieses Untier mich beklommen;
Von ihm gedrängt, mußt’ ich mich rückwärts zieh’n
Dorthin, wo nimmer noch der Tag entkommen. - Als ich zur Tiefe niederstürzt’ im Flieh’n,
Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
Das durch zu langes Schweigen heiser schien. - Ich rief, sobald ich’s nur gewahren können
In großer Wildnis: "O erbarme dich,
Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen." - Und jener sprach: "Nicht bin, doch Mensch war ich;
Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich. - Eh’, spät, die Römer sich dem Julius beugten,
Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten. - Ich war Poet und sang Anchises’ Sohn,
Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion. - Und du – du kehrst zu solchem Gram zurücke?
Was bleibt die freud’ge Höhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?" - "So bist du," rief ich, "bist du der Virgil,
Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?"
Ich sprach’s mit Scham, die meine Stirn befiel. - "O Ehr’ und Licht der andern Kunstgenossen,
Mir gelt’ itzt große Lieb’ und langer Fleiß,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen. - Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,
Den ich durch schönen Stil davongetragen,
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß. - Sieh dieses Tier, o sieh’ mich’s rückwärts jagen,
Berühmter Weiser, sei vor ihm mein Hort.
Es macht mir zitternd Puls’ und Adern schlagen." - "Du mußt auf einem andern Wege fort,"
Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
"Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort, - Denn dieses Tier, das dich mit Graun durchdrungen,
Läßt keinen zieh’n auf seines Weges Spur,
Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen. - Es ist von böser, tückischer Natur
Und nimmer fühlt’s die wilde Gier ermatten,
Ja, jeder Fraß schärft seinen Hunger nur. - Mit vielen Tieren wird sich’s noch begatten,
Bis daß die edle Dogge kommt, die kühn
Es würgt und hinstürzt in die ew’gen Schatten. - Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glüh’n,
Doch wird sie nie an Lieb’ und Weisheit darben;
Inmitten Feltr’ und Feltro wird sie blüh’n, - Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glück verdarben,
Obwohl vordem Camilla für dies Land,
Eurialus, Turnus und Nisus starben. - Nicht wird sie ruh’n, bis sie dies Tier verbannt;
Sie wird es wieder in die Hölle senken,
Von wo’s zuerst der Neid heraufgesandt. - Du folg’ itzt mir zu deinem Heil – mein Denken
Und Urteil ist’s – ich will dein Führer sein,
Und dich durch ew’gen Ort von hinnen lenken. - Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrei’n,
Wirst alte Geister schau’n, die brünstig flehen
Um zweiten Tod in ihrer langen Pein. - Wirst jene dann im Feu’r zufrieden sehen,
Weil sie verhoffen, zu dem sel’gen Chor,
Sei’s wann es immer sei, noch einzugehen. - Und willst du auch zu diesem dann empor,
Würd’ger als ich, wird eine Seel’ erscheinen,
Die geht, schied ich, als Führerin dir vor. - Denn jener, der dort oben herrscht, läßt keinen
Eingehn, von mir geführt, in seine Stadt,
Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen. - Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt,
Sein Thron und seine Burg in jener Höhe.
Heil dem, den er erwählt dort oben hat" - "O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe
Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Daß diesem Leid und schlimmerm ich entgehe, - Bring’ an die Orte mich, die du genannt,
So, daß ich Petri Tor erschauen möge
Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt." - Da schritt er fort, ich folgte seinem Wege.
Zweiter Gesang
- Der Tag verging, das Dunkel brach herein,
Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
All ihren Müh’n; da rüstet’ ich allein - Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden
Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
Gemalt aus sicherer Erinn’rung werden. - O Mus’, o hoher Geist, jetzt helft mir mild!
Erinn’rung, die du schriebst, was ich gesehen,
Hier wird sich’s zeigen, ob dein Adel gilt! - "Jetzt, Dichter," fing ich an, "bevor wir gehen,
Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit,
Kann sie die große Reise wohl bestehen? - Du sagst, daß Silvius’ Vater in der Zeit,
im Körper noch und noch ein sterblich Wesen,
Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit. - Doch da der ew’ge Gegner alles Bösen
in seinen Empire’n zum Stifter ihn
Der Mutter Roma und des Reichs erlesen, - Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verlieh’n,
Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen,
Daß er nicht unwert solcher Huld erschien. - Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkünden,
Gestiftet wurden sie, die heil’ge Stadt
Zum Sitz für Petri Folger zu begründen. - Durch diesen Gang, den du ihm nachrühmst, hat
Er Kunde des, wodurch er siegt’, empfangen
Und Grund gelegt zur heil’gen Herrscherstatt. - Ist das erwählte Rüstzeug hingegangen,
So stärkt’ es in dem Glauben dann die Welt,
In dem der Weg des Heiles angefangen. - Doch ich? Warum? Wer hat mir’s freigestellt?
Äneas nicht noch Paul, ich, dessen Schwäche
Nicht ich, noch jemand dessen würdig hält, - Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,
So fürcht’ ich, daß mein Kommen töricht sei.
Du, Weiser, weißt es besser, als ich spreche." - Und wie wer will und nicht will, mancherlei
Erwägt und prüft und fühlt im bangen Schwanken,
Mit dem, was er begonnen, sei’s vorbei; - So ich – das, was ich leicht und ohne Wanken
Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
Entmutigt von den wechselnden Gedanken. - "Verstand ich dich," so sprach der Schatten drauf,
"So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen,
Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf. - Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,
Daß er zurückespringt von hoher Tat,
Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen. - Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,
Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen,
Da mir’s um dich im Herzen wehe tat. - Mich, nicht in Höll’ und Himmel aufgenommen,
Rief eine Frau, so selig und so schön,
Daß ihr Geheiß mir wert war und willkommen. - Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn
Begann sie gegen mich gelind und Ieise,
Und jeder Laut war englisches Getön: - O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,
Des Ruhm gedauert hat und dauern wird,
Solang die Sterne zieh’n in ihrem Kreise, - Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrt
In Wildnis dort, weil Wahn im Weg’ ihn störte,
So daß er sich gewandt, von Furcht verwirrt. - Schon irrte, fürcht’ ich, also der Betörte,
Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgerafft,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte. - Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,
Durch das, was sonst ihm Not, sein Leid geendet,
So sei ihm Hilf und Ruhe mir verschafft. - Beatrix; bin ich, die ich dich gesendet;
Mich trieb die Lieb’ und spricht aus meinem Wort.
Vom Ort komm’ ich, wohin mein Wunsch sich wendet. - Und steh’ ich erst vor meinem König dort,
So werd ich oft dich loben und ihm preisen –
Sie sprach’s und schwieg, und ich begann sofort: - O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen,
Durch das die Menschheit alles überragt,
Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen! - Spät dächt’ ich, wie mir dein Befehl behagt,
Zu tun, tat’ ich sogleich, was du gebietest.
Wohl deutlich haft du deinen Wunsch gesagt, - Doch sage mir, warum du dich nicht hütest
Herabzugeh’n zum Mittelpunkt vom Licht,
Wohin du schon zurückzukehren glühtest. - Willst du es denn so tief ergründen, spricht
Die Hohe darauf, so will ich’s kürzlich sagen.
Ich fürchte mich vor diesem Dunkel nicht. - Vor solchem Übel ziemt sich wohl zu zagen,
Das mächtig ist und leicht uns Schaden tut,
Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen. - Gott schuf mich so, daß ich in seiner Hut
Frei von den Nöten bin, die euch durchschauern,
Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut. - Ein edles Weib im Himmel sieht mit Trauern
Das Hindernis, zu dem ich dich gesandt,
Drum kann der harte Spruch nicht länger dauern. - Sie flehte, zu Lucien hingewandt:
Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
Darum empfehl’ ich ihn in deine Hand. - Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,
Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
In Ruhe sitzend an der Rahel Seite. - Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr!
Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe
Für dich entrann aus der gemeinen Schar, - Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,
Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort,
Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe? - Nicht eilt so schnell auf Erden einer fort,
Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid betören,
Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort, - Von meinem Sitz in jenen sel’gen Chören,
Vertrau’nd auf deiner würd’gen Rede Macht,
Die Ruhm dir bringt und allen, die sie hören – - Als nun Beatrix solches vorgebracht,
Da wandte sie die Augenstern’ in Zähren,
Und dies hat mich nur schneller hergebracht. - So komm’ ich denn daher auf ihr Begehren,
Das Untier von dir scheuchend, dem’s gelang,
Den kurzen Weg des schönen Bergs zu wehren. - Was also ist dir? Warum weilst du bang?
Was herbergst du die Feigheit im Gemüte?
Was weicht dein Mut, dein kühner Tatendrang, - Da sich drei heil’ge Himmelsfrau’n voll Güte
Für dich bemüh’n und dir mein Mund verspricht,
Daß ihre treue Sorge dich behüte?" - Gleichwie die Blum’ im ersten Sonnenlicht,
Beim nächt’gen Reif gesunken und verschlossen,
Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht; - So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,
In meinem Herzen sich zu gutem Mut,
Und ich begann, frohsinnig und entschlossen: - "O wie ist sie, die für mich sorgte, gut!
Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
Der Herrlichen so schnell Genüge tut l - Schon fühl’ ich mich zu heißer Sehnsucht stählen
Von deinem Wort, schon fühl’ ich, nicht mehr bang,
Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen. - Drum auf, in beiden ist ein gleicher Drang,
Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege!"
Ich sprach’s zu ihm, und, folgend seinem Gang, - Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.
Dritter Gesang
- Durch mich geht’s ein zur Stadt der Qualerkornen,
Durch mich geht’s ein zum ew’gen Weheschlund,
Durch mich geht’s ein zum Volke der Verlornen. - Das Recht war meines hohen Schöpfers Grund;
Die Allmacht wollt’ in mir sich offenbaren;
Allweisheit ward und erste Liebe kund. - Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren
Nur ewige; und ewig daur’ auch ich.
Laßt, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren. - Die Inschrift zeigt’ in dunkler Farbe sich
Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich. - Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:
"Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
Und jede Feigheit sterb’ an diesem Orte. - Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
Hier wirst du jene JammervoIIen schauen,
Für die das Heil des wahren Lichtes schwand." - Er faßte meine Hand, daher Vertrauen
Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.
Drauf führt’ er mich in das geheime Grauen. - Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an,
Laut durch die sternenlose Luft ertönend,
So daß ich selber weinte, da’s begann. - Verschiedne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend,
Handschläge, Klänge heiseren Geschreis,
Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, erstöhnend – - Dies alles wogte tosend stets, als sei’s
Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen
Es keiner Nacht bedarf, im ew’gen Kreis. - Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen,
Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?
Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen? - Und er: "Der Klang, der durch die Lüfte bebt,
Kommt von den JammerseeIen jener Wesen,
Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt. - Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Bösen
Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strauß,
Auch Meutrer nicht und nur für sich gewesen. - Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,
Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde,
Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus." - Ich drauf: Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe?
Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?
Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verkünde. - Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt.
Im blinden Leben, trüb und immer trüber,
Scheint ihrem Neid jed’ andres Los beglückt. - Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,
Von Recht und Gnade werden sie verschmäht.
Doch still von ihnen – Schau’ und geh vorüber." - Ich schaute hin und sah im Kreis geweht,
Ein Fähnlein zieh’n, so eilig umgeschwungen,
Daß sich’s zum Ruh’n, so schien mir’s, nie versteht. - In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,
So viele Leute, daß ich kaum geglaubt,
Daß je der Tod so vieles Volk verschlungen. - Und hier erblickt’ ich manch bekanntes Haupt,
Auch jenes Schatten, der aus Angst und Zagen
Sich den Verzicht, den großen, feig erlaubt. - Ich war sogleich gewiß, auch hört’ ich sagen,
Dies sei der Schlechten jämmerliche Schar,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen. - Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
War nackend und von Flieg’ und Wesp’ umflogen,
Und ward gestachelt viel und immerdar. - Tränen und Blut aus ihren Wunden zogen
In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen. - Drauf, als ich weiter blickt’ im düstern Schlund,
Erblickt’ ich Leut’ an einem Stromgestade
Und sprach: "Jetzt tu, ich bitte, Herr, mir kund, - Von welcher Art sind
die, die so gerade,
Wie ich beim düstern Dämmerlicht ersehn,
So eilig weiterzieh’n auf ihrem Pfade?" - Und er darauf: "Dir wird genug gescheh’n
Am Acheron – dort wird sich alles zeigen,
Wenn wir am traur’gen Ufer stillestehn." - Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,
Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sei,
Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen. - Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren.
"Weh euch, Verworfne!" tönte sein Geschrei. - "Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
Ich komm’, euch jenseits hin an das Gestad’
In ew’ge Nacht, in Hitz’ und Frost zu fahren. - Und du, lebend’ge Seele, die genaht,
Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!" –
Dann, da er sah, daß ich nicht rückwärts trat: - "Hier kann ich dir den Übergang nicht gönnen,
Für dich geziemen andre Wege sich,
Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen können." - Virgil drauf: "Charon, nicht erbose dich.
Dort, wo der Wille Macht ist, ward’s verhangen;
Dies sei genug, nicht weiter frage mich." - Hierauf ließ ruhen die bewollten Wangen
Des fahlen Sumpfs erzürnter Steuermann,
Des Augen Flammenräder rings umschlangen. - Da hob grau’nvolles Zähneklappen an,
Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten,
Seit Charon jenen grausen Spruch begann. - Sie fluchten Gott und denen, die sie zeugten,
Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
Dem ersten Licht, den Brüsten, die sie säugten. - Dann drängten sie zusammen sich am Strand,
Dem Schrecklichen, zu welchem alle kommen,
Die Gott nicht scheu’n, und laut Geheul entstand. - Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,
Winkt’ ihnen und schlug mit dem Ruder los,
Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen. - Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoß
Ein Blatt zum ändern fällt, bis daß sie alle
Der Baum erstattet hat dem Erdenschoß; - So stürzen, hergewinkt, in jähem Falle
Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
Wie angelockte Vögel in die Falle. - Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,
Und eh’ sie noch das Ufer dort erreichen,
Drängt hier schon eine neue Schar heran. - "Mein Sohn," sprach mild der Meister, "die erbleichen
In Gottes Zorne, werden alle hier
Am Strand vereint aus allen Erdenreichen. - Man scheint zur Überfahrt sehr eilig dir,
Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
Und wandelt ihre bange Furcht in Gier. - Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute
Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
So kannst du wissen, was sein Wort bedeute" – - Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,
Daß mich noch jetzt Schweißtropfen übertauen,
Sooft dies Schreckensbild mich überfällt. - Ein Windstoß fuhr aus den betränten Auen,
Und blitzt’ ein rotes Licht, das jeden Sinn
Bewältigte mit ungeheurem Grauen, - Und, wie vom Schlaf befallen, stürzt’ ich hin –
Vierter Gesang
- Mir brach den Schlaf im Haupt ein Donnerkrachen,
So schwer, daß ich zusammenfuhr dabei,
Wie einer, den Gewalt zwingt, zu erwachen. - Ich warf umher das Auge wach und frei,
Emporgerichtet spähend, daß ich sähe
Und unterschied’, an welchem Ort ich sei. - So fand ich mich am Talrand, in der Nähe
Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft
Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe. - Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,
Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen,
Den ich geheftet an den Grund der Gruft. - "Laß uns zur blinden Welt hinunter steigen,
Ich bin der Erste, du der Zweite dann."
So sprach Virgil, um drauf erblaßt zu schweigen. - Ich, sehend, wie die Bläss’ ihn überrann,
Sprach: Scheust du selber dich, wie kann ich’s wagen
Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann? - Und er zu mir: "Des tiefen Abgrunds Plagen
Entfärben mir durch Mitleid das Gesicht,
Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen. - Fort, zaudern läßt des Weges Läng’ uns nicht."
So ging er fort und rief zum ersten Kreise
Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht. - Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise,
Der durch die Luft hier bebt’ im ew’gen Tal,
Nicht Klaggeschrei, nur Seufzer dumpf und leise. - Und dieses kam vom Leiden ohne Qual
Der Kinder, Männer und der Frau’n, in Scharen,
Die viele waren und von großer Zahl- - Da sprach der Meister: "Willst du nicht erfahren,
Zu welchen Geistern du gekommen bist?
Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren, - Daß sie nicht sündigten; doch g’nügend mißt
Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf entbehrten,
Die Pfort’ und Eingang deines Glaubens ist. - Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten
Sie doch den Höchsten nicht, wie sich’s gebührt;
Und diese Geister nenn’ ich selbst Gefährten. - Nur dies, nichts andres hat uns hergeführt.
Daß wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben,
Ward uns Verlornen nur als Straf erkürt." - Groß war mein Schmerz, als er dies kundgegeben,
Denn Leute großen Wertes zeigten sich,
Die unentschieden hier im Vorhof schweben. - Und ich begann: Mein Herr und Meister, sprich
(Ich wollte mich in jenem Glauben stärken,
Vor dessen Licht des Irrtums Nacht entwich), - Kam keiner je durch Kraft von eignen Werken,
Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit? –
Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken - Und sprach: "Ich war noch neu in diesem Leid,
Da ist ein Mächtiger hereingedrungen.
Bekrönt mit Siegesglanz und Herrlichkeit. - Der hat des Urahns Geist der Höll" entrungen,
Auch Abels, Noahs; und auch Moses hat,
Der Gott gehorcht, mit ihm sich aufgeschwungen. - Abram und David folgten seinem Pfad,
Jakob, sein Vater, seine Söhne schieden,
Und Rahel auch, für die so viel er tat. - Sie und viel andre führt’ er ein zum Frieden,
Und wissen sollst du nun: Vor diesen war
Erlösung keinem Menschengeist beschieden." - Obwohl er sprach, ging’s vorwärts immerdar,
So daß wir unterdes den Wald durchdrangen,
Den Wald, mein’ ich, der dichten Geisterschar. - Nicht weit von oben waren wir gegangen,
Als ich ein Feu’r in lichten Flammen sah,
Die rings im halben Kreis die Nacht bezwangen. - Zwar waren wir dem Ort nicht völlig nah,
Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten,
Die diesen Platz besetzt, erkannt’ ich da. - "Du, des sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,
Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt
Und von den andern trennt, mir auszudeuten." - Ich sprach’s, und er: "Für hochgepriesnen Wert,
Der oben widerklingt in deinem Leben,
Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewährt." - Da hört’ ich eine Stimme sich erheben:
Der hohe Dichter, auf jetzt zum Empfang!
Sein Schatten kehrt, der jüngst sich fortbegeben. - Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang,
Sah ich heran vier große Geister schreiten,
Im Angesicht nicht fröhlich und nicht bang. - Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:
"Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran
Den andern gehn, um sie als Fürst zu leiten. - Du siehst Homer, den Dichterkönig, nah’n;
Ihm folgt Horaz, berühmt durch Spott dort oben
Ovid der Dritt’, als letzter kommt Lukan. - Im Namen, den die eine Stimm’ erhoben,
Kommt mit mir selber jeder überein,
Drum ehren sie mich, und dies ist zu loben." - So war die schöne Schul’ hier im Verein
Des hohen Herrn der höchsten Sangesweise,
Der ob den andern fliegt, ein Aar, allein. - Ein Weilchen sprachen sie im trauten Greise,
Doch als sie grüßend sich zu mir gekehrt,
Da lächelte Virgtl zu solchem Preise. - Allein noch höher ward ich dort geehrt,
Indem sie mich in ihrer Schar empfingen
Als Sechsten unter solchem Geist und Wert, - Wobei wir hin bis zu dem Lichte gingen,
Sprechend, wovon ich schicklich schweigen muß,
Wie man dort schicklich sprach von solchen Dingen. - Bald kamen wir an eines Schlosses Fuß,
Von siebenfacher hoher Mau’r umfangen,
Und rings beschützt von einem schönen Fluß. - Als wir mit trocknem Fuße durchgegangen,
Ging’s weiter dann durch sieben Tore fort,
Und eine Wiese sah ich grünend prangen. - Wir fanden Leute strengen Blickes dort,
Mit großer Würd’ in Ansehn, Gang und Mienen
Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort. - Und wir ersah’n dort seitwärts nah bei ihnen
Frei eine Höh’ hellem Lichte glüh’n,
Vor welcher alle klar vor uns erschienen. - Dort gegenüber auf dem samtnen Grün
Sah ich die Großen, ewig Denkenswerten,
Die heut mir noch in solzer Seele blüh’n. - Elektren sah ich dort mit viel Gefährten,
Äneas, Hektorn hatt’ ich bald erkannt,
Cäsarn, den mit dem Adlerblick bewehrten. - Penthesilea war auf grünem Land;
Zur andern Seite sah ich auch Latinen,
Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand. - Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,
Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein
Beiseite sitzend, sah ich Saladinen. - Dann, höher blickend, sah im hellen Schein
Ich auch den Meister derer, welche wissen,
Der von den Seinen schien umringt zu sein, - Sie all ihn hochzuehren sehr beflissen;
Den Plato ihm zunächst und Sokrates,
Die dort den Sitz vor andern an sich rissen. - Den Anaxagoras, Diogenes,
Den Demokrit, des Welt der Zufall machte,
Den Zeno, Heraklit, Empedokles. - Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kräfte brachte,
Den Dioskorides, den Orpheus dann,
Den Seneka, der Schmerz und Luft verlachte. - Auch Ptolemäus kam, Euklid heran,
So auch Averroes, der, seinen Weisen
Erklärend, selbst der Weisheit Ruhm gewann. - Doch nicht vermag ich jeden hier zu greifen,
Denn also drängt des Stoffes Größe mich,
Daß ihren Dienst mir kaum die Wort’ erweisen. - Hier teilten nun die sechs Gefährten sich.
Mich führt’ auf anderm Weg mein weiser Leiter
Dahin, wo Stille lautem Tosen wich, - Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.
Fünfter Gesang
- So ging’s hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
Der kleinern Raum, doch größres Weh umringt, :
Das antreibt, Klag’ und Winseln zu verbreiten. - Graus steht dort Minos, fletscht die Zähn’ und bringt
Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle,
Urteilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt. - Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele
Ihm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last;
Und jener Kenner aller Menschenfehle, - Sieht, welcher Ort des Abgrunds für die paßt,
Und schickt sie soviel Grad’ hinab zur Hölle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umfaßt. - Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
Und nach und nach kommt jeder zum Gericht,
Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle. - "Du, der in diese Qualbehausung bricht,"
So rief mir Minos, als er mich ersehen,
Und ließ indes die Übung großer Pflicht; - "Schau’, wem du traust! Leicht ist’s hineinzugehen,
Doch täusche nicht dich ein verwegner Drang."
Mein Führer drauf: "Laß dir den Groll vergehen! - Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,
Dort will man’s, wo das Können gleicht dem Wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang." - Bald hört’ ich nun, wie Jammertön’ erschollen,
Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
Zur Klag’ und dem Geheul der Unglückvollen. - Jedwedes Licht verstummt’ im dunkeln Graus,
Das brüllte, wie wenn sich der Sturm erhoben,
Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus. - Nie ruht der Höllenwirbelwind vom Toben
Und reißt zu ihrer Qual die Geister fort
Und dreht sie um nach unten und nach oben. - Ihr Jammerschrei, Geheul und Klagewort,
Nah’n sie den trümmervollen Felsenklüften,
Verlästern fluchend Gottes Tugend dort. - Daß Fleischessünder dies erdulden müßten,
Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten. - So wie zur Winterszeit mit irrem Flug
Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staren,
So sah ich hier im Sturm der Sünder Zug - Hierhin und dort, hinauf’, hinunterfahren,
Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren. - Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht
In hoher Luft die Klagelieder krächzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit - Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen.
"Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?" - So ich – und er: "Des Zuges Führerin,
Von welchem du gewünscht, Bericht zu hören,
War vieler Zungen große Kaiserin. - Sie ließ von WoIlust also sich betören,
Daß sie für das Gelüst Gesetz’ erfand.
Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren. - Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land. - Dann Sie, die, ungetreu Sichäus’ Schatten,
Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod"
Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten." - Auch Helena, die Ursach’ großer Not,
Im Sturme sah ich den Achill sich heben,
Der allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot. - Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
Und tausend andre zeigt’ und nannt’ er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben. - Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,
Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann: - Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,
Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten. - Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind
Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,
Die beide führt, da kommen sie geschwind." - Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,
Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,
Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe. - Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,
Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen
Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt; - So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen. - "Du, der du uns besuchst voll Gut’ und Huld
In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld, - Gern bäten wir, daß Fried’ und Ruh’ dir werde,
War’ uns der Fürst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde. - Wie ihr zu Red’ und Hören Lust bezeigt,
So reden wir, so leih’n wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt. - Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren. - Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,
Der mir geraubt ward, wie’s noch jetzt mich kränkt. - Die Liebe, die Geliebte stets berückte,
Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,
Daß, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrückte. - Die Liebe hat uns in
ein Grab gesandt –
Kaina harret des, der uns erschlagen."
Der Schatten sprach’s, uns kläglich zugewandt. - Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen,
Neigt’ ich mein Angesicht und stand gebückt.
Was denkst du? hört’ ich drauf den Dichter fragen. - Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzückt,
Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren
Hat sie in dieses Qualenland entrückt? - Drauf säumt’ ich nicht, zu jener mich zu kehren.
"Franziska," So begann ich nun, "dein Leid
Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren. - Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit,
Wodurch und wie verriet die Lieb’ euch beiden
Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit." - Und sie zu mir: Wer fühlt wohl größres Leiden
Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint
Im Mißgeschick? Dein Lehrer mag’s entscheiden. - Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,
Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,
So will ich tun, wie wer da spricht und weint. - Wir lasen einst, weil’s beiden Kurzweil machte,
Von Lanzelot, wie ihn die Lieb’ umschlang.
Wir waren einsam, ferne von Verdachte. - Das Buch regt’ in uns auf des Herzens Drang,
Trieb unsre Blick’ und macht’ uns oft erblassen,
Doch eine Stelle war’s, die uns bezwang, - Als das ersehnte Lächeln küssen lassen,
Der, so dies schrieb, vom Buhlen schön und hehr.
Da naht’ er, der mich nimmer wird verlassen, - da küßte zitternd meinen Mund auch er –
Galeotto war das Buch, und der’s verfaßte –
An jenem Tage lasen wir nicht mehr. - Der eine Schatten sprach’s, der andre faßte
Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte, - Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.
Sechster Gesang
- Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß
Vor Mitleid um die zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß, - Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte. - Es war der dritte Kreis, den ich betrat,
Von ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat. - Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchzieh’n in wildem Guß;
Stank qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen. - Ein Untier, wild und seltsam, Zerberus,
Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß. - Schwarz, feucht der Bart, die Augen rote Höhlen
Mit weitem Bauch, die Hände scharf beklaut,
Vierteilt, zerkratzt und schindet er die Seelen. - Sie heulen, wie die Hund’, im Regen laut,
Und sie verschaffen sich durch öftres Drehen
Auf einer Seite mind’stens trockne Haut. - Der große Höllenwurm, der uns ersehen,
Riß auf die Rachen, zeigt uns ihr Gebiß
Und ließ kein Glied am Leibe stillestehen. - Virgil streckt aus die offnen Händ’ und riß
Erd’ aus dem Grund, die in die gier’gen Rachen
Er alsogleich mit vollen Fäusten schmiß. - Wie’s pflegt ein keifig böser Hund zu machen,
Des Bellen schweigt, wenn er den Fraß erbeißt,
Der wilden Grimm vermocht’, ihm anzufachen; - So jetzt mit schmutz’gen Schlünden jener Geist,
Der so durchdröhnt die armen Leidensmatten,
Daß jeder hochbeglückt die Taubheit preist. - Wir gingen über die gequälten Schatten,
Indem wir auf ihr Nichts, das Körper schien,
Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten. - Sie lagen allesamt am Boden hin,
Nur einen sahn wir sich zum Sitzen heben,
Wie er uns dort erblickt im Weiterziehn. - Er sprach: "Der du zur Hölle dich begeben,
Erkenne mich, dafern dir’s möglich ist;
Du Iebtest, eh’ ich aufgehört zu leben." - Und ich zu ihm: "Die Angst, in der du bist,
Zieht dich vielleicht aus meinem Angedenken;
Mir scheint, ich sähe dich zu keiner Frist. - Wer bist du? Sprich, was konnte dich versenken
In eine Qual, die, gibt’s auch größre Pein,
Nicht widriger kann sein, noch ärger kränken." - "In eurer Stadt," so sprach er, "die allein
Der Neid erfüllt, und bis zum Überfließen,
Genoß ich einst des Tages heitern Schein. - Ich bin’s, den Ciacco eure Bürger hießen,
Zur Qual für schnöde Schuld des Gaumens muß,
Du siehst’s, auf mich sich ew’ger Regen gießen. - Und mich allein nicht züchtigt dieser Guß,
Nein, alle diese leiden gleiche Plagen
Für gleiche Schuld." – So seiner Rede Schluß. - Und ich: "Mich haben, Ciacco, deine Klagen
Zum Mitleid und zu Tränen fast gerührt.
Allein, wenn du es weißt, so magst du sagen, - Wohin noch unsrer Stadt Parteiung führt?
Ob wer gerecht ist? Was in diesen Zeiten
In ihr die Glut der wilden Zwietracht schürt?" - Und er darauf zu mir: "Nach langem Streiten
Kommt’s dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei
Die andre fort mit vielen Grausamkeiten. - Doch in drei Sonnen ist’s mit ihr vorbei,
Neu günstig sind der andern die Gestirne,
Durch eines Mannes Macht und Heuchelei. - Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne
Und hält den Feind mit großer Last beschwert,
Wie er auch sich beklag’ und sich erzürne. - Zwei find gerecht dort, aber nicht gehört.
Neid, Geiz und Hochmut – diese drei sind Gluten,
In welchen sich der Bürger Herz verzehrt." - Als hier des Schattens Jammertöne ruhten,
Sprach ich zu ihm: "Noch weiteren Bericht
Erlaube mir, dir bittend anzumuten. - Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,
Arrigo, Rusticucci, Mosca – sage! –
Und andre, nur auf Gutestun erpicht, - Wo find sie? Welches ist ihr Los? Ich trage
Verlangen, hier ihr Schicksal zu erspäh’n,
Ob’s Himmelswonne sei, ob Höllenplage?" - Und er: "Sie stürzte mancherlei Vergehn
Zu schwärzern Seelen nach den tiefern Gründen.
Steigst du so tief, so wirst du alle sehn – - Kehrst du zur süßen Welt aus diesen Schlünden,
Bring’ ins Gedächtnis dann der Menschen mich.
Mehr sag’ ich nicht, mehr darf ich nicht verkünden." - Scheel ward sein g’rades Aug’ und wandte sich
Nach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder,
So daß er ganz den andern Blinden glich. - Drauf sprach mein Führer: "Nie erwacht er wieder,
Bis er vor englischer Posaun’ ergraust,
Und der Gewalt, dem Sündenvolk zuwider. - Zum Grab kehrt jeder, wo sein Körper haust,
Empfängt sein Fleisch zurück und die Gestaltung
Und hört, was ewig widerhallend braust." - Wir gingen langsam fort in schwerer Haltung,
Durch’s Kotgemisch von Schatten und von Flut.
Vom künft’gen Leben war die Unterhaltung. - Drum ich: "Mein Meister, wird der Qualen Wut
Sich nach dem großen Urteilsspruch vermehren?
Vermindert sich, bleibt sich nur gleich die Glut?" - Und er: "Gedenk’ an deines Weisen Lehren:
So sehr ein Ding vollkommen ist, so sehr
Wird sich’s im Glücke freu’n, im Schmerz verzehren - Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer
Vollkommenheit, die wahre, nie erringen,
So harrt es doch in jener Zeit auf mehr." - Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,
Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen, - Und fanden Plutus dort, den großen Feind.
Siebenter Gesang
- Aleph, Pape Satan, Pape Satan!
Erhob, rauh kluchzend, Plutus seine Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann: - "Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme,
Durch alle seine Macht wird’s nicht verwehrt,
Daß ich mit dir den Felsen niederklimme." - Und dann, zu dem geschwoIlnen Mund gekehrt,
Rief er: "Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wut sei in dir selbst verzehrt! - Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,
Dort will man’s, dort, wo einst den Stolz mit Schmach
Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter." - Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,
Erst aufgebläht zum Knäuel niederrollen,
So fiel das Untier, das so drohend sprach. - So ging’s zum vierten Kreis im schmerzenvollen
Unsel’gen Schacht, der alle Schuld umfängt,
Von welcher je im Weltall Kund’ erschollen. - Gerechtigkeit des Herrn, dein Walten drängt
So neue Mühn zusammen, solche Plagen!
O blinde Schuld, die hier den Lohn empfängt! - Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen,
Zum Gegenstoß gewälzt von Süd und Nord,
So muß sich hier das Volk im Wirbel jagen. - Noch nirgend war die Schar so groß wie dort.
Laut heulend kamen sie von beiden Enden
Und wälzten Lasten mit den Brüsten fort. - Und stießen sich, um sich beim Prall zu wenden,
Und dann zurück im Bogenlauf zu zieh’n,
Und schrien sich zu: Was halten? – Was verschwenden? - So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,
Ging’s beiderseits dann nach der andern Seite,
Indem sie beid’ ihr schändlich Schmähwort schrien. - Dann wandte jeder sich zum neuen Streite,
Sobald er seines Zirkels Hälft’ umkreist;
Und ich, der ich den Armen Mitleid weihte, - Sprach: "Meister, o wie zagt, wie bangt mein Geist
Wer ist dies Volk? Die links hier scheinen Pfaffen!
Ist’s jeder, der uns eine Glatze weist ? - Und er: "Dies sind die Blinden, Geistesschlaffen.
Sie wußten in der Welt zum Geben nie
Und nie zum Sparen sich ein Maß zu schaffen. - Und dies erhellt aus dem, was jeder schrie,
Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten;
Da trennt der Gegensatz des Lasters sie. - Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten;
Auch öffneten wohl Papst und Kardinal
Dem Geiz als Zwingherrn ihres Herzens Pforten." - Drauf sprach ich: "Meister, kenn’ in dieser Zahl
Ich keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens
Sich hier erworben hat die ew’ge Qual?" - Und er zu mir: "Dein Suchen ist vergebens,
Unkenntlich macht sie ihr verdientes Los
Durch Kot und Schmutz bewußtlos dunkeln Lebens. - So kommen stets zum Stoß und Gegenstoß,
Bis sie erstehn – die mit verschnittnen Haaren,
Die mit geschlossner Faust – dem Grabesschoß. - Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen
Von jener heitern Welt in diesen Zwist;
Nicht sag’ ich
welchen, denn du kannst’s gewahren. - Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist
Um jenes Gut Fortunens, das die Leute
Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List. - Gib diesen Müden alles Gold zur Beute,
Das sie gehabt, ja alles Gold der Welt,
Und keine Stunde Ruh’ gibt’s ihnen heute." - Und ich: "Mein Meister, sprich, wenn dir’s gefällt,
Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hörte,
In ihren Klau’n der Erde Güter hält?" - Und er zu mir: "O Arme, Trugbetörte!
Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt!
O daß mein Spruch jetzt aller Wahn zerstörte! - Er, dessen Weisheit alles übersteigt,
Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß jedem Teil sich jeder leuchtend zeigt, - Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.
So gab er schaffend auch die Dienerin
Dem Erdenglanz zur Führung und Begleitung. - Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,
Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert,
Und kümmert nicht sich um der Menschen Sinn. - Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,
Wie jene Führerin das Urteil spricht,
Die, wie die Schlang’ im Gras, verborgen lauert. - Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht,
Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche,
Und weicht darin den andern Göttern nicht. - Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;
So macht sie, von Notwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche. - Sie ist’s, die ihr ans Kreuz oft wütend schlagt,
Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt. - Doch sie, die Sel’ge, hört nicht euer Grollen;
In andrer erstgeschaffnen Seligkeit
Und Wonne, läßt sie ihre Kugel rollen. – - Doch eilig weiter jetzt zu größerm Leid!
Die Stern’, aufsteigend, als ich fortgeschritten,
Gehn abwärts itzt, und unser Weg ist weit." - Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten,
An einem Quell, der siedend dort entspringt,
Des Wellen fort durch einen Graben glitten. - Mehr trüb’ als schwarz ist seine Flut und bringt,
Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen,
Durch die man mit Beschwerde niederdringt. - Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen
Dort, wo der traur’ge Fluß vom Laufe ruht,
Am Fuß des greulichen Gestad’s gelegen. - Dort stand ich nun und sah nach jener Flut,
Und jäh im Sumpfe Leute, kot’ge, nackte,
Zugleich des Jammers Bilder und der Wut. - Man schlug sich nicht mit Fäusten nur, man hackte
Mit Haupt und Brust und Füßen auf sich ein,
Indem man wild sich mit den Zähnen packte. - Mein Meister sprach: "Sohn, sieh in dieser Pein
Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen.
Auch unterm Wasser müssen viele sein; - Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen.
Dann steigen BIasen auf von ihrer Not,
Drum sieh von Kreisen diese Flut durchschwungen. - Und immer rufen sie, versenkt im Kot:
Wir waren elend einst im Sonnenschimmer
Und hegten Groll und Tücke bis zum Tod, - Und elend sind wir nun im Schlamm noch immer.
Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund,
Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer. - So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,
Wir an dem schmutz’gen Teich in weitem Bogen,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund, - Bis wir zu eines Turmes Fuß gezogen.
Achter Gesang
- Lang’ eh’ wir noch, so fahr’ ich fort, zu sagen,
Dem Fuß des hohen Turms uns konnten nah’n,
War unser Blick zur Zinn’ emporgeschlagen, - Weil wir zwei Flämmchen dort entzünden sah’n,
Als Rücksignal ein andres, So entlegen,
Daß es das Auge kaum noch könnt’ erfah’n. - Da kehrt’ ich meinem Weisen mich entgegen:
"Was ist dies? Welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feu’r? Wer sind sie, die’s erregen?" - Und er zu mir: "Sieh hin, dein Aug’ entdeckt.
Was unsrer harrt, dort auf den schmutz’gen Wogen,
Wenn dir’s der Qualm des Sumpfes nicht versteckt." - Und rasch, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen
Je fortgeschnellt durch hohe Lüfte sah,
Kam durch das Moor ein kleiner Kahn gezogen. - Bald war er uns am grauen Strande nah,
Obwohl von einem Rud’rer nur gefahren,
Der schrie: Verruchte Seele, bist du da? - "Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,"
So sprach mein Herr, "umsonst ist’s angestimmt;
Wir sind nur dein, solang’ wir überfahren." - Wie wer von einem großen Trug vernimmt,
Den man ihm angetan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt. - Mein Führer stieg ins Schiff von den Gestaden,
Und zu sich setzen hieß er mich sodann,
Und als ich drin war, schien es erst beladen. - Sobald wir beid’ uns eingesetzt, begann
Des Nachens Fahrt und furchte tiefre Zeilen,
Als er mit andrer Bürde furchen kann. - Indessen wir die tote Moorflut teilen,
Kommt einer, kotbedeckt, vor mich und spricht:
"Wer heißt dich vor der Zeit herniedereilen?" - "Ich komme," sprach ich, "aber bleibe nicht.
Doch wer bist du, So widrig und abscheulich?" –
"Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht." – - Und ich: "Denkst du, dein Heulen sei erfreulich?
Vermaledeiter Geist, fort, weg von mir!
Ich kenne dich, sei noch so wild und greulich !" - Die Hände streckt’ er nun zum Kahn voll Gier,
Und mit Gewalt mußt’ ihn mein Herr verjagen,
Der sprach: "Mit andern Hunden, weg von hier!" - Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen
Und küßte mich und sprach: "Erzürnter Geist,
Beglückt die Mutter, welche dich getragen! - Stolz war im Leben dieser – niemand preist
Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wut zerreißt. - Viel Fürsten gibt’s dort, die sich stolz gebärden,
Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau’n,
Im Schlamme hier auf ewig wühlen werden." - Und ich: "Begierig war’ ich wohl, zu schau’n,
Wie er in diesem Schlamme tauchen müßte,
Eh’ wir verlassen diesen See voll Grau’n." - Und er zu mir: "Bevor sich noch die Küste
Dir sehen läßt, erfreut dich der Genuß.
Befriedigung gebühret dem Gelüste." - Bald sah ich, wie zu Qual ihm und Verdruß
Die Kotigen mit ihm beschäftigt waren,
Drob ich Gott loben noch und danken muß. - Frisch, auf Philipp Argenti! schrien die Scharen;
Dann sah ich, selbst sich beißend, auf sie los
Den tollen Geist des Florentiners fahren. - Und dies erzähl’ ich nur von seinem Los.
Ich ließ ihn dort und hört’ ein Schmerzensbrüllen
Und macht’, um vorzuschau’n, die Augen groß. - "Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthüllen,"
So sprach mein guter Meister, "
Dis genannt,
Die scharenweis’ unsel’ge Bürger füllen." - Und ich: "Mein Meister, deutlich schon erkannt
Hab’ ich im Tale jener Stadt Moscheen,
Glutrot, als ragten sie aus lichtem Brand." - Drauf sprach mein Führer: "Ew’ge Flammen wehen
In ihrem Innern, drum im roten Schein
Sind sie in diesem Höllengrund zu sehen." - Bald fuhren wir in tiefe Gräben ein,
Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein. - Dann aber hörten wir des Steurers Worte,
Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: "Steigt aus, hier ist die Pforte." - Wohl tausend standen auf dem Tor bereit,
Vom Himmel hergestürzt. Es schrien die Frechen:
"Wer wagt’s, noch lebend, voll Verwegenheit - Ins tiefe Reich der Toten einzubrechen?"
Mein Meister aber, ihnen winkend, lud
Sie klüglich ein, ihn erst geheim zu sprechen. - Da legte sich ein wenig ihre Wut.
Sie sprachen: "Komm allein, laß gehn den Toren,
Der hier hereindrang mit so keckem Mut. - Find’ er den Weg, den sich sein Wahn erkoren,
Allein zurück – erprob’ er doch, wie er
Sich durch die Nacht führt, wenn er dich verloren." - Und nun bedenk’, o Leser, wie so schwer
Mich der Verdammten Rede niederdrückte,
Denn ich verzweifelt’ an der Wiederkehr. - "Mein teurer Führer, du, durch den mir’s glückte,
Daß ich gerettet ward schon siebenmal,
Des Schutz mich drohender Gefahr entrückte, - Verlaß mich", sprach ich, "nicht in dieser Qual,
Und darf ich auch nicht weiter vorwärts dringen,
So komm mit mir zurück durchs dunkle Tal." - Und er, befehligt, mich hierher zu bringen,
Sprach: "Fürchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen. - Hier harre mein, und ist die Seele bang,
So magst du sie mit guter Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass’ ich dich in solchem Drang." - So ging er. – ich, getrennt von meinem Weisen,
Dem süßen Vater, fühlte Ja und Nein
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen. - Nicht hört’ ich, was sein Antrag mochte sein,
Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn alle rannten in die Stadt hinein - Und schlugen ihm das Tor im wilden Drange
Vorm Antlitz zu und sperrten ihn heraus.
Da kehrt’ er sich zu mir mit schwerem Gange. - Den Blick gesenkt, die Brau’n verstört und kraus,
Ließ er in Seufzern diese Worte hören:
"Wer schließt mich von der Stadt der Schmerzen aus ?" - Und dann zu mir: "Nicht mög’ es dich verstören,
Wenn du mich zürnen siehst – ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empören. - Schon früher stieg ihr kecker Mut so hoch,
An einem Tor, nicht so geheim gelegen,
Und ohne Schloß und Riegel heute noch, - Am Tor, von dem die schwarze Schrift entgegen
Dem Wandrer droht – doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunkeln Wegen - Ein andrer her und öffnet uns den Ort."
Neunter Gesang
- Weil ich vor Angst und banger Furcht erblich,
Als ich den Herrn sah sich zurückbewegen,
Verschloß Virgil die eigne Furcht in sich. - Aufmerksam stand er dort, wie Horcher pflegen,
Denn, weit zu schau’n, war ihm die Dunkelheit
Der schwarzen Luft und Nebelqualm entgegen. - Er sprach: "Wir siegen doch in diesem Streit –
Wenn nicht – doch hab’ ich nicht ihr Wort vernommen?
Er säumt fürwahr doch gar zu lange Zeit." - Ich sah es deutlich ein, zurückgenommen
Sei durch der Rede Folge der Beginn,
Da beide mir verschieden vorgekommen. - Drum lauscht’ ich sorgenvoll und zagend hin,
Denn ich erklärte mir vielleicht noch schlimmer,
Als er es war, des halben Wortes Sinn. - "Kommt wohl ein Geist in diese Tiefe nimmer
Vom ersten Grad, wo nichts zur Qual gereicht,
Als daß erstorben jeder Hoffnungsschimmer?" - So fragt’ ich ihn, und jener sprach: "Nicht leicht
Geschieht’s, daß auf dem Weg, den wir durchliefen,
Ein andrer meines Grads dies Land erreicht. - Wahr ist’s, daß ich vordem in diesen Tiefen
Durch der Erichtho Zauberei’n erschien,
Die oft den Geist zum Leib zurückberiefen. - Kaum war mein Geist vom Fleisch entblößt, als ihn
Die Zauberin beschwor in jene Mauer,
Um eine Seel’ aus Judas Kreis zu zieh’n. - Dort ist die tiefste Nacht, der bängste Schauer,
Am fernsten von des Himmels ew’gem Licht.
Ich weiß den Weg – drum scheuche Furcht und Trauer. - Der Sumpf hier, welcher Stank verhaucht, umflicht
Die qualenvolle Stadt, durch deren Pforten
Man ohne Zorn die Bahn sich nimmer bricht." - Mehr sprach er, doch mich zog von seinen Worten
Der hohe Turm und bannte mit Gewalt
Den Blick ans Feuer auf dem Gipfel dorten. - Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,
Die, blutbefleckt, g’rad’ aufgerichtet, stunden,
Und Weibern gleich an Haltung und Gestalt, - Mit grünen Hadern statt des Gurts umbunden,
Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar,
Und Ottern rings die grausen Schläf’ umwunden. - Und jener, dem bekannt ihr Anblick war,
Der Sklavinnen der Fürstin ew’ger Plagen,
Sprach: "Nimm die wilden Erinnyen wahr. - Zur linken Seite sieh Megären ragen,
Inmitten ist Tisiphone zu schau’n,
Und rechts Alecto in Geheul und Klagen." - Die Brust zerriß sich jede mit den Klau’n,
Und sie zerschlugen sich mit solchem Brüllen,
Daß ich mich an den Dichter drängt’ aus Grau’n. - "Medusas Haupt! auf, laßt es uns enthüllen,"
Sie riefen’s, niederbückend, allzugleich.
"Was wir versäumt an Theseus, zu erfüllen." - "Wende dich um, die Augen schließe gleich!
Wenn sie bei Gorgos Anblick offenständen,
Du kehrtest nimmer in des Tages Reich!" - Er sprach’s und eilte, selbst mich umzuwenden,
Verließ sich auch auf meine Hände nicht
Und schloß die Augen mir mit seinen Händen. - Ihr, die erhellt gesunden Geistes Licht,
Bemerkt die Lehre, die, vom Schlei’r umgeben,
In dich verbirgt dies seltsame Gedicht. - Ich hört’ ein Krachen mächtig sich erheben
Auf trüber Flut, mit einem Ton voll Graus,
Daß die und jene Hüfte schien zu beben. - Nicht anders war es, als des Sturms Gebraus –
Wild durch der kalten Dünste Kampf mit lauen,
Stürzt er durch Wälder, Äste reißt er aus, - Durch nichts gehemmt, jagt Blüten durch die Auen;
Stolz wälzt er sich in Staubeswirbeln vor,
Und Hirt und Herden flieh’n voll Angst und Grauen. - Die Augen löst’ er mir. "Jetzt schau’ empor,
Dorthin, wo du den schärfsten Rauch entquellen
Dem Schaume siehst auf diesem alten Moor." - Wie Frösche, sich zerstreuend, durch die Wellen
Vor ihrem Feind, der Wasserschlange, flieh’n,
Bis sie am Strand in Scharen sich gesellen, - So sah ich schnell, als einer dort erschien,
Das Tor von den zerstörten Seelen leeren
Und ihn mit trocknem Fuß den Styx durchzieh’n. - Er schien den Qualm vom Antlitz abzuwehren,
Vor sich bewegend seine linke Hand,
Und dieser Dunst nur schien ihn zu beschweren. - Ich sah’s, er sei vom Himmel hergesandt.
Zum Meister kehrt’ ich mich, doch, auf sein Zeichen,
Neigt’ ich mich schweigend, jenem zugewandt. - Mir schien er einem Zornigen zu gleichen.
Er kam zum Tore, das sein Stab erschloß,
Und ohne Widerstreben sah ich’s weichen. - "O ihr verachteter, vestoßner Troß!"
Begann er an dem Tor, dem schreckensvollen,
"Woher die Frechheit, die hier überfloß? - Was seid ihr widerspenstig jenem Wollen,
Das nimmermehr sein Ziel verfehlen kann?
Wird er die Qual, wie oft, euch mehren sollen? - Was kämpft ihr gegen das Verhängnis an,
Obwohl eu’r Zerberus, ihr mögt’s bedenken,
Mit kahlem Kinn und Halse nur entrann?" - Dann sah ich ihn zurück die Schritte lenken.
Uns sagt’ er nichts, und achtlos ging er fort,
Als müsst’ er ernst auf andre Sorgen denken, - Als die um kleine Ding’ am nächsten Ort.
Worauf wir beide nach der Festung schritten,
Nun völlig sicher durch das heil’ge Wort. - Auch ward der Eingang uns nicht mehr bestritten;
Und ich, des Wunsches voll, mich umzusehn
Nach dieser Stadt Verhältnis, Art und Sitten, - Ließ, drinnen kaum, das Aug’ im Kreise gehn,
Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
Von Martern voll und ungeheuren Weh’n. - Gleichwie wo sich der Rhone Wogen stauen,
Bei Arles, und bei Pola dort am Meer,
Das Welschland schließt und netzt der Grenze Gauen, - Grabhügel sind im Lande rings umher,
Wo auf unebnem Grunde Tote modern;
So hier, doch schreckte dieser Anblick mehr, - Denn zwischen Gräbern sieht man Flammen lodern,
Und alle sind so durch und durch entflammt,
Daß keine Kunst mehr Stahl und Eisen fodern. - Halboffen ihre Deckel allesamt,
Und draus erklingen solche Klagetöne,
Daß man erkennt, wer drinnen, sei verdammt. - Und ich: Verkünde, Meister, wer sind jene,
Die, hier begraben, sonder Ruh’ und Rast
Vernehmen lassen solches Schmerzgestöhne? - Und er: "Hauptketzer hält der Ort umfaßt,
Und die den Sekten angehangen haben,
In größrer Zahl, als du gerechnet hast- - Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,
Und mehr und minder glüht jedwedes Mal"–
Er sprach’s, worauf wir rechtshin uns begaben, - Fortschreitend zwischen hoher Mau’r und Qual.
Zehnter Gesang
- Fort ging nun, hier die Mauer, dort die Pein,
Auf einem engen Pfad der edle Weise,
Er mir voraus und ich ihm hinterdrein. - Der du mich führst durch die verruchten Kreise,
Sprach ich, ich wünsche, daß, wenn dir’s gefällt,
Dein Wort auch hier mich ferner unterweise. - Darf man die sehn, die jedes Grab enthält?
Die Deckel, offen schon, sind nicht dawider,
Auch ist zur Wache niemand aufgestellt. - "Iedweder Deckel sinkt geschlossen nieder,"
Sprach er, "wenn sie gekehrt von Josaphat,
Mitbringend ihre dort gelass’nen Glieder. - Wiss’, Epicurus liegt an dieser Statt
Samt seinen Jüngern, die vom Tode lehren,
Daß er so Seel’ als Leib vernichtet hat. - Befriedigung soll also dem Begehren,
Das du entdecktest, dies Begräbnis hier,
Sowie dem Wunsch, den du verschwiegst, gewähren." - Und ich: Mein Herz verberg’ ich nimmer dir,
Nur redet’ ich in bündig kurzem Worte,
Und nicht nur jetzt empfahlst du solches mir. - "Toskaner, du, der lebend durch die Pforte
Der Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang,
Verweil’, ich bitte dich, an diesem Orte. - ich erkenn’ an deiner Sprache Klang,
Du seist dem edlen Vaterland entsprungen,
Dem ich, ihm nur zu lästig, auch entsprang." - Urplötzlich war dies einem Sarg entklungen,
Drum trat ich etwas näher meinem Hort,
Denn wieder war mein Herz von Furcht durchdrungen. - "Was tust du? Wende dich!" rief er sofort,
"Sieh g’rad’ empor den Farinata ragen,
Vom Gürtel bis zum Haupte sieh ihn dort!" - Ich, der auf sein Gesicht den Blick geschlagen,
Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand,
Als lach’ er nur der Höh’ und ihrer Plagen. - Mein Führer, der mich schnell mit mut’ger Hand
Durch Gräber bis zu ihm mit fortgenommen,
Sprach: Was er fragt, mach’ offen ihm bekannt. - Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,
Ein wenig an. "Wer deine Väter? Sprich!"
So fragt’ er mich und schien von Zorn entglommen. - Gern fügt’ ich dem Befehl des Meisters mich,
Ihm alles unverstellt zu offenbaren,
Da hoben etwas seine Brauen sich. - Er sprach darauf: "Furchtbare Gegner waren
Sie meinen Ahnen, mir und meinem Teil,
Und zweimal drum vertrieb ich sie in Scharen." - "Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil’",
Sprach ich, "zweimal zurück aus jeder Gegend.
Doch nicht den euren ward
die Kunst zuteil." - Sieh, da erhob, sich neben jenem regend,
Ein Schatten sich urplötzlich bis zum Kinn,
Sich auf den Knien, so schien’s, empor bewegend. - Er blickt’ um mich nach beiden Seiten hin,
Als woll’ er sehn, ob jemand mich begleite,
Doch floh der Irrtum bald aus seinem Sinn, - Und weinend sprach er dann: "Wenn dein Geleite
Des Geistes Hoheit ist durch diese Nacht,
Wo ist mein Sohn? Warum nicht dir zur Seite?" – - "Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht,
Der dort harrt, führte mich ins Land der Klagen.
Dein Guido hatte sein vielleicht nicht acht." - So ich – beim Wort und bei der Art der Plagen
Könnt’ ich wohl seines Namens sicher sein
Und drum ihm auch so sicher Antwort sagen, - Schnell richtet’ er sich auf mit lautem Schrei’n:
"Er hatte, sagst du? Ist er nicht am Leben?
Saugt nicht sein Auge mehr den süßen Schein?" - Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,
Noch zauderte, so fiel er rücklings hin,
Um fürder sich nicht wieder zu erheben. - Doch jener andre mit dem stolzen Sinn,
Der mich gerufen, blieb auf seiner Stätte
Starr, ungebeugt und trotzig wie vorhin. - Er, wieder knüpfend des Gespräches Kette:
"Ward jene Kunst zuteil den Meinen nicht?
Dies martert mehr mich noch als dieses Bette. - Doch wird nicht fünfzigmal sich das Gesicht
Der Herrin dieses Dunkels neu entzünden,
So wirst du fühlen dieser Kunst Gewicht. - Sprich, willst du je zurück aus diesen Gründen,
Wie gegen mein Geschlecht mag solche Wut
Das Volk in jeglichem Gesetz verkünden?" - Ich sprach: "Das große Morden ist’s, das Blut,
Das rotgefärbt der Arbia klare Wogen,
Das eu’r Geschlecht mit solchem Fluch belud." - Er seufzt’ und schüttelte das Haupt: "Vollzogen
Hab’ ich allein nicht diese blut’ge Tat,
Und. alle hat uns trift’ger Grund bewogen. - Doch ich allein war’s, der dem grausen Rat;
Es müsse bis zum Grund Florenz verschwinden,
Mit offnem Angesicht entgegentrat." - "Soll euer Same jemals Ruhe finden,"
So sprach ich bittend, "löst die Schlingen hier,
Die noch, mein Urteil hemmend, mich umwinden. - Versteh’ ich recht, so scheint es wohl, daß ihr
Erkennen mögt, was künft’ge Zeiten bringen,
Doch mit der Gegenwart scheint’s anders mir." - Er sprach: "Uns trägt der Blick nach fernen Dingen,
Wie’s öfters wohl der Schwachen Sehkraft geht,
Denn dahin läßt der höchste Herr uns dringen. - Doch naht sich und erscheint, was wir erspäht,
Weg ist das Wissen, und nur durch Berichte
Erfahren wir, wie’s jetzt auf Erden steht. - Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte,
Wenn sich der Zukunft Tor auf ewig schließt,
Wird die Erkenntnis unsers Geists zunichte." - Drauf ich: "Wie jetzt mein Fehler mich verdrießt!
O sagt dem Hingesunknen, Trostentblößten,
Daß noch sein Sohn das heitre Licht genießt. - Und war ich vorhin säumig, ihn zu trösten,
So sagt ihm, daß ich Raum dem Irrtum gab,
Den eben jetzt mir eure Worte lösten." - Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,
Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzählen,
Wer noch verborgen sei in seinem Grab. - Er sprach: "Hier liegen mehr als tausend Seelen,
Der Kardinal, der zweite Friederich
Und andre, die’s nicht nottut, aufzuzählen." - Und er versank ich aber kehrte mich
Zum alten Dichter, jene Red’ erwägend,
Die einer Unglücksprophezeiung glich. - Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,
Zu mir gewandt: "Was bist du so verstört?"
Ich tat’s ihm kund, die Angst im Herzen hegend. - "Behalte, was du Widriges gehört,"
Sprach mit erhobnem Finger jener Weise,
"Und merk’ itzt auf, daß dich kein Trug betört. - Bist du dereinst im süßen StrahIenkreise,
Verströmt vom schönen Blick, der alles sieht,
Dann deutet sie dir deine Lebensreise." - Nun ging es links ins höllische Gebiet,
Um von der Mau’r der Mitte zuzuschreiten,
Wo sich der Pfad nach einem Tale zieht, - Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.
Elfter Gesang
- Am äußern Saum von einem hohen Strande,
Umkreist von Felsentrümmern ohne Zahl,
Gelangten wir zu einem grausern Lande. - Dort bargen wir vor des Gestankes Qual,
Der gräßlich dampft aus jenen tiefen Gründen,
Uns hinter eines hohen Grabes Mal. - Wir sahn den Inhalt diese Schrift verkünden:
Hier liegt Papst Anastasius, den Photin
Vom rechten Pfad verführt zu Schmach und Sünden. - "Wir müssen," sprach er, "langsam abwärtszieh’n;
Erträglicher wird nach und nach den Sinnen
Der schlechte Dunst, der unerträglich schien." - "So laß uns etwas," sprach ich drauf, "beginnen,
Das uns die hier verbrachte Zeit ersetzt."
"Du siehst," erwidert’ er, "darauf mich sinnen." - "Mein Sohn, du wirst in diesen Steinen jetzt,"
So fuhr er fort, "drei kleinre Kreise zählen,
Nach Stufen, wie die andern, fortgesetzt. - Erfüllt sind alle von verdammten Seelen,
Doch weil du selbst sie sehn wirst, so vernimm,
Wie und warum sie sich hier unten quälen. - Jedwede Bosheit weckt des Himmels Grimm,
Der Unrecht Zweck ist, denn sie macht es immer
Durch Trug und durch Gewalt mit andern schlimm. - Doch Trug, des Menschen eigne Sünd’, ist schlimmer,
Und die Betrüger bannt des Herrn Geheiß,
Drum tiefer hin zu schmerzlichem Gewimmer. - Gewalttat wird bestraft im ersten Kreis,
Doch, nach dreifacher Gattung von Vergehen,
In dreien Binnenkreisen stufenweis. - An Gott, an sich, am Nächsten kann’s geschehen,
Daß man Gewalt verübt, an Leib und Gut.
Wie? SoIIst du jetzt mit klaren Gründen sehen. - Gewalttat an des Nächsten Leib und Blut
Geschieht durch Totschlag und durch schlimme Wunden,
Am Gute durch Verwüstung, Raub und Glut. - Totschläger werden, die, so schwer verwunden,
Verwüster, Räuber, drum hinabgebannt
Zur Pein im ersten Binnenkreis gefunden. - Gewalt übt man an sich mit eigner Hand,
Und seinem Gut. – Um fruchtlos zu bereuen,
Sind drum zum zweiten Binnenkreis gesandt, - Die selber sich zu töten sich nicht scheuen,
Die, so im Spielhaus all ihr Gut vertan
Und dorten weinten, statt sich zu erfreuen. - Gewalt auch tut der Mensch der Gottheit an,
Im Herzen sie verleugnend und nicht achtend,
Was er durch Güte der Natur empfah’n. - Du wirst, den kleinsten Binnenkreis betrachtend,
Drum die von Sodom und von Cahors schau’n,
Und Volk, im Herzen seinen Gott verachtend. - Trug, des Gewissens Qual, ist am Vertrau’n,
Und ist auch oft verübt an solchen worden,
Die nicht als Freund’ auf den Betrüger bau’n. - Die letzte Gattung scheint das Band zu morden,
Das die Natur aus Lieb’ um alle flicht;
Drum nisten in dem zweiten Kreis die Horden - Der Heuchler, Schmeichler, die, so falsch Gewicht
Gebrauchen, Simonisten, Zaubrer, Diebe
Und Kuppler und dergleichen Schandgezücht. - Zerrissen wird von jenem Trug die Liebe,
So die Natur macht;
die auch, die vermehrt,
Noch Treue fordert aus besonderm Triebe. - Drum auf dem Punkte, den das All beschwert,
Wo Dis den Stand hat, dort, im kleinsten Kreise,
Wird, wer Verrat übt, ewiglich verzehrt." - Und ich: Du stellt nach deiner klaren Weise
Wohlabgeteilt den Höllenschlund mir dar,
Und welche Sünder jedes Rund umkreise; - Doch sprich: Das Volk, das dort im Sumpfe war,
Die, so der Wind führt und die Regen schlagen,
Die mit Geschrei sich stoßen immerdar, - Wie kommt’s, wenn sie den Zorn des Himmels tragen,
Daß nicht die Feuerstadt ihr Strafort wird?
Wenn nicht, was leiden sie doch solche Plagen? - Und er darauf zu mir: "Was schweift verwirrt
Dein Geist hier ab von den gewohnten Wegen?
Woandershin hat sich dein Sinn verirrt? - Willst du nicht deine Sittenlehr’ erwägen,
Die Kunde von drei Neigungen verleiht,
Die Gottes Zorn und seinen Haß erregen, - Von Tollwut, Bosheit, Unenthaltsamkeit?
Die dritt’ ist, da sie minderes Verachten
Des Herrn verrät, von mindrer Strafbarkeit. - Willst du den Spruch bedenken und betrachten,
Wer jene sind, die vor der Stadt voll Glut
Dort oben, ihre Straf erduldend, schmachten, - So wirst du sehn, wie sie von dieser Brut
Geschieden sind, und minder sie beschwerend
Auf ihnen das Gewicht des Himmels ruht." – - "O Sonne, du, die trübsten Blicke klärend,
Wie Wissen, so erfreut der Zweifel mich,
Vernehm’ ich dich ihn lösend, mich belehrend. - Drum wend’ ein wenig," sprach ich, "rückwärts dich.
Da sagtest, daß die Wuchrer Gott verletzen,
Jetzt sage mir, wie löst dies Rätsel sich?" - Weltweisheit, sprach er, lehrt in mehrern Sätzen,
Daß nur aus Gottes Geist und Kunst und Kraft
Natur entstand mit allen ihren Schätzen; - Und überdenkst du deine Wissenschaft
Von der Natur, so wirst du bald erkennen,
Daß eure Kunst, mit allem, was sie schafft, - Nur der Natur folgt, wie nach bestem Können
Der Schüler geht auf seines Meisters Spur;
Drum ist sie Gottes Enkelin zu nennen - Vergleiche nun mit Kunst und mit Natur
Die Genesis, wo’s also lautet: Leben
Sollst du im Schweiß des Angesichtes nur. – - Weil Wuchrer nun nach anderm Wege Streben,
Schmäh’n sie Natur und ihre Folgerin,
Indem sie andrer Hoffnung sich ergeben. - Doch folge mir, denn vorwärts strebt mein Sinn,
Da schon die Fisch’ empor am Himmel springen;
Schon auf den Caurus sinkt der Wagen hin, - Und weit ist’s noch, eh’ wir zur Tiefe dringen.
Zwölfter Gesang
- Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,
Ob des, was sonst dort war, der Schauer groß,
Und jedem Auge drum der Ort zuwider. - Dem Bergsturz gleich bei Trento – in den Schoß
Der Etsch ist seitwärts Trümmerschutt geschmissen,
Durch Unterwühlung oder Erdenstoß – - Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,
Der Fels so schräg ist, daß zum ebnen Land,
Die oben sind, den Steg nicht ganz vermissen; - So dieses Abgrunds Hang, und dort am Rand
War’s, wo von Felsentrümmern überhangen
Sich ausgestreckt die Schande Kretas fand, - Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.
Sich selber biß er, als er uns erblickt,
Wie innerlich von wildem Grimm befangen. - Mein Meister rief: "Bist du vom Wahn bestrickt.
Als sähst du hier den Theseus vor dir stehen,
Der dich von dort zur HöIl’ herabgeschickt? - Fort, Untier, fort! Den Weg, auf dem wir gehen,
Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt,
Doch dieser kommt, um eure Qual zu sehen." - So wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,
Sich losreißt und nicht gehen kann, nur springen.
Und Satz um Satz hierhin und dorthin fährt; - So sahen wir den Minotaurus ringen,
Drum rief Virgil: "Itzt weiter ohne Rast;
Indes er tobt, ist’s gut, hinabzudringen." - So klommen wir, von Trümmern rings umfaßt,
Auf Trümmern sorglich fort, und oft bewegte
Ein Stein sich unter mir der neuen Last. - Ich ging, indem ich sinnend überlegte.
Und er: "Du denkst an diesen Schutt, bewacht
Von Zornwut, die vor meinem Wort sich legte. - Vernimm jetzt, als ich in der Hölle Nacht
Zum erstenmal so tief hereingedrungen.
War dieser Fels noch nicht herabgekracht. - Doch kurz eh’ jener sich herabgeschwungen
Vom höchsten Kreis des Himmels, der dem Dis
So edler Seelen großen Raub entrungen. - Erbebte so die grause Finsternis,
Daß ich die Meinung faßte, Liebe zücke
Durchs Weltenall und stürz’ in mächt’gern Riß - Ins alte Chaos neu die Welt zurücke.
Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht,
Ging damals hier und anderwärts in Stücke. - Doch blick’ ins Tal, schon naht der Strom von Blut,
In welchem jeder siedet, der dort oben
Dem Nächsten durch Gewalttat wehe tut." - O blinde Gier, o toller Zorn! eu’r Toben,
Es spornt uns dort im kurzen Leben an
Und macht uns ewig dann dies Bad erproben – - Hier ist ein weiter Graben, der den Plan
Ringshin umfaßt im weiten runden Bogen,
Wie mir mein weiser Führer kundgetan. - Zentauren, rennend, pfeilbewaffnet, zogen,
Sich folgend, zwischen Fluß und Felsenwand,
Wie in der Welt, wenn sie der Jagd gepflogen. - Als sie uns klimmen sahn, ward Stillestand;
Drei traten vor mit ausgesuchten Pfeilen
Und schußbereit den Bogen in der Hand. - Und einer rief von fern: "Ihr müßt verweilen!
Zu welcher Qual kommt ihr an diesen Ort?
Von dort sprecht, sonst soll euch mein Pfeil ereilen! - "Dem Chiron sag’ ich in der Näh’ ein Wort,"
Sprach drauf Virgil. "Zum Unheil dich verführend,
Riß vorschnell stets der blinde Trieb dich fort." - "Nessus ist dieser," sprach er, mich berührend,
"Der starb, als Dejaniren er geraubt,
Die Rache noch vor seinem Tod vollführend. - Der in der Mitt’ ist, mit gesenktem Haupt,
Der große Chiron, der Achillen nährte;
Dort Pholus, welcher stets vor Zorn geschnaubt. - Am Graben rings gehn tausend Pfeilbewehrte
Und schießen die, so aus dem Pfuhl herauf
Mehr tauchen, als der Richterspruch gewährte." - Wir beide nahten uns dem flinken Hauf,
Chiron nahm einen Pfeil und strich vom Barte
Das Haar nach hinten sich mit seinem Knauf. - Als nun das große Maul sich offenbarte,
Sprach er: "Bemerkt: der hinten kommt, bewegt.
Was er berührt, wie ich es wohl gewahrte. - Und wie’s kein Totenfuß zu machen pflegt."
Da trat ihm an die Brust mein weiser Leiter,
Wo Mensch und Roß sich einigt und verträgt. - "Lebendig ist," so sprach er, "der Begleiter,
Der dieses dunkle Tal mit mir bereist;
Notwendigkeit, nicht Neugier, zieht uns weiter. - Von dort, wo Gott ihr Halleluja preist,
Kam eine her, dies Amt mir aufzutragen.
Er ist kein Räuber, ich kein böser Geist. - Doch, bei der Kraft, durch die ich sonder Zagen
Auf wildem Pfad im Schmerzensland erschien.
Gib einen uns von diesen, die hier jagen. - Daß er die Furt uns zeig’, und jenseits ihn
Trag auf dem Kreuz ans andere Gestade,
Denn er, kein Geist, kann durch die Luft nicht zieh’n." - "Auf, Nessus, leite sie auf ihrem Pfade,"
Rief Chiron rechts gewandt, "bewahre sie,
Daß sonst kein Trupp der unsern ihnen schade." - Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,
So gingen wir am roten Sud von hinnen.
Aus dem die Rotte der Gesottnen schrie. - Bis zu den Brauen waren viele drinnen.
"Tyrannen sind’s, erpicht auf Gut und Blut,"
So hört’ ich den Zentauren nun beginnen, - "Jetzt heulen sie in ihrer Qualen Wut.
Den Alexander sieh und Dionysen,
Der auf Sizilien Schmerzensjahre lud. - Die schwarzbehaarte Stirn sieh neben diesen,
Den Ezzelin – und jener Blonde dort
Ist Obiz Este, der, wie’s klar erwiesen, - Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord."
Den Dichter sah ich an, der sprach: "Der Zweite
Bin ich, der Erste der, merk’ auf sein Wort." - Und weiter gab uns Nessus das Geleite
Zu Volke, das, bis an des Mundes Rand
Im heißen Sprudel, heult’ und maledeite. - Und seitwärts zeigt er einen mit der Hand:
"
Der macht’ einst am Altar das Herz verbluten,
Das man noch jetzt verehrt am Themsestrand." - Und viele hielten aus den heißen Fluten
Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt,
Auch kannt’ ich manchen in den nassen Gluten. - Stets seichter ward das Blut, so daß bedeckt
Am Ende nur der Schatten Füße waren,
Und dorten ward des Grabens Furt entdeckt. - Da sagte der Zentaur: "Du wirst gewahren,
Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt.
Jetzt aber, will ich, sollst du auch erfahren, - Daß dort der Grund je mehr und mehr sich neigt.
Bis wo die Flut verrinnt in jenen Tiefen,
Woraus das Seufzen der Tyrannen steigt. - Gerechter Zorn und Rache Gottes riefen
Dorthin der Erde Geißel, Attila,
Pyrrhus und Sextus; und von Tränen triefen. - Von Tränen, ausgekocht vom Blute, da
Die beiden Rinier, arge Raubgesellen,
Die man die Straßen hart bekriegen sah –" - Hier wandt’ er sich, rückeilend durch die Wellen.
Dreizehnter Gesang
- Noch war nicht Nessus jenseits am Gestade,
Da schritten wir in einen Wald voll Grau’n,
Und nirgend war die Spur von einem Pfade. - Nicht grün war dort das Laub, nur schwärzlichbraun,
Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte,
Nicht Frucht daran, nur gift’ger Dorn zu schau’n. - Nie bei Cornet und der Cecina irrte
Damhirsch und Eber durch so dichten Hain,
Dies Wild, das nie die Saat des Feldes kirrte. - Hier aber nisten die Harpy’n sich ein,
Die, von den Inseln Trojas Volk zu scheuchen,
Es ängsteten mit Unglücksprophezei’n, - Mit breiten Schwingen, Federn an den Bäuchen,
Klau’n an den Füßen, menschlich von Gesicht,
Wehklagend aus den seltsamen Gesträuchen. - "Bevor du eindringst, wisse, dich umflicht",
Sprach er, "der zweite Binnenkreis; zu schauen,
Indes du weitergehst, versäume nicht. - So kommst du, schauend, in den Sand voll Grauen,
Und gib wohl acht; denn allem, was ich sprach,
Wirst du dann durch den Augenschein vertrauen." - Schon hört’ ich rings Geheul und Oh und Ach,
Doch sah ich keinen, der so ächzt’ und schnaubte,
So daß mein Knie mir fast vor Schauder brach. - Ich glaub’, er mochte glauben, daß ich glaubte.
Verborgne stöhnten aus dem dunkeln Raum,
Die mir zu sehn das Dickicht nicht erlaubte. - "Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum,"
Begann mein Meister, "und du wirst entdecken.
Was du vermutest, sei ein leerer Traum.’’ - Da säumt’ ich nicht,- die Finger auszustrecken.
Riß einen Zweig von einem großen Dorn,
Und plötzlich schrie der stumpf zu meinem Schrecken: - "Was brichst du mich?" – worauf ein blut’ger Born
Aus ihm entquoll, und diese Wort’ erklangen:
"Was peinigt uns dein rnitleidloser Zorn? - Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.
Wohl größre Schonung ziemte deiner Hand,
Und wären wir auch Seelen nur von Schlangen." - Gleich wie ein grüner Ast, hier angebrannt,
Dort ächzt und sprüht, wenn, aufgelöst in Winde,
Der feuchte Dunst den Weg nach außen fand; - So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,
Und mir entsank das Reis, daß ich geraubt;
Dann stand ich dort, als ob ich Furcht empfinde. - "Verletzte Seele, hätt’ er je geglaubt.
Was früher schon ihm mein Gedicht entdeckte,"
So sprach Virgil, "nie hätt’ er sich’s erlaubt. - Wenn er die Hand nach deinem Aste streckte,
So reut’s mich itzt, daß, weil’s unglaublich schien,
Ich Lust in ihm zu solcher Tat erweckte. - Doch sag’ ihm, wer du warst. Er wird, wenn ihn
Der Tag einst neu umfängt, den Fehl zu büßen,
Dort frisch ans Licht dein Angedenken zieh’n." - Der Stamm: "Ein Köder ist im Wort, dem süßen,
Der mich zum Sprechen lockt; mag euch’s, wenn mich
Der Leim beim Reden festhält, nicht verdrießen. - Ich bin’s, der einst das Herz des Friederich
Mit zweien Schlüsseln auf- und zugeschlossen
Und sie so sanft und leis gedreht, daß ich, - Nur ich, sonst keiner, sein Vertraun genossen –
Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut,
Weiht’ ich dem hohen Amt mich unverdrossen. - Die Hure, die mit buhlerischer Glut
Auf Cäsars Haus die geilen Blicke spannte,
Sie, aller Höfe Tod und Sünd’ und Wut, - Schürt an, bis alles gegen mich entbrannte,
Und alle schürten Friedrichs Gluten an.
Daß heitrer Ruhm in düstres Leid sich wandte. - Da hat mein zornentflammter Geist, im Wahn,
Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden.
Mir, dem Gerechten, Unrecht angetan. - Bei diesen Wurzeln schwör’ ich, diesen Rinden:
Stets war’s um meine Treue wohlbestellt
Für ihn, der wert war, ew’gen Ruhm zu finden; - Kehrt einer je von euch zurück zur Welt,
So mög’ er dort mein Angedenken heben,
Das jener Streich des Neids noch niederhält." - Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.
Da sprach der Dichter: "Ohne Zeitverlust
Frag’ ihn, er wird auf alles Antwort geben." - Ich aber: "Frag’ ihn selbst. Dir ist bewußt,
Was mir ersprießlich sei, ihm abzufragen;
Ich könnt’ es nicht, denn Leid drückt meine Brust." - Und er: "Soll einst, was du ihm aufgetragen, -
Er frei vollzieh’n, dann, o gefangner Geist,
Beliebe dir, zuvor uns anzusagen, - Wie dieser Stämme Band die Seel’ umkreist?
Und, wenn um sie sich starre Rinden legen,
Ob diesen Gliedern eine sich entreißt? - Ein starker Hauch schien sich im Stamm zu regen,
Dann aber ward der Wind zu diesem Wort:
"In kurzer Rede sag’ ich dies dagegen: - Wenn
die vom Leib sich trennen, welche dort
Sich frevelhaft in wildern Grimm entleiben,
Schickt Minos sie zu diesem Schlunde fort. - Hier fallen sie, wie sie die Stürme treiben,
In diesen Wald nach Zufall, ohne Wahl,
Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben. - So wachsen Büsch’ und Bäum’ in diesem Tal,
Und die Harpy’n, die sich vom Laube weiden,
Sie machen Qual, und Öffnung für die Qual. - Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleiden
Uns nie darein; denn was man selbst sich nahm.
Will Gott uns nimmer wieder neu bescheiden. - Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,
Und jeder Leib wird an den Baum gehangen.
Den hier zur ew’gen Haft sein Geist bekam." - Wir horchten auf den Stamm noch, voll Verlangen,
Mehr zu vernehmen, als urplötzlich schnell
Schrei’n und Getos zu unsern Ohren drangen. - Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,
Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste
Mit Waldesrauschen, Schreien und Gebell. – - Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,
Fortstürmen, wie vom Äußersten bedroht,
Daß das Gezweig zertrümmert kracht’ und sauste. - Der Vordre schrie: "Zu Hilfe, Hilfe, Tod!"
Dem andern schien’s, daß es mehr Eile brauche;
"Lan," rief er, "dort bei Toppo in der Not - Schien nicht dein Fußwerk gut zu
dem Gebrauche."
Dann, weil erschöpft vielleicht des Odems Rest,
Macht’ er ein Knäu’l aus sich und einem Strauche. - Sieh schwarze Hunde, durchs Gestrüpp gepreßt.
Schnell hinterdrein, die wild die Läufe streckten,
Wie Doggen, die man von der Kett’ entläßt. - Sie schlugen ihre Zahn’ in den Versteckten,
Zerrissen ihn und trugen stückweis dann
Die Glieder fort, die frischen, blutbefleckten. - Mein Führer faßte bei der Hand mich an
Und führte mich zum Busche, der vergebens
Aus Rissen klagte, welchen Blut entrann. - Er sprach: "Was machtest du doch eitlen Strebens,
O Jakob, meinen Busch zu deiner Hut?
Trag’ ich die Schulden deines Lasterlebens?" - Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,
Sprach: "Wer bist du? Warum aus so viel Rissen
Hauchst du zugleich die Schmerzensred’ und Blut?" - Und er: "Die ihr gekommen, um zu wissen,
Wie harte Schmach ich hier erdulden muß,
Zu sehn, wie man mir so mein Laub entrissen. - O sammelt’s an des traur’gen Stammes Fuß.
Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten
Den Täufer wählt als Schutzherrn. Voll Verdruß - Wird jener drum als Feind ihr grausam walten,
Und hätte man nicht noch sein Bild geschaut.
Das dort sich auf der Arnobrück’ erhalten. - Die Bürger, die sie wieder aufgebaut
Vom Brand des Attila, aus Schutt und Grause,
Sie hätten ihrer Müh’ umsonst vertraut. - Den Galgen macht’ ich mir aus meinem Hause."
Vierzehnter Gesang
- Weil ich der Vaterstadt mit Rührung dachte,
Las ich das Laub, das ich, das Herz soll Leid,
Zurück zum Stamm, der kaum noch ächzte, brachte. - Drauf kamen wir zur Grenz’ in kurzer Zeit
Vom zweiten Binnenkreis und sah’n im dritten
Ein krauses Kunstwerk der Gerechtigkeit. - Denn dort eröffnete vor unsern Schritten
Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Des Boden nimmer Pflanz’ und Gras gelitten. - Und wie sich um den Wald der Graben wand,
War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand. - Dort ward ein tiefer, dürrer Sand gefunden.
Der dem, den Cato’s Füße stampften, glich,
Wie wir vernehmen aus den alten Kunden. - O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,
Dem, was ich sah, mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich. - Denn nackte Seelen sah ich dort in Scharen,
Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren. - Die lagen rücklings auf der Erd’ umher,
Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern.
Noch andre gingen immer hin und her. - Die Mehrzahl mußt’ im Gehn die Straf’ erdauern.
Der Liegenden war die geringre Zahl,
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern. - Langsamen Falls sah ich mit rotem Strahl
Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpental. - Wie Alexander einstens Feuerballen,
Fest bis zur Erde, sah auf seine Schar
In jener heißen Gegend Indiens fallen, - Daher sein Volk, vorbeugend der Gefahr,
Den Boden stampfen mußt’, um sie zu töten,
Weil einzeln sie zu tilgen leichter war; - So sah ich von der Glut den Boden röten;
Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Wodurch die Qualen zwiefach sich erhöhten. - Nie hatten hier die Hände Stillestand,
Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschüttelnd von der Haut den frischen Brand. - Da sprach ich: "Du, dem alles unterlegen,
Bis auf die Geister, die sich dort voll Wut
Am Tor zur Wehr gestellt und dir entgegen. - Wer ist der große, welcher, diese Glut
Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erweicht von dieser Feuerflut?" - Und jener rief, mir selber Antwort gebend,
Weil er gemerkt, daß ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: "Tot bin ich, wie einst lebend. - Sei auch mit Arbeit Jovis Schmied geplagt,
Von welchem er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt; - Zur HiIfe sei die ganze Schar genommen,
Die rastlos schmiedet in des Ätna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan, so schrei’ er zornentglommen, - Wie er bei Phlägra tat in jener Schlacht;
Mit aller Macht sei das Geschoß geschwungen,
Gewiß, daß nie ihm frohe Rache lacht –" - Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,
Mein Meister seine Stimm’, ihm zuzuschrei’n:
"O Kapaneus, daß ewig unbezwungen - Dich Hochmut nagt, ist deine wahre Pein,
Denn keine Marter, als dein eignes Wüten,
Kann deiner Wut vollkommne Strafe sein." - Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begüten.
Von jenen sieben war er, sagt’ er mir,
Die Theben zu erobern sich bemühten. - Er höhnt, so scheint’s, noch Gott in wilder Gier,
Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier. - Jetzt folge mir, doch vor dem heißen Sande
Verwahr’ im Gehen sorglich deinen Fuß
Und halte nah dich an des Waldes Rande. - Ich ging und schwieg, und einen kleinen FIuß
Sah ich diesseits des Waldes sprudelnd quellen.
Vor dessen Rot’ ich jetzt noch schaudern muß. - Den Bach aus jenem Sprudel gleichzustellen.
Der Buhlerinnen schändlichem Verein,
Floß er den Sand hinab mit dunkeln Wellen. - Und Grund und Ufer waren dort von Stein,
Auch beide Ränder, die den Fluß umfassen.
Drum mußte hier der Weg hinüber sein. - "Von allem, was ich noch dich sehen lassen.
Seit wir durch jenes Tor hier eingekehrt.
Das uns, wie alle, ruhig eingelassen, - War noch bis jetzt nichts so bemerkenswert.
Als dieser Fluß, zu dem du eben ziehest,
Der über sich die Flämmchen schnell verzehrt." - So er zu mir und ich darauf: "Du siehest
Mich lüstern schon genug, drum speist’ ich gern;
Gib Kost nur, wie du Essenslust verliehest." - Und er: "Öd liegt ein Land im Meere fern,
Das Kreta hieß, und Keuschheit hat gewaltet,
Als noch die Welt stand unter seinem Herrn. - Ein Berg dort, Ida, war einst schön gestaltet,
Mit Quellen, Laub und Blumen reich geschmückt,
Jetzt ist er öd, verwittert und veraltet. - Dorthin hat Rhea ihren Sohn entrückt.
Und, alle Späher listig hintergehend,
Des Kindes Schrei’n durch Tosen unterdrückt. - Ein hoher Greis ist drin, g’rad’ aufrecht stehend,
Den Rücken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend; - Das Haupt von feinem Gold; Brust, Arm und Hand
Von reinem Silber; weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hüften Rand; - Von tücht’gem Eisen bis zur Sohle nieder;
Nur von gebranntem Ton der rechte Fuß,
Doch ruht auf diesem meist die Last der Glieder. - Das Gold allein ist von gediegnem Guß;
Die andern haben Spalt’ und träufeln Zähren,
Und diese brechen durch die Grott’ als Fluß, - Um ihren Lauf nach diesem Tal zu kehren.
Als Acheron, als Styx, als Phlegethon,
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphären - Durch diesen engen Graben hingefloh’n,
Dort den Kozyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon." - Und ich zu ihm: "Wenn auf der Erd’, im Reiche
Des Tages, schon der kleine Fluß entstund,
Wie kommt es, daß ich ihn erst hier erreiche?" - Und er zu mir: "Du weißt, der Ort ist rund,
Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund - Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,
Und wenn du auch noch manches Neue siehst,
Mag Staunen drum dein Auge nicht befangen." - "Sprich noch, wo Phlegethon, wo Lethe fließt?
Du schweigst von der; von jenem hört’ ich sagen,
Daß er aus diesem Regen sich ergießt." - So ich; und er: "Gern hör’ ich deine Fragen,
Doch sollte wohl des roten Wassers Sud
Auf jene selbst die Antwort in sich tragen. - Nicht in der Hölle fließt der Lethe Flut,
Dort siehst du sie beim großen Seelenbade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht." - Und drauf: "Jetzt weg vom Wald, und komm gerade
Denselben Weg, den meine Spur dich lehrt;
Die Ränder, nicht entzündet, bilden Pfade, - Und über ihnen wird der Dunst verzehrt."
Fünfzehnter Gesang
- Wir gehen nun auf hartem Rand zusammen,
Und Dampf des Bachs, der drüber nebelt, schützt
Das Wasser und die Dämme vor den Flammen. - So wie sein Land der Flandrer unterstützt,
Bang vor der Springflut Ansturz, die vom Baue
Des festen Damms rückprallend schäumt und spritzt; - Wie längs der Brenta Schloß und Dorf und Aue
Die Paduaner sorglich wohl verwahrt,
Bevor der Chiarentana Frost erlaue; - So war der Damm auch hier von gleicher Art,
Nur daß in minder hohen, dicken Massen
Vom Meister dieser Bau errichtet ward. - Schon weit zurück hatt’ ich den Wald gelassen,
So daß der Blick, nach ihm zurückgewandt,
Doch nicht vermögend war, ihn zu erfassen. - Da kam am Fuß des Damms ein Schwarm gerannt.
Und wie am Neumond bei des Abends Grauen
Nach dem und jenem man die Blicke spannt, - So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;
Und wie der alte Schneider nach dem Öhr,
So spitzten sie nach uns die Augenbrauen. - Und wie sie alle gafften, faßte wer
Mich bei dem Saum, indem er mich erkannte,
Und rief erstaunt: "Welch Wunder! Du? Woher?" - Und ich, wie er nach mir gegriffen, wandte
Den Blick ihm fest aufs Angesicht, das schier
Geröstet war; doch zeigte das verbrannte - Sogleich die wohlbekannten Züge mir;
Drum, neigend, auf sein Antlitz zu, die Arme,
Rief ich: "Ei, Herr Brunetto, seid ihr hier?" - "Mein Sohn," sprach jener, "daß dich mein erbarme!
Gern spräche wohl Brunett Latini dich
Ein wenig hier, entfernt von diesem Schwarme." - "Ich bitt’ euch selbst darum," entgegnet’ ich,
"Daher ich gern mit euch mich setzen werde,
Wenn’s dieser billigt, denn er leitet mich." - Und er: "Ach Sohn, wer weilt von dieser Herde,
Darf sich nicht wedeln hundert Jahr hernach
Und liegt, die Glut erduldend, auf der Erde. - Drum geh, ich folge deinem Tritte nach,
Bis wir aufs neu’ zu meiner Rotte kommen,
Die weinend geht in Leid und ew’ger Schmach." - Gern war’ ich neben ihn hinabgeklommen.
Doch wagt’ ich’s nicht und ging, das Haupt geneigt,
Wie wer da geht von Ehrfurcht eingenommen, - "Du, welcher vor dem Tod herniedersteigt,"
Begann er nun, "welch Schicksal führt dein Streben?
Und wer ist der, der dir die Pfade zeigt?" - "Dort oben," sprach ich, "in dem heitern Leben
War ich, eh’ reif mein Alter, ohne Rat
Verirrt und rings von einem Tal umgeben. - Aus dem ich eben gestern morgens trat.
Zurück ins Tal wollt’ ich, da kam mein Leiter
Und führt mich wieder heim auf
diesem Pfad." - Drauf sprach er: "Folgst du deinem Sterne weiter.
Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft
Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter. - Und hätte mich der Tod nicht weggerafft,
Hart’ ich, da dir so hold die Sterne waren,
Dich selbst zum Werk gestärkt mit Mut und Kraft. - Doch jenem Volk von schnöden, Undankbaren,
Das niederstieg von Fiesole und fast
Des Bruchsteins Härte noch scheint zu bewahren, - Ihm bist du, weil du wacker tust, verhaßt;
Mit Recht, weil übel stets zu Dorngewinden
Mit herber Frucht die süße Feige paßt. - Man heißt sie dort nach altem Ruf die Blinden,
Voll Geiz, Neid, Hochmut, faul an Schal’ und Kern –
Laß rein dich stets von ihren Sitten finden, - So großen Ruhm bewahrt dir noch dein Stern,
Daß beide Teile hungrig nach dir ringen,
Doch dieses Kraut bleibt ihrem Schnabel fern. - Das Fiesolaner Vieh mag
sich verschlingen,
Sich gegenseits, doch nie berühr’s ein Kraut,
Kann noch sein Mist hervor ein solches bringen, - In dem man neubelebt den Samen schaut
Von jenen Römern, welche dort geblieben.
Als man dies Nest der Bosheit auferbaut." - "War einst, was ich gewünscht, des Herrn Belieben,"
Entgegnet’ ich, "gewiß, ihr wäret nicht
Noch aus der menschlichen Natur vertrieben. - Das teure, gute Vaterangesicht,
Noch seh’ ich’s vor betrübtem Geiste schweben,
Noch denk’ ich, wie ihr mich im heitern Licht - Gelehrt, wie Menschen ew’gen Ruhm erstreben,
Und wie mir dies noch teuer ist und wert,
Soll kund, solang’ ich bin, die Zunge geben. - Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt,
Bewahr’ ich wohl – Werd’ ich die Herrin schauen
Nebst anderm Text wird mir auch dies erklärt. - Dem aber, will ich, sollt ihr fest vertrauen:
Ist’s nur mit dem Gewissen wohlbestellt,
Dann macht kein Schicksal, wie’s auch sei, mir Grauen. - Mir ist nicht neu, was eure Red’ enthält.
Doch mag der Bauer seine Hacke schwingen
Und seinen Kreis das Glück, wie’s ihm gefällt." - Rechts kehrte sich Virgil, indem wir gingen,
Nach mir zurück und sah mich an und sprach:
"Gut hören, die’s behalten und vollbringen." - Ich aber ließ drum nicht im Sprechen nach,
Und wünschte die berühmtesten zu kennen
Von den Genossen dieser Pein und Schmach. - Drauf Herr Brunett: "Gut ist es, ein’ge nennen,
So wie von andern schweigen löblich scheint,
Auch würd’ ich nicht von allen sagen können. - Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint
Von großem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den jeder nun beweint. - Franz von Accorso geht in diesen Scharen,
Auch Priscian, und war dir’s nicht zu schlecht,
Vorhin so schnöden Aussatz zu gewahren, - So sahst du jenen, den der Knechte Knecht
Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen,
AIIwo der Tod sein toll Gelüst gerächt. - Gern sagt’ ich mehr – doch mit dir gehn und sprechen
Darf ich nicht länger, denn schon hebt sich dicht
Ein neuer Rauch auf jenen sand’gen Flächen. - Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht
Geschieden hat – Mein
Schatz sei dir empfohlen,
Ich leb’ in ihm noch – mehr begehr’ ich nicht." - Hier wandt’ er sich, die andern einzuholen,
Wie nach dem Ziel mit grünem Tuch geziert.
Der Veroneser läuft mit flücht’gen Sohlen, - Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert
Sechzehnter Gesang
- Ich war am Ort, wo’s widerhallend brauste
Vom Wasser, das da stürzt’ ins nächste Tal,
Als ob ein Schwarm von Bienen summt’ und sauste; - Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,
Und trennten sich von einer größern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Qual, - Und schrien: "Halt du, wir sehn es am Gewande
Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnöden Vaterlande." - Ach, alt’ und neue Wunden, eingeätzt
Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und noch voll Mitleid denk’ ich ihrer jetzt. - Mein Meister horcht’ auf dieses Schmerzgekreische
Und sah mich an und sprach: "Hier harren wir!
Bedenke jetzt, was Höflichkeit erheische. - Denn wäre nicht der Feuerregen hier,
Nach der Natur des Orts, so würd’ ich sagen:
Die Eile zieme, mehr als ihnen, dir." - Ich stand und hörte neu ihr altes Klagen;
Zu uns gekommen waren alle nun,
Da sah ich sie sich selbst im Kreise jagen. - Wie nackende gesalbte Kämpfer tun,
Die Griff und Vorteil zu erforschen pflegen,
Indessen noch die Püff’ und Stöße ruh’n; - So sah ich sie im Kreise sich bewegen,
Mir immerdar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fuß an Richtung sich entgegen. - Und einer sprach: "Wenn dieser lockre Sand
Und unsre Not uns nicht verächtlich machte.
Und unsre Haut, so rußig und verbrannt, - Dann unser Flehn, ob unsers Rufs, beachte;
Sprich, wer bist du? Wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hölle brachte? - Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,
Muß er auch nackt hier und geschunden rennen.
Von höherm Range wohl, als du vermeinst. - Wer hörte nicht Gualdradas Enkel nennen,
Den Guidoguerra, dessen Schwert und Geist
Wohl Puglia und Florenz als tüchtig kennen? - Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,
Tegghiajo ist’s, des Rat man noch auf Erden,
Obwohl man ihm nicht folgt’, als heilsam preist. - Ich, ihr Genoss’ in schrecklichen Beschwerden,
Bin Jakob Rusticucci, und mich ließ
Mein böses, wildes Weib so elend werden." – - Wenn irgend was vor’m Feuer Schutz verhieß.
So stürzt’ ich gern mich unter sie hernieder,
Auch litt, so glaub’ ich, wohl mein Meister dies. - Allein verbrannt hätt’ ich auch meine Glieder,
Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder. - "Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt,"
Begann ich, "nur des Leids für euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust. - Ich fühlt’ es, als mein Herr mir Worte sagte,
Durch welche mir es deutlich ward und klar,
Daß, wer hier komme, hoch auf Erden ragte. - Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdar
Wird eures Tuns ruhmvoll Gedächtnis schwinden,
Das immer mir auch lieb und teuer war. - Ich ließ’ die Gall, um süße Frucht zu finden,
Die mein wahrhafter Führer prophezeit,
Doch muß ich erst zum Mittelpunkt mich winden." - "Soll lang’ noch deine Seele das Geleit
Der Glieder sein," so sprach nun er dagegen,
"Soll leuchten noch dein Ruf nach deiner Zeit, - So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,
Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmut?
Sind sie verbannt und völlig unterlegen? - Denn Borsiere, welcher diese Glut
Seit kurzem teilt, und dort mit andern schreitet,
Erzählt’ uns manches, was uns wehe tut! –" - "Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet
Zu Unmaß dich und Stolz, der dich betört,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!" - Ich rief’s, das Aug’ emporgewandt, verstört.
Starr sah’n die drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anstarrt, wenn man Wahrheit hört. - "Wir wünschen Glück, wenn du so wohlfeil jeden
Abfert’gen kannst," war aller Gegenwort,
"Und dir’s bekommt, nach Herzenslust zu reden. - Entkommst du einst aus diesem dunkeln Ort
Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort, - Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!" -
Hier aber brachen sie den Kreis und floh’n
Voll Eil’ und wie mit Flügeln an den Füßen. - Eh’ man ein Amen ausspricht, waren schon
Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden.
Drum ging sogleich mein Meister auch davon. - Ich folgt’ ihm nach, um Weitres zu erkunden,
Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, daß wir uns sprechend kaum verstunden. - Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,
Des Fluten ostwärts vom Berg Veso toben.
Vom Apennin an seinem linken Hang; - Das
stille Wasser heißt er erst dort oben,
Dann senkt er sich und wird bei Forli bald
Des ersten Namens wiederum enthoben – - Des Sturz dort ob Sankt Benedikt erschallt.
Wo seine Wellen in den Abhang brausen,
Der groß für Tausend ist zum Aufenthalt: - So brach von einem Felsenhang voll Grausen
Der rotgefärbte Fluß sich brüllend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen. - Mit einem Stricke war ich umgetan,
Und manches Mal mit diesem Gurte dachte
Ich das gefleckte Panthertier zu seh’n. - Nachdem ich los von mir den Gürtel machte,
Wie ich vom Führer mir geboten fand,
Macht’ ich ein Knäuel draus, das ich ihm brachte. - Er aber kehrte dann sich rechter Hand
Und schleuderte zum tiefen Felsenschlunde
Das Knäul hinunter ziemlich weit vom Rand. - "Entsprechend", dacht’ ich, "muß die neue Kunde
Dem neuen Wink und diesem Blicke sein,
Womit mein Meister schaut zum tiefen Grunde." - Stets präge doch der Mensch sich Vorsicht ein
Mit solchen, die des Herzens Sinn erspähen,
Und nicht sich halten an die Tat allein. - Er sprach: "Bald werden wir auftauchen sehen,
Was ich erwart’; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen." - Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt acht,
Soviel ihr könnt, euch nimmer auszusprechen,
Sonst werdet ihr ohn’ eure Schuld verlacht. - Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen
Und schwör’, o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer möge Huld und Gunst gebrechen: - Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht
Ein Bild, nach oben schwimmend, sich erheben,
Dem Kühnsten wohl ein wunderbar Gesicht – - Wie jemand kehrt, der sich hinabbegeben.
Den Anker, der im Felsenrisse steckt,
Zu lösen, wenn er sich beim Aufwärtsstreben - Von unten einzieht und nach oben streckt.
Siebzehnter Gesang
- Sieh hier das Untier mit dem spitzen Schwanze,
Der Berge spaltet, Mauer bricht und Tor!
Sieh, was mit Stank erfüllt das große Ganze! - So hob mein Führer seine Stimm’ empor
Und rief mit seinem Wink das Tier zum Rande,
Bis nah zu unserm Marmorpfade vor. - Da kam des Truges Greuelbild zum Lande
Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande. - Von Antlitz glich es einem Biedermann
Und ließ von außen Mild’ und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an. - Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren; - Vielfarbig, wie kein Werk Arachnes strahlt,
Wie, was auch Türk und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt. - Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben. - Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand, - Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Skorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwärts tragend. - Mein Führer sprach: Jetzt müssen wir uns dreh’n
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wo’s jetzo liegt, hinuntergehn. - Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer
Nur wenig Schritt’ hinab am Rande fort,
Den heißen Sand vermeidend und das Feuer. - Und unten angelangt, erkannt’ ich dort
Noch etwas vorwärts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord, - Mein Meister sprach: "Erkennen sollst du heute
Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh und sieh, was jenes Volk bedeute. - Doch kurz nur dürfen deine Worte sein.
Ich will indes mich mit dem Tier vernehmen,
Den starken Rücken uns zur Fahrt zu leih’n." - So mußt’ ich einsam mich zu geh’n bequemen
Am Rand des siebenten der Kreis’ und nahm
Den Weg zum Sitze der betrübten Schemen. - Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,
Indes die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hilfe kam. - So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde,
Wenn FIoh sie oder FIieg’ und Wespe sticht,
Jetzt mit dem einen Fuß, jetzt mit dem Munde. - Die Augen wandt’ ich manchem ins Gesicht,
Der dort im Feuer saß und heißer Asche;
Und keinen kannt’ ich, doch entging mir nicht, - Vom Halse hänge jedem eine Tasche,
Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche. - Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Tier
Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir. - Dann blickt’ ich weiter durch dies Qualgefilde,
Und sieh, ein andrer Beutel, blutigrot,
Zeigt’ eine butterweiße Gans im Bilde. - Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot
Sich dann dem Blick, und seine Stimm’ erheben
Hört’ ich den Träger: "Du hier vor dem Tod? - Fort! Fort! Doch wisse, weil du noch am Leben
Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben. - Oft schrei’n mich diese Florentiner an,
Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken:
Möcht’ aller Ritter Ausbund endlich nah’n! - Wo mag doch die Dreischnabeltasche stecken?" –
Hier zerrt’ er’s Maul schief, und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken. - Schon fürchtet’ ich, da ich so lang verzog,
Den Zorn des Meisters, der auf Eil’ gedrungen,
Daher ich schnell mich wieder rückwärts bog. - Auch fand ich, daß er schon sich aufgeschwungen
Und auf das Kreuz des Ungetüms gesetzt.
Er sprach: "Stark sei dein Mut und unbezwungen! - Hinunter geht’s auf solcher Leiter jetzt.
Steig vorn nur auf, ich will inmitten sitzen.
Daß dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt." - Wie wer mit totenkalten Fingerspitzen
Das Fieber nahen fühlt und doch nicht wagt,
Wenn er schon zitternd bebt, sich zu erhitzen, - So wurd’ ich jetzt bei dem, was er gesagt,
Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte,
Wenn ihm ein güt’ger Herr droht, unverzagt. - Drum setzt’ ich auf dem Untier mich zurechte.
Und bitten wollt’ ich (doch erstarb der Ton),
Daß er mich halten und umfassen möchte. - Doch er, der oft bei der Dämonen Droh’n
Mich unterstützt und der Gefahr entzogen,
Umfaßte mich mit seinen Armen schon. - Und sprach: "Geryon, auf! Nun fortgeflogen!
Allein bedenke, wen dein Rücken trägt,
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen." - Wie rückwärts sich vom Strand der Kahn bewegt,
Schob sich’s vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt. - Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,
Ward dieser, wie ein Aalschweif, ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen. - So, glaub’ ich, war nicht Phaethon erschreckt,
Als einst die Zügel seiner Hand entgingen,
Beim Himmelsbrand, des Spur man noch entdeckt; - Noch Icarus, als von erwärmten Schwingen
Das Wachs herniedertroff, bei Dädals Schrei’n:
Dein Weg ist schlecht, dein FIug wird nicht gelingen; - Wie ich, nichts sehend, als das Tier allein,
Und rings umher von öder Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein. - Daß wir uns langsam, langsam niederschwangen,
Im Bogenflug, bemerkt’ ich nur beim Weh’n
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen. - Rechts hört’ ich schon das Wirbeln und das Dreh’n
Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwärts, um hinabzusehn. - Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,
Bei Klag’ und Glut, die ich vernahm und sah,
Duckt’ ich mich hin und zitterte vor Grausen. - Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:
Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen.
Und sah mich überall den Qualen nah – - Gleich wie ein Falk, wenn er, nach langem Wiegen
In hoher Luft, nicht Raub noch Lockbild steht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen, - So schnell er stieg, so langsam niederzieht
Und, zürnend, wenn der Herr ihn eingeladen,
Im Bogenflug zum fernen Sitze flieht; - So setzt’ uns an den steilen Felsgestaden
Geryon ab und flog in großer Eil’,
Sobald er nur sich unsrer Last entladen, - Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.
Achtzehnter Gesang
- Ein Ort der Hölle, namens
Übelsäcken,
ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein,
So auch die Dämme, die ringsum ihn decken. - Grad’ in der Mitte dieses Lands der Pein
Gähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde.
Von dem wird seines Orts die Rede sein. - Und zwischen Höhl’ und Felswand gehn im Runde
Rings so die Dämme, daß der Täler zehn
Abschnitte bilden in dem tiefen Grunde. - Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn.
Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen
Und sicherer den Feinden widerstehn; - So war umgürtet dieser Ort der Plagen;
Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand
Aus solcher festen Schlösser Tor zu schlagen, - So sprangen Zacken aus der Felsenwand,
Durchschnitten Wäll’ und Gräben erst und gingen.
Wie Räderspeichen, bis zum Brunnenrand. - Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen,
So ging links hin mein Meister und befahl
Auch mir, auf seinen Spuren vorzudringen. - Und ganz erfüllt sah ich das erste Tal
Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen.
Von neuen Peinigern und neuer Qual. - Es waren nackte Sünder in den Tiefen,
Geteilt, denn hier zog gegen uns die Schar,
Und dort mit uns, nur daß sie schneller liefen; - Gleichwie man pflegt in Rom beim Jubeljahr
Zum Übergang die Brücke herzurichten
Ob übergroßen Andrangs, also zwar, - Daß hier gewendet sind mit den Gesichten,
Die zu Sankt Peter wallen, nach dem Schloß,
Die andern dort sich nach dem Berge richten. - Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein Troß
Von Teufeln nach, von schrecklichen, gehörnten.
Die schlugen wild auf sie von hinten los. - Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten!
Wie sie, nicht harrend auf den zweiten Hieb,
Mit jähen, langen Sprüngen sich entfernten! - So fiel auf einen, den die Geißel trieb,
Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte,
Daß er nicht fremd mir auf der Erde blieb. - Scharf blickt’ ich hin, damit ich ihn betrachte,
Auch hielt mein Führer an, der’s zugestand,
Daß ich zurück erst ein’ge Schritte machte. - Zwar sucht’ er, bodenwärts den Blick gewandt,
Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen,
Doch rief ich, da ich dennoch ihn erkannt: - "Wenn deine Züge nicht zum Irrtum reizen,
So mein’ ich, daß du Venedigo seist;
Doch weshalb steckst du so in scharfen Beizen?" - "Nur ungern sag’ ich’s," sprach er drauf, "doch reißt
Dein klares Wort mich hin, das mich bezwungen,
Weil’s alte Zeit zurückführt meinem Geist. - Ich bin’s, der in Ghifolen so gedrungen,
Daß sie nach des Markgrafen Willen tat,
Wie ganz entstellt auch das Gerücht erklungen. - Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad
An diesen Qualort so viel Volk gekommen,
Als jetzo diese Stadt kaum Bürger hat. - Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,
So denk’, um sicher auf mein Wort zu bau’n.
Wie Habsucht uns die Herzen eingenommen." - Sprach’s, und ein Teufel kam, um einzuhau’n,
Mit hochgeschwungner Geißel her und sagte:
"Fort, Kuppler, fort, hier gibt’s nicht feile Frau’n." - Zum Führer ging ich, da ich bebt’ und zagte,
Und bald gelangten wir an einen Ort,
Wo aus der Wand ein Felsen vorwärts ragte. - Und dieser Zacken dient’ als Brücke dort;
Leicht klommen beide wir hinauf und zogen
Rechts hin aus jenen ew’gen Kreisen fort. - Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen
Sich höhIt’ und Durchgang der Gepeitschten war,
Sprach er: "In gleicher Richtung fortgezogen, - Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schar,
Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen.
ietzt aber nimm die Angesichter wahr." - Wir blieben nun am Rand der Brücke stehen
Und sah’n den Schwarm, der uns entgegensprang,
Denn eilig hieß die Geißel alle gehen. - Da sprach mein Hort: "Sieh, noch mit Stolz im Gang,
Den Großen, der sich keine Klag’ erlaubte,
Dem aller Schmerz noch keine Trän’ entrang. - So königlich noch an Gestalt und Haupte!
Der Jason ist’s, der durch Verstand und Mut
Das Widdervlies dem Volk von Kolchis raubte. - Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wut
Die Frau’n, die glühend Eifersucht durchzuckte,
Vergossen hatten aller Männer Blut; - Wo er durch Worte, täuschend ausgeschmückte.
Berückt HypsipyIen, das junge Herz,
Die alle Frau’n von Lemnos erst berückte. - Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz.
Dies bracht’ ihn her; und gleiche Straf’ erheischen
Medeas Leiden, einst ihm Spiel und Scherz – - Auch gehn mit ihm, die gleicherweise tauschen.
Allein dies sei vorn ersten Tal genug
Und denen, so die Geißeln drin zerfleischen." - Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug
Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen
Der Dämme, hier den andern Bogen schlug. - Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,
Und Leute sah’n wir tief im Grunde sich
Laut schnaufend mit den flachen Händen schlagen. - Der Dämme Seiten waren schimmelig
Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte.
Für Aug’ und Nase feindlich widerlich. - Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte;
Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,
Bis ich des Felsenbogens Höh’ erstrebte. - Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt.
Sah ich viel Leut in tiefem Kote stecken,
Und, wie mir’s vorkam, war es Menschenmist. - Ich forscht’ und sah ein Haupt sich vorwärts strecken,
Doch ganz beschmutzt mit Kot, drum könnt’ ich nicht,
Ob’s Lai’, ob Pfaffe sei, genau entdecken. - Da schrie er her: "Was bist du so erpicht,
Mich mehr als andre Schmutz’ge zu gewahren?"
Und ich: "Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht - Bereits gesehm, allein mit trocknen Haaren.
Alex, Interminei heißest du,
Drum seh’ ich mehr auf dich als jene Scharen." - Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu:
"Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle,
Die ich dort übte sonder Rast und Ruh’." - Da sprach zu mir mein guter Meister: "Stelle
Dich etwas vor, und in die Augen fällt
Dir eine schmutz’ge Dirn’ an jener Stelle. - Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt
Mit kot’gen Nägeln, jetzt aufs neue greulich
im Mist versinkt und jetzt sich aufrecht stellt, - Die Hure Thais ist’s, jetzt so abscheulich.
Fragt’ einst ihr Buhl: "Steh’ ich in Gunst bei dir?"
Versetzte sie: "Ei, ganz erstaunlich! Freilich!" - Doch sei gesättigt unsre Schaulust hier.
Neunzehnter Gesang
- Simon Magus, ihr, o Arme, Blöde,
Die, was der Tugend ihr vermählen sollt.
Die Dinge Gottes, räuberisch und schnöde, - Ihr euch erbuhlt durch Silber und durch Gold,
Von euch soll jetzo die Posaun’ erschallen;
Euch zahlt der dritte Sack der Sünden Sold. - Erstiegen hatten wir die Felsenhallen
Des Stegs, von welchem mitten in den Schoß
Des nächsten Schlunds die Blicke senkrecht fallen. - Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß
Im Himmel, auf der Erd’, im Höllenschlunde,
Und wie gerecht verteilst du jedes Los! - Ich sah dort an den Seiten und im Grunde
Viel Löcher im schwarzbläulichen Gestein,
Gleich weit und sämtlich ausgehöhlt zum Runde. - Sie mochten so, wie jene, wo hinein
Beim Taufstein Sankt Johanns die Täufer treten,
Und enger nicht, doch auch nicht weiter sein. - Eins dieser sprengt’ ich einst, weil ich in Nöten
Ein halbersticktes Kindlein drin entdeckt;
So sei’s besiegelt, so will ich’s vertreten; - Ich sah, daß sich, aus jedem Loch gestreckt,
Zwei Füß’ und Beine bis zum Dicken fanden,
Der andre Leib blieb innerhalb versteckt; - Sah, wie die Sohlen beid’ in Flammen standen,
Und sah die Knorren zappeln und sich dreh’n
So stark, daß sie wohl sprengten Kett’ und Banden. - Wie wir’s an ölgetränkten Dingen sehn,
Wo obenhin die Flammen flackernd rennen,
So von der Ferse dort bis zu den Zeh’n. - "Gern, Meister," sprach ich, "möcht’ ich
diesen kennen.
Der wilder zuckt als die, so ihm gesellt,
Und dessen beide Sohlen röter brennen." - Und er: "Ich trage dich, wenn dir’s gefällt,
Arn schiefen Hang hinab – er wird dir zeigen,
Wer einst er war, und was im Loch ihn hält." - Drauf ich: "Du bist der Herr, und mein Bezeigen
Folgt dem gern, was mir als dein Wille kund,
Und du verstehst mich auch bei meinem Schweigen." - Drauf ging’s zum vierten Damm, und links zum Schlund
Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden
In den durchlöcherten und engen Grund. - Er ließ mich nicht von seiner Hüfte scheiden,
Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort
Des, der da weinte mit den Füßen beiden. - "Du, mit dem Obern unten," sprach ich dort,
"Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde:
Wer bist du? Sprich, ist dir vergönnt dies Wort." - Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde
Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch,
Ihn rückruft, daß der Tod noch Aufschub finde. - Da schrie er: "Bonifaz, so kommst du doch,
So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden?
Und man versprach dir manche Jahre noch? - Schon satt des Guts, ob des mit frechen Händen
Du trügerisch die schöne Frau geraubt,
Um ungescheut und frevelnd sie zu schänden?" - Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,
Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen.
Und sich beschämt kein Gegenwort erlaubt. - Da sprach Virgil: "Was stehst du so beklommen?
Sag’ ihm geschwind, daß du nicht jener seist,
Den er gemeint!" – Ich eilt’, ihm nachzukommen. - Die Fuße nun verdrehte wild der Geist
Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen:
"Was also ist’s, das so dich fragen heißt? - Doch standest du nicht an, dich herzuwagen.
Um mich zu kennen, wohl, so sag’ ich dir,
Daß ich den großen Mantel einst getragen. - Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll Gier
Fürs Wohl der Bärlein, und für diese steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier. - Auch unter meinem Haupt gibt’s viel Versteckte.
Dort, durchgepreßt durch einen Felsenspalt,
Sind, die vor mir die Simonie befleckte. - Und dort hinab versink’ auch ich, sobald
Der kommt, für welchen ich dich angesehen.
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt; - Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,
Die Füße brennend, köpflings eingesteckt,
Fest eingepfählt in diesem Loche stehen. - Denn nach ihm kommt, zu schlechter’m Werk erweckt,
Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen,
Das, wie sich ziemt, mich und auch ihn bedeckt. - Ein neuer Jason ist’s, von dem zu lesen
Im Makkabäerbuch, dem Philipp wird.
Was diesem einst Antiochus - Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,
Auf solche Red’ ihm
dieses zu versetzen:
"Sprich, was verlangt’ einst unser Herr und Hirt, - Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,
Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleih’n?"
Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen - Was trug’s dem Petrus und den andern ein.
Als man durch Los einst den Matthias kürte
Statt dessen, der ein Raub ward ew’ger Pein? - Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte;
Betrachte nur das schlechterworbne Geld,
Das gegen Karl’n zur Kühnheit dich verführte. - Und nur weil Ehrfurcht meine Zunge hält
Für jene Schlüssel, die du einst getragen,
Da du gewandelt in der heitern Welt, - Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:
Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist.
Die Guten sanken und die Schlechten ragen. - Euch Hirten meinte der Evangelist
Bei ihr, die sitzend auf den Wasserwogen
Mit Königen zu huren sich vermißt. - Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen,
Sie hatt’ in zehen Hörnern Kraft und Macht,
Solang der Tugend ihr Gemahl gewogen. - Eu’r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht.
Wohl besser sind die, so an Götzen hangen,
Die einen haben, wo ihr hundert macht. - Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen,
Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut
Der erste reiche Papst von dir empfangen!" - Indes ich also sprach mit keckem Mut,
Da, sei’s daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte.
Verdreht er beide Bein’ in großer Wut. - Doch schien’s, daß es dem Führer wohlbehagte;
So stand er dort, zufrieden, aufmerksam.
Als ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte; - Worauf er mich mit beiden Armen nahm,
Und als er mich an seine Brust gewunden,
Den Weg zurückestieg, auf dem er kam. - Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden.
Mich auf des Bogens Höhe sonder Rast,
Durch den der viert’ und fünfte Damm verbunden. - Dort setzt’ er sanft zu Boden meine Last,
Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen,
Zum Wege kaum für eine Ziege paßt; - Da ward ein andres Tal mir aufgeschlossen.
Zwanzigster Gesang
- Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt.
Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff
Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt. - Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff
Und spähte scharf hinab zum offnen Schlunde,
Der ganz von angsterpreßten Zähren troff. - Viel Leute gingen langsam in der Runde,
So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt.
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde. - Als tiefer ich auf sie den Blick gesenkt,
Sah ich – ein Wunder scheint es und erdichtet –
Vorn Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt, - Das Angesicht zum Rücken hin gerichtet;
Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn,
Und ihnen war das Vorwärtsschau’n vernichtet. - So soll der Fallsucht Krampf das Haupt verdreh’n,
Wie man erzählt in wunderlichen Sagen,
Doch glaub’ ich’s nicht, da ich es nie gesehn. - Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen,
So frage selber dich, wie mir geschah,
Ob ich nicht weinen mußt’ und ganz verzagen, - Als ich des Menschen Ebenbild so nah
Verrenkt, verdreht und von der Augen Tränen
Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah? - Wahr ist’s, auf eine von den Felsenlehnen
Stand ich gestützt und weinte ganz verzagt;
Da sprach mein Herr: "Willst du, gleich Toren, wähnen? - Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt.
Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmähen
Durch sein Bedauern Gottes Urteil wagt? - Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen,
Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang;
Drob alle schrien: Wohin? Was ist geschehen? - Amphiaraus, wird der Kampf zu lang? –
Doch stürzt’ er fort und fort im tiefen Schachte,
Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang. - Schau’, wie er ihm die Brust zum Rücken machte!
Schau’, wie er rückwärts schreitet, rückwärts steht,
Weil er zu weit voraus zu sehen dachte. - Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.
Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe
Verwandelt in ein Weib an jedem Glied. - Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe
Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein,
Damit er wieder Mannsgestaltung habe. - Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,
Nah angedrängt an ihn, des Aruns Schatte,
Der lebend einst in Lunis Felsenreih’n - Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte,
Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand
Und zu den Sternen freien Blick gestatte. – - Die mit den wilden Haaren ohne Band
Die Brüste deckt, die sich nach hinten kehren,
Was sonst behaart ist, hinterwärts gewandt. - War Manto, die in Ländern und auf Meeren
Umirrte bis zum Ort, der mich gebar.
Von dieser will ich näher dich belehren. - Nachdem der Welt entrückt ihr Vater war
Und Bacchus’ Stadt verfiel in Sklavenbande,
Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr. - Ein See liegt an des schönen Welschlands Rande,
Am Fuß des Alpgebirgs, das Deutschland schließt,
Benaco heißend, beim Tiroler Lande. - Zwischen Camonica und Gard’ ergießt,
Und Apennin, sich Flut in tausend Bächen,
Die in besagtem See zusammenfließt. - Inmitten aber liegen ebne Flächen,
Und drei verschiedne Hirten könnten dort
Auf einem Grenzpunkt ihren Segen sprechen. - Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort
Um Bergamo von Brescia abzuschneiden,
Und rings geht flacher dann die Gegend fort. - Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden,
Das nicht mehr Raum in seinem Schoß gewinnt,
Und strömt als Fluß herab durch grüne Weiden. - Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,
Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten
Bis nach Governo, wo’s im Po verrinnt. - Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,
Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut,
Der bösen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten. - Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,
Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben.
Entblößt von Leuten und unangebaut, - Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben.
Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei
Und lebt’ und ward in diesem Land begraben. - Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei.
Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen,
Und sah’n, daß durch das Moor kein Zugang sei, - Sich auf dem Grabe Mantos niederließen,
Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt,
Die Stadt, ohn’ andres Zeichen, Mantua hießen. - Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt,
Eh’ Pinamont, den Toren zu betrügen.
Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt. - Drum merke wohl, und sollt’ es ja sich fügen,
Daß Mantuas Ursprung man nicht so erklärt,
So laß der Wahrheit nichts entzieh’n durch Lügen." - Und ich: "Mein Meister, was dein Wort mich lehrt.
Ist mir gewiß und dient zu meinem Frommen,
All andres ist nur tote Kohl’ an Wert. - Doch sprich, von diesen, die uns näher kommen,
Ist irgend wer bemerkenswerter Art?
Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen." - Und er: "Des Augurs Trug hat der, des Bart
Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben,
Als Griechenland so leer an Männern ward, - Daß Knaben kaum noch für die Wiegen blieben.
In Aulis sagt’ er da mit Kalchas wahr,
Zeit sei’s, daß sie das erste Tau zerhieben. - Kund tut mein tragisch Lied dir, wer er war.
Du wirst dich des Eurypylus entsinnen,
Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar. - Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen.
Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt
Und solches Spiel verstanden zu gewinnen. - Bonatti sieh – Asdent, den’s jetzo kränkt.
Allein zu spät, daß er in eitlem Trachten
Dort nicht auf seinen Leisten sich beschränkt. - Sich Vetteln, die statt Spill’ und Rad zu achten
Und Weberschiff, wie’s einem Weib gebührt,
Mit Kraut und Bildern Hexereien machten. - Jetzt komm! Indes ich dich hierher geführt,
Hat an der Grenze beider Hemisphären
Der Mond im Westen schon die Flut berührt. - Du sahst ihn gestern völlig sich erklären
Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald
Verschiedne Mal’ willkommnes Licht gewähren." - Er sprach’s, doch gingen wir ohn’ Aufenthalt.
Einundzwanzigster Gesang
- So ging’s von Brück’ auf Brück’, in manchem Wort,
Das ich zu sagen nicht für nötig halte;
Und oben, an des Bogens höchstem Ort, - Verweilten wir ob einer neuen Spalte
Und hörten draus den eitlen Laut der Qual
Und sah’n, wie unten tiefes Dunkel walte. - Gleich wie man in Venedigs Arsenal
Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen,
Womit das lecke Schiff, das manches Mal - Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,
Kalfatert wird – da stopft nun
der in Eil
Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen, - Der klopft am Vorder-,
der am Hinterteil
Der ist bemüht, die Segel auszuflicken,
Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil; - So ist ein See von Pech dort zu erblicken,
Das kocht durch Gottes Kunst, und nicht durch Glut,
Des Dünste sich am Strand zum Leim verdicken. - Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut,
Die jetzt sich senkt’ und jetzt sich wieder blähte.
Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud. - Indes ich scharfen Blicks hinunterspähte,
Zog mich, indem er rief: "Hab’ acht! Hab’ acht!"
Mein Meister zu sich hin von meiner Stätte. - Da wandt’ ich mich, gleich einem, den mit Macht
Die Neugier zieht, das Schreckliche zu sehen,
Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht, - Doch, um zu schau’n, nicht zögert, fortzugehen.
Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang
Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen. - Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang,
Wie wild er schien, wie froh in andrer Schaden!
Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang, - Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen
Mit einem Sünder her, der oben ritt,
Und mit den Klauen packt’ er seine Waden. - "Von Lucca bring’ ich einen Ratsherrn mit" –
Schrie er, "auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen!
Und jene Stadt ist wohlversehn damit, - Drum hoI’ ich gleich noch mehr von solchen Fratzen.
Gauner sind alle dort, nur nicht Bontur,
Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen." - Hinunterwarf er noch den Sünder nur,
Und rannte gleich zurück in solcher Eile,
Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr. - Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile,
Da schrien die Teufel unten: "Fort mit dir,
Hier dient kein Heil’genbild zu deinem Heile. - Ganz anders als in Serchio schwimmt man hier.
Und sollen dich nicht unsre Haken packen.
So bleib im Peche nur, sonst fassen wir." - Gleich stießen sie mit tausend scharfen Zacken
Und schrien: "Dein Tänzchen mache hier versteckt.
Such’ unten einem etwas abzuzwacken." - Nicht anders macht’s ein Koch, wenn er entdeckt.
Das Fleisch im Kessel komm’ emporgeschwommen,
Und schnell es mit dem Haken untersteckt. - Virgil sprach: "Geh, eh’ sie dich wahrgenommen.
Und ducke dich bei jener Felsenbank;
Durch diese wirst du ein’gen Schirm bekommen. - Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank
Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige.
Denn früher war ich schon in solchem Zank." - Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige,
Und wie er hingelangt zum sechsten Strand,
Tat’s not ihm, daß er sichre Stirne zeige. - Denn wie in Sturm und Wut hervorgerannt,
Die Haushund’ auf den armen Bettler fallen.
Wenn er am Haus, laut flehend, stillestand; - So stürzten jen’ aus dunkeln Felsenhallen
Und streckten all auf ihn die Haken hin,
Er aber schrie: "Zurück jetzt mit euch allen. - Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?
Doch tret erst einer vor, um mich zu sprechen,
Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin." - "Geh vor denn, Stachelschwanz." So schrien die Frechen,
Und einer kam, die andern blieben stehn –
Und fragte, wie er wag’, hier einzubrechen? - "Wie", sprach mein Meister, "würdest du mich sehn.
Wie würd’ ich wagen, je hier einzudringen,
War’ ich auch sicher, euch zu wiederstehn, - Wenn’s Gott und Schicksal also nicht verhingen?
Drum laß mich zieh’n, der Himmel will, ich soll
Als Führer einen durch die Hölle bringen." - Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl,
Ihm aus der Hand, so hatt’ ihn Furcht durchschauert.
"Gesellen," rief er aus, "laßt euren Groll!" - "Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert,"
Rief nun mein Meister, "eile zu mir her,
Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert." - Und vorwärts trat ich und kam schnell daher,
Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren,
Als gelte nichts die Übereinkunft mehr; - Und war voll Schrecken, wie Capronas Scharen,
Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah.
Als sie die Festung übergeben, waren. - Fest drängt’ ich mich an meinen Führer da
Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,
Aus denen ich nichts Gutes mir ersah. - Und diese Rede hört’ ich zwischen ihnen:
"Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? Sprich!"
Der andre: "Ja, du magst ihn nur bedienen!" - Doch jener Geist, der mit dem Meister sich
Besprochen, wandte schleunig sich zurücke
Und rief: "Still, Raufbold, ruhig halte dich." - Und dann zu uns: "Auf diesem Felsenstücke
Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund
Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke. - Und wollt ihr fort, geht oben, längs dem Schlund,
Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen
Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund. - Denn gestern, um euch alles anzusagen,
War’s just zwölfhundertsechsundsechzig Jahr,
Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen. - Dorthin entsend’ ich ein’ge meiner Schar,
Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren; ,
Mit ihnen geht und fürchtet nicht Gefahr. - Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren;
Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,
Du, Sträubebart, sollst alle zehen führen. - Auf, Drachenblut, Kratzkrall’ und Eberzahn,
Scharfhaker, und auch du, Grimmrot der Tolle,
Und Firlefanz, schickt euch zum Wandern an. - Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle,
Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit
Bis zu der nächsten Brücke reisen solle." - "Ach, guter Meister," rief ich, "welch Geleit?
Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,
Und bin mit dir allein zu gehn bereit. - Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gären,
Wie sie die Zähne fletschen und mit Droh’n
Nach uns die tiefgezognen Brauen kehren." - Und er zu mir: "Nicht fürchte dich, mein Sohn,
Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken,
Sie tun dies nur zu der Verdammten Hohn" - Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken,
Nachdem vorher die Zunge jeder wies,
Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken, - Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.
Zweiundzwanzigster Gesang
- Schon sah ich Reiter aus dem Lager zieh’n,
Die Must’rung machen, in die Feinde brechen,
Auch wohl sich schwenken und zurückeflieh’n; - Von Streifpartei’n sah ich in euren Flächen,
Ihr Aretiner, einst euch hart bedroh’n;
Sah Festturnier und große Lanzenstechen; - Drommeten hört’ ich, Trommeln, Glockenton,
Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,
Und fremd’ und heimische Signale schon; - Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen
Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß,
Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen. - Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß,
Doch wußt’ ich, daß man Säufer in den Schenken
Und Beter in den Kirchen suchen muß, - Auch war aufs Pech gerichtet all mein Denken,
Um ganz des Orts Bewandtnis zu erspäh’n.
Und welche Leut’ in diese Glut versänken. - Wie die Delphine, die vor Sturmesweh’n
Mit den gebognen Rücken oft verkünden,
Zeit sei’s, sich mit den Schiffen vorzusehn; - So, um Erleichterung der Qual zu finden,
Taucht’ oft ein Sünderrücken auf und schwand
Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden. - Und wie die Frösch’ an eines Grabens Rand
Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,
Die Schnauzen nur nach außen hingewandt; - So sah man jen’ hervor die Mäuler strecken,
Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut,
Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken. - Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,
Nur einen harren, wie, wenn all entsprangen.
Ein einzler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut. - Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen,
Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar
Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen. - Ich wußte schon, wie jedes Name war
Von ihrer Wahl und, daß mir nichts entfalle.
Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr. - "Frisch, Grimmrot, mit den scharfen Klauen falle
Auf diesen Wicht und zieht ihm ab das Fell."
So schrien zusammen die Verfluchten alle. - Und ich: "Mein Meister, o erforsche schnell,
Wer hier in seiner Feinde Hand gerate?
Wer ist wohl der unselige Gesell?" - Worauf mein Führer seiner Seite nahte,
Ihn fragend, wer er sei, wo sein Geschlecht?
"Ich bin gebürtig aus Navarras Staate. - Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,
Weil sie von einem Prasser mich geboren,
Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht. - Zum Freunde dann vom Theobald erkoren,
Dem guten König, trieb ich Gaunerei.
Jetzt leg’ ich Rechnung ab in diesen Mooren." - Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei
Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen,
Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei. - Die Maus war in den Krallen arger Katzen,
Doch Sträubebart umarmt’ ihn fest und dicht
Und rief: "Ich halt’ ihn, fort mit euren Tatzen." - Und zu dem Meister kehrt’ er das Gesicht.
"Willst du, bevor die andern ihn zerreißen,
Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht." - Mein Führer: "Sprich, wie andre Sünder heißen,
Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?"
Und jener sprach: "Mir war dort in der heißen - Pechflut vor kurzer Zeit noch einer nah!
Was mußt ich doch darüber mich erheben,
Da ich dort nichts von Klau’n und Haken sah!" - "Wir haben’s schon zu lange zugegeben!"
Scharfhaker schrie’s und hakt auf ihn hinein,
Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben. - Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,
Allein der Hauptmann blickt’ auf seine Scharen
Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein. - Da wandte sich, sobald sie stille waren,
Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied
Herniedersah, um mehr noch zu erfahren. - "Wer ist’s, von dem dein Mißgeschick dich schied,
Als du dich nach der Oberfläch’ erhoben?" –
"Der von Gallura ist’s, der Mönch Gomit. - Im Trug bestand er all und jede Proben,
Des Herrschers Feinde hielt er im Verlies
Und tat mit ihnen, was sie alle loben, - Geld nahm er, wie er selber sagt, und ließ
Sie sachte zieh’n, er, der in Amt und Ehren
Sich sonst als Schelm nicht klein, nein groß erwies. - Viel pflegt’ mit ihm Herr Zanche zu verkehren
Von Logodor – sie schwatzen immerfort.
Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären. - Ach, Seht, wie fletscht die Zähne jener dort!
Gern sprach’ ich mehr, doch würd’ er mich kuranzen!
Er droht ja wütend schon bei jedem Wort." - Doch Sträubebart, gewandt zu Firlefanzen,
Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:
"Verdammter Vogel, wirst du rückwärts tanzen?" - "Willst du," begann der bange Wicht nunmehr,
"Willst du Toskaner und Lombarden sehen?
Ich schaffe sie dir nach Belieben her, - Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen.
Und deren Rache sie nicht zittern macht.
Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen, - Und locke doch dir leicht statt eines acht,
Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,
Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht." - Da streckt’ ihm Bluthund seine Schnauz’ entgegen
Und schrie kopfschüttelnd: "Hört die Büberei!
Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen." - Allein der Sünder, reich an Schelmerei,
Sprach: "Wahrlich, bübisch bin ich wohl zu nennen.
Denn zu der Meinen Unglück trag’ ich bei." - Und Senkflug wollt ihm den Versuch vergönnen;
"Springst du," hob er mit jenen uneins an,
"So werd’ ich nicht zu Fuße nach dir rennen. - Nein, überm Pech schlag’ ich die Flügel dann.
Laßt Platz uns hinter diesem Damme nehmen,
Zu sehn, ob mehr als wir der eine kann." - Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen.
Die Blicke wandten sie, und sehr bereit
War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen. - Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit,
Stemmt’ ein die Fuß’ und war mit einem Satze
Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit. - Dort standen alle mit verblüffter Fratze.
Und jener, der die Schuld des Fehlers trug,
Flog nach und schrie: "Du bist in meiner Tatze!" - Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.
Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,
Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug. - So taucht die Ente vor dem Falken nieder,
Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich
Zur Luft empor das sträubende Gefieder. - Eistreter kam, wie jener sank, sogleich
Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen
Und fiel, erbost von diesem Narrenstreich, - Mit seinen scharfen Klau’n auf den Genossen,
Und beide hielten überm Pech voll Wut
In wilder Balgerei sich fest umchlossen. - Doch braucht’ auch jener seine Krallen gut.
Und beide stürzten bald zu den Bepichten,
Die sie bewachten, in die heiße Flut. - Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,
Doch, ganz bepicht das rasche Flügelpaar,
Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten. - Und Sträubebart, der sehr betreten war,
Ließ vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen.
Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar, - Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen.
Wo jeder den Besalbten Hilfe bot,
Doch sahn wir sie gekocht im Sude liegen - Und ließen sie in dieser großen Not.
Dreiundzwanzigster Gesang
- Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet.
Ich hinterdrein, der Meister mir voraus,
Wie auf dem Weg ein Franziskaner schreitet. - Mir mußte wohl der Teufel wilder Strauß
Äsopens Fabel ins Gedächtnis bringen,
Worin er spricht vom Frosch und von der Maus. - Denn wer Beginn und Schluß von beiden Dingen
Mit reiflicher Erwägung wohl verglich,
Dem konnte
Jetzt und
Itzt nicht gleicher klingen. - Und wie aus einem der Gedanken sich
Der zweit’ entspinnt, so mußt’ ich weiterdenken,
Und doppelt faßte Furcht und Schrecken mich. - Ich dachte so:
Die sind in ihren Ränken
Durch uns gestört, beschädigt und geneckt
Und müssen drob sich ärgern und sich kränken. - Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,
So werden sie uns nach im Fluge brausen,
Wie wild ein Hund sich nach dem Hafen streckt. - Schon fühlt’ ich mir das Haar gesträubt vor Grausen,
Und rückwärts lauschend, rief ich: "Meister, flieh!
Verbirg uns wo in diesen FeIsenklausen. - Die Grimmetatzen kommen schon. O sieh,
Sie kommen schon mit einem ganzen Heere!
So, wie ich sie mir denke, fühl’ ich sie!" - Und er zu mir: "Wenn ich ein Spiegel wäre,
Kaum faßt’ ich doch dein äußres Bild so klar.
Als ich dein inneres mir leicht erkläre. - Jetzt aber nimmst auch du mein Innres wahr
Und kommst mir selber schon mit dem entgegen,
Was für uns beid’ in mir beschlossen war. - Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,
Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann,
So sollen sie umsonst die Flügel regen." - Kaum sprach er’s, als die Teufelsjagd begann,
Und mit gespreizter Schwing’, um uns zu fangen.
Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran. - Mein Führer eilte nun, mich zu umfangen,
Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos
Und nahe sieht die Flammen aufgegangen, - Ihr Kind erfaßt und, nur um dessen Los
Bekümmert, nicht um ihr’s, enteilt ins Weite
Entkleidet noch und bis aufs Hemde bloß. - Daß er herab am harten Felsen gleite,
Streckt er sich rücklings an den steilen Hang,
Der jenen Sack verstopft von einer Seite. - Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm Drang
Aufs Mühlenrad durch seine Rinn’ ergossen,
Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang, - Von jenem Felsenhang herabgeschossen,
Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt
Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen. - Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest,
So hörten wir sie über jenem Grunde,
Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer läßt - Die ew’ge Vorsicht, die im fünften Runde
Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt,
Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde. - Getünchte Leute sahn wir unten jetzt
Im Kreise zieh’n mit langsam-schweren Tritten,
Matt und erschöpft, von Tränen ganz benetzt. - Verhüllt die Augen von Kapuzen, schritten
Sie träg dahin in Kutten, gleich der Tracht
Der Mönch’ in Köln am Rheine zugeschnitten; - Gold außen, blendend durch des Glanzes Pracht,
Von innen Blei, schwer, daß von Stroh erscheinen,
Die Friedrich für den Hochverrat erdacht. - O Mantel, lastend unter ew’gen Peinen!
Wir gingen, folgend, zu der Rechten mit,
Aufmerksam auf ihr jammervolles Weinen. - Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,
Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten,
Ein neuer Sünder durch das Dunkel schritt. - Ich sprach: "Oh sieh dich um! ist wohl durch Taten
Und Namen mir von diesen wer bekannt?
Und sage mir’s, sobald wir einem nahten!" - Und einer, der Toskanisch wohl verstand,
Rief hinter uns: "Oh bleibt ein wenig stehen,
Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land. - Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!"
Da wandte sich mein Herr und sprach: "Halt an
Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen." - Ich stand und sah nun zwei, die, um zu nah’n,
Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten.
Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn; - Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,
Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht,
Sich unter sich besprechend,
dieses sagten: - "
Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht,
Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde,
Daß der und jener ohne Bleirock geht?" - Zu mir dann: "Tusker, der du zu der Gilde
Der Heuchler kommst, zu ihrem trüben Leid,
Wer bist du? Sag’ es uns mit Huld und Milde." - Und ich: "Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit
Am Arnostrand geboren und erzogen,
Und diesen Körper trug ich jederzeit. - Doch wer seid ihr, von deren Wang’ in Wogen
Ein Tränenstrom so schmerzlich niederrinnt?
Und was hat euch solch Übel zugezogen?" - Und einer sprach: "Die gelben Kutten sind
Von Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage,
Die’s trägt, ein heulend Knarren abgewinnt. - Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage,
Ich Catalano, Loderingo er,
Von deiner Stadt erwählt an einem Tage, - Weil sich zum Friedensstifter eignet, wer
Parteilos selber ist – und wer wir waren,
Zeigt beim Gardingo noch sich ringsumher." - Und ich begann: "Das Leid, das ihr erfahren –"
Doch schwieg und mußt’ an dreien Pfählen dort
Gekreuzigt einen auf dem Grund gewahren. - Als er mich sah, verrenkt’ er sich sofort
Und haucht’ in seinen Bart mit lautem Stöhnen,
Und Bruder Catalan sprach dieses Wort: - "Der Angepfählte, dessen Klagen tönen,
Gab einst den Pharisäern diesen Rat:
Mög’ eines Tod fürs Volk den Zorn versöhnen; - Nun liegt er nackt und quer auf unserm Pfad,
Und fühlen muß er, wenn wir drüberwallen,
Wieviel Gewicht von uns ein jeder hat. - So wird sein Schwäher auch gestraft, mit allen
Vom Pharisäerrat, durch den so viel
Der schlimmen Saat für Judas Volk gefallen." - Und wie ich sah, erstaunte selbst Virgil,
Daß er gestreckt am Kreuz an diesem Orte
So schmählich lag im ewigen Exil. - Zum Bruder richtet’ er dann diese Worte:
"Sagt, wenn ihr dürft, ist rechts die Straße frei,
Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte - Zu brauchen ist zum Ausgang für uns zwei,
Ohn’ einen von den Teufeln erst zu bannen,
Daß er zum Weitergehn uns Führer sei?" - Und jener drauf: "Ihr geht nicht weit von dannen,
So seht ihr einen Stein vom großen Rund
Als Steg sich über alle Täler Spannen. - Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund,
Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen,
Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund." - Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen.
Drauf sprach er: "Mußte doch der Teufel hier
Sich wiederum in schlechtem Ratschlag zeigen." - Und jener: "In Bologna merkt’ ich’s mir,
Der Teufel sei ein Lügner stets, ein dreister,
Ja, aller Lügen Vater für und für." - Nun ging davon mit großem Schritt mein Meister
Und schien ein wenig zornig und erbost,
Und ich verließ die bleibeschwerten Geister - Und folgte der verehrten Spur getrost.
Vierundzwanzigster Gesang
- In jenem Teil vom jugendlichen Jahre,
Wo Nacht den halben Tag nur deckt, und mild
Im Wassermann erglänzen Phöbus’ Haare, - Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild
Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften
Vom Bruder Schnee ein schnellverwischtes Bild. - Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften
Gar nötig braucht, aufsteht und jeden Ort
Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften - Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort
Und weiß nicht, was zu tun vor großem Leide –
Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort. - Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;
Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide. - So staunt’ ich, daß mein Meister zornig sei,
Daß ungewohnter Mißmut ihn bedrücke;
So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei. - Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke,
Kehrt’ ihm die Huld, mit der er zu mir trat
Am Fuß des Bergs, aufs Angesicht zurücke. - Die Arme breitet’ er, nachdem er Rat
Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend,
Und dann erfaßt’ er mich mit rascher Tat. - Und wie ein Mann, der wohl auf alles achtend.
Im voraus scharf erwägt, was er vermag,
Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend, - Daß nahe dort ein andrer Zacken lag,
Und sprach: "Anklammre dich, doch wahrgenommen
Sei durch Versuch erst, ob’s dich tragen mag. - Kein Kuttenträger war’ hinaufgekommen.
Da wir, ich fortgeschoben, er so Ieicht,
Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen. - Auch hätt’ ich nimmermehr, und er
vielleicht,
Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
Das Ufer war, des Dammes Höh’ erreicht. - Doch weil sich Übelsäcken nach dem Munde
Des tiefen Brunnens hin allmählich neigt,
So liegt’s von selbst im Bau von jedem Runde, - Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt.
Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt- - Mir glühte Wang’ und Blut in solcher Hitze,
Daß ich. sobald ich mich hinaufgerafft,
Mich keuchend niederließ auf einem Sitze. - Mein Meister sprach: "Jetzt ziemt dir frische Kraft;
Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
Der unter Flaum auf weichem Pfühl erschlafft. - Und wer durchs Leben ruhmlos hingezogen,
Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen. - Drum auf! wenn Mattigkeit dich niederhält,
Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
Wenn er nicht wie der schwere Leib verfällt. - Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen;
Nicht g’nügt’s, von hier gerettet fortzuzieh’n,
Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!" – - Da stand ich auf; mehr, als ich’s fühlte, schien
Mein Odem frei, die Brust der Bürd’ enthoben,
Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kühn! - Wir gingen fort – der Fels war rauh, verschoben,
Von Höckern voll und schwierig zu begehn,
Bei weitem steiler auch, als weiter oben. - Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,
Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen,
Verworren, wild und schwierig zu verstehn. - Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,
Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand,
Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen. - Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,
Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
Drum sprach ich: "Meister, komm zum nächsten Strand - Und führe mich hinab von dieser Mauer.
Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht,
Und, sehend, unterscheid’ ich nichts genauer." - "Die Tat", sprach er mit freundlichem Gesicht,
"Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen
Zu tun, was der verständ gen Bitt’ entspricht." - Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen,
Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,
Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen. - Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut, -
Und denk’ ich heut der ekeln, mannigfachen
Scheusale noch, so starrt vor Grau’n mein Blut. - Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen,
Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
Und Vipernbrut und gift’ge Wasserdrachen. - Wie solche Pest nicht Äthiopien trägt,
So tönt am ganzen Strand kein solch Gezische,
An den die Flut des Roten Meeres schlägt. - Und unter diesem greulichen Gemische
Lief eine nackte, schreckensvolle Schar,
Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische. - Am Rücken band die Hand’ ein Schlangenpaar,
Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
Und vorn zu einem Knäu’I verschlungen war. - Da stürzt’ auf einen, den ich dort entdeckte,
Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach
Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte. - Und eh’ man Amen sagt und Oh und Ach,
Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen,
Auch schon als Staub in sich zusammenbrach. - Und wie die Glieder kaum in nichts verschwammen,
So fügte sich, gesammelt, alsobald
Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen. - So stirbt der Phönix, fünf Jahrhundert’ alt,
(Die großen Weisen sagen’s) sich bekleidend
Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt, - Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,
Von Weihrauchtränen und Amomen nur,
In einer Hüll’ aus Nard’ und Myrrhe scheidend. - Und gleich wie der, der ohne Lebensspur
Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr. - Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,
Und um sich schauend stöhnt, verwirrt,
Von großer Todesangst, die er empfunden; - So war der aufgestandne Sünder jetzt. –
Oh möge keiner Gottes Rach’ entzünden,
Der solche Streich’ in deinem Zorn versetzt! - Gebeten, seinen Namen zu verkünden,
Entgegnet’ er: "Ich bin seit kurzem hier,
Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden. - Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Tier,
Ich, Bastard Fucci, den man
Vieh benannte.
Und würd’ge Höhle war Pistoja mir." - Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:
"Er weicht uns aus – doch frag’ ihn: weshalb kam
Er hierher, da er stets von Blutdurst brannte?" - Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,
Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
Begann er nun, gedrückt von trüber Scham: - "Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet,
Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n,
Als daß ich oben meinen Lauf geendet. - Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n:
Daß ich im Heiligtum zu stehlen wagte,
Hat mich herabgestürzt in tiefres Grau’n. - Drob litten manche fälschlich Angeklagte. –
Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n,
Kommst du je fort von hier, wo’s nimmer tagte. - Drum hör’, um jetzt dein Hierein zu bereu’n:
Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,
Und dann Florenz so Volk als Sitt’ erneu’n. - Aus Nebeln, die auf Magras Tale lagen,
Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
Und Sturme tosen dann und Blitze schlagen - Auf dem Picener Feld im wilden Strauß,
Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken,
Und alle Weißen flieh’n in Angst und Graus. - Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken."
Fünfundzwanzigster Gesang
- Er sprach’s und hob die Hand’ empor mit Spott,
Ließ beide Daumen durch die Finger ragen
Und rief dann aus: "Nimm’s hin, dies gilt dir, Gott!" - Seitdem seh’ ich die Schlangen mit Behagen,
Weil gleich um seinen Hals sich eine wand,
Als sagte sie: Du sollst nichts weiter sagen. - Die zweite schlang sich um die Arm’ und band
Sie vorn, sich selbst umwickelnd, so zusammen,
Daß er nicht Raum damit zu zucken fand. - Was übergibst du dich nicht selbst den Flammen,
Pistoja, du, und tilgst dich in der Glut?
Sind Frevler alle doch, die dir entstammen? - Nie fand ich so verruchten Übermut.
Selbst Kapaneus’ gottlästerndes Erfrechen
Erhob sich nicht zu dieses Diebes Wut. - Er floh von dannen, ohn’ ein Wort zu sprechen,
Und ein Zentaur kam rennend, pfeilgeschwind,
Und schrie voll Wut: "Wo find’ ich diesen Frechen?" - Nicht glaub’ ich, daß so viel der Schlangen sind
An Tusciens Strand, als ihm am Kreuze hingen.
Bis dahin, wo des Menschen Form beginnt. - Ein Drache hielt mit ausgespreizten Schwingen
Sich an den Schultern fest und spie mit Macht
Glut auf uns alle, die vorübergingen. - Da sprach mein Meister: "Kakus ist’s, hab’ acht!
Er ist es, der so oft zu blut’gen Teichen
Die Auen unterm Aventin gemacht. - Er geht nicht einen Weg mit seinesgleichen,
Weil er als Dieb den schlauen Trug vollführt,
Mit jener großen Herde zu entweichen. - Dafür ward ihm der Lohn, der ihm gebührt,
Weil Herkuls Keul’ ihn traf mit hundert Schlägen,
Von welchen er vielleicht nicht zehn gespürt." - Enteilt war Kakus schon und uns entgegen
Herkamen drei an jenem tiefen Ort,
Doch könnt’ uns erst ihr laut Geschrei bewegen, - Auf sie hinabzuschau’n: "Wer seid ihr dort?"
Drum blieben wir in der Erzählung stehen
Und horchten hin nach dieser Schatten Wort. - Von ihnen hatt’ ich keinen je gesehen,
Da rief den andern einer dieser drei
Und nannt’ ihn, wie’s durch Zufall oft geschehen. - "Wo bleibst du, Cianfa?" rief er, "Komm herbei!"
Drum legt’ ich auf die Lippen meinen Finger,
Damit mein Führer horch’ und stille sei. - Meinst du jetzt, Leser, daß ich Hinterbringer
Von eiteln Fabeln sei, so staun’ ich nicht;
Ich sah’s, doch ist mein Zweifel kaum geringer. - Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht
Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen
Mit drei Paar Füßen her und packt’ ihn dicht. - Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen,
Indes das vordre Paar die Arm’ umfing,
Dann schlug sie ihre Zähn’ in beide Wangen. - Wie an den Lenden drauf das Hintre hing,
Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen
Und drückt’ ihn hinten an als engen Ring. - Kein Efeu kann dem Baum sich so vereinen,
Wie dieses Ungetüm sich wunderbar
An jenes Glieder schmiegte mit den seinen. - Zusammen klebte plötzlich dann dies Paar,
Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend,
Daß keins von beiden mehr dasselbe war, - Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend,
Bevor es brennt, mit Braun es überzieh’n,
Noch eh’ es Schwarz wird, schon das Weiß verdrängend. - Die andern beiden, ihn betrachtend, schrien:
"Weh dir, Agnel, du bist nicht zwei, nicht einer!
Doch sieh, dir ist ein andres Bild verlieh’n!" - Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner,
Aus zwei Gestalten sah man ein’ entstehn,
Vermischt, verwirrt, doch gleich von beiden keiner. - Die Arme sah man auseinandergehn;
Sie wurden vier, und Bauch und Brust und Lenden,
Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn. - Es schien, als ob die vor’gen ganz verschwänden.
Nicht zwei, nicht einer schien’s, und ganz entstellt
Sah ich das Bild sich langsam abwärts wenden. - Gleichwie die Eidechs öfters, wenn die Welt
Der Hundstern peitscht, blitzschnell von Dorn zu Dorne,
Von Zaun zu Zaun quer durch die Straße schnellt, - So fuhr jetzt eine Schlang’ in wildem Zorne
Auf jene zwei nach ihren Bäuchen hin,
Bläulich und schwarz, gleich einem Pfefferkorne. - Und durch den Teil, der bei des Seins Beginn
Uns Nahrung zuführt, bohrte sie den einen,
Dann fiel sie ausgestreckt vor ihm dahin. - Er sah sie starr, mit festgeschlossnen Beinen,
Stillschweigend, gähnend, an, und mußte mir
Wie schläfrig oder fieberhaft erscheinen. - Nach ihm hin sah die Schlang’ und er nach ihr,
Sie rauchend aus dem Maul, er aus der Wunde,
Dann nahte sich der Rauch von dort und hier. - Still schweige jetzt Lucan mit seiner Kunde
Vom Unglück des Sabell und vom Nasid,
Und horchend häng’ er nur an meinem Munde. - Von Arethus’ und Kadmus schweig’ Ovid;
Denn wenn er
ihn zum Drachen umgedichtet.
Und
Sie zum Quell, so neid’ ich nicht sein Lied. - Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet,
Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Sein,
Indem sie starr auf sich den Blick gerichtet. - Gleich ging die Wandlung fort in jenen zwei’n.
Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange,
Und der Gestochne drückte Bein an Bein. - Sie klebten aneinander, und nicht lange
Hatt’ es gewährt, als auch die Fuge schwand,
Verdrängt vom völligen Zusammenhange. - Der Lenden Form, die hier entwich, entstand
Am Gabelschweif; die Haut schien zu erweichen;
Hart ward sie dort, nach Schlangenart gespannt. - Die Arme sah ich in die Schultern weichen,
Der Schlange kurze Vorderfüße dann,
Wie jene schwanden, weiter vorwärts reichen. - Wie drauf zu jedem Gliede, das der Mann
Zu bergen pflegt, die hinten sich verbanden,
So fing sich sein’s in zwei zu teilen an. - Und unterm Rauch, der beide deckt’, entstanden
Ganz neue Farben, sproßten Haare vor
Und zeigten hier sich, wenn sie dort verschwanden. - Er sank dahin,
Sie raffte sich empor,
Doch blieb der Kopf mit jenen starren Blicken,
Durch die er selbst nun seine Form verlor. - An dem, der stand, schien er sich platt zu drücken,
Auch sah man von dem Fleisch, das hinter drang,
Die Ohren seitwärts aus den Wangen rücken. - Aus dem, was vorn zurückeblieb, entsprang
Ein Lippenpaar, wie sich’s gebührt, erhoben.
Und eine Nase, zugespitzt und lang. - An dem, der dort lag, trieb der Mund nach oben,
Auch wurden nach der Schneckenhörner Brauch
Die Ohren in den Kopf zurückgeschoben. - Die Zung’, erst ganz, zur Rede schnell, ward auch
Nunmehr geteilt, und ganz ward die geteilte
Im Mund des andern, und es blieb der Rauch. - Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilte
Durch’s Tal davon – der andre spuckt’ ihr nach,
Indem er noch, sie schmähend, dort verweilte. - Dann kehrt’ er ihr den Rucken zu und sprach:
"So schlüpfe, Buoso, nun durch diese Gründe,
Statt meiner, auf dem Bauch in Qual und Schmach." - So mischt’ im siebenten der Lasterschlünde
Sich Bild und Bild, drum werde mir’s verzieh’n,
Wenn ich so Neues etwas breit verkünde. - Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien,
Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte,
Doch bargen jene sich nicht so im Flieh’n, - Daß ich den Puccio nicht gar wohl erkannte,
Der einzig von den drei’n, erst hier vereint,
Sich unverwandelt jetzt von dannen wandte. - Der andre war’s, um den Gaville weint.
Sechsundzwanzigster Gesang
- Erfreue dich, Florenz, du bist so groß,
Daß du zu Land und Meer die Flügel schwingest,
Und selbst dein Nam’ erklingt im Höllenschoß. - Fünf deiner Bürger fand ich – also zwingest
Du mich zur Scham – den Dieben beigefügt,
Wodurch du dir nicht größern Ruhm erringest. - Doch wenn, was man am Morgen träumt, nicht lügt,
So wirst du großes Unglück bald empfinden,
Und Prato selbst, so nah dir, sieht’s vergnügt. - War’s jetzt, nicht würde man’s zu zeitig finden,
So, da’s nun einmal sein muß, war’s jetzt doch.
Denn, älter, werd’ ich’s schwerer nur verwinden. - Wir gingen fort, und übers Felsenjoch
Stieg, wie hinab, hinauf die Zackenleiter
Mein Führer und war meine Stütze noch. - Und, folgend zwischen mancher Felsenscheiter
Und manchem Block dem Pfad im öden Raum,
Kam, wenn die Hand nicht half, der Fuß nicht weiter. - Ich fühlte Schmerz – jetzt fühl’ ich mindern kaum,
Wenn ich zurück an das Erblickte denke,
Und schärfer fass’ ich da des Geistes Zaum, - Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,
Und, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt,
Was höh’re Huld, mir selber feind, nicht kränke. - Soviel der Bau’r, am Hügel hingestreckt,
Zur Zeit, da er, des Blick die Erde lichtet,
Sein Antlitz uns am wenigsten versteckt, - Wenn sich die Fliege vor der Mücke flüchtet,
Johanniswürmchen sieht im Tal entlang,
Wo er mit Hipp’ und Pflug sein Tun verrichtet; - So viele Flammen sah den tiefen Gang
Des achten Tals mein Auge jetzt verklären,
Sobald ich dort war, wo’s zur Tiefe drang. - Wie der, der sich gerächt durch wilde Bären,
Elias’ Wagen sah von dannen zieh’n,
Als das Gespann aufstieg zu Himmelssphären, - Umonst ihm mit dem Auge folgt’ und ihn
Gestaltlos nur als ferne Flamm’ erkannte.
Die wie ein leichtes Abendwölkchen schien. - So war’s, wie wandelnd hier manch Flämmchen brannte,
Doch keines war, das seine Beute wies,
Ob jegliches gleich einem Geist entwandte. - Am Brückenrande stehend, sah ich dies
Und fiel’, hielt’ ich nicht fest an einem Blocke,
Hinunter, ohne daß mich jemand stieß. - Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke,
Sprach nun: "Jedwedes Feu’r birgt einen Geist,
Und das, worin er brennt, dient ihm zum Rocke." - Drauf ich: "Die Kunde, die du mir verleihst
Macht mich gewiß; schon glaubt’ ich’s zu erkennen.
Und fragen wollt’ ich schon, wie jener heißt. - Ich sah die Flamm’ in zwei sich oben trennen.
Als sah’ ich in des Scheiterhaufens Glut
Eteokles und seinen Bruder brennen." - Und er: "Sie dämpft Ulysseus Übermut
Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen
In ihrer Qual, wie einst in ihrer Wut. - Ums Trugroß klagen sie in diesen Flammen,
Und um das Tor, das Ausgang jenen bot,
Der Heldenschar, von der die Römer stammen. - Die List beweinen sie, durch die, schon tot,
Noch Deidamia den Achill beklagte,
Auch das Palladium rächt nun ihre Not." - "Vermögen sie noch hier zu sprechen," sagte
Ich drauf zum Meister, "o, dann bitt’ ich dich
Vieltausendmal, da ich sie gern befragte, - Laß mich, bis die geteilte Flamme sich
Zu uns hierherbewegt, ein wenig weilen.
Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich." - "Der Bitte", sprach er, "muß ich Lob erteilen,
Wie sie verdient; sie sei darum gewährt,
Doch laß die Sprechlust nicht dich übereilen. - Laß mir das Wort; ich weiß, was du begehrt.
Spröd blieben sie gewiß bei deinem Worte,
Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Wert. - Als nun die Flamme nah war unserm Orte,
Da hört’ ich diese Red’, als Ort und Zeit
Er für geeignet hielt, von meinem Horte: - "Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid,
Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben,
Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht, - Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,
So weilt bei mir und sag’ Ulyß mir an,
Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben." - Der alten Flamme größres Horn begann
Zu flackern erst und murmelnd sich zu regen.
Als wäre sie vom Wind gefaßt, und dann - Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,
Gleich einer Zung’, und deutlich tönt’ und klar
Dann aus der Flamm’ uns dieses Wort entgegen: - "Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr
Und länger bei Gaëta festgehalten,
Eh’s
so benannt noch von Äneas war, - Da ließ ich nicht das Mitleid für den alten
Gebeugten Vater, nicht die Gattenpflicht,
Noch Vaterzärtlichkeit im Herzen walten. - Sie tilgten all in mir das Sehnen nicht,
Die Welt zu sehn und alles zu erkunden,
Was sie besitzt, wie das, was ihr gebricht. - Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden,
In einem einz’gen Schiff ins offne Meer,
Samt einem Häuflein, das ich treu erfunden. - Nach Spanien führt’ und Libyen hin und her
Ich meine wackre Schar, als kühner Leiter,
Und jedem Eiland jenes Meers umher. - Alt war ich schon und schwach, auch die Begleiter,
Da war mein Schiff am engen Schlunde dort,
Wo Herkuls Säulenpaar gebeut: Nicht weiter! - Als hinter uns nun rechts Sevillas Bord
Und links in Libyen Septas Zinnen waren,
Sprach ich zu den Gefährten dieses Wort: - Brüder, die durch Tausend’ von Gefahren
Ihr hier im Abend kühn euch eingestellt,
Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren, - Weil Seele noch und Leib zusammenhält,
Den kurzen Rest von eurem Erdenleben;
Der Sonne nach zur unbewohnten Welt! - Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben;
Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein,
Um Wissenschaft und Tugend zu erstreben. - Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein,
Kaum hielt ich sie, hätt’ ich gewollt, im Zügel,
Und rastlos ging’s ins weite Meer hinein. - Erst morgenwärts gewandt des Schiffes Spiegel
Ging unser toller Flug dann linker Hand,
Und seiner Eil’ verlieh’n die Ruder Flügel. - Schon alle Sterne jenes Poles fand
Der Blick der Nacht, und die des unsern klommen
Kaum übers Meer noch an des Himmels Rand. - Schon fünfmal war entzündet und verglommen
Des Mondes Licht, seit wir, dem Glück vertraut,
Durch den verhängnisvollen Paß geschwommen, - Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut
Vor weiter Fern’, und schien so hoch zu ragen,
Wie ich noch keinen auf der Erd’ erschaut. - Erst jubeln ließ er uns, dann bang verzagen,
Denn einen Wirbelwind fühlt’ ich entstehn
Vom neuen Land und unsern Vorbord schlagen. - Er macht’ uns dreimal mit den Fluten dreh’n,
Dann, als der hintre Teil emporgeschossen,
Nach höh’rem Spruch, den vordern untergehn, - Bis über uns die Wogen sich verschIossen."
Siebenundzwanzigster Gesang
- Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,
Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen,
Nachdem der süße Dichter ihrs erlaubt. - Wir sah’n nach ihr sich eine zweite zeigen,
Und ein verwirrt Gestöhn, das ihr entquoll,
Macht’ unsern Blick zu ihrer Spitze steigen. - Gleich wie Siziliens Stier, der jammervoll
Zuerst von seines Bildners Schrei’n erbrüllte,
– Und so war’s recht – von dessen Klag’ erschoII, - Den er im innern hohlen Raum verhüllte,
Und, ganz von Erz, in seinem Angstgestöhn
Erschien, als ob ihn selbst der Schmerz erfüllte; - So schien das Klagewort, das in den Höh’n
Und an den Seiten nirgend durchgedrungen,
Erst gleich des Feuers knisterndem Getön. - Doch als es sich zur Spitz’ emporgerungen,
Die, wie die Zunge hin und wieder fährt,
Sich bei dem Durchgang hin und her geschwungen. - Da sprach’s: O du, an den mein Wort sich kehrt,
Der du, wie ich vernahm, mit weIschem Klange
Gesprochen: Geh, nicht weiter sei beschwert! - Obwohl ich etwas spät hierhergelange,
Doch weil’ und gib auf meine Fragen acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange. - Bist du zur Reif in diesen dunklen Schacht
Erst jetzt vom süßen Latierland geschieden,
Von dem ich alle Schuld hierhergebracht, - So sprich:Hat Krieg Romagna oder Frieden?
Denn da das schöne Land auch mich erzeugt,
So kümmert mich sein Schicksal noch hienieden." - Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt,
Da stieß Virgil mich leis und sagte: "Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt." - Worauf ich schon bereit zur Gegenrede,
Ihn also sonder Zögerung beschied:
"O Seele, hier verborgen, sonder Fehde - War nimmer deines Vaterlands Gebiet,
Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wüten;
Doch offenbar war keine, da ich schied. - Ravenna ist, wie’s war; dort pflegt zu brüten,
So wie seit Jahren schon, Polentas Aar,
Des Flügel unter sich auch Cervia hüten - Die Stadt, die fest in langer Probe war,
Wo rote Ströme Frankenblutes wallten,
Liegt unterm grünen Leu’n nun ganz und gar. - Verruchios alt’ und neuer Hund, sie walten
Schlimm, wie sie den Montagna einst belohnt,
Da, wo sie eingeholt die Zähne halten. - Das, was am Lamon und Santerno wohnt,
Läßt sich vom Leu’n im weißen Neste leiten,
Der die Partei vertauscht mit jedem Mond. - Sie, welchen Savios Flut benetzt die Seiten,
Lebt zwischen Sklaverei und freiem Stand,
Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten. - Jetzt, bitt’ ich, mach’ uns, wer du bist, bekannt;
Wie der Vergessenheit dein Nam’ enttauche,
So sei nicht härter, als ich andre fand." - Da grunzt’ und braust’ es in der Flamme Bauche,
Wie Feuer braust; sie regte hin und her
Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche: - "Sprach’ ich zu einem, dessen Wiederkehr
Nach jener Welt ich jemals möglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr. - Doch da dies keinem je die Höll’ erlaubte,
So sag’ ich ohne Furcht vor Schand’ und Schmach,
Was mich hierher stieß und des Heils beraubte. - Ich war erst Kriegsmann und Mönch hernach,
Um mich vom Fall durch Buß’ emporzurichten;
Gewiß geschah auch, was ich mir versprach. - Allein der Erzpfaff – mög’ ihn Gott vernichten –
Er hat mich neu den Sündern beigesellt,
Wie und warum? das will ich jetzt berichten. - Als ich noch oben lebt’ in eurer Welt,
Da ward ich nimmer mit dem Leu’n verglichen,
Doch öfters wohl dem Fuchse gleichgestellt. - In allen Ränken und geheimen Schlichen
War ich geschickt, in ihrer Übung schlau
Und drum berühmt in allen Himmelsstrichen. - Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau
Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen
Und einzuziehn das Segel und das Tau, - Da mußt’ ich, was mir erst gefiel, bereuen,
Ward Mönch und tat nun Buß’ am heil’gen Ort,
Ach, und noch könnt’ ich mich des Heils erfreuen. - Der neuen Pharisäer Herr und Hort
(Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenscharen,
Vielmehr am Lateran und nahe dort, - Weil alle seine Feinde Christen waren,
Die nicht bei Acri mit gesiegt und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren), - Nicht achtet’ er an sich die höchste Pflicht
Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen,
Der jeden mager macht, den er umflicht. - Wie Konstantin Silvestern angegangen,
Ihm Hilf und Rat beim Aussatz zu verleih’n;
So sollt’ ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen - Vom Fieber seines Hochmuts ihn befrei’n.
Doch schweigen mußt’ ich und mich selber schämen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein. - Du darfst nicht sorgen, sprach er, noch dich grämen;
Ablaß erteil’ ich dir, mich lehre du:
Wie fang’ ich’s an, Preneste wegzunehmen. - Du weißt, den Himmel schließ’ ich auf und zu,
Denn beide Schlüssel sind mir übergeben,
Die Cölestin vertauscht um träge Ruh’. - Nicht war so trift’gem Grund zu widerstreben,
Und da hier schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben - Die Sünde, die ich tun soll, mir verziehn,
So wisse: Viel versprechen, wenig halten,
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verlieh’n – - Franz wollte, wie ich starb, sein Amt verwalten,
Mich heimzuführen, doch ein Teufel kam
Und sprach: Halt ein, denn den muß ich erhalten. - Er kommt mit mir hinab zu ew’gem Gram,
Weil ich, seitdem er jenen Trug geraten,
Ihn bei dem Haar als meine Beute nahm. - Wer Ablaß will, bereu’ erst seine Taten.
Doch wer bereut und Böses will, der muß
Wohl mit sich selbst in Widerspruch geraten. - Ach! wie ich zuckt’ in Schrecken und Verdruß,
Als er mich faßt’ und, mich von dannen reißend,
Sprach: Meintest du, ich sei kein Logikus? - Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend
Den harten Rücken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend: - Der wird der Flamme Raub im achten Tal!
Und also ward ich von dem Schlund verschlungen
Und geh’ im Feuerkleid zu ew’ger Qual." - Hier endet’ er, und als das Wort verklungen,
Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und her geschwungen. - Und weiter ging ich nun mit meinem Hort
Zur nächsten Brück’ auf rauhen Felsenpfaden
Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort - Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.
Achtundzwanzigster Gesang
- Wer könnte je, auch mit dem freisten Wort,
Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzählt’ er auch die Kunde fort und fort. - Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,
Da Sprach’ und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen. - Und wäre das gesamte Volk vereint,
Das Puglien, das verhängnisvolle, hegte,
Dies Land, das einst die blut’ge Schar beweint, - Die Rom und jener lange Krieg erlegte,
Wo man so große Beut’ an Ringen fand,
Wie Livius schrieb, der nicht zu irren pflegte, - Vereint mit dem, das harte Schläg’ empfand,
Weil’s gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Mit dem, des Knochen modern, dort im Land - Bei Ceperan, wo Pugliens Schar gelogen;
Mit dem von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen; - Und zeigte, wie es dort verstümmelt ward,
Sich jedes Glied, nicht war’ es zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis’ und Art. - Ein Faß, von welchem Reif und Dauben weichen,
Ist nicht durchlöchert, wie hier einer ging,
Zerfetzt vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen, - Dem aus dem Bauch in manchem ekeln Ring
Gedärm und Eingeweid’, wo sich die Speise
In Kot verwandelt, samt dem Magen hing. - Ich schaut’ ihn an und er mich gleicherweise,
Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf
Und sprach zu mir: "Sieh, wie ich mich zerreiße! - Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf. - Sieh alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Ärgernis und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten. - Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,
Er ist’s, der jeglichen zerfetzt und schändet,
Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht, - Wenn wir den schmerzensvollen Kreis vollendet;
Weil jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh’ unser Lauf zu ihm zurück sich wendet. - Doch wer bist du, der dort herniedergafft?
Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden,
In welche Klag’ und Urteilsspruch dich schafft?" - "Er ist nicht tot, noch hergeführt von Sünden,"
So sprach mein Meister drauf, zu Mahoms Pein,
"Doch soll er, was die Höll’ umfaßt, ergründen, - Und ich, der tot bin, soll sein Führer sein.
Drum führ’ ich ihn hinab von Rund’ zu Runde,
Und Glauben könnt ihr meinem Wort verleih’n." - Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,
Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde. - "Du wirst vielleicht die Sonn’ in kurzem sehn,
Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,
Eh’ ihn der Schnee belagert, sich versehn, - Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.
Allein vollbringt er, was ich riet, so muß
Novaras Heer ihn lang’ umsonst umkreisen." - Zum Weitergehn erhoben einen Fuß,
Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt’ ihn hin und ging dann voll Verdruß. - Dann sah ich einen mit durchbohrter "Kehle,
Die Nase bis zum Auge hin zerhau’n,
Und wohl bemerkt’ ich, daß ein Ohr ihm fehle. - Und staunend sah auf mich dies Bild voll Grau’n
Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre,
Von außen rot und blutig anzuschau’n. - "Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,
Den ich bereits im Latierlande sah,
Wenn ich durch Ähnlichkeit mich nicht betöre, - "Kommst du den schönen Ebnen wieder nah,
Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
So denk’ an Pier von Medicina da. - Du magst den Besten Panos nicht verschweigen,
Dem Guid und AngioIeII, daß, wenn nicht irrt
Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen, - Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,
Vom schändlichsten der Wüteriche verraten,
Das edle Paar ersäuft im Meere wird. - Noch nimmer hat Neptun so schnöde Taten
Von Zypern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenscharen nicht, noch von Piraten. - Der Bub’, auf einem Aug’ von Nacht umgraut,
Jetzt Herr des Lands, von welchem mein Geselle
Hier neben wünscht, er hätt’ es nie erschaut, - Ruft sie als Freund und tut an jener Stelle
So, daß sie nicht Gelübd’ tun, noch sich scheu’n,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle." - Drauf ich: "Soll dein Gedächtnis sich erneu’n,
So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,
Wer muß den Anblick jenes Lands bereu’n?" - Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,
Nach eines andern Kiefer hin und schrie:
"Sieh her, der ist’s, allein er kann nicht sprechen, - Er, der verbannt, einst Cäsarn Mut verlieh,
Und alle seine Zweifel scheucht’, ihm sagend:
"Dem ’Kampfbereiten fromme Zögern nie." - O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,
Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung’, einst kühn und eilig alles wagend – - Und abgeschnitten die und jene Hand,
Stand einer, in die Nacht die Stümpf erhoben,
Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt, - Und rief: "Denkt man des Mosca noch dort oben?
Ich bin’s, der meine Hand zum Morde bot,
Ob des jetzt Tuscien die Partei’n durchtoben." - "Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!"
Setzt’ ich hinzu – und, häufend Grau’n auf Grauen,
Zog er davon in höchster Angst und Not. - Ich aber blieb, die andern anzuschauen,
Und was ich sah, so furchtbar und so neu,
Nicht wagt’ ich’s unverbürgt euch zu vertrauen, - Fühlt’ ich nicht mein Gewissen rein und treu,
Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu. - Ich sah – noch ist dies Schreckbild mein Begleiter –
Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schar
Von Unglücksel’gen in der Tiefe weiter. - Er hielt das abgedchnittne Haupt beim Haar
Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen
Und seufzte tief, wie er uns nahe war. - So kam er eins in zwei’n dahergegangen
Und leuchtet’ als Laterne sich mit sich –
Wie’s möglich, weiß nur der, der’s so verhangen. - Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,
Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusamt dem Haupte gegen mich, - Und sprach: "Hier sieh die schrecklichste der Plagen!
Du, der du atmend in der Höll’ erscheinst,
Sprich: Ist wohl eine schwerer zu ertragen? - Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst;
Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,
Dem König, gab ich bösen Ratschlag einst, - Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,
Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitophel Fehden sich entspannen. - Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn
Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn, - Und so, wie ich getan, ist mir geschehen."
Neunundzwanzigster Gesang
- Das viele Volk und die verschiednen Wunden,
Sie hatten so die Augen mir berauscht,
Daß sie vom Schau’n mir ganz voll Zähren stunden. - Da sprach Virgil: "Was willst du noch? Was lauscht
Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen,
Wo’s Greuelbild um Greuelbild vertauscht? - Nicht also tatst du in den andern Schlünden.
An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Tal,
Drum kannst du hier nicht jegliches ergründen. - Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,
Und wenig dürfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel und große Qual." - Ich sprach: "Erlaubtest du, dir mitzuteilen,
Welch einen Grund ich hatt’, hinabzuspäh’n,
So würdest du wohl minder mich beeilen." - Er ging und ich ihm nach und gab im Gehn
Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde
Und sprach: "Wohl hab’ ich scharf hinabgesehn, - Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde
Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde." - Mein Meister sprach darauf: "Nicht mache dir
Noch länger Sorg’ um diesen Anverwandten;
An andres denk’, er aber bleibe hier. - Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten
Dich zeigen und dir mit dem Finger droh’n
Und hörte, wie sie ihn
del Bello nannten. - Doch du bemerktest eben nichts davon,
Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten.
Als dieser ging, war jener schon entfloh’n." - "Weil Rach’ und Schwert des Feindes ihn ereilten",
Sprach ich, "und keiner seinen Tod gerächt,
Von allen denen, so die Kränkung teilten, - Zürnt’ er auf mich und zürnt’ auf sein Geschlecht
Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub’ ich, hat der Arme recht." - Nun folgt’ ich hin zum FeIsen meinem Leiter,
Von wo man überblickt den nächsten Schlund,
Wär’ irgend nur von Licht die Tiefe heiter. - Von seiner Höh’ ward unserm Auge kund
Der letzte Klosterbann von Übelsäcken,
Und viel Bekehrte waren tief im Grund. - Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,
Gespitzt durch Mitleid, Jammertön’ heraus
Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken. - Wär’ aller Schmerz aus jedem Krankenhaus
Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen,
Und Valdichianas und Sardiniens Graus - Und Seuch’ und Pest in einem Schlund beisammen,
Nicht ärger wär’s als hier, wo fauler Duft
Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen. - Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft
Vom langen Felsen niederwärts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Schoß der Gruft. - In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken
Die nimmer irrende Gerechtigkeit
Zur wohlverdienten Quäl die Fälscher sinken. - Nicht in Ägina ist vor alter Zeit
Des Volkes Anblick trauriger gewesen,
Das krank darniedersank, dem Tod geweiht, - Ja bis zum kleinsten Wurm jedwedes Wesen,
Durch tückisch böse Luft, worauf im Land,
Wie wir für sicher in den Dichtern lesen, - Ein neues Volk aus Ämsenbrut entstand;
Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend
Das Geistervolk in manchem Haufen wand. - Die einen auf der andern Rücken liegend,
Die auf dem Bauch, und die von einem Ort
Zum andern hin auf allen vieren kriechend. - Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,
Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen
Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort. - Sich gegenseitig stützend, saßen zween,
Wie in der Küche Pfann’ an Pfanne lehnt,
Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen. - Gleich wie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt
Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst führt und öfters gähnt; - So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben
Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wütend Jucken laben. - Und schnell war unter ihren Klau’n der Grind
Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unterm Messer schneller Köche sind. - "Du, vor des Fingern Schien’ und Masche sprangen,"
Begann Virgil zu einem von den zwei’n,
"Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen, - Sprich: Fanden sich auch hier Lateiner ein
Und mögen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafür dir ewig scharf die Nägel sein." - "Lateiner kannst du in uns beiden schauen,"
Erwidert einer drauf, von Qual durchbebt,
"Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen." - Mein Führer sprach: "Von Fels zu Felsen strebt
Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen;
Die Höll’ zeig’ ich diesem, der da lebt." - Da schien das Band, das beide hielt, zerrissen,
Und jeder, dem’s der Rückhall kundgetan,
War zitternd nur mich anzuschau’n beflissen. - Dicht drängte sich an mich mein Meister an
Und sprach: "Du magst sie nach Belieben fragen!"
Und ich, da er es so gewollt, begann: - "Soll dein Gedächtnis noch in späten Tagen
Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten sein, so magst du jetzo sagen, - Wie du dich nennst und deine Heimat heißt?
Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen,
Daß du in deinen Reden offen seist." - "Mich zeugt’ Arezzo, und den Tod in Flammen
Verschafft’ einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen. - Wahr ist’s, ich sagt’ im Scherz: ins Luftrevier
Verstünd’ ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz und groß an Neubegier, - Bat mich, ihm diese Kenntnis beizubringen,
Und nur weil er durch mich kein Dädal ward,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen. - Doch Minos, dem sich alles offenbart,
Hat, weil ich mich der Alchimie ergeben,
Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt." - Zum Dichter sagt’ ich: "Sprich, ob man im Leben
So eitles Volk wie die Sanesen fand?
Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben." - Der andre Grind’ge, welcher mich verstand,
Rief: "Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,
Der all sein Gut so klüglich angewandt; - Und Nikel, dem die Ehre zuzuschreiben,
Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt,
Dort, wo dergleichen Saaten wohl bekleiben; - Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt,
In dem Caccia d’Ascian samt seinem Witze,
Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt. - Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze
Den Blick auf mich und stelle dich dahin,
Gerade gegenüber meinem Sitze; - Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin.
Metall verfälscht’ ich, daß ich Gold erschaffe,
Und, sah ich recht, so ist dir’s noch im Sinn, - Ich war von der Natur ein guter Affe".
Dreißigster Gesang
- Zur Zeit, da Junos Herz in Zorn geraten
Ob Semeles, in Zorn auf Thebens BIut,
Wie sie so manches Mal gezeigt durch Taten, - Ergriff den Athamas so tolle Wut,
Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen,
Das jeden Arm mit einem Sohn belud, - Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen:
"Die Löwin samt den Jungen sei gefaßt!"
Dann streckt er aus die mitleidlosen Krallen; - Und wie er einen, den Learch, mit Hast
Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen,
Ertränkte sie sich mit der zweiten Last. - Und als das Glück, das alles kühn zu wagen,
Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt,
So daß zusammen Reich und Fürst erlagen, - Und Hekuba, gefangen und verbannt,
Geopfert die Polyxena erblickte,
Und sie ihr Mißgeschick an Thraziens Strand - Zum Leichnam ihres Polydorus schickte,
Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt’ und ganz bestrickte. - Doch nichts in Theben ward noch Troja kund
Von einer Wut, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund. - Ein Paar von Geistern, totenfahle, nackte,
Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein,
Indem’s auf alles mit den Hauern hackte. - Der schlug sie in den Hals Capocchios ein
Und schleppt’ ihn fort, und nicht gar sanft gerieben
Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein. - Der Aretiner, der voll Angst geblieben,
Sprach: "Schicchi ist’s, der tolle Poltergeist,
Der solch ein wütend Spiel schon oft getrieben." - "Wie du geschützt vor jenes Hauern seist,"
Entgegnet’ ich, "so sprich, eh’ er entronnen,
Wer dieser Schatten ist und wie er heißt." - "Die Myrrha ist’s, die schnöden Trug ersonnen,"
Erwidert’ er, "die mehr als sich gebührt
Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen, - Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,
Weil sie die fremde Form sich angedichtet;
Wie jener, der Capocchio dort entführt, - Weil Simon ihn durchs beste Roß verpflichtet,
Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so für ihn ein Testament errichtet." - Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,
Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen
Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt. - Der eine war der Laute zu vergleichen,
Hätt’ ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft,
Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen. - Die Wassersucht, durch schlechtverkochten Saft
Ein Glied abmagernd und das andre blähend,
Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft, - Hielt ihm die beiden Lippen offen stehend,
Die nach dem Kinn, und
die emporgekehrt,
Und dem Schwindsücht’gen gleich, vor Durst vergehend. - "Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,
Wie? weiß ich nicht, in diesen Schmerzenstalen,"
Er sprach’s, "o schaut und merkt und seid belehrt - Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.
Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glüh’n;
Dort konnt’ ich, was ich nur gewünscht, bezahlen. - Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün
Des Casentin zum Arno niederrollen
Und frisch und lind des Bettes Rand besprüh’n, - Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,
Und nicht umsonst – mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen. - Denn die Gerechtigkeit, die mich verflucht,
Treibt durch den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Zu größrer Eile meiner Seufzer Flucht. - Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen
Geringern Werts verfälscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm’ anheimgefallen. - Doch wäre Guido nur mir beigesellt,
Und jeder, der zum Laster mich verführte,
Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt. - Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte
Er jüngst den einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies übel meine Glieder schnürte, - Was hilft es mir? Hätt’ ich nur so viel Macht,
Um zollweis’ im Jahrhundert vorzuschreiten,
Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht, - Ihn suchend durch dies Tal nach allen Seiten,
Mag’s in der Rund’ auch sich elf Miglien zieh’n,
Und minder nicht als eine halbe breiten. - Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn,
Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden
An schlechterm Zusatz drei Karat verlieh’n." - Und ich: "Was mochten jene zwei verschulden,
Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand,
Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?" - Er sprach: "Sie liegen fest, wie ich sie fand,
Als ich hierhergeschneit nach Minos’ Winken,
Und werden ewiglich nicht umgewandt. - Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken
Liegt Sinon mir, berühmt durch Trojas Roß.
Im faulen Fieber liegen sie und stinken." - Und dieser Letzte, den’s vielleicht verdroß,
Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß, - Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.
Doch in das Angesicht des andern warf
Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte: - "Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,
Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest,
Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf." - "Als du zum Feuer gingst," rief Sinon, "rührtest
Du nicht den Arm schnell, wie er eben war,
Doch schneller, da du einst den Stempel führtest." - Der Wassersücht’ge: "Darin sprichst du wahr,
Doch stelltest du in Troja kein Exempel
Von einem so wahrhaft’gen Zeugnis dar." - "Fälscht’ ich das Wort, so fälschtest du den Stempel.
Hier bin ich doch für einen Fehler nur,
Du aber dientest stets in Satans Tempel." - So Sinon. "Denk’ ans Roß, du Schelm!" so fuhr
Ihn jener an mit dem geschwollnen Bauche,
"Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr." - "Qual sei dir", rief der Grieche drauf, "die Jauche,
Und blähe stets zum Bollwerk deinen Wanst,
Der Durst, der deine Zung’ in Flammen tauche." - Der Münzer: "Der du stets auf Lügen sannst,
Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen!
Wenn du mich dürstend. schwellend sehen kannst, - So möge Durst dich quälen, Kopfweh stechen.
Sprach’ einer kurz: Sauf aus den ganzen Bach!
Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen." - Ich horchte stumm, was der und jener sprach,
Da rief Virgil: "Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah ich schon der Neugier nach." - Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,
Wandt’ ich voll Scham zu ihm das Angesicht
Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen. - Wie man im schreckenvollen Traumgesicht
Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge,
Und das, was ist, ersehnt, als wär’ es nicht; - So bangt’ ich, daß mir Scham das Wort entzöge;
Entschuld’gen wollt’ ich mich – Entschuld’gung kam,
Indem ich glaubte, daß ich’s nicht vermöge. - Da sprach mein guter Meister: "Mindre Scham
Wäscht größern Fehler ab, als du begangen,
Darum entlaste dich von jedem Gram; - Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,
So denke stets, daß ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen; - Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn."
Einunddreißigster Gesang
- Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte
Und beide Wangen überzog mit Rot,
War’s, die mich dann mit Arzeneien letzte. - So, hör’ ich, hat der Speer Achills gedroht,
Und seines Vaters, der mit
einem Zücken
Verletzt’ und mit dem andern Hilfe bot. - Wir kehrten nun dem Jammertal den Rücken,
Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken. - Dort war’s nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag,
Daher die Blicke wenig vorwärts gingen;
Doch tönt’ ein Horn – der stärkste Donner mag - Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen –
Drum sucht’ ich nur, entgegen dem Gebraus,
Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen. - Nicht tönte nach dem unglücksel’gen Strauß,
Der Karls des Großen heil’gen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus. - Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,
Glaubt’ ich, viel hohe Türme zu ersehn,
Und sprach: "Ist eine Feste dort errichtet?" - Mein Meister drauf: "Weil du zu weit zu späh’n
Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen,
Mußt du dich selber öfters hintergehn. - Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen
Aus der Entfernung das Geschaute schwoll,
Drum schreite vorwärts, ohne lang zu säumen." - Dann faßt’ er bei der Hand mich liebevoll
Und sprach: "Ich will dir die Bewandtnis sagen,
Weil’s nah dann minder seltsam scheinen soll. - Ob’s Türme wären, wolltest du mich fragen?
Nein, Riesen sind’s, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen." - Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land
In Dunst gehüllt, allmählich unsre Blicke
Das klar erkennen, was er erst umwand; - So, bohrend durch die Luft, die trübe, dicke,
Und mehr und mehr genaht dem tiefen Schlund,
Scheucht’ ich den Wahn, doch kam die Furcht zurücke - Wie um Montereggiones Zinnenrund
Rings eine Krone hohe Türme machen,
So türmten sich, mit halbem Leib im Grund, - Mit halbem Leib rings um des Brunnens Rachen
Giganten, Kämpfer jenes großen Streits,
Sie, welchen nach die Donner Jovis krachen. - Von einem sah ich das Gesicht bereits
Und Schultern, Brust und großen Teil vom Bauche,
Herabgestreckt die Arme beiderseits. - Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche
Dergleichen Wesen schafft, so tut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche. - Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht
Der Elefanten noch, doch sicher findet, .
Wer reiflich urteilt, sie hierin gerecht, - Weil, wenn die Überlegung sich verbindet
Mit bösem Willen und mit großer Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet. - Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,
Dem Turmknopf von Sankt Peter zu vergleichen,
Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht. - Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen
Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen, - Wo seine Stirn das borst’ge Haar umwallt,
Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen,
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt. - Raphegi mai amech itzabi Almen!
So tönt’ es aus den dicken Lippen vor,
Für die sich nicht geziemten sanftre Psalmen. - Mein Führer rief: "Nimm doch dein Horn, du Tor,
Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl’ ihn flugs durch seinen Bauch hervor. - Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,
Verwirrter Geist, der’s angebunden hält.
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!" - Darauf zu mir: "Sich selbst verklagt der Held;
Der Nimrod ist’s, durch dessen toll Vergehen
Man nicht mehr eine Sprach’ übt in der Welt. - Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!
Kein Mensch versteht von seiner Sprach’ ein Wort,
Und er kann keines andern Wort verstehen." - Wir gingen nun zur Linken weiter fort,
Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten größern, wilden Riesen dort. - Nicht weiß ich, wem’s gelang, daß er im Streite
Ihn fing und band, doch vorn geschnürt erschien
Sein linker Arm und hinter ihm der zweite; - Denn eine Kett’ umwand vom Nacken ihn,
Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fünf Male zu umzieh’n. - Da sprach mein Meister: "Mit dem Donnrer wagte
Sein kühner Stolz des großen Kampfes Los.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte. - Ephialtes ist’s. Sein Tun war kühn und groß
Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken;
Nun ist sein droh’nder Arm bewegungslos." - Und ich zu ihm: "Den ungeheuern Recken,
Den Briareus, wenn dies geschehen kann,
Möcht’ ich wohl gern in diesem Tal entdecken." - Mein Führer drauf: "Du siehst hier nebenan
Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden
Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann. - Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,
Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau’n,
Allein wie er mit Ketten fest umwunden." - Hier schüttelt’ Ephialtes sich, und traun!
Kein Erdenstoß, von dem die Türme schwanken,
War heftiger, erregte tiefres Grau’n. - Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,
Und sah ich nicht, wie ihn die Kett’ umschloß,
So genügten, mich zu töten, die Gedanken. - Wir gingen weiter, ich und mein Genoß,
Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen,
Zehn Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß. - "Der du im Tal, das ew’gen Ruhm gewonnen,
Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind,
Mit seiner Schar vor Scipios Mut entronnen, - Einst tausend Löwen fingst, wenn du, vereint
Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint, - Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.
Jetzt setz’ uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Kälte den Kozyt bezwungen. - Zu Tiphöus oder Tityus schick’ uns nicht.
Das, was man hier ersehnt, kann
dieser geben,
Drum wende nicht so mürrisch dein Gesicht. - Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.
Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben." - Er sprach’s, und jener, schnell zum Griff bereit,
Streckt’ aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
Die Hand, die Herkul fühlt’ im großen Streit. - Virgil, kaum konnt’ er sich gepackt gewahren,
Rief: "Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!"
Drauf macht’ er’s, daß wir zwei ein Bündel waren. - Wie Carisenda, unterm Hang erblickt,
Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt, - So schien Antäus jetzt sich zu bewegen,
Als er sich niederbog, und großen Hang
Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen. - Doch leicht zum Grund, der Luzifern verschlang
Und Judas, setzt’ er nieder unsre Last,
Und, so geneigt, verweilt’ er dort nicht lang - Und schnellt’ empor, als wie im Schiff der Mast.
Zweiunddreißigster Gesang
- O hätt’ ich Reime von so heiserm Schalle,
So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruh’n die andern FeIsen alle, - Dann drückt’ ich, was ich will, vollkommner aus,
Doch, sie nicht habend, geh’ ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Strauß. - Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,
Den Grund des Alls dem Liede zu vertrau’n,
Und nicht mit Kinderlallen auszulangen. - Doch fördern meine Reim’ itzt jene Frau’n,
Amphions Hilf an Thebens Mau’r und Toren,
Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Grau’n. - O schlechtster Pöbel, an dem Ort verloren,
Der hart zu schildern ist, oh wärst du doch
In unsrer Welt als Zieg’ und Schaf geboren. - Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch
Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte,
Und nach der hohen Mauer sah ich noch. - Da hört’ ich sagen: "Schau’ auf deine Schritte,
Daß du den Armen nicht im Weiterzieh’n
Die Häupter stampfen magst mit deinem Tritte." - Drum wandt’ ich mich, und vor mir hin erschien
Und unter meinen Füßen auch ein Weiher,
Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien. - Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier,
Und nah dem Pol, selbst in der längsten Nacht,
Deckt nicht den Sanais ein so dichter Schleier. - Und wäre Tabernik herabgekracht
Und Pietrapan, nicht hätte nur am Saume
Bei ihrem Sturz das Eis
krick krick gemacht. - Wie abends, wenn die Bäuerin im Traume
Noch Ähren liest – die Schnauze vorgestreckt,
Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume; - So bis dahin, wo sich die Scham entdeckt,
Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt, - Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,
Vom Froste mit dem Mund und von den Weh’n
Des Herzens mit den Augen Zeugnis sagend. - Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,
Schaut’ ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn. - "Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben,
Wer seid ihr?" sprach ich – dann, als sie auf mich,
Die Hälse rückend, ihre Blick’ erhoben, - Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,
Von Tränen träufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich, - Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen,
Drum stießen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Böcken, diese Qualgenossen. - Und einer, der sein Ohrenpaar bereits
Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen:
Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids? - Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?
Das Tal, das des Bisenzio Flut benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen. - Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt
Kaina ganz, du findest sicher keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt; - Nicht ihn, des Brust und Schatten einst durch einen
Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand;
Focaccia nicht, noch ihn, des Kopf den meinen - So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand.
Den, hörst du SassoI Mascheroni nennen,
Du, ein Toskaner, sicher leicht erkannt. - Jetzt hör’, um mir nur schleunig Ruh’ zu gönnen,
Ich, Camicion, erwarte den Carlin
Und werde neben ihm mich brüsten können:" - Noch sah ich viele Hundesfratzen zieh’n
Vor großem Frost in diesem tiefen Kreise,
Und schaudre noch vor dem, was mir erschien. - Und weiter ging zum Mittelpunkt die Reise,
Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht,
Und selber zittert’ ich beim ew’gen Eise. - War’s Vorsatz, war’s Geschick – ich weiß es nicht,
Genug, es stieß mein Fuß beim Weitergehen
Durch viele Häupter, eins ins Angesicht. - "Was trittst du mich?" – so hört’ ich’s heulend schmähen,
"Rächst du noch schärfer Montapert an mir?
Wenn aber nicht, weswegen ist’s geschehen? –" - "Mein Meister," sprach ich, "harr’ ein wenig hier,
Denn gern belehrt’ ich mich von
diesem näher,
Dann folg’ ich, wie dir’s gut dünkt, eilig dir." - Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher,
Und jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: "Wer bist du, du arger Schmäher?" - "Und du, der du durch Antenora fährst,"
Sprach er, "wer du, der
so stößt andrer Wangen,
Daß es zu arg war’, wenn du lebend wärst?" – - "Ich lebe", sagt’ ich. "Hättest du Verlangen
Nach Ruf, so wird er dir durch mich zuteil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen." - Drauf er: "Ich wünsche nur das Gegenteil,
Drum packe dich – in diesen Eisesmassen
Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil." - Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen,
Und sagt’ ihm: "Nötig wird’s, daß du dich nennst,
Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen." - Und er: "Ob du mich zausen magst, du kennst
Mich dennoch nicht – nichts sollst du hier erkunden,
Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst." - Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,
Und ob schon ausgerauft manch Büschel war,
Schaut’ er hinab und bellte gleich den Hunden. - Da rief ein andrer: "Bocca, nun fürwahr,
Du ließest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?" - "Dich", rief ich, "mag ich nicht zum Reden zwingen,
Verräter du, allein zu deiner Schmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen." - "Erzähle, was du willst, doch hintennach",
Rief Bocca, "magst du diesen nur nicht schönen,
Der eben jetzo so geläufig sprach. - Sieh ihn für’s Gold der Franken hier belohnen
Und sage, daß Duera
da nicht fehlt,
Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen. - Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,
Dort siehst du Becherias Augen triefen,
Den jüngst die Florentiner abgekehlt. - Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen,
Gan, Sribaldello, der Faenzas Tor
Den Feinden aufschloß, da noch alle schliefen." - Wir gingen fort, und, etwas weiter vor,
War, Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror. - Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden,
So fraß der Obre hier den Untern an
Da, wo sich Nacken und Gehirn verbinden. - Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn
Einst Sydeus voll von wilder Wut geschlagen,
So ward von ihm dem Schädel hier getan. - "O du, der du mit viehischem Behagen
Den Haß an diesem stillst, an dem du nagst,
Weshalb", begann ich, "magst du dich beklagen? - Und hör’ ich, daß du dich mit Recht beklagst,
Und wer er sei, und was dein Nagen räche,
So sollst du dort erstehn, wo du erlagst, - Wenn
diese nicht verdorrt, mit der ich spreche."
Dreiunddreißigster Gesang
- Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus
Der Sünder jetzt und wischt’ ihn mit den Locken
Des angefress’nen Hinterkopfes aus. - Er sprach: "Du willst zum Reden mich verlocken?
Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneu’n,
Bei des Erinnrung schon die Pulse stocken? - Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreu’n,
Die Frucht der Schande dem Verräter bringen,
Nicht Reden werd’ ich dann noch Tränen scheu’n. - Zwar, wer du bist, wie dir hierherzudringen
Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner Laut dein Wort zu klingen. - Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin,
Erzbischof Roger er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin. - Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen,
Als er durch Arglist mein Vertrau’n betört,
Und mich getötet hat, das wirst du wissen. - Vernimm darum, was du noch nicht gehört,
Noch haben kannst – den Tod voll Graus und Schauer,
Und fass es, wie sich noch mein Herz empört. - Ein enges Loch in des Verlieses Mauer,
Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß
Man manchen noch verschließt zu bittrer Trauer, - Es zeigte kaum nach nächt’ger Finsternis
Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunkeln Zukunft Schleier mir zerriß. - Er jagt’, als Herr und Meister, durch die Auen
Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus,
Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen. - Mit Hunden, mager, gierig und zum Strauß
Wohleingeübt, entsendet er Sismunden,
Lanfranken samt Gualanden sich voraus. - Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden
Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden. - Als ich erwacht’ im ersten Morgenrot,
Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen,
Die bei mir waren, und verlangten Brot. - Teilst du nicht meinen Schmerz, so teilst du keinen,
Und denkst du, was mein Herz mir kundgetan,
Und weinest nicht, wann pflegst du denn zu weinen? - Schon wachten sie, die Stunde naht’ heran,
Wo man uns sonst die Speise bracht’, und jeden
Weht’ ob des Traumes Unglücksahndung an. - Verriegeln hört’ ich unter mir den öden,
Grau’nvollen Turm – und ins Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn’ ein Wort zu reden. - Ich weinte nicht. So starrt’ ich innerlich,
Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte:
Du blickst so, – Vater! Ach, was hast du? Sprich! - Doch weint’ ich nicht, und diesen Tag lang sagte
Ich nichts und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte. - Als in mein jammervoll Verlies sein Strahl
Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände
Auf vier Gesichtern mein’s und meine Qual. - Ich biß vor Jammer mich in beide Hände,
Und jene, wähnend, daß ich es aus Gier
Nach Speise tat’, erhoben sich behende - Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir!
Wie wir von dir die arme Hüll’ erhalten,
Oh, so entkleid’ uns, Vater, auch von ihr. - Da sucht’ ich ihrethalb mich still zu halten;
Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten? - Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch
Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch! - Dort starb er – und so hab’ ich sie gesehen,
Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen. - Schon blind, tappt’ ich dahin, wo jeder lag,
Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen,
Bis Hunger tat, was Kummer nicht vermag." - Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,
Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach,
Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen. - Pisa, du, des schönen Landes Schmach,
In dem das Si erklingt mit süßem Tone,
Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach, - So schwimme her, Capraja und Gorgone,
Des Arno Mund zu stopfen, daß die Flut
Dich ganz ersäuf und keiner Seele schone. - Denn, wenn auch Ugolinos Frevelmut,
Wie man gesagt, die Schlösser dir verraten,
Was schlachtete die Kinder deine Wut? - Oh neues Theben, war an solchen Taten
Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten? – - Wir gingen nun zu einer andern Schar,
Die, statt wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwärts, eingefroren war. - Die Zähren selber hemmen hier die Zähren,
Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren. - Denn, was zuerst dem trüben Aug’ entrann,
Das war zum Klumpen von Kristall verdichtet
Und füllte ganz die Augenhöhlen an. - Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet,
Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefühl vernichtet, - Doch fühlt’ ich, schien’s mir Luft entgegenzieh’n,
Drum sprach ich: "Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?" - Und er: "Du gehst der Antwort schnell entgegen
Und siehst, wenn wir noch weiter fortgereist,
Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen." - Da rief ein eisumstarrter armer Geist:
"Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weist, - Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,
Damit ich lüfte meines Herzens Weh’n,
Eh’ neu die Träne sich zu Eis verdichte." - Ich sprach: "Soll dir’s nach deinem Wunsch geschehn,
So nenne dich, und wenn ich’s nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn." - Drauf er: "Ich bin’s, der Frucht vom bösen Zweige
Als Bruder Alberich dort angeschafft,
Und speise hier die Dattel für die Feige." - "Oh," rief ich, "hat der Tod dich hingerafft?"
Und er zu mir: "Ob noch mein Leib am Leben,
Davon bekam ich keine Wissenschaft. - Denn Ptolommäa hat den Vorzug eben,
Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet,
Eh’ ihr den Anstoß Atropos gegeben. - Und daß du lieber mir vom Augenlid
Verglaste Tränen nehmest sollst du wissen:
Sobald die Seele den Verrat vollzieht, - Wie ich getan, wird ihr der Leib entrissen
Von einem Teufel, der dann drin regiert
Bis an den Tod, indes in Finsternissen - Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert.
Vielleicht ist oben noch der Körper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert. - Kommst du von dort, so magst du’s selbst ermessen.
Herr Branca d’Oria ist’s, der jämmerlich
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen." - "Ich glaube," Sprach ich, "du betrügest mich,
Denn Branca d’Oria ist noch nicht begraben
Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich." - Und er darauf: "Es konnte jenen Graben,
An dem beim Pech die Schar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben, - Da war sein Leib schon in des Dämons Macht.
So ging’s auch dem von d’Orias Geschlechte,
Der den Verrat zugleich mit ihm vollbracht. - Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte
Und nimm das Eis hinweg! – doch tat ich’s nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte. - Genua, Feindin jeder Sitt’ und Pflicht,
Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht? - Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen
Der euren einen, für sein Tun belohnt,
Die Seel’ in des Kozytus Eis verschlossen, - Des Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.
Vierunddreißigster Gesang
- "Uns naht des Höllenköniges Panier!
Schau’ hin, ob du vermagst ihn zu erspähen."
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir. - Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,
Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort
Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen; - So sah ich jetzo ein Gebäude dort –
Nichts fand ich sonst, mich vor dem Wind zu decken,
Drum drängt’ ich fest mich hinter meinen Hort. - Dort war ich, wo – ich sing’ es noch mit Schrecken –
Die Geister, in durchsicht’ges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken. - Der lag darin gestreckt, und mancher stand,
Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte
Sich sprenkelkrumm, das Haupt zum Fuß gewandt. - Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,
Daß es dem Meister nun gefällig schien,
Mir den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte. - Da trat er weg von mir, hieß mich verzieh’n,
Und sprach zu mir: "Bleib, um den Dis zu schauen,
Und hier laß nicht dir Mut und Kraft entfliehn." - Wie ich da starr und heiser ward vor Grauen,
Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen. - Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht.
Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht. - Der Kaiser von dem tränenvollen Reiche
Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Maß erreiche, - Erreicht’ ein Riese seines Armes Maß.
Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß. - Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen,
Und hat den güt’gen Schöpfer doch bedroht,
So muß er wohl der Quell sein alles Bösen. - O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!
Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,
Von diesen aber war das vordre rot. - Anfügten sich die andern zwei dem einen,
Gerad’ ob beiden Schultern hingestellt,
Um oben sich beim Kamme zu vereinen; - Das Antlitz links weißgelblich – ihm gesellt
Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen
Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt. - Groß, angemessen solchem Vogel, standen
Zwei Flügel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur größer, fanden, - Und federlos, wie die der Fledermaus.
Sie flatterten ohn’ Unterlaß und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus. - Dadurch ward der Kozyt mit Eis verschlossen.
Sechs Augen waren nie von Tränen frei,
Die auf drei Kinn’ in blut’gem Geifer flossen. - Und einen armen Sünder malmt’ entzwei
Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei. - Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,
Verglichen mit den scharfen Klau’n, zu sein,
Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen. - Da sprach Virgil: "Sieh hier die größte Pein!
Ischariots Kopf steckt zwischen scharfen Fängen,
Und außen zappelt er mit Arm und Bein. - Zwei andre sieh, den Kopf nach unten hängen;
Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, dreh’n und drängen; - Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund –
Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund." - Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,
Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell,
Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen, - Hing er sich an die zott’ge Seite schnell,
Griff Zott’ auf Zott’, um sich herabzusenken
Inmitten eis’ger Rind’ und rauhem Fell. - Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken
Des Riesen sich der Lenden Kugeln dreh’n,
Eilt’ er, mit Müh’ und Angst, sich umzuschwenken. - Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;
Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn. - "Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter
Entkommt man nur so großem Leid," so sprach
Tiefkeuchend, wie ein Müder, mein Begleiter. - Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,
Dann setzt’ er mich auf einen Rand daneben
Und streckte mir den Fuß behutsam nach. - Ich blickt’ empor und glaubte, wie ich eben
Den Dis gesehn, so stell’ er noch sich dar.
Doch seine Füße sah ich sich erheben. - Wie ich erschrak, bedenk’, o dumme Schar,
Der’s nottut, daß sie erst erkennen lerne,
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war. - Da sprach Virgil: "Jetzt auf, das Ziel ist ferne,
Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast;
Und Sol, aufsteigend. scheucht bereits die Sternen - Nicht war’s ein Gang durch einen Prachtpalast,
Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast. - Ich, aufrecht stehend, sprach: "Eh’ aus dem Schlunde
Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt,
Reiß aus dem Irrtum mich und gib mir Kunde: - Wo ist das Eis ? Wie steckt Dis köpflings fest?
Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten
Die Überfahrt gemacht zum Ost vom West? - "Du glaubst dich auf des Zentrums andern Seiten,
Wo du am Wurme, der die Erde kränkt
Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten. - Du warst’s, solang’ ich mich hinabgesenkt;
Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdrängest
du, da ich mich umgeschwenkt. - Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre,
Entgegen der, die großes trocknes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre - So fehllos lebt’ und starb, wie er entstand.
Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judokas andre Seit’ umspannt. - Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,
Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Luzifer nach alter Weise. - Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.
Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt - Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.
Um ihn zu flieh’n, drang auch die Erde vor
Aus dieser Höhl’ und drängte sich nach oben." - So sprach Virgil – und sieh, vom Dis empor
Ging eine Schlucht, tief wie die ganze Hölle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr; - Denn rauschend lief ein Bach, des rasche Welle
Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle. - Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang
Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang, - Da blickte durch der Felsschlucht obre Rundung
Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und eilig stiegen wir aus enger Mundung - Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.
Das Fegefeuer
Erster Gesang
- Zur Fahrt in bess’re Fluten aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und läßt nun hinter sich so grimme Wogen. - Zum zweiten Reiche hin geht seine Bahn,
Wohin zur Reinigung die Geister schweben,
Um würdig dann dem Himmelreich zu nah’n. - Doch hier mag sich die tote Dichtung heben,
O heil’ge Musen, da ich euer bin!
Hier mög’ empor Kalliopeia streben! - Sie folge mir mit jenem Ton dahin,
Des Streich, die armen Elstern einst erschreckend,
Verzweiflung bracht’ in ihren stolzen Sinn. - Des Saphirs holde Farbe, ganz bedeckend
Des reinen Äthers heiteres Gebäu
Und bis zum ersten Kreise sich erstreckend, - Erschuf vor mir der Augen Wonne neu,
Sobald ich jetzt der toten Luft entklommen,
Die Aug’ und Brust getrübt in Nacht und Scheu. - Der schöne Stern, der Lieb’ erregt, entglommen
Im Osten, hatt’ in Lächeln ihn verklärt,
Die Fisch’ umschleiernd, die mit ihm gekommen. - Dann rechts, dem andern Pole zugekehrt,
Erblickt’ ich eines Viergestirnes Schimmer,
Des Anschau’n nur dem ersten Paar gewährt. - Der Himmel schien entzückt durch sein Geflimmer.
O du verwaistes Land, du öder Nord,
Du siehst den Glanz der schönen Lichter nimmer. - Als ich darauf vom Viergestirne fort
Ein wenig hin zum andern Pole sah,
Da war verschwunden schon der Wagen dort. - Und einen Greis, allein, sah ich mir nahe,
Der Ehrfurcht also wert an Mien’ und Art,
Daß mir, als ob’s mein Vater sei, geschähe. - Lang war, mit weißem Haar vermischt, sein Bart
Und gleich dem Haar des Haupts, das, niedersinkend
Als Doppelstreif, der Brust zur Hülle ward. - Sein Angesicht, die heil’gen Strahlen trinkend
Des Viergestirnes, war so schön und klar,
Als sah’ ich es, vom Schein der Sonne blinkend. - "Wer seid ihr, die ihr fortflieht, wunderbar,
Aus ew’ger Haft, dem blinden Strom entgegen"
Er sprach’s, bewegt des Bartes greises Haar, - "Wer leitet’ euch? Wer leuchtet’ euren Wegen,
Daß ihr entstiegt den Schatten tiefer Nacht,
Die, ewig achwarz, der Hölle Täler hegend - Verlor des Abgrunds Satzung ihre Macht?
Hat neuer Ratschluß durch der Hölle Pforte
Verdammt’ in meine Grotten hergebracht?" – - Hier fühlt’ ich mich erfaßt von meinem Horte,
Und ehrerbietig macht er Brau’n und Knie
Mir alsogleich mit Hand und Wink und Worte - Und sprach: "Nicht durch mich selber bin ich hie;
Ein Weib kam bittend aus den höchsten Sphären,
Darob ich diesem mein Geleit verlieh. - Doch da’s dein Will’ ist, daß ich dich belehren
Von unserm wahren Zustand soll, wie mag
Mein Will’ ein andrer sein, als zu gewähren! - Nicht sahe dieser noch den letzten Tag,
Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet,
Daß er gewiß in kurzer Frist erlag. - Um ihn zu retten, ward ich abgesendet,
Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut,
Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet. - Ich zeigt’ ihm schon der Sünder ganze Brut,
Nun aber ist er
die zu sehn bereitet,
Die hier sich läutern unter deiner Hut. - Lang wär’s zu sagen, wie ich ihn begleitet.
Kraft kam von oben, helfend, daß ich ihn,
Um dich zu hören und zu sehn, geleitet. - Laß dir’s gefallen, daß er hier erschien.
Er sucht die Freiheit – wie sie wert zu halten,
Weiß, wer um sie des Lebens sich verzieh’n. - Du weißt’s, du ließest gern sie zu erhalten,
In Utica die Hülle blutbenetzt,
Die hell am großen Tag sich wird entfalten. - Nicht ward der ew’ge Schluß von uns verletzt.
Er lebt und mich hält Minos nicht gefangen.
Ich bin vom Kreis, wo deine Martia jetzt, - Noch keuschen Aug’s, dir ausspricht das Verlangen,
O heil’ge Brust, als dein sie anzusehn,
Drum woll’ uns, ihr zuliebe, wohl empfangen. - Laß uns durch deine sieben Reiche gehn,
Dann grüß’ ich sie von dir in jenen Hallen,
Willst, dort erwähnt zu sein, du nicht verschmäh’n." - "Gefiel auch", sprach er, "Martia mir vor allen,
Da ich gelebt, so daß ich ihr erwies,
Wodurch ich irgend wußt’, ihr zu gefallen, - Doch jetzt nicht mehr bewegen darf mich dies,
Da sie dort wohnt jenseits der nächt’gen Wogen,
Wie festgesetzt ward, als ich sie verließ. - Doch hat ein Himmelsweib dich hergezogen,
Wie du gesagt, was braucht’s da Schmeichelei’n?
Sie will, dies g’nügt, und treulich wird’s vollzogen - Drum geh, zum weitern Weg ihn einzuweih’n.
Ihn muß ein Gurt von glatter Bins’ umschnüren,
Dann wasch ihm das Gesicht vom Schmutze rein. - Das Aug’ umnebelt, will sich’s nicht gebühren,
Zum ersten Diener, der vom sel’gen Land
Herabgekommen ist, ihn hinzuführen. - Rings trägt der kleinen Insel tiefster Strand,
Wo Wog’ und Woge sich im Wechsel jagen,
Viel Binsen am morastig weichen Rand. - Die andern Pflanzen, welche Blätter tragen
Und sich verhärten, kommen da nicht auf,
Wo’s gilt, sich schmiegen, wenn die Wellen schlagen. - Doch kehrt von dort nicht rückwärts euren Lauf;
Die Sonne zeigt – seht, dort ersteht sie eben! –
Euch dann den leichtern Weg den Berg hinauf." - Hier sah ich ihn vor meinem Blick verschweben;
Stumm stand ich auf und sah auf meinen Hort,
In seinen Schutz und Willen ganz ergeben. - Er sprach: "Sohn, folge mir jetzt rückwärts. Dort
Neigt mehr und mehr die Ebene sich immer
Nach ihren letzten tiefsten Grenzen fort." - Schon trieb das Morgenrot mit lichtem Schimmer
Die Frühe vor sich her, und vom Gestad
Erkannt’ ich weit hinaus des Meers Geflimmer. - Nun gingen wir dahin auf ödem Pfad,
Wie wer, verirrt, zum rechten Wege schreitend,
Sein Gehn umsonst glaubt, bis er ihn betrat. - Wir sahn den Tau bald, mit der Sonne streitend,
Doch, weil er dort an schatt’ger Stelle war,
Sich minder schnell in leichtem Dunst verbreitend. - Worauf mein Hort mit seiner Hände Paar
Sanft die zerstreuten, weichen Gräser deckte,
Drob ich, denn seinen Vorsatz nahm ich wahr, - Ihm die betränte Wang’ entgegenstreckte.
Rein wusch er mir die Farbe der Natur,
Die erst der Schmutz der Hölle ganz versteckte. - Nun gingen wir dahin auf öder Flur
Am Strande fort, der nie ein Schiff erblickte,
Das wieder heim zum Vaterlande fuhr. - Dort, so wie der geboten, der uns schickte,
Umgürtet er mit schwachen Binsen mich,
Und wo er nur die niedre Pflanze knickte, - Erhob sie neu aus ihrer Wurzel sich.
Zweiter Gesang
- Sol war zum Horizont herabgestiegen,
Des Mittagskreis, wo er am höchsten steht,
Sieht unter sich die Feste Zions liegen. - Nacht, welche sich ihm gegenüber dreht,
War mit der Wag’ am Ganges vorgegangen,
Die, wenn sie zunimmt, ihrer Hand entgeht. - Drum hatten Eos weiß’ und rote Wangen
Dort, wo ich war, weil ihre Jugend schwand,
In hohem Gelb zu schimmern angefangen. - Wir waren noch am niedern Meeresstrand,
Und gingen, ob des fernen Wegs in Sorgen,
Im Herzen fort, indes der Körper stand. - Und wie in trüber Röte, wenn der Morgen
Sich nähert, Mars, im Westen, nah dem Meer
Sich zeigt, von dichten Dünsten fast verborgen, - So sah ich jetzt ein Licht – o säh’ ich’s mehr!
Und eilig, wie kein Vogel je geflogen,
Glitt’s auf des Meeres glattem Spiegel her. - Als ich von ihm die Augen abgezogen
Ein wenig hatt’ und zu dem Führer sprach,
Schien’s heller dann und größer ob den Wogen. - Dann auf des Lichtes beiden Seiten brach
Ein weißer Glanz hervor, und er entbrannte,
Wie’s näher kam, von unten nach und nach. - Mein Meister, der nach ihm sich schweigend wandte,
Solang der Flügel erstes Weiß erschien,
Rief, wie er nun den hehren Schiffer kannte: - "O eile jetzt, o eile, hinzuknien!
Sieh Gottes Engel! Falte deine Händel
Nun siehst du solche Gottes Wink vollziehen. - Sieh, er verschmäht, was Menschenwitz erfände.
Nicht Segel, Ruder nicht – sein Flügelpaar
Braucht er zur Fahrt ans ferneste Gelände. - Sieh, wie’s gen Himmel strebt so schön und klar!
Die Luft bewegt das ewige Gefieder,
Das nicht sich ändert wie der Menschen Haar." - Und wieder naht’ er sich indes und wieder
In hellerm Glanz, daß näher solchen Schein
Mein Auge nicht ertrug, drum schlug ich’s nieder. - Und leicht und schnell sah ich durch ihn allein
Das Schiff des Eilands niedern Strand gewinnen,
Auch drückt’ es kaum die Spur den Fluten ein. - Und als ein Sel’ger stand vor meinen Sinnen
Am Hinterteil des Schiffes Steuermann,
Und mehr als hundert Geister saßen drinnen. - "Als aus Ägypten Israel entrann";
Die Schar, gewiß, das Ufer zu erreichen,
Fing diesen Psalm einstimm’gen Sanges an. - Er macht’ auf sie des heil’gen Kreuzes Zeichen,
Drum warf sich jeder hin am Meeresbord,
Dann sah man ihn schnell, wie er kam, entweichen. - Fremd schienen alle, welche blieben, dort,
Und um sich blickend sah ich sie verweilen,
Wie den, der Neues sieht am fremden Ort. - Von allen Seiten schoß mit Feuerpfeilen
Den Tag die Sonne, die vom Meridian
Den Steinbock schon gezwungen, zu enteilen - Da hoben, die wir eben kommen sahn,
Nach uns die Stirn empor mit diesem Worte:
"Zeigt uns, dafern ihr könnt, zum Berg die Bahn." - Erwidert ward darauf von meinem Horte:
"Wißt, wenn ihr wähnt, wir wüßten hier Bescheid;
Wir sind so fremd wie ihr an diesem Orte. - Denn kurz vorher, eh’ ihr gekommen seid,
Sind auf so rauhem Weg wir angekommen,
Daß hier zu klimmen Spiel, nicht Müh’ und Leid." - Wie jene nun am Atmen wahrgenommen,
Daß ich noch lebe, schienen sie bewegt,
Ja, vor Erstaunen ängstlich und beklommen. - Und wie dem Boten, der den Ölzweig trägt,
Die Menge folgt, voll Neubegier sich pressend,
Und Tritt’ und Stöße sonder Scheu erträgt, - So drängten jetzt, mich mit den Augen messend,
Zu mir die hochbeglückten Seelen sich,
Beinah den Gang zur Reinigung vergessend. - Hervor trat eine jetzt, so inniglich
Mich zu umarmen, mit so holden Mienen,
Daß mein Verlangen ganz dem ihren glich. - Leere Schatten, die Gestalt nur schienen!
Dreimal halt’ ich die Hände hinter ihr,
Und dreimal kehrt’ ich zu der Brust mit ihnen. - Das Antlitz, glaub’ ich, malt’ Erstaunen mir,
Und jenen sah ich lächelnd rückwärts schweben,
Doch folgt’ ich ihm mit liebender Begier. - Und lieblich hört’ ich ihn die Stimm’ erheben:
"Sei ruhig!" Da erkannt’ ich ihn und bat,
Er möge weilen und mir Antwort geben. - "Dich lieb’ ich," sprach er, als ich ihn genaht,
"Wie einst im Leib, so jetzt der Haft entbunden,
Drum weil’ ich – doch was gehst du diesen Pfad?" - "O mein Casella, hier nur eingefunden
Hab’ ich mich, um zur Welt zurückzugehn.
Doch wie bist du beraubt so vieler Stunden?" - Und er: "Drob ist kein Unrecht mir gescheh’n.
Mußt’ er auch öfters mich zurückeweisen,
Der mit sich fortnimmt, wann er will und wen. - Denn
sein Will’ ist nur der des Ewig-Weisen.
Und seit drei Monden hat er gern gewährt,
Wenn irgendwer verlangt hat, mitzureisen. - Auch mich, der ich mich zu dem Strand gekehrt,
Wo salzig wird der Tiber süße Welle,
Empfing er liebevoll, da ich’s begehrt. - Jetzt schwebt er wieder hin zu jener Stelle,
Wo er vereint mit freudigem Empfang
Die, so nicht Sünde stürzt zur Nacht der Hölle." - Und ich: "Hat dir nicht jenen Liebessang,
Den du geübt, ein neu Gesetz entrissen,
Der öfters mir gestillt des Herzens Drang, - So laß mich jetzt nicht seinen Trost vermissen;
Denn meine Seele, die der Leib umflicht,
Schwebt, da sie hier erscheint, in Kümmernissen." - "Die Liebe, die zu mir im Herzen spricht
Begann er jetzt, und ach, die süße Weise
Verklingt noch jetzt in meinem Innern nicht. - Mein Herr und ich, wir standen still im Kreise
Der andern dort und alle so beglückt,
Als kennten wir kein andres Ziel der Reise, - Nur seinen Tönen horchend, hochentzückt.
Da sieh bei uns den ehrenhaften Alten:
"Was, träge Geister, ist’s, das euch berückt? - Nachlässige, so lang’ euch aufzuhalten!
Zum Berg hin, wo man frei der Hüllen wird,
Die Gottes Anblick noch euch vorenthalten! - Wie wenn, von Weizen oder Lolch gekirrt,
Die Tauben still im Stoppelfelde schmausen
Und keine mehr umherstolziert und girrt, - Dann aber, wenn erscheint, wovor sie grausen,
Sie alle jäh, mit größrer Sorg’ im Sinn,
Von ihrer Weid’ empor im Fluge brausen; - So lief die Schar der Seelen jetzt dahin,
Vom Sange fort, zum Berge sonder Weile,
Wie wer da läuft, allein nicht weiß wohin; - Wir aber folgten mit nicht mindrer Eile.
Dritter Gesang
- Trieb jähe Flucht auch alles, was vereinigt
Beim Sänger war, zerstreut jetzt durch den Plan
Dem Berge zu, wo die Vernunft uns peinigt, - Doch drängt’ ich mich dem treuen Führer an.
Wie könnt’ ich ihn auch bei der Reife missen?
Wie kam ich wohl ohn’ ihn den Berg hinauf? - Er schien gepeinigt von Gewissensbissen.
würdig reine Seele, wie empört,
Wie quält der kleinste Fehler dein Gewissen! - Als seines Laufes Eil’ nun aufgehört,
Bei welcher Würd’ im Anstand nimmer waltet,
Da ward mein Geist, verengt erst und verstört, - Zum Streben neu erweitert und entfaltet,
Und, das Gesicht dem Berge zugewandt,
Sah ich, dem Himmel zu, ihm hochgestaltet. - Die Sonne, hinter mir in rotem Brand,
War vor mir, nach Gestaltung und Gebärde,
Gebrochen, da mein Leib ihr widerstand. - Und bang, daß ich allein gelassen werde,
Kehrt’ ich mich schleunig seitwärts, da ich sah,
Beschattet sei vor mir allein die Erde. - "Was argwöhnst du" begann mein Tröster da,
Zu mir gewandt, erratend, was ich dachte,
"Glaubst du, ich sei dir nicht, wie immer, nah? - Dort liegt der Leib, in dem ich Schatten machte,
An Napels Strand, den jetzt schon Nacht umflicht,
Wohin man einst von Brindisi ihn brachte. - Beschatt’ ich jetzt vor mir die Erde nicht,
So staune nicht darum – deckt doch der Schimmer
Des einen Himmels nie des andern Licht. - Dergleichen Körper schafft der Herr noch immer,
Damit sie dulden Hitz’ und Frost und Pein,
Doch
wie er’s macht, entschleiert er uns nimmer. - Tor, wer da hofft, er dring’ in alles ein
Mit der Vernunft, selbst in endlose Sphären,
Wo er, der Ew’ge, einer ist in drei’n. - Strebt, Menschen, doch das
Wie nicht aufzuklären;
Denn wär’s gestattet, alles zu erschau’n,
Nicht brauchte dann Maria zu gebären. - Wohl mancher dürft’ auf seinen Geist vertrauen,
Dem noch die Sehnsucht, alles zu erkunden,
Geblieben ist zu ewiglichem Grau’n. - Du weißt, wo wir den Plato aufgefunden
Und manchen sonst." Er schwieg, die Stirn geneigt,
Und alle Heiterkeit schien ihm geschwunden. - Wir kamen hin, von wo man aufwärts steigt.
Dort oben ist der Fels so steil gelegen,
Daß sich kein Raum zu einem Dritte zeigt. - Der rauhste von den öden Felsenwegen
Inmitten Lerci und Turbia schmiegt
Sich sanft und leicht, stellt man ihn dem entgegen. - "Wer weiß, zu welcher Hand der Hang sich biegt."
Der Meister sprach’s und hielt jetzt ein im Schreiten,
"So daß auch der hinauf kann, der nicht fliegt?" - Er ließ indes den Blick zum Boden gleiten
Und nahm im Geist des Pfades Prüfung wahr.
Doch ich sah aufwärts nach des Berges Seiten, - Und da erschien mir linksher eine Schar,
Die schien so langsam zu uns her zu schweben,
Daß kaum Bewegung zu bemerken war. - "Laß," sprach ich, "Meister, deinen Blick sich heben,
Die Rat erteilen können, nahen schon,
Dafern du nicht vermagst, ihn selbst zu geben." - Frei schaut’ er auf, und alle Sorgen floh’n.
"Nur langsam". sprach er, "geht ihr Gang vonstatten,
Drum gehn wir hin. Getrost jetzt, süßer Sohn!" - Wir waren noch entfernt von jenen Schatten
Und ihnen etwa steinwurfweit genaht,
Als wir getan an tausend Schritte hatten. - Da drängten alle sich ans Felsgestad
Und standen still und dicht, uns zugewendet,
Wie wen Bedenken hemmt auf seinem Pfad. - "O Auserwählte, die ihr wohl geendet,"
Begann Virgil, "wie einst euch Friede jetzt,
Den, wie ich glaube, Gott euch allen spendet, - So zeigt uns des Gebirges Abhang jetzt
Und laßt uns einen Weg nach oben sehen,
Denn Zeitverlieren schmerzt den, der sie schätzt." - Gleichwie die Schäflein aus dem Stalle gehen,
Eins, zwei und drei, indessen noch verzagt
Die andern mit gebeugten Köpfen stehen, - Bis was das erste tat, nun jedes wagt,
Wenn jenes harrt, geduldig die Beschwerde
Des Drangs erträgt und nach dem Grund nicht fragt; - So sah ich jetzt von der beglückten Herde
Die vordem sich bewegen und uns nah’n,
Das Antlitz züchtig, ehrbar die Gebärde. - Wie sie das Licht zur Rechten meiner Bahn
Geteilt und, als des Erdenleibes Zeichen,
Die Felsenwand von mir beschattet sahn, - Sah ich sie stehn und etwas rückwärts weichen.
Die andern wußten zwar nicht, was gescheh’n,
Doch alle taten sie sofort desgleichen. - "Ohn’ eure Frage will ich euch gestehn,
Noch einem Menschen ist der Körper eigen,
Von welchem ihr das Licht geteilt gesehn. - Doch laßt Verwunderung und Staunen schweigen;
Nicht ohne Kraft, die Gott nur geben kann,
Sucht er die schroffe Wand zu übersteigen." - Mein Hort sprach’s, und die würd’ge Schar begann,
Uns mit der Hände Rücken Zeichen gebend:
"Kehrt wieder um und schreitet uns voran!" - Und einer drauf, zu mir die Stimm’ erhebend:
"Wer du auch seist, blick’ um, mich anzuschau’n,
Besinne dich: Sahst du mich jemals lebend`?" - Ich wandt’ auf ihn die Augen voll Vertrau’n.
Blond war er, schön, von würdigen Gebärden,
Doch war gespalten eine seiner Brau’n. - Demütig sagt’ ich, daß ich ihn auf Erden
Niemals gesehn; da aber hieß er mich
Aufmerksam auf die Wund’ am Busen werden, - Und lächelnd sprach er dann: "Manfred bin ich!
Wenn dich zur Welt zurück die Schritte tragen,
Zu meiner Tochter geh, ich bitte dich, - Die unterm Herzen jenes Paar getragen,
Das Aragonien und Sizilien ehrt,
Ihr Wahres, wenn man andres sagt, zu sagen. - Als zweimal mich durchbohrt des Feindes Schwert,
Da übergab ich weinend meine Seele
Dem Richter, der Verzeihung gern gewährt. - Oh groß und schrecklich waren meine Fehle,
Doch groß ist Gottes Gnadenarm und faßt,
Was sich ihm zukehrt, so daß keiner fehle. - Und wenn Cosenzas Hirt, der sonder Rast,
Wie Clemens wollte, mich gejagt, dies eine
Erhabne Wort der Schrift wohl aufgefaßt, - So lägen dort noch meines Leibs Gebeine
Am Brückenkopf bei Benevent, vom Mal
Geschützt der schweren aufgehäuften Steine. - Nun netzt’s der Regen, dorrt’s der Sonnenstrahl,
Dort, wo er’s hinwarf mit verlöschten Lichten,
Dem Reich entführt, entlang dem Verdetal. - Doch kann ihr Fluch die Seele nicht vernichten,
Aus welcher nicht die frohe Hoffnung weicht,
An ew’ger Liebe neu sich aufzurichten. - Wahr ist’s, daß, wer im Kirchenbann erbleicht,
War’ auch zuletzt in ihm die Reu’ entglommen,
Doch dieser Felswand Höhe nicht erreicht, - Bis dreißigmal die Zeit, seit ihm genommen
Der Kirche Segen ward, verflossen ist,
Kürzt diese Zeit nicht ab das Fleh’n der Frommen. - Sieh, ob du mir zum Heil gekommen bist,
Wenn du Konstanzen, wie du mich gesehen,
Entdeckst und ihr verkündest jene Frist, - Denn viel gewinnt man hier durch euer Flehen."
Vierter Gesang
- Wenn etwas, was uns wohltut oder kränkt,
Uns eine Seelenkraft in Aufruhr brachte,
Und sich die Seel’ in diese ganz versenkt, - Dann scheint’s, als ob sie keiner andern achte;
Und dies beweist genugsam gegen den,
Der uns belebt von mehrern Seelen dachte. - Indem wir etwas hören oder sehn,
Was stark uns anzieht, ist die Zeit verschwunden,
Bevor wir’s glauben und es uns versehn. - Denn anders wird die Kraft, die hört, empfunden,
Und anders unsrer Seele ganze Kraft;
Frei ist die erste, diese scheint gebunden. - Davon erhielt ich jetzo Wissenschaft –
Indessen ich gehorcht und stillgeschwiegen,
Weil Staunen mir die Seele hingerafft, - War fünfzig Grad’ die Sonn’ emporgestiegen,
Eh’ ich’s bemerkt – da ward ein Ruf mir kund
Von den gesamten Seelen: "Seht die Stiegen!" - Die Öffnung, die mit einem Dorngebund,
Wenn sich die Traube bräunt, die Winzer schließen,
Ist weiter oft als hier der Felsenschlund, - Durch welchen uns die Seelen klimmen hießen.
Er vor, ich folgend, stiegen wir allein
Den Felsweg, da die ändern uns verließen. - Empor zu Bismantova und bergein
Bei Noli kann man auf den Füßen dringen,
Doch wer hier aufstrebt, muß beflügelt sein; - Ich meine, mit der großen Sehnsucht Schwingen,
Die mich dem Führer nachzog mit Gewalt,
Der Licht mir gab und Hoffnung zum Gelingen. - Wir stiegen innerhalb dem Felsenspalt,
Von ihm bedrängt, und fanden kaum mit Händen
Und Füßen unter uns am Boden Halt. - Nachdem wir aus den rauhen. schroffen Wänden
Emporgelangt zum offenen Gestad,
Da fragt’ ich: "Meister, sprich, wohin uns wendend" - Und er: "Mir nach, zur Höhe geht dein Pfad!
Rückwärts darf keiner deiner Schritte weichen,
Bis irgendwo ein kund’ger Führer naht!" - Den Gipfel konnte kaum der Blick erreichen;
Die Seite ging, stolz, senkrecht fast, hinan,
Dem Hang der Pyramide zu vergleichen. - Ich war bereits ermattet und begann:
"O süßer Vater, peinlich wird die Reife!
Schau’ her und sieh, daß ich nicht folgen kann!" - "Bis dorthin schleppe dich!" So sprach der Weise
Und zeigt’ auf einen Vorsprung nahe dort,
Von dem es schien, daß er den Berg umkreise. - Mir war ein Sporn des edlen Meisters Wort,
Mit aller Kraft die Reise fortzusetzen;
So kroch ich bis zum Bergesgürtel fort. - Und dort verweilten wir, um uns zu setzen,
Ostwärts, nach dem erklommnen Pfad gewandt,
An dem sich gern der Wandrer Blicke letzen. - Die Augen kehrt’ ich erst zum tiefen Strand,
Dann als ich sie zur Sonn’ emporgeschlagen,
Die uns zur Linken, Gluten sprühend, stand, - Da sah Virgil, daß ich des Lichtes Wagen
Anstaunte, weil er zwischen Mitternacht
Und unserm Standort schien dahinzujagen, - Und sprach: "Wenn jenem Spiegel ew’ger Macht
Castor und Pollux jetzt Begleiter wären,
Ihm, welcher auf- und abführt Licht und Pracht, - So würd’ er, kreisend näher bei den Bären,
Wenn er vom alten Weg nicht abgeirrt,
Mit seiner Glut den Zodiak verklären. - Bedenke nur, wenn dich dies Wort verwirrt,
Daß dieser Berg mit Zions heil’gen Höhen
Begrenzt von einem Horizonte wird, - Doch beid’ auf andern Hemisphären stehen;
Die Bahn, die Phaethon, der Tor, durchreist,
Ist drum von hier zur linken Hand zu sehen, - Indes sie dorten sich zur rechten weist –
So hoff ich denn, daß du zur klaren Kenntnis,
Wenn du wohl aufgemerkt, gefördert seist." - "Gewiß, mir ward so klar noch kein Verständnis
Als hier," begann ich, "wo mir dein Beweis
Ersetzt den Mangel eigener Erkenntnis. - Der ewigen Bewegung mittler Kreis,
Den man Äquator in der Kunst benannte,
Der fest bleibt zwischen Sonn’ und Wintereis, - Zeigt, wie ich wohl aus deiner Red’ erkannte,
Sich nordwärts hier, wie ihn die Juden sahn,
Wenn sich ihr Antlitz gegen Süden wandte. - Doch sprich, wie weit hinauf geht unsre Bahn?
Denn sieh, so hoch, wie kaum die Augen kommen,
Steigt ja des Berges Gipfel himmelan." - Und er: "Wer ihn zu steigen unternommen,
trifft große Schwierigkeit an seinem Fuß,
Die kleiner wird, je mehr man aufgeklommen. - Drum, wird dir erst die Mühe zum Genuß,
Erscheint dir’s dann so leicht, emporzusteigen,
Als ging’s im Kahn hinab den muntern Fluß, - Dann wird sich bald das Ziel des Weges zeigen,
Dann wirst du sanft von deinen Mühen ruh’n.
Dies ist gewiß, vom andern will ich schweigen." - Er sprach’s, und eine Stimm’ ertönte nun
Ganz nah bei uns: "Eh’ ihr so weit gegangen,
Wird euch vielleicht zu sitzen nötig tun." - Wir sahn dorthin, woher die Wort’ erklangen,
Und linkshin lag ein Felsenblock uns nah,
Der bis dahin mir und auch ihm entgangen. - Hin schritten wir und fanden Leute da
Verdeckt vom Felsen und in seinem Schatten,
In welchen ich ein Bild der Trägheit sah. - Und einer, wie im gänzlichen Ermatten,
Saß dorten und umarmte seine Knie,
Die das gesunkne Haupt inmitten hatten. - "Der ist gewiß der Faulheit Bruder! sieh,"
Begann ich, "sieh nur hin, mein süßer Leiter,
Denn sicher sahst du einen Trägern nie." - Da kehrt’ er sich zu mir und dem Begleiter,
Hob, doch nur bis zum Schenkel, das Gesicht
Und sprach: "Bist du so stark, so geh nur weiter." - Und da erkannt’ ich ihn und säumte nicht,
Noch atemlos vom Klettern, vorzustreben
Bis hin zu ihm, und sah ihn, als ich dicht - Schon bei ihm stand, das Haupt kaum merkbar heben.
"Zur Linken fährt der Sonnenwagen fort,"
Begann er nun, "hast du wohl acht gegeben?" - Ich mußte lächeln bei dem kurzen Wort
Und bei den faulen, langsamen Gebärden;
Worauf ich sprach: "Belaqua, dieser Ort - Bezeugt mir deutlich, du wirst selig werden.
Doch sprich: harrst du des Führers sitzend hier?
Wie? oder treibst du’s hier noch wie auf Erden?" - "Bruder," sprach er, "was hilft das Steigen mir?
Ich würde doch zur Qual nicht kommen sollen,
Denn Gottes Pförtner weist mich weg von ihr. - Hier außen muß um mich der Himmel rollen,
So oft als er im Leben tat, da spät
Und erst im Tod mein Herz bereuen wollen,
- Wenn mir nicht früher beispringt das Gebet,
Das sich aus gläub’ger Brust emporgerungen.
Was hülf ein andres, da es Gott verschmäht?" - Schon war vor mir Virgil hinaufgedrungen,
Und rief: "Jetzt komm, schon hat in lichter Pracht
Die Sonne sich zum Mittagskreis geschwungen, - Und Mauritanien deckt der Fuß der Nacht."
Fünfter Gesang
- Schon hatt’ ich, auf der Spur des Führers steigend,
Mich ganz von jenen Seelen abgewandt,
Als ein’, auf mich mit ihrem Finger zeigend, - Mir nachrief: "Seht den untern linker Hand
Die Sonne teilen und den Grund beschatten
Und tun, als lebt’ er noch in jenem Land." - Sobald mein Ohr erreicht die Töne hatten,
Kehrt’ ich mich ihnen zu, und jene sahn
Erstaunt nur mich, nur mich und meinen Schatten. - Da sprach Virgil: "Was zieht dich also an,
Daß du den Gang zum Gipfel aufgeschoben"
Und jenes Flüstern, was hat dir’s getan? - Was man auch spreche, folge mir nach oben!
Steh wie ein fester Turm, des stolzes Haupt
Nie wankend ragt, wenn auch die Winde toben. - Das Ziel entweicht, dem man sich nah geglaubt,
Wenn sich Gedanken und Gedanken jagen
Und einer stets die Kraft dem andern raubt." - "Ich komme schon!" Was könnt’ ich anders sagen,
Da mich mein Fehler zum Erröten zwang,
Das oft mir schon Verzeihung eingetragen? - Indessen sahn wir quer am Bergeshang
Nah vor uns eine Schar von Seelen kommen,
Die Vers für Vers ihr Miserere sang. - Wie sie an meinem Leibe wahrgenommen,
Daß er den Strahlen undurchdringlich sei,
Da ward ihr Sang zum Oh! lang und beklommen. - Und, gleich Gesandten, kamen ihrer zwei,
Uns beide zu befragen, wer wir wären,
In vollem Laufe bis zu uns herbei. - Da rief Virgil: "Ihr könnt zurückekehren.
Sein Leib ist wirklich ganz von Fleisch und Bein,
Und solches mögt ihr jenen dort erklären. - Und wenn sie, wie ich glaube, dort allein,
Um seinen Schatten anzusehn, verweilen,
So wissen sie genug, um froh zu sein." - Und schnell hingleitend, wie, gleich Feuerpfeilen,
Entflammte Dünste, wenn die Nacht beginnt,
Durchs heitere Gewölb des Himmels eilen; - So kehrten sie empor, um dann geschwind
Sich mit den andern nach uns umzudrehen,
Gleich einer Schar, die ohne Zaum entrinnt. - "Sieh, viele kommen jetzt, dich anzuflehen,
In dichtem Drang," so sprach mein Meister drauf,
"Doch geh nur immer fort und horch im Gehen." - "O du, der du zum Heil den Berg herauf
Die Glieder trägst, die immer dich umfingen,"
So riefen sie, "hemm’ etwas deinen Lauf. - Sieh, um zur Welt von uns Bericht zu bringen,
Uns an – erkennst du Antlitz und Gestalt?
Was weilst du nicht? Was eilst du, vorzudringen? - Getötet sind wir alle durch Gewalt.
Der Sünd’ uns bis zur letzten Stunde weihend,
Allein im Tod von Himmelsglanz umwallt, - Verstarben wir, bereuend und verzeihend,
Und fühlten Gottes Frieden und das Licht,
Nach seinem Anschau’n Sehnsucht uns verleihend." - Und ich: "Zwar kenn’ ich keinen von Gesicht,
Doch fordert nur, ihr, die ihr wohl geboren,
Und das, was ich vermag, verweigr’ ich nicht. - Bei jenem Frieden sei es euch beschworen,
Den ich, fortklimmend auf des Führers Spur,
Von Welt zu Welt, zum Ziele mir erkoren." - Darauf begann der eine: "Hindert nur
Nicht Ohnmacht deinen Willen, so vertrauen
Wir dem, was du versprachst, auch ohne Schwur. - Und solltest du, ein Lebender, die Auen
Der Mark Ankona jemals wiedersehn
So will ich fest auf deine Güte bauen. - Laß die von Fano gläubig für mich fleh’n,
Daß mir gestatten himmlische Gewalten,
Zur Reinigung von schwerer Schuld zu gehn. - Von dort war ich – allein die tiefen Spalten,
Woraus das Blut, in dem ich lebte, floß,
Hab’ ich in Paduas Bezirk erhalten, - Des Schoß mich, den Vertrauenden, umschloß.
Zum Mord hatt’ Este den Befehl gegeben,
Der mehr der Gall’, als Recht, auf mich ergoß. - Den Mordstahl sah ich bei Oriac sich heben,
Doch wenn ich Mira mir zur Flucht erkor,
So würd’ ich dort noch, wo man atmet, leben. - Ich lief zum Sumpf, und dort, in Schlamm und Rohr,
Verstrickt’ ich mich und fiel und sah die Erde
Rings um mich her gemacht zum blut’gen Moor." - Ein andrer: "Wie dein Wunsch befriedigt werde,
Des Fittich hin zum Bergesgipfel fleugt,
So kürz’ auch mir mitleidig die Beschwerde. - In Montefeltro hat mich Guid’ erzeugt;
Ach wenn Johannen noch mein Schicksal rührte,
Nicht ging’ ich mehr mit diesem hier gebeugt." - "Welche Gewalttat, welch Verhängnis führte,"
So sprach ich, "dich so weit vom Campaldin,
Daß niemand noch bis jetzt dein Grab erspürte." - "Oh," sprach er drauf, "am Fuß des Casentin
Strömt vor der Archian, ein Fluß, entsprungen
Beim Kloster oberhalb im Apennin. - Bis dorthin, wo sein Namenslaut verklungen,
Floh ich, durchbohrt den Hals, zu Fuße fort;
Und blutleer schon, von Todesfrost durchdrungen, - Verlor ich dorten Augenlicht und Wort,
Um in Marias Namen wohl zu enden,
Und fiel und ließ die leere Hülle dort. - Da fühlt’ ich mich in eines Engels Händen,
Doch schreiend fuhr ein Teufel auch herzu:
"Wie, du vom Himmel, willst mir den entwenden? - Wahr ist’s, was ewig ist, erbeutest du
Nur durch ein Tränlein, das ihn mir entzogen,
Doch gönn’ ich nun dem andern keine Ruh’." - Du weißt, wenn feuchten Dunst emporgezogen
Die Sonne hat, so stürzt er, wenn ihn dann
Die Kälte faßt, zurück in Regenwogen. - Zum Willen nun, der stets nur Böses sann,
Fügt’ er Verstand, und Rauch und Sturm erregte
Die Kraft in ihm, die sie erregen kann. - Als drauf der Tag erloschen war, belegte
Er Pratomagnos Tal mit schwarzem Duft,
Der vom Gebirg sich drohend herbewegte. - Zu Fluten wurde nun die schwangre Luft,
Zum Strombett rann, was von den Regengüssen
Der Grund nicht trank, hervor aus Tal und Kluft. - Der Archian, gleich andern großen Flüssen,
Ergoß zum Königsstrom den Sturmeslauf,
Dem Fels und Baum zertrümmert weichen müssen. - Wie nun den starren Leib, nicht weit herauf
Von seiner Mündung, jene Flut gefunden,
Da löste sie das Kreuz am Busen auf, - Das ich gemacht, da Schmerz mich überwunden,
Und wirbelte zum Strom die träge Last.
Dort liegt sie nun im Grund, von Schlamm umwunden." - Als drauf der dritte Geist das Wort gefaßt,
Sprach er: "Wenn du, zur Welt zurückgekommen,
Erst ausgeruht vom langen Wege hast, - So laß dein Hiersein auch der Pia frommen.
Siena gebar, Maremma tilgte mich,
Und er, von dem ich einst den Ring bekommen, - Der Treue Pfand, er weiß, wie ich erblich."
Sechster Gesang
- Wenn Spieler sich vom Würfelspiel entfernen,
Bleibt, der verlor, betrübt und ärgerlich
Und wirft und wirft, um’s besser zu erlernen - Doch alles drängt um den Gewinner sich.
Der folgt und sucht, wie er sein Kleid erlange,
Ein andrer, seitwärts, spricht: Gedenk’ an mich. - Doch er verweilt nicht, hört auf keinen lange,
Und wem er etwas gibt, der macht sich fort;
So kommt er los vom lästigen Gedrange. - So war ich in dem dichten Haufen dort,
Und mußte hier den Kopf und dorthin wenden
Und löste mich durch manch Verheißungswort; - Sah Benincasa, der den Wütrichshänden
Des Ghin erlag, und sah darauf auch ihn,
Des Los war, jagend in der Flut zu enden. - Novelle bat mich flehend, zu verzieh’n;
Auch der von Pisa dann, durch den der gute,
Der wackere Marzucco stark erschien. - Graf Orfo auch, und der im Frevelmute
Vertilgt ward, wie er sagt’, aus Neid und Groll,
Nicht weil auf ihm ein schwer Verbrechen ruhte, - Den Broccia mein’ ich – mag sich demutsvoll
Zur Reue die Brabanterin bequemen,
Wenn sie zu schlechterm Troß nicht kommen soll. - Kaum war ich frei von allen jenen Schemen,
Die dort mich angefleht, zu fleh’n, daß sie
Zur Heiligung mit größrer Eile kämen; - Da sprach ich: "Du, der stets mir Licht verlieh,
Hast irgendwo in deinem Werk geschrieben,
Den Schluß des Himmels beuge Flehen nie. - Doch hörtest du, wozu mich diese trieben.
Täuscht nun vielleicht die Hoffnung diese Schar?
Ist unklar mir vielleicht dein Sinn geblieben?" - "Nicht täuscht sie Hoffnung, und mein Wort ist klar,"
So sprach er drauf, "du magst es nur betrachten
Mit hellem Geist, so wird dir’s offenbar. - Ist für gebeugt das strenge Recht zu achten,
Wenn das erfüllt der Liebe heißer Trieb,
Was jenen oblag und sie nicht vollbrachten? - Da, wo ich jenen Grundsatz niederschrieb,
Da sühnte man durch Bitten keine Sünden,
Weil ungehört von Gott die Bitte blieb. - Doch kannst du jetzt so tiefes nicht ergründen,
So harr’ auf sie, die zwischen deinem Geist
Und ew’ger Wahrheit wird ein Licht entzünden. - Beatrix ist’s, wenn du’s vielleicht nicht weißt,
Die Lächelnde, Beglückte, die zu sehen
Des hohen Berges Gipfel dir verheißt." - Und ich: "Mein Meister, laß uns schneller gehen!
Mir kehrt die Kraft, die kaum noch unterlag,
Und sieh, schon werfen Schatten jene Höhen." - "Wir gehn soweit als möglich diesen Tag,"
Entgegnet’ er, "doch andres wirst du finden,
Als eben jetzt dein Geist sich denken mag. - Die Sonne, deren Strahlen jetzt verschwinden,
So, daß zugleich dein Schatten flieht, sie kehrt,
Bevor wir uns empor zum Gipfel winden. - Doch eine Seele sieh, uns zugekehrt,
Allein, betrachtend, wie du dich bewegtest.
Gewiß, daß sie den nächsten Weg uns lehrt." - O Geist von Mantua, wie du lebend pflegtest,
So bliebst du stolzen, strengen Angesichts,
Indem du langsam ernst die Augen regtest. - Er ließ uns beide gehn und sagte nichts,
Gleich einem Leu’n, der ruht, uns still betrachtend
Mit scharfem Strahle seines Augenlichts. - Allein Virgil, nur nach der Höhe trachtend,
Befragt’ ihn: "Wo erklimmt man diese Wand?"
Doch jener, nicht auf seine Fragen achtend, - Fragt’ uns nach unserm Leben, unserm Land.
Und: "Mantua" – begann nun mein Begleiter;
Da hob der Schatten, erst in sich gewandt, - Sich schnell vom Sitz und ward teilnehmend heiter.
"Sordell bin ich, dein Landsmann!" rief er aus,
Und, selbst umarmt, umarmt’ er meinen Leiter – - Italien, Sklavin, Schlund voll Schmerz und Graus,
Schiff ohne Steurer auf durchstürmten Meeren,
Nicht Herrscherin der Welt, nein, Hurenhaus; - Wie sah ich jenen Schatten dort, den hehren,
Beim süßen Klange seiner Vaterstadt
Hereilen, um den Landsmann froh zu ehren. - Doch deine Lebenden sind nimmer satt,
Im tollen Kampf sich wechselweis zu morden,
Selbst die umschlossen
eine Mauer hat. - Elende, such’ an deinen Meeresborden,
Im Innern such’ und keinen Winkel letzt
Des Friedens Glück im Süden und im Norden. - Was hilft dir’s, da dein Sattel unbesetzt,
Daß Justinian die Zügel dir erneute?
Ohn’ ihn wär’ minder deine Schande jetzt. - Ihr hattet längst mit frommem Sinn, ihr Leute,
Zu Cäsars Sitz den Sattel eingeräumt,
Verstündet ihr, was Gottes Wort bedeute. - Seht, wie das wilde Tier sich tückisch bäumt,
Seit niemand es die Sporen fühlen lassen,
Und ihr es, die ihr’s zähmen wollt, entzäumt. - O deutscher Albrecht, der dies Tier verlassen,
Das drum nun tobt in ungezähmter Wut,
Statt mit den Schenkeln kräftig es zu fassen, - Gerechtes Strafgericht fall’ auf dein Blut
Vom Sternenzelt, auch sei es neu und offen,
Dann ist dein Folger wohl auf seiner Hut. - Was hat dich und den Vater schon betroffen,
Weil ihr, verödend diese Gartenau’n,
Nach jenseits nur gestellt das gier’ge Hoffen. - Komm her, der Philipeschi Stamm zu schau’n
Leichtsinniger, komm, sieh die Cappelletten,
Die schon gebeugt, und
die voll Angst und Grau’n! - Komm, Grausamer, die Treuen zu erretten!
Sieh, ungestraft drängt sie der schnöde Feind!
Sieh Santafior in wilder Räuber Ketten! - Komm her und sieh, wie deine Roma weint,
Und höre Tag und Nacht die Witwe stöhnen:
Mein Cäsar, ach, warum nicht mir vereint? - Komm her und sieh, wie alle sich versöhnen,
Komm her, und fühlst du dann auch Mitleid nicht,
So schäme dich, daß alle dich verhöhnen. - Verzeih, o höchster Zeus im ew’gen Licht,
Der du für uns gekreuzigt wardst auf Erden,
Ist anderwärts gewandt dein Angesicht? - Wie? oder soll aus schrecklichen Beschwerden,
Ein neues Heil, von keinem Aug’ entdeckt,
Nach deinem tiefen Rat bereitet werden? - Wie voll Italien von Tyrannen steckt!
Will sich ein Bauer der Partei verschwören,
Gleich heißt’s von ihm, Marcell sei auferweckt. - Du, mein Florenz, du kannst dies ruhig hören,
Da dieser Abschweif nimmer dich berührt.
Nie ließ sich ja dein wackres Volk betören. - Gerechtigkeit hegt vieler Herz, nur spürt
Man etwas spät, wie sehr es ihr gewogen,
Indes dein Volk sie stets im Munde führt. - Wenn Bürgerämtern viele sich entzogen,
Nimmt sie dein Volk freiwillig an und schreit:
Seht her, mich hat die Bürde krumm gebogen! - Nun freue dich, wenn du verdienest Neid,
Du Reiche, du Friedselige, du Weise –
Ich red’ im Ernst, die Wahrheit liegt nicht weit. - Man spreche von Athen und Sparta leise!
Sollt’ ihr Gesetz wohl wert der Rede sein,
Wie sehr man’s anpreist, neben deinem Preise? - Das, was du vorkehrst, ist gar dünn und fein;
Denn wenn du’s im Oktober angesponnen,
Zerreißt es im November kurz und klein. - Wie oft hast du geendet und begonnen,
Hast über Münz’ und Art, Gesetz und Pflicht,
Und Haupt und Glieder anders dich besonnen; - Bist du nicht völlig blind für jedes Licht,
So mußt du dich gleich einer Kranken sehen.
Ruh’ findet sie auf ihren Kissen nicht - Und wendet sich, den Schmerzen zu entgehen.
Siebenter Gesang
- Nachdem sie würdig und voll Freudigkeit
Drei-, viermal mit den Armen sich umgaben,
Da trat Sordell zurück: "Sprecht, wer ihr seid?" - "Eh’ sich zu diesem Berg gewendet haben
Die Seelen, welche Gott zu schauen wert,
Hat Octavianus mein Gebein begraben. - Ich bin Virgil. – Des Himmels Eingang wehrt
Mir Glaubensmangel nur, nicht andre Sünde,"
So sprach Virgil, als jener es begehrt. - Als ob ein Wunder plötzlich hier entstünde,
Bei dem man sagt: Es ist! dann: Es ist nicht!
Und staunend glaubt, und nicht, daß man’s ergründe; - So schien Sordell – dann neigt’ er das Gesicht,
Worauf er zu den Knien Virgils sich beugte
Und ihn umflocht, wo man den Herrn umflicht. - "O Latiums Ruhm, du, dessen Werk bezeugte,
Wie reich die Sprache sei an Kraft und Zier,
O ew’ger Preis der Stadt, die mich erzeugte, - Bringt mein Verdienst, mein Glück dich her zu mir?
Und wenn ich wert mich solcher Huld erweise,
So sprich, auf welchem Wege bist du hier?" - Virgil darauf: "Ich kam durch alle Kreise
Des wehevollen Reichs in dieses Land,
Und Himmelskraft bewegte mich zur Reise. - Nicht Tun, nein. Nichttun nur, hat mich verbannt,
Hinab verbannt von hoher Sonne Strahlen,
Die du ersehnst, die ich zu spät erkannt, - Zu jenen tiefen nachterfüllten Talen,
Zum Ort, wo leises Seufzen nur ertönt,
Nicht Weheruf, noch Angstgeschrei von Qualen; - Wo um mich her die Schar der Kindlein stöhnt,
Die ungetauft aus jener Welt geschieden,
Mit Gott für Adams Schuld noch unversöhnt. - Wo
die sind, die mit ird’schem Wert zufrieden,
Die Tugenden, bis auf die heil’gen Drei,
Sämtlich geübt und jede Schuld gemieden. - Doch, wenn du kannst, so bring’ uns Kunde bei,
Um schneller uns zu unserm Ziel zu leiten,
Wo wohl der Läut’rung wahrer Anfang sei." - Und er: "Ich darf umher und aufwärts schreiten,
Denn kein gewisser Ort ist uns bestimmt.
Soweit ich gehn darf, will ich dich begleiten. - Doch sieh, wie schon des Tages Licht verglimmt,
Drum ist auf guten Aufenthalt zu sinnen,
Weil man bei Nacht nicht in die Höhe klimmt. - Dort rechts sind Seelen, nicht gar weit von hinnen;
Zu diesen, wenn du einstimmst, führ’ ich dich,
Und denke wohl, du wirst dabei gewinnen." – - Virgil: "Wenn’s Nacht wird, steigt man nicht? So sprich,
Erliegt vielleicht die Kraft dann der Beschwerde?
Wie, oder widersetzt dann jemand sich?" - Mit seinem Finger streifte nun die Erde
Sordell und sprach: "Nicht hoffe, daß bei Nacht
Dein Fuß den Strich nur überschreiten werde. - An Steigen hindert sonst dich keine Macht
Als Dunkelheit, die, wie sie uns ermattet,
Verwirrt durch Ohnmacht unsern Willen macht. - Hinabzugehn und rückwärts ist gestattet,
Und irrend ringsumher zu gehn am Bord,
Wenn auch ihr Schleier noch die Welt umschattet." - Mein Meister stand erst wie bewundernd dort;
"Wie du versprachst," So hört ich drauf ihn bitten,
"Geleit’ uns an den angenehmen Ort." - Wir waren eben noch nicht weit geschritten,
Da war ein hohler Raum am Berg zu sehn,
Ein Tal, das dort den Felsenrand durchschnitten. - "Dorthin", So sprach der Schatten, "laß uns gehn,
Seht dort den Berg von einer Höhlung teilen,
Dort sehen wir den Morgen auferstehn." - Ein krummer Fußpfad führte zwischen steilen
Felshöh’n und Ebene zum Rand der Schlucht,
Da hieß Sordell am Abhang uns verweilen. - Gold, feines Silber und des Coccums Frucht,
Bleiweiß und Indiens Blau in hellster Reine,
Smaragd, zerbrochen kaum – in dieser Bucht, - Bei dieses Grases, dieser Blumen Scheine
Schwänd’ ihrer Farben ganzer Glanz dahin,
Wie seinem Größern unterliegt das Kleine; - Nicht war Natur allein hier Malerin,
Mit laufend wunderbar gemischten Düften
Ergötzte sie auch des Geruches Sinn. - Salve, Regina, tönt’ es in den Lüften
Von Seelen auf dem blumenreichen Beet,
Versteckt hierinnen zwischen Felsenklüften. - "Bevor die Sonne ganz zu Rüste geht,
Gehn", sprach Sordell, "wir nicht hinab zu ihnen,
Denn, wenn ihr hier auf diesem Felsen steht, - Erkennt ihr besser aller Art und Mienen,
Als sie im Tale selber, im Gedrang
So vieler großer Schatten euch erschienen. - Der höher sitzt und scheint, als hätt’ er lang
Versäumt, wozu ihn seine Pflicht verbunden,
Und nicht den Mund regt bei der andern Sang, - Jst Kaiser Rudolf, der Italiens Wunden
Zu heilen zwar vermocht, doch nicht geheilt,
So daß es spät durch andre wird gefunden. - Der, dessen Anblick jetzt ihm Trost erteilt,
Einst Herr des Landes, das der Fluß durchschneidet,
Der in die Elb’, in ihr zur Meerflut eilt, - Hieß Ottokar – mit Windeln noch umkleidet,
Weit besser doch, als Wenzeslaus, sein Sohn,
Der Bärt’ge, der an Üppigkeit sich weidet. - Der Kleingenaste dort – von Reich und Thron
Scheint’s, daß er mit dem andern, Güt’gen spreche –
Starb fliehend, zu der Lilien Schmach und Hohn. - Er schlägt die Brust, als ob das Herz ihm breche.
Den andern fehl – es ruhet sein Gesicht
In seiner aufgestützten Linken Fläche. - An Frankreichs Aussatz, an den Bösewicht,
Den Sohn und Eidam, denken sie, des Leben
Voll Schmutz und Schmach sie feindlich quält und sticht - Den Gliederstarken sieh! Mit dem daneben,
Dem Adlernas’gen, singt er im Akkord
Und ragt’ einst hoch in jedem wackern Streben. - Und könnt’, als er verstarb, der Jüngling dort,
Der hinten sitzt, den Königsthron ererben,
So ging von Stamm zu Stamm die Tugend fort. - Jakob und Friederich, die andern Erben,
Sie sollten zwar des Thrones Herrlichkeit,
Doch nicht des Vaters bessres Gut erwerben. - Denn selten nur soll Menschenredlichkeit,
Nach Gottes Schluß, neu aus der Wurzel Schlagen,
Weil er sie nur auf frommes Fleh’n verleiht. - Dem Adlernas’gen ist dies auch zu sagen,
So gut als feiern, welcher mit ihm singt,
Weshalb Provence und Puglien sich beklagen, - Weil so viel schlechtem Keim sein Same bringt,
Als höher sich Konstanzas Gatt’ im Preise
Vor Beatrixens und Margretens schwingt. - Den König seht von schlichter Lebensweise,
Der einsam sitzt, Heinrich von Engelland,
Vergnügt, daß sich ihm gleich sein Sproß erweise. - Der tiefer sitzt, den Blick emporgewandt,
Ist Markgraf Wilhelm, welchen noch die Seinen
In Montferrat, in Canaveser Land - Und Alessandrias Tück’ und Krieg beweinen.
Achter Gesang
- Die Stunde war es, die zu stillem Weinen
Vor Heimweh den gerührten Schiffer zwingt,
Am Tag, da er verließ die teuren Seinen, - Die Liebesleid dem neuen Pilgram bringt,
Wenn fernher, klagend ob des Tags Erbleichen,
Der Abendglocken Trauerlied erklingt. - Jedweder Laut schien mit dem Licht zu weichen,
Und eine von den Seelen trat hervor
Und heischt’ Aufmerksamkeit mit einem Zeichen - Und naht’ und hob die beiden Händ’ empor,
Als sagte sie: Du, Gott, nur bist mein Trachten!
Indem ihr Blick im Osten sich verlor. - Te Lucis Ante– diese Worte brachten
Dann ihre Lippen vor. So fromm, so schön,
Daß sie mich meiner Selbst vergessen machten. - Mit andachtsvollem lieblichem Getön
Stimmt’ ein der Chor zu reicher Wohllauts Fülle,
Den Blick emporgewandt zu Himmelshöh’n. - Die Wahrheit liegt hier unter leichter Hülle;
Ist, Leser, jetzt dein Blick nur scharf und klar,
So wirst du leicht erspäh’n, was sie verhülle. - Demütig, bleich, sah ich die edle Schar
Nach oben schau’n, erwartungsvoll und schweigend,
Und sah aus himmlischem Gewölb’ ein Paar - Von Engeln durch die Luft herniedersteigend,
Zwei Flammenschwerter zwar in ihrer Hand,
Allein mit abgebrochnen Spitzen zeigend; - Grün wie das Laub, das eben erst entstand,
Und, von der grünen Flügel Weh’n getrieben,
Nach hinten zu leicht flatternd das Gewand. - Der eine blieb nah über uns, und drüben,
Jenseit des Tales, blieb der andre stehn,
So, daß die Schatten in der Mitte blieben. - Ich konnte wohl die blonden Häupter sehn,
Doch am Gesicht verging mein Blick, geblendet,
Wie oft die Sinn’ am Übermaß vergehn. - "Dies Paar ist aus Marias Schoß gesendet,
Zur Hut des Tales, weil die Schlange naht."
So sprach Sordell, uns beiden zugewendet. - Und ich, der ich nicht wußt’, auf welchem Pfad,
Ich schaut’ umher, indem ich starr vor Grauen
Fest an des treuen Führers Rücken trat. - Sordell begann aufs neu: "Geht mit Vertrauen
Jetzt zu den Großen hin und sprecht sie an,
Denn lieb wird’s ihnen sein, euch hier zu schauen. - Ich war im Grund, wie ich drei Schritt’ getan,
Und nach mir forschend späh’n sah ich den einen,
Als sah’ er ein bekanntes Antlitz nah’n. - Schon schwärzte sich die Luft, doch zwischen seinen
Und meinen Blicken ließ sie, nah, was sich
Vorher durch sie verschlossen, klar erscheinen. - Nun ging ich auf ihn zu und er auf mich.
"Mein edler Richter
Nin, o welch Vergnügen!
Hier – nicht bei den Verdammten – find’ ich dich!" - Kein schöner Gruß ward zwischen uns verschwiegen.
Und er: "Wann bist du aus dem weiten Meer
Am Fuße dieses Berges ausgestiegen?" - "Heut morgen kam ich aus der Hölle her",
Entgegnet’ ich, "und bin im ersten Leben,
Doch suche hier des künftigen Gewähr." - Und wie ich ihnen den Bescheid gegeben,
Da fuhr Sordell und er zurück, verstört,
Als halt’ ein Wunder plötzlich sich begeben, - Der dem Virgil, der einem zugekehrt,
Der dorten saß, am grünen Talgestade:
"Auf, Konrad, sieh, was uns der Herr beschert." - Und drauf zu mir: "Erwies besondre Gnade
Dir der, des erster Grund verborgen ruht,
Wohin kein Geist je findet Furt und Pfade, - So sag’ einst jenseits dieser weiten Flut
Meiner Johanna, daß sie für mich flehe,
Zu ihm, der nach dem Fleh’n der Unschuld tut. - Nicht liebt die Mutter wohl mich noch wie ehe,
Da sie den Witwenschleier abgelegt,
Nach dem sie bald sich sehnt in ihrem Wehe. - An ihr sieh, wie ein Weib zu lieben pflegt,
Wenn ihre Liebesglut nicht um die Wette
Jetzt Anschau’n, jetzt Betastung, neu erregt. - Gewiß wird einstens ihre Grabesstätte
Von Mailands Schlange nicht so schön geschmückt,
Als sie geschmückt der Hahn Galluras hätte." - Er sprach’s, und ihm im Antlitz ausgedrückt
War ein gerechter Eifer, der dem Weisen
Wohl durch das Herz, doch nur gemäßigt, zückt. - Ich blickte sehnlich nach des Himmels Kreisen
Dorthin, wo träger ist der Sterne Lauf,
So wie, der Achse nah, des Rades Kreisen. - Mein Führer sprach: "Was blickst du dort hinauf?"
Und ich: "Nach den drei Lichtern, denn mit ihnen
Geht ja am ganzen Pol ein Feuer auf." - Und er: "Die vier, die dir heut morgen schienen,
Sind tief jetzt unterm Horizont versteckt,
Und diese sind an ihrer Stell’ erschienen." - Hier ward ich durch den Ruf Sordells erschreckt:
"Den Widersacher seht!" Er sprach’s und zeigte
Zur Gegend hin, den Finger ausgestreckt, - Wo sich das kleine Tal geöffnet neigte;
Dort war die Schlange, die wohl jener glich,
Die Even einst die bittre Speise reichte. - Wie sie daher durch Gras und Blumen strich,
Hob sie von Zeit zu Zeit den Kopf zum Rücken
Verdreht empor und leckt’ und putzte sich. - Nicht sah ich und vermag’s nicht auszudrücken,
Wie die zwei Engel sich bewegt zum Flug,
Doch deutlich sah ich sie herniederzücken. - Und wie ihr Flügelpaar die Lüfte schlug,
Entfloh die Schlang’, und jene beiden flogen
Zu ihrem Platz zurück in gleichem Zug. - Der Schatten, der von Ninos Ruf bewogen
Sich uns genähert, hatte bei dem Strauß
Die Blicke nimmer von mir abgezogen. - "Die Leuchte, die dich führt zu Gottes Haus,
Sie find’ in deinem Willen und Verstande
Ihr Öl und gehe bis zum Ziel nicht aus." - So sprach er, "doch wenn von der Magra Strande
Du wahre Kunde hast, so gib sie mir,
Denn wiss’, ich war einst groß in seinem Lande. - Corrado Malaspina spricht mit dir,
Der Alte bin ich nicht, doch ihm entsprungen;
Die Meinen liebt’ ich stets, doch reiner hier." - "Oh," sprach ich, "nimmer noch ist mir’s gelungen,
Dies Land zu sehn, allein sein Nam’ und Wert
Ist, wo man in Europa sei, erklungen. - Der Ruf, der euer Haus erhebt und ehrt,
Schallt zu der Herrn, schallt zu des Landes Preise,
So daß, wer dort nicht war, davon erfährt. - Ich schwör’ es dir beim Ziele meiner Reise,
Daß dein Geschlecht in voller Blüte steht,
Des Muts, der Gastlichkeit, der edlen Weise. - Und wenn die Tollheit alle Welt verdreht,
Sitt’ und Natur wird ihm den Vorzug schenken,
Daß es allein den schlechten Weg verschmäht." - Und er: "Jetzt geh, nicht siebenmal versenken
Wird sich die Sonn’ im Bett an jenem Ort,
Den ringsumher des Widders Füß’ umschränken, - So wird dir diese gute Meinung dort
In deinem Kopfe festgenagelt werden,
Mit bessern Nägeln als mit andrer Wort, - Wird nicht des Schicksals Lauf gehemmt auf Erden."
Neunter Gesang
- Schon Thithons Buhlerin, entgleitend
Dem Arm des süßen Freunds und einen Kranz
Von weißem Licht im Orient verbreitend, - Geschmückt die Stirn mit der Demanten Glanz,
Die jenes kalten Tiers Gestaltung zeigen,
Das tödlich sticht mit seinem gift’gen Schwanz. - Zwei Schritte hatte, wo ich war, im Steigen
Die Nacht getan, um sich beim dritten jetzt
Mit ihren Fittichen herabzuneigen, - Als meine Sinne, da ich herversetzt
Mit Adams Erbschaft war, dem Schlaf erlagen
Und ich ins Gras sank, wo wir uns gesetzt. - Zur Stunde war es, wo mit bangen Klagen,
Wenn sich der Morgen naht, die Schwalbe girrt,
Vielleicht gedenkend ihrer ersten Plagen, - Und wo der Geist, vom Leibe nicht verwirrt,
Frei und entledigt von den Sorgen allen,
Im Traumgesicht beinahe göttlich wird. - Da sah ich, träumend, an des Himmels Hallen
Mit goldenem Gefieder einen Aar,
Gespreizt die Flügel, um herabzufallen. - Mir schien’s der Ort, wo Ganymedes war,
Als er, indem die Seinen ihn umfingen,
Entrückt ward zu der ew’gen Götter Schar. - "Er pflegt vielleicht sich hier herabzuschwingen",
So dacht’ ich, "und verschmäht, von anderm Ort
In seinen Klauen uns emporzubringen." - Ein wenig kreist’ er erst im Bogen dort,
Dann schoß er, schrecklich, wie ein Blitz, hernieder
Und riß mich bis zum Feuer aufwärts fort. - Mir schien, ich brenn’, auch brenne sein Gefieder,
Und ganz erglüht von dem erträumten Brand,
Erwacht’ ich jäh aus meinem Schlummer wieder. - So fuhr Achill empor im fremden Land
Und drehte dann die wachen Blick’ im Kreise,
Weil er nicht wußte, wo er sich befand, - Als Thetis ihn im Schlaf dem Chiron leise
Entführt und ihn nach Skyros hingebracht,
Von wo Ulyß ihn rief zur großen Reise; - Wie ich emporfuhr, da ich aufgewacht;
Doch fühlt’ ich Frost sich über mich verbreiten,
Gleich einem, den der Schreck erstarren macht. - Mein treuer Hort allein war mir zur Seiten –
Zwei Stunden aufwärts stieg die Sonne schon
Und vor mir lagen frei des Meeres Weiten. - Da sprach mein Herr: "Nicht fürchte dich, mein Sohn.
Mut, denn uns ist das Schwerste nun gelungen,
Drum halte fest die Kraft, die fast entfloh’n. - Zum Fegefeuer bist du nun gedrungen.
Den Felsen sieh, der’s einschließt – sieh das Tor
Dort, wo, wie’s scheint, der Stein entzweigesprungen, - Noch glänzt’ Aurora nicht dem Tage vor,
Du aber lagst, den Geist vom Schlaf befangen,
Im Tale dort auf jenem Blumenflor, - Da kam ein Himmelsweib dahergegangen.
’Lucien seh– den Schläfer nehm’ ich fort,
Und leichter soll er so zum Ziel gelangen.’ - Sordell blieb mit den andern Seelen dort;
Sie faßte dich, und als der Tag begonnen,
Stieg sie empor mit dir an diesen Ort. - Ich folgt’ ihr; und als mir ihr Blick voll Wonnen
Das Tor gewiesen, legte sie dich hin
Und ging, und mit ihr war dein Schlaf entronnen." - Gleichwie wir, wenn uns offenen Gewinn
Die Wahrheit zeigte. Sorg’ und Furcht verjagen,
Von Mut und Lust erfüllt den freien Sinn, - So ich – und da mich frei von Angst und Zagen
Mein Meister sah, so schritt er zu den Höh’n,
Und ich auch stand nicht an, den Gang zu wagen. - Sieh, Leser, hier sich meinen Stoff erhöh’n,
Drum staune nicht, wenn größre Kunst die Worte,
Dem Stoff gemäß, sich aussucht, hoch und schön. - Wir gingen fort und nahten einem Orte,
Der erst als Felsenspalt’ erschien; doch nah
Erkannt’ ich in der Öffnung eine Pforte. - Drei Stufen von verschiednen Farben sah
Ich unter ihr, um zu ihr aufzusteigen;
Dann auch erkannt’ ich einen Pförtner da, - Der auf der höchsten saß in tiefem Schweigen,
Doch wie ich auf sein Antlitz hingewandt
Mein Auge hatte, mußt’ ich’s wieder neigen. - Er hatt’ ein nacktes Schwert in seiner Hand,
Und wollt’ ich auf dies Schwert die Blicke kehren,
So blitzt’ es her der Sonne Glanz und Brand. - "Von dorten sprecht: Was mögt ihr hier begehren?"
Sprach er. "Wer bracht’ euch bis zu mir empor?
Habt acht, sonst wird das Kommen euch beschweren." - Mein Meister drauf: "Uns sagte kurz zuvor
Ein Weib, vom Himmel selbst dazu berufen:
’Kehrt dorthin euren Schritt, dort ist das Tor!’ - Da hört’ ich gleich den edlen Pförtner rufen:
"So mögt ihr denn durch sie zum Heile ziehen;
Kommt, schreitet weiter vor zu unsern Stufen!" - Wir kamen hin – die erste Stufe schien
Von Marmor, weiß, von höchster Glätt’ und Reine,
Drin spiegelt’ ich mich ab, wie ich erschien. - Die zweite schien mir von verbranntem Steine,
Rauh, lang und quer geborsten und zerschlitzt,
Und ihre Farbe schwärzlichdunkle Bräune. - Die dritte höchste Stuf erschien mir itzt
Wie Porphyr, flammend, gleich des Blutes Quelle,
Die frisch und warm aus einer Ader spritzt. - Dem Pförtner diente sie zur Ruhestelle
Für seine Fuß’, und höher saß er dann
Auf der durchsicht’gen diamantnen Schwelle. - Gern folgt’ ich meinem Führer dorthinan,
Der sprach: "Jetzt geh, ihn flehend zu begrüßen,
Denn er ist’s, der das Schloß dir öffnen kann." - Demütig sank ich zu des Engels Füßen,
Schlug dreimal erst auf meinen Busen mich
Und bat ihn, aus Erbarmen aufzuschließen. - Mit seines Schwertes scharfer Spitze strich
Er sieben
P auf meine Stirn und machte
Sie wund und sprach: "Dort drinnen wasche dich." - Noch, wenn ich Asch’ und Erdenstaub betrachte,
Seh’ ich des Kleides Farb’, aus welchem er
Mit seiner Hand hervor zwei SchlüsseI brachte. - Von Gold war
dieser und von Silber
der.
Den weißen sah ich ihn, den gelben drehen,
Und sieh, verschlossen war das Tor nicht mehr. - Er sprach darauf: "Trifft einer von den zween
Im Schloß beim Umdreh’n irgend Widerstand,
So bleibt die Türe fest verschlossen stehen. - Mehr Wert hat der von Gold, doch mehr Verstand
Und Kunst wird jener, eh’ er schließt, bedürfen,
Denn er nur löst das vielverschlungne Band. - Beim Öffnen sollt’ ich eher irren dürfen,
Sprach Petrus, der sie gab, als beim Verschluß,
Wenn nur, die kämen, erst sich niederwürfen." - Er stieß ans heil’ge Tor und sprach zum Schluß:
"So geht denn ein, doch daß euch’s nie entfalle,
Daß, wer rückblickt, nach außen kehren muß." - Beim Öffnen drehte mit so lautem Schalle
Die heil’ge Pfort’ in ihren Angeln sich,
Gemacht von starkem, klingendem Metalle, - Daß es dem Knarren jenes Tores glich,
Vom Schloß Tarpeja, dessen Riegel sprangen,
Als der Gewalt Metell, sein Wächter, wich. - Ich horcht’ aufmerksam hin, denn Stimmen sangen,
Und ein Tedeum schien mir, was man sang,
Zu welchem volle süße Tön’ erklangen. - Denn das, was jetzt zu meinen Ohren drang,
War, wie wenn zu Gesängen Orgeln gehen,
Und wir vor ihrem vollen hellen Klang - Die Worte halb verstehn, bald nicht verstehen.
Zehnter Gesang
- Kaum war ich innerhalb der Tür der Gnade,
Die selten aufgeht durch den schlechten Hang,
Der g’rad’ erscheinen läßt die krummen Pfade, - Da hört’ ich, wie sie beim Verschließen klang.
Wie ward’s auch wohl entschuldigt, wie verziehen,
Wenn nach ihr umzuschau’n mich Neugier zwang? - Wir mußten durch gespaltnen Felsen ziehen,
Der vor- und rückwärts sprang vor unsrer Bahn,
Wie Wogen sich anwälzen erst, dann fliehen. - "Jetzt gilt es", also fing mein Führer an,
"Wohl etwas Kunst, um hier und dort den Seiten,
Da, wo sie rückwärts weichen, uns zu nah’n." - Wir durften drum nur Iangsam vorwärts schreiten,
Und schon war Lunas Rand dem Meer genaht,
Schon sah ich sie hinab ins Bette gleiten, - Eh’ wir zurückgelegt den engen Pfad;
Doch blieben wir an seinem offnen Rande,
Da, wo der Berg etwas zurücke trat, - Ich matt, und fremd wir beid’ in diesem Lande,
In Zweifeln stehn auf einem ebnen Ort,
Der öd war wie ein Berg in Lybiens Sande. - Von wo sein Rand ans Leere grenzt, bis dort
Zum Fuß der Felsen, die sich jenseits heben,
Ging ebner Raum drei Menschenlängen fort. - Soweit g’rad’aus der Blicke Flügel schweben,
schien solch ein Raum zur recht’ und linken Hand
Den Berg, gleich einem Kranze, zu umgeben. - Wie ich dort still mit meinem Führer stand,
Erkannt’ ich, daß der Felsrand, uns entgegen,
Der steil sich hob, gleich einer schroffen Wand, - Von weißem Marmor war und allerwegen
Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen. - Der mit dem Friedensfchluß, den längst in Gram
Die Welt ersehnt, aufs irdische Gefilde,
Den lang verschloßnen Himmel öffnend, kam, - Der Engel war dort eingehau’n, und Milde
Und Liebe tat so wahr sein Wesen kund,
Daß niemand glaubt’, es sei ein stumm Gebilde. - Man schwor, ein Ave schweb’ auf seinem Mund,
Denn sie war dort, durch die des Himmels Riegel
Der Höchste löst’ im neuen Liebesbund. - Es zeigte der Gebärde reiner Spiegel
Das Wort: Sieh Gottes Magd, so ausgeprägt,
Wie sich im Wachs ausprägt das schöne Siegel. - "Was schaust du", sprach Virgil, "so unbewegt,
Als ob nur diesem Bild dein Blick gebührte?" –
Ich ging zur Seit’ ihm, wo das Herz uns schlägt, - Daher sich jetzt dorthin mein Auge rührte;
Und hinter der Maria war der Stein,
Zur andern Seite dessen, der mich führte, - Geschmückt mit andern schönen Schilderei’n.
Drum trat ich, vor Virgil vorbeigeschritten,
Ihm näher, um zum Schau’n bequem zu sein. - Der Wagen war, in Marmor eingeshnitten,
Die stierbespannte Bundeslade da,
Drob ungeheischtes Dienen Straf erlitten. - Das Volk voraus, in sieben Chören, sah
Ich jubelnd zieh’n und sagt’ ich: Ob sie singen?
So sagt’ ein Sinn mir
nein, der andre
ja! - Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen,
Und auch bei diesem Bilde ließen schwer
Geruch sich und Gesicht zum Einklang bringen. - Im Tanze vor der heil’gen Lade her,
Sah ich erhöht in Demut den Psalmisten,
Der minder hier, als König, war, und mehr, - Und, wie erfüllt von Ränken und von Listen,
Am Fenster des Palasts mit schnödem Wort
spöttisch bewundernd sich die Michal brüsten. - Darauf bewegt’ ich mich von meinem Ort,
Um weiterhin ein andres Bild zu schauen,
Und sah den edlen Römerherrscher dort - Zu hohem Ruhm in Marmor eingehauen,
Ihn, der zum großen Siege den Gregor
Beseelt mit Kraft und gläubigem Vertrauen. - Trajan, den Imperator, stellt’ es vor,
Und eine Witw’, ihm in die Zügel fallend,
Die, schmerzerfüllt, mit Flehen ihn beschwor. - Rings Reiterei gedrängt. Trompeten schallend,
–so schien’s dem Aug’ – im goldenen Panier
Die Adler drüberhin im Winde wallend. - Die Arme schrie mit Macht, so schien es mir:
"Verweile, Herr, mir ward der Sohn erschlagen,
Du räche mich, die Rache ziemet dir." – - So warte, bis ich kehre!" Dies zu sagen
schien er, und sie darauf: "Und wenn du nun"
(Und ihre Worte schien der Schmerz zu jagen) - "Nicht wiederkehrst?" – So wird’s mein Folger tun!"
"Vertraust du, was dir obliegt, fremden Armen,
Mag auch indes die Pflicht vergessen ruh’n?" – - "So tröste dich," entgegnet’ er der Armen,
"Bevor ich ziehe, lös’ ich meine Pflicht,
Gerechtigkeit gebeut’s, mich hält Erbarmen!"– - Sichtbar macht’ er die Red’, er, des Gesicht
Von Ewigkeit nichts Neues noch gesehen,
Doch uns ist’s neu, weil uns die Kunst gebricht. - Indes ich mich ergötzte, hinzuspähen
Nach solcher Demut Bildern, deren Wert
Noch er erhöht, durch welchen sie entstehen, - Da lispelte Virgil, mir zugekehrt:
Sieh jene dort, die langsam, langsam schreiten,
Von diesen wird uns wohl der Weg gelehrt." - Ich ließ, da immer hier nach Neuigkeiten
Mein ganzes Streben war, voll Ungeduld
Nach dieser Seite hin die Blicke gleiten, - Vernimmst du, Leser, wie sich Gott die Schuld
Bezahlen läßt, nicht denke drum zu weichen
Vom guten Pfad und trau’ auf seine Huld. - Mag diese Qual auch der der Hölle gleichen,
Denk’ an die Folg’ – im schlimmsten Falle wird
Nur bis zum großen Spruch die Marter reichen. - Ich sprach: "Nur unklar seh’ ich und verwirrt,
Was dort sich naht. Sind’s menschliche Gestalten,
Was unstet itzt vor meinem Auge flirrt?" – - "Kaum seh’ ich selbst ihr Bild sich klar entfalten,"
Entgegnet’ er, "weil erdwärts tiefgebückt
Vor schwerer Last sie Haupt und Schultern halten. - Sieh, was dort unter Steinen näher rückt,
Sieh scharf, und du entwirrst gequälte Schatten
Und siehst genau, was jeden niederdrückt." – - Stolze Christen, o ihr Armen, Matten!
Der Fuß schlüpft rückwärts, doch, an Geiste blind,
Glaubt ihr, vortrefflich geh eu’r Lauf vonstatten. - Bemerkt ihr nicht, daß wir nur Würmer sind,
Bestimmt zu jenes Schmetterlings Entfaltung,
Des Flug nie der Gerechtigkeit entrinnt. - Was tragt ihr hoch das Haupt in stolzer Haltung?
Gewürm, das öfters, wenn’s der Pupp’ entflieht,
Verkrüppelt ist zu schnöder Mißgestaltung; - Wie man zuweilen wohl Gestalten sieht,
Anstatt des Simses tragend Dach und Decken,
Gekrümmt, daß sich das Knie zum Busen zieht, - Die im Beschauer wahres Leid erwecken
Durch falschen Schmerz – so könnt’ ich jetzo klar
Bei schärferm Hinschau’n jene dort entdecken, - Den mehr, den minder tiefgebogen zwar,
Als ob die Last hier mehr, dort minder wiege,
Doch der auch, der am meisten duldsam war, - Schien tränenvoll zu sagen: Ich erliege!
Elfter Gesang
- "Oh Vater unser, in den Himmeln wohnend,
Du, nimmer zwar von ihrer Schrank’ umkreist,
Doch lieber bei den ersten Werken thronend, - Es preis deinen Namen, deinen Geist,
Was lebt, weil deinem süßen Hauch hienieden
Der Mensch nur würdig dankt, wenn er ihn preist. - Zu uns, Herr, komme deines Reiches Frieden,
Den keiner je durch eigne Kraft errang,
Und der zu uns nur kommt, von dir beschieden. - Gleichwie die Engel beim Hosiannasang
Ihr Wollen auf das Deine nur beschränken,
So opfre dir der Mensch des Herzens Hang. - WoII’ unser täglich Manna heut uns schenken;
Zurückgeh’n ohne dies auf rauher Bahn
Die, so am meisten vorzuschreiten denken. - Wie wir, was andre Böses uns getan,
Verzeih’n, oh so verzeih uns du in Hulden
Und sieh nicht das, was wir verdienen, an. - Nicht laß die schwanke Kraft Versuchung dulden
Vom alten Feinde, sondern mache los
Von ihm, des Arglist reizt zu Sünd’ und Schulden. - Für uns nicht, teurer Herr, für jene bloß
Geschieht, tut not die letzte dieser Bitten,
Die dort noch sind in unentschiednem Los." - So für sich selbst, für uns auch betend, schritten
Die Schatten langsam unter schwerer Last,
Wie man im Traum oft ihren Druck erlitten, - Im ersten Kreise, der den Berg umfaßt;
Sie läutern sich vom Erdenqualm und tragen
Ungleiche Bürden, matt, doch ohne Rast. - Wenn stets für uns dort jene Gutes sagen,
Was kann für sie von solchen hier gescheh’n,
Die Wurzeln schon im bessern Sein geschlagen? - Sie unterstütze treulich unser Fleh’n,
Daß sie der Erdenschuld sich bald entringen
Und leicht und rein die Sternenkreise sehn. - "Euch möge Recht und Huld Erleicht’rung bringen,
Um zu dem Ziel, daß euch die Sehnsucht zeigt,
Mit freien Flügeln bald euch aufzuschwingen. - Ihr aber zeigt uns, wo man aufwärts steigt,
Weist uns den Weg, und gibt es mehr als einen,
So lehrt uns den, der minder steil sich neigt. - Denn
dieser hier, mit Fleisch und mit Gebeinen
Von Adam her bekleidet und beschwert,
Muß wider Willen träg im Steigen scheinen." - So sprach mein Führer, jenen zugekehrt,
Und diese Rede ward darauf vernommen,
Doch wußt’ ich nicht,
von wem ich sie gehört. - "Ihr könnt mit uns zur rechten Seite kommen,
Dort ist ein Paß, nicht steiler, als der Fuß
Des Lebenden schon anderwärts erklommen. - Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß, - So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen. - Wilhelm Aldobrandeschi, der dem Land,
Das ihn geboren, Ruhm und Ehre brachte,
Erzeugte mich, und ist euch wohl bekannt. - Das alte Blut, der Ruhm der Ahnen machte
So übermütig mich und stolz und roh,
Daß ich nicht mehr der Mutter aller dachte. - Und ich verachtete die Menschen so,
Daß ich drum starb, wie die Sanesen wissen
Und jedes Kind in Campagnatico. - Omberto bin ich; nicht nur mein Gewissen
Befleckt der Stolz, er hat auch alle schier
Von meinem Stamm ins Elend fortgerissen. - Bis ich dem Herrn genugtat, ruht auf mir
Die schwere Last, und was ich dort im Leben
Nicht tat, daß tu’ ich bei den Toten hier." - Ich horcht’ und ging gesenkten Blicks daneben,
Ein andrer aber, unterm Steine, fing
sich an zu winden, um den Blick zu heben. - Er sah, erkannt’ und nannte mich und hing,
Kaum fähig, doch den Blick vom Grund zu trennen,
An mir, der ganz gebückt mit ihnen ging, - "Du Odrisl" rief ich, froh, ihn zu erkennen,
Scheinst Gubbios Ruhm, der Ruhm der Kunst zu sein,
Die Miniaturkunst die Pariser nennen." - "Ach, Bruder, heitrer sind die Schilderei’n,"
Versetzte jener, "Franks, des Bolognesen,
Sein ist der Ruhm nun ganz, zum Teil nur mein. - So edel war’ ich, lebend, nicht gewesen,
Dies zu gestehn, denn ach! vor Ruhmgier schwoll
Damals mein stolzes Herz, mein ganzes Wesen. - Fürs solchen Stolz bezahlt man hier den Zoll.
Wo ich, weil ich bereute, durch Beschwerden
Von seinem finstern Dampf mich läutern soll. - O eitler Ruhm des Könnens auf der Erden!
Wie wenig dauert deines Gipfels Grün,
Wenn roher nicht darauf die Zeiten werden. - Als Maler sah man Cimabue blüh’n,
Jetzt sieht man über ihn den Giotto ragen,
Und jenes Glanz in trüber Nacht erglüh’n. - Den Ruhm der Sprache nahm in diesen Tagen
Ein Guid’ dem andern, und ein andrer lauscht
Vielleicht versteckt, auch ihn vom Nest zu jagen. - Ein Windstoß nur ist Erdenruhm. Er rauscht
Von hier, von dort, um schleunig zu verhallen,
Indem er Seit’ und Namen nur vertauscht. - Wird lauter wohl dereinst dein Ruhm erschallen,
Wenn du als Greis vom Leib geschieden bist,
Als wenn du stirbst beim ersten Kinderlallen, - Eh’ tausend Jahr’ entflieh’n? – wohl kürzre Frist
Zur Ewigkeit, als zu dem trägsten Kreise
Des Himmels deines Auges Blinken ist. - Ganz Tuscien scholl einst laut von dessen Preise,
Der dort vor mir so träg und langsam schleicht,
Jetzt flüstert’s kaum von ihm in Siena leise. - Dort herrscht’ er, als, von dem Geschick erreicht,
Fiorenzas Wut erlag, der stolzen, kühnen,
Der Stadt, die jetzt der feilen Hure gleicht. - Dem Grase gleicht der Menschenruhm, dem Grünen,
Das kommt und geht, und durch die Glut verdorrt,
Die erst es mild hervorrief, zu ergrünen." - Und ich: "Mir dämpft den Stolz dein wahres Wort
Und weiß mir trefflich Demut einzuprägen;
Doch sprich: Wer geht so schwer belastet dort?" - Silvani," sprach er, "ist es, hier deswegen,
Weil sich so weit sein toller Stolz vergaß,
Dem freien Siena Ketten anzulegen. - Drum ging er so und geht ohn’ Unterlaß,
Seitdem er starb – der Zoll wird hier erhoben
Von jedem, der sich dort zu hoch vermaß." - Und ich: "Weilt jeder, welcher aufgeschoben
Bis zu dem Rand des Lebens Reu’ und Leid.
Dort unten erst und dringet nicht nach oben, - Wenn ihm nicht Hilfe gläubig Fleh’n verleiht,
Bis so viel Jahr’, als er gelebt, vergangen,
Wie kam denn er herauf in kürzrer Zeit?" – - Und er: "Er ist auf Sienas Markt gegangen
Zur Zeit, da er den höchsten Ruhm erstrebt,
Hat dort gestanden, nicht von Scham befangen, - Und, weil sein Freund in Carlos Haft gelebt,
Um Hilf ihm und Befreiung zu gewähren,
Als Bettler dort an jedem Puls gebebt. - Ich red’ unklar, doch wird’s nicht lange währen,
So handelt also deine Nachbarschaft,
Daß du vermagst, dir alles zu erklären – - Die Tat hat jene Schrank’ ihm weggeschafft."
Zwölfter Gesang
- Gleichmäßig, wie zwei Stier’ im Joche zieh’n,
Ging ich dem schwerbeladnen Geist zur Seiten,
Solang es gut dem süßen Lehrer schien. - Doch als er sprach: "Laß ihn, um vorzuschreiten,
Hier gilt’s. soviel man immer kann, den Kahn
Mit Segeln und mit Rudern fortzuleiten!" - Da richtet’ ich mich auf zur weitern Bahn
Mit meinem Leib, obwohl gebeugt und bange
Des Geistes Blicke noch zu Boden sahn, - Und folgte meinem Hort im regen Drange
Der Wißbegier, und beide zeigten wir,
Wie leicht wir waren, schon im raschen Gange; - Bis daß er sprach: "Zu Boden blicke hier,
Um, was dein Fuß beschreitet, zu gewahren,
Denn zu des Weges Kürzung frommt es dir." - Wie, um der Freund’ Erinnrung zu bewahren,
Auf ird’schen Gräbern dargestellt erscheint,
Was, die drin ruhen, einst im Leben waren, - So daß bei diesem Anblick jeder weint,
Gereizt vom Schmerz der aufgerißnen Wunde,
Der’s gut und fromm mit ihnen einst gemeint; - So wies der Vorsprung mir, der in der Runde,
Den Pfad dort bildend, jenen Berg umschloß,
Manch Bild, doch trefflicher, auf seinem Grunde - Ihn, edler, als was je der Erd’ entsproß,
Erschaffen, sah ich, welcher mit der Eile
Des Blitzes hier vom Himmel niederschoß. - Dort aber auf des Weges anderm Teile,
In starrem Todesfrost und träg und schwer,
Lag Briareus, durchbohrt vom Himmelspfeile. - Mars, Phöbus, Pallas standen hoch und hehr,
Auf die zerstreuten Riesenglieder sehend,
Bewaffnet noch, um ihren Vater her. - Am Fuß des großen Werks den Nimrod stehend,
Erblickt’ ich dann, und wie verwirrt und toll
Nach den Genossen seiner Arbeit spähend. - Dich Niobe, dich sah ich jammervoll,
Hier sieben Kinder tot, dort andre sieben;
Wie jedem Aug’ ein Tränenstrom entquoll. - Saul, du schienst, ins eigne Schwert getrieben,
Tot, wie auf Gilboa, das seit der Zeit
Von Tau und Regen unbenetzt geblieben. - Arachne, Törin, einst voll Eitelkeit,
Halb Spinn’ itzt, auf den Fetzen vom Gewebe,
Das du, o Arme, wobst zu deinem Leid. - Rehabeam – es schien, als ob er bebe,
Als ob er, statt wie immer sonst, zu droh’n,
Im Wagen flüchtig, unverjagt, entschwebe. - Man sah Eriphylen und ihren Lohn,
Wie teuer das unselige Geschmeide
Ihr hier bezahlt ward von dem eignen Sohn: - Den Sanherib, den seine Söhne beide
Im Tempel töteten voll Frevelmut
Und liegen ließen in dem letzten Leide. - Des Cyrus Tod und der Tomyris Wut –
Sie schien zum abgeschnittnen Haupt zu sagen:
Dein Durst war Blut, nun füll’ ich dich mit Blut. - Dann der Assyrer Heer – es floh, geschlagen,
Nach Holofernes’ Tod, und hinterdrein
Sah man mit grimmer Wut die Feinde jagen. - O Ilion, wie niedrig und wie klein!
Wohl standest du auf Trojas Fluren dreister
Als hier, in Asch’ und Schutt, auf dem Gestein! - Wer war des Griffels und des Pinsels Meister,
Der Formen und Gebärden ausgedrückt
Selbst zur Bewunderung der feinsten Geister? - Mir schien, wie ich dahinging, tiefgebückt,
Was tot war, tot, was lebend war, zu leben,
Nicht besser hat’s, wer’s wirklich sah, erblickt. - Stolziert nur hin, fahrt fort, das Haupt zu heben,
Senkt nicht den Blick, ihr, Evens Söhn’, er weist
Euch sonst den schlechten Weg, das eitle Streben! – - Schon hatten wir vom Berge mehr umkreist,
Schon war die Sonne weiter fortgegangen,
Als ich bemerkt mit dem befangnen Geist; - Als er, des Fuß und Seele vorwärts drangen,
Begann: "Blick’ auf, erhebe Haupt und Sinn!
Nicht ist’s mehr Zeit, den Bildern anzuhangen. - Ein Engel naht – drum blick’ empor, dorthin!
Schon kehrt, von schnellen Fittichen getragen,
Zurück des Tages sechste Dienerin. - Schmück’ itzt mit Ehrfurcht Antlitz und Betragen,
Dann führt er wohl mit Freuden uns empor.
Denk’, nie wird dieser Tag dir wieder tagen." - Und da er mich ermahnt schon oft zuvor,
Die Zeit zu nutzen, kam es, daß ich nimmer
Den Sinn, den solch ein Wort verschloß, verlor. - Das schöne Wesen naht’ – ein weißer Schimmer
War sein Gewand; dem Stern des Morgens war
Sein Antlitz gleich an zitterndem Geflimmer. - Die Arm’ erschloß er, dann das Flügelpaar,
Und sprach: "Kommt jetzt, denn nahe sind die Stufen
Und leicht erklimmt ihr sie und ohne Fahr. - Nur wen’ge nah’n von vielen, die berufen.
O Mensch, du fällst bei jedes Windes Weh’n,
Du, den zum Aufflug Gottes Händ’ erschufen." - Bald ließ er uns des Felsen Öffnung sehn.
Dort schlug er meine Stirn mit seinem Flügel
Und hieß mich dann gesichert weitergehn. - Wie ob der Stadt, die ihrer Herrschaft Zügel
So wohl zu führen weiß wie Recht und Pflicht,
Am Weg zur Kirche, rechts am steilen Hügel, - Den kühnen Schwung des Bergs die Treppe bricht,
Die man gebaut in jenen guten Zeiten,
Wo sicher war das Maß und das Gewicht; - So war der Fels, durch Stufen zu beschreiten,
Obwohl er jäh sich senkt als steile Wand,
Doch streift man das Gestein von beiden Seiten. - Laut klang’s, indem ich dort mich aufwärts wand,
"Den geistlich Armen Heil!" – mit einem Sange,
Wie ich so süß noch keinen je empfand. - Wie anders war es hier, als bei dem Gange
Ins Höllenreich! Bei Liedern klomm ich auf,
Und dort hinab bei wildem Jammerklange. - Die heil’gen Stiegen klommen wir hinauf,
Und leichter schien mir’s hier, emporzukommen,
Als erst auf ebner Bahn der leichtste Lauf. - Sprich, Meister, welche Last ist mir entnommen,"
So rief ich, da ich dies bemerkt, zuletzt,
"Daß ich fast mühelos emporgeklommen?" - Und er: sind diese P, die zwar noch jetzt
Dein Antlitz trägt, doch die schon halb verschwunden,
Erst, wie das eine, völlig ausgewetzt, - Dann wird den Fuß dein Streben überwinden,
So daß ihm Klimmen keine Mühe macht,
Ja, Wonne wird er dann im Steigen finden." - Da tat ich jenen gleich, die, sonder Acht,
Etwas mit sich am Haupte tragend, gehen,
Bis sie bemerkt, daß man sich winkt und lacht; - Drum sie die Hand gebrauchen, um zu spähen,
Mit dieser suchen, finden und damit
Zuletzt erschau’n, was nicht die Augen sehen. - Denn mit den ausgespreizten Fingern glitt
Ich an der Stirne hin, und sieh, vergangen
War eins der Zeichen, das der Engel schnitt. - Da schwebt’ ein Lächeln um des Meisters Wangen.
Dreizehnter Gesang
- Wir waren auf dem Gipfel jener Stiegen,
Wo sich des Berges zweiter Abschnitt zeigt,
Des Bergs, der läutert, die hinaufgestiegen. - Hier, wo man auf den zweiten Vorsprung steigt,
Der, gleich dem ersten, rings die Höh’ umwindet,
Nur daß ein Bogen noch sich schneller beugt, - Hier ist kein Bild, und jedes Zeichen schwindet,
Daher man glatt den Weg und das Gestad
Von des Gesteins schwarzgelber Farbe findet. - "Dafern wir harrten, bis der Führer naht,"
So sprach Virgil darauf, "hier säumig stehend,
So wählten wir zu spät wohl unsern Pfad." - Dann macht’ er, festen Blicks zur Sonne sehend,
Für die Bewegung seinen rechten Fuß
Zum Mittelpunkt, sich mit dem linken drehend. - "O süßes Licht, du flößest den Entschluß
Zum neuen Weg mir ein, du führ’ uns weiter,"
Begann er, "wie ein treuer Führer muß. - Du wärmst die Welt, du machst sie hell und heiter;
Nie wandle man, wenn sich dein Glanz verhehlt,
Drängt nicht die Not, und er sei unser Leiter." - Soviel man hier auf eine Miglie zählt,
So weit schon gingen wir auf jenen Pfaden
In wenig Zeit, vom regen Trieb beseelt. - Ein Geisterzug flog längs den Felsgestaden,
Gehört, doch nicht gesehn, herbei und schien
Zum Tisch der Lieb’ uns freundlich einzuladen. - Der erste Geist rief im Vorüberflieh’n:
Sie haben keinen Wein! Die Worte klangen
Dann nochmals hinter uns im Weiterzieh’n. - Und eh’ sie, sich entfernend, ganz verklangen,
Da rief:
Ich bin Orest! – ein zweiter Geist,
Und war im schnellen Flug vorbeigegangen. - "O", sprach ich, "Vater, sage, was dies heißt?"
Da klang die dritte Stimm’ in meine Frage
Und rief: Liebt den, der Böses euch erweist. - Und er: "Du findest hier des Neides Plage!
Gegeißelt wird er hier, doch Liebe schwingt
Der strengen Geißel Schnur zu jedem Schlage. - Doch wisse, daß der Zügel anders klingt.
Du wirst ihn hören, eh’ im Weitergehen
Dein Fuß zum Passe der Verzeihung dringt. - Versuch’ es jetzo, scharf dorthin zu spähen,
Und vor uns wirst du Leute, langgereiht,
An dieser Wand des Felsens sitzen sehen. - Da öffnet’ ich sogleich die Augen weit
Und sah die Schatten an der Felsenhalle,
An Farbe dem Gesteine gleich ihr Kleid. - Und näher hört’ ich sie mit lautem Schalle
"Bitte für uns, Maria!" brünstig schrei’n,
"Michael und Petrus und ihr Heil’gen alle!" - Möcht’ einer noch so hart und grausam sein,
Vor Mitleid wäre doch sein Herz entglommen,
Hält’ er, wie ich, gesehn der Armen Pein. - Denn als ich nun so nahe hingekommen,
Daß ich Gebärd’ und Angesicht erkannt,
Da ward mein Herz durchs Auge schwer beklommen. - Ihr Anzug war ein schlechtes Bußgewand;
Sie lehnten sich an sich und ihren Rücken
Sie allesamt an jene Felsenwand; - Den Blinden gleich, die Not und Hunger drücken,
Und die an Ablaßtagen bettelnd stehn,
Und, Kopf an Kopf gedrängt, sich kläglich bücken, - Indem sie, um das Mitleid zu erhöh’n,
Nicht minder mit den jämmerlichen Mienen,
Als mit den lauten Jammerworten fleh’n. - Und, gleich den armen Blinden, war auch ihnen
Den bangen Schatten, welchen ich genaht,
Der Glanz des Himmelslichts umsonst erschienen. - Gebohrt war durch die Augenlider Draht,
Ihr Auge, wie des Sperbers, ganz vernähen;
Der, wild, nicht nach des Jägers Willen tat. - Mir aber schien es unrecht, daß ich sehend,
Doch ungesehn dort ging, drum wandt’ ich mich
Zum weisen Rat, nach seiner Meinung spähend. - Er, der sogleich erriet, weswegen ich
Noch stumm, auf ihn die Blicke fragend lenkte,
Sprach: "Rede jetzt, doch kurz und sinnig sprich." - An jener Seite, wo der Fels sich senkte,
Ging mir Virgil, wo leicht zu fallen war,
Weil kein Geländer dort den Rand verschränkte; - Zur andern Seite saß die fromme Schar,
Und durch die grause Naht gepreßte Zähren,
Die ihre Wangen netzten, nahm ich wahr. - "Ihr, sicher, euch im Lichte zu verklären,"
Begann ich nun, "das einzig euer Traum,
Das einzig euer Wunsch ist und Begehren, - Die Gnade lös’ euch des Gewissens Schaum
Und mache drin auf reinem lauterm Grunde
Der Seele klaren Fluß zum Strömen Raum. - Doch bitt’ ich euch, gebt mir gefällig Kunde:
Ist eine Seel’ aus Latium hier? – Ich bin
Für sie vielleicht dann hier zur guten Stunde." - "O Bruder, jede Seel’ ist Bürgerin
Von einer wahren Stadt – doch willst du fragen,
Ob ein’ in Welschland lebt als Pilgerin." - So schien’s, von mir noch etwas fern, zu sagen,
Daher ich, weil ich fast das Wort verlor,
Sogleich beschloß, mich weiter vor zu wagen. - Und eine wartete, so kam mir’s vor,
Auf Antwort, und, um’s deutlicher zu zeigen,
Hob sie, dem Blinden gleich, das Kinn empor. - "Du," sprach ich, "die sich beugt, um aufzusteigen,
Warst du’s, die Antwort gab, so magst du mir
Jetzt deinen Ort und Namen nicht verschweigen." - "Ich war von Siena, und mit diesen hier",
So sprach sie, "läutr’ ich mich vom Lasterleben,
Und weinend fleh’n um Gottes Gnade wir. - Sapia hieß ich, ob ich gleich ergeben
Der Torheit war, denn mir schien andrer Leid
Weit größre Lust, als eignes Glück zu geben. - Doch zweifelst du an meinem tollen Neid,
So höre nur! – Die Jugend war verflossen,
Und abwärts ging der Bogen meiner Zeit, - Als nah bei Colle meine Landsgenossen
Den kampfbereiten starken Feind erreicht;
Da bat ich Gott um das, was er beschlossen. - Drauf wird ihr Heer geschlagen und entweicht,
Und ich, erblickend, wie der Feind es jage,
Fühl’ eine Lust, der keine weiter gleicht, - So daß ich kühn den Blick gen Himmel schlage
Und rufe: Gott, nicht fürcht’ ich mehr dich jetzt!
Der Amsel gleich am ersten warmen Tage. - Nach Gottes Frieden sehnt’ ich mich zuletzt
Am Rand des Lebens, aber meine Schulden,
Durch Reue wären sie nicht ausgewetzt, - Wenn Pettinagno meiner nicht in Hulden
Gedacht in seinem heiligen Gebet;
Noch müßt’ ich vor dem Tore harrend dulden. - Doch wer bist du, der offnen Auges geht,
So scheint’s, um unsern Zustand zu erkunden,
Und dessen Atem noch beim Sprechen weht?" – - "Mit Draht wird einst mein Auge hier durchwunden,"
So sprach ich, "doch ich hoffe kurze Frist,
Weil man’s nur selten scheel vor Neid gefunden. - Mehr als das Leid, ob des du traurig bist,
Hat Sorge mir die untre Qual bereitet.
Schon fühl’ ich, wie die Bürde drückend ist." - Und sie: "Wer also hat dich hergeleitet,
Daß du, um rückzukehren, hier erscheinst?"
"Er, der dort schweigend steht, hat mich begleitet. - Ich leb’, erwählter Geist, und wenn ich einst
Jenseits als Sterblicher für dich bewegen
Die Füße soll, so fordre, was du meinst." - "So Neues sagtest du," sprach sie dagegen,
"Daß es dir sicher Gottes Huld bewährt.
Verwende drum dein Fleh’n zu meinem Segen. - Ich bitte dich, bei allem, was dir wert,
Wirst du dich je im Tuscierland befinden,
So sei zum Bessern dort mein Ruf gekehrt. - Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden,
Das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn;
Und wie bei Dianas Quelle wird er schwinden, - Doch setzen mehr die Admirale dran."
Vierzehnter Gesang
- "Wer ist der, welcher unsern Berg umgeht,
Eh’ ihn der Tod beschwingt – dem, nach Behagen,
Das Auge bald sich schließt, bald offen steht?" - "Daß er allein nicht ist, das kann ich sagen,
Nicht wer er ist. Da ich ihm ferner bin,
Magst du, damit er red’, ihn höflich fragen." - So redeten, von mir zur Rechten hin,
Zwei Geister dort, sich zueinander neigend,
Dann, um zu sprechen, hoben sie das Kinn. - "O Seele, die, empor zum Himmel steigend,"
Sprach dann der eine, "noch im Körper steckt,
O sprich, dich hold und trostreich uns erzeigend, - Woher? Wer bist du? Denn solch Staunen weckt
Die Gnade, die wir an dir schauen sollen,
Wie wenn, was nie gescheh’n, sich uns entdeckt." - Und ich: "Ein Fluß, der Falteron’ entquollen,
Lustwandelt mitten durch das Tuscierland,
Dem hundert Miglien Laufs nicht g’nügen wollen. - Ich bringe diesen Leib von seinem Strand.
Doch sagt’ ich, wer ich sei – nicht würd’ euch’s frommen,
Da wenig Ruhm bis jetzt mein Name fand." - "Bin ich auf deiner Meinung Grund gekommen,
Meinst du den Arno und sein Talgebiet?"
So sprach jetzt, der zuerst das Wort genommen. - Der zweite sprach darauf: "Warum vermied
Er, jenes Flusses Namen zu verkünden,
Wie’s sonst nur mit Abscheulichem geschieht?" - Und jener sprach: "Nicht kann ich dies ergründen,
Doch wert des Untergangs ist jenes Wort,
Das nur Erinnrung weckt an Schmach und Sünden. - Denn von dem Ursprung im Gebirge dort,
Von dem sich einst Pelorum trennen müssen,
Dort wasserreich, wie sonst an keinem Ort, - Bis dahin, wo der Fluß mit ew’gen Güssen
Das, was dem Meer die Sonn’ entsaugt, ersetzt,
Was Nahrung gibt den Bächen und den Flüssen, - Wird, sei’s durch schlechte Sitt’ und Neigung jetzt,
Sei’s, daß der Ort an einem Fluche leide,
Die Tugend, gleich den Schlangen, fortgehetzt. - Denn was im Tal, gedrückt von schwerem Leide,
Nur irgend wohnt, hat die Natur verkehrt,
Als hätt’ es mitgeschmaust auf Circes Weide. - Zu garst’gen Schweinen, mehr der Eicheln wert
Als dessen, was Natur den Menschen spendet,
Ist erst sein wasserarmer Lauf gekehrt. - Dann, wie er weiter seine Wogen sendet,
Trifft er ohnmächt’ge kleine Kläffer an,
Von welchen er die Stirn unwillig wendet - Je mehr er schwillt in seiner tiefern Bahn,
Sieht der unsel’ge maledeite Graben
Die Hund’ an Art sich mehr den Wölfen nah’n. - In tiefen Tümpeln scheint er drauf vergraben
Und trifft dann Füchs, in List so eingeweiht,
Daß sie nicht scheu mehr vor dem Schlau’sten haben. - Frei red’ ich. Sei der Horcher auch nicht weit,
Und gut wird’s
diesem sein, das zu behalten,
Was der wahrhafte Geist mir prophezeit. - Ich sehe deinen Neffen furchtbar schalten,
Der jene Wölfe so zu jagen weiß,
Daß sie vor grauser Todesangst erkalten. - Denn er verkauft sie lebend scharenweis,
Dann sticht er sie, gleich einem alten Schlachtvieh, nieder.
Das Leben raubt er vielen, sich den Preis. - Zuletzt verläßt er, blutbespritzt die Glieder,
Den Wald gefällt, und ringsum öd und tot,
Und tausend Jahr’ erneu’n sein Laub nicht wieder." - Wie bei Verkündigung zukünft’ger Not
Des bangen Hörers Züge sich umschatten,
Der sich gefährdet glaubt und rings bedroht, - So sah ich jetzo jenen andern Schatten,
Der zugehorcht, verstört und bange stehn,
Wie seinen Geist erfüllt die Worte hatten. - Was ich von dem gehört, von dem gesehn,
Mich reizt’ es, ihren Namen nachzufragen,
Und bittend ließ ich meine Frag’ ergehn. - Und den, der erst gesprochen, hört’ ich sagen:
"Du also willst, für dich tun soll ich dies,
Was du für mich zu tun mir abgeschlagen? - Doch kargen will ich nicht, denn herrlich ließ
Gott in dir strahlen seine Huld und Güte.
Drum wisse, daß ich Guid del Duca hieß. - Von Neid verbrannt war also mein Gemüte,
Daß, wenn ich sah, ein andrer sei erfreut,
Ich schwarz vor Gall’ in bitterm Ingrimm glühte. - Hier mäh’ ich Saat, die ich dort ausgestreut.
O Sterbliche, was müßt ihr das begehren,
Was Ausschluß der Genossenschaft gebeut! - Der hier ist Rainer, der zu Preis und Ehren
Das Haus von Calboli gebracht, des Mut
Und Kraft und Wert die Erben ganz entbehren. - Denn alle sieht man jetzt aus seinem Blut
Das Schlechte tun, das Rechte träg versäumen,
Und zwischen Po, Berg, Ren und Meeresflut - Sieht man’s nur sprossen noch in gift’gen Bäumen,
Und keinem Gärtner glückt’s, der schlechten Art
Wildwucherndes Gewürzel wegzuräumen. - Wo mag der wackre Licio, wo Manard,
Wo Traversar, wo Guid Carpigna bleiben?
Ist jeder Romagnol heut ein Bastard? - Ein Schmied muß in Bologna Äste treiben,
Und in Faenza jetzt ein Bernardin,
Der edle Sproß aus niederm Keim, bekleiden! - Nicht staune, Tuscier, daß ich traurig bin,
Wenn ich des Guid von Prata noch gedenke,
Und des, der mit uns war, des Ugolin. - Dann auf Tignoso die Erinnrung lenke,
Auf Traversars und Anastasens Haus,
Und über den enterbten Stamm mich kränke; - Auf Ritter, Frau’n, auf Ruhe, Müh’ und Strauß,
Was wir aus Lieb’ und Edelsinn begannen,
Wo jetzt die Herzen sind voll Tück’ und Graus. - Brettinoro, fliehst du nicht von dannen,
Da, um zu flieh’n Verderben, Schand und Hohn,
Die Guten allesamt aus dir entrannen! - Wohl dir, Bagnacaval, dir fehlt der Sohn!
Weh, Castrocaro, dir, da mit Verderben
Dich solche Grafen, wie du zeugst, bedrohen! - Gut handeln einst, wird erst ihr Dämon sterben,
Faenzas Herr’n, doch nimmer werden sie
Des Ruhmes reines Zeugnis sich erwerben. - Dir, Ugolin von Fantoli, wird nie
Des edlen Namens reiner Glanz gebrechen,
Da dir das Schicksal keinen Sohn verlieh. - Doch jetzt, Toskaner, geh; denn nicht zum Sprechen,
Mich reizt zum Weinen nur mein armes Land,
Und preßt mein Herz durch Untat und Verbrechen." - Durchs Ohr ward jenen unser Gehn bekannt,
Drum wußten wir, da sie es schweigend litten,
Daß wir uns auf den rechten Weg gewandt. - Indem wir einsam nun von dannen schritten,
Scholl eine Stimm’ uns zu, eh wir’s gedacht,
Gleich einem Blitze, der die Luft durchschnitten: - Mich tötet, .wer mich trifft! Sie rief’s mit Macht
Und floh im schnellen Flug dann und verhallte,
Dem Donner gleich, der aus den Wolken kracht. - Und wie sie kaum an uns vorüberwallte,
Braust’ eine zweite schon an unser Ohr,
Die schrecklich, wie ein zweiter Donner schallte: - Ich bin Aglauros, die zum Stein erfror!
Und als ich an Virgil mich drängen wollte,
Schritt ich vor großer Angst zurück, nicht vor. - Schon schwieg die Luft, kein dritter Donner rollte,
Da sprach Virgil: "Dies ist der harte Zaum,
Der auf der rechten Bahn euch halten sollte. - Doch winkt des alten Feindes Köder kaum,
So laßt ihr euch in seinem Hamen fangen,
Gebt nicht dem Rufe, nicht dem Zügel Raum. - Euch rufend, hält der Himmel euch umfangen,
Der, ewig schön, rings seine Kreise zieht,
Doch euer Blick bleibt an der Erde hangen, - Und deshalb schlägt euch der, der alles sieht."
Fünfzehnter Gesang
- So viel, als bis zum Schluß der dritten Stunde,
Vom Tagsbeginn des Wegs die Sphäre macht,
Die wie ein Kindlein tanzt im ew’gen Runde, - So viel des Weges halt’, eh’ noch vollbracht
Ihr Tageslauf, die Sonne zu vollbringen;
Dort war es Vesperzeit, hier Mitternacht. - Auf jenen Pfaden, die den Berg umringen,
Schien uns die Sonne mitten ins Gesicht,
Weil wir jetzt g’rade gegen Westen gingen. - Da fiel ein Glanz mit lastendem Gewicht
Mir auf die Stirn, mich mehr als erst zu blenden.
Ich staunt’, und was es war, begriff ich nicht. - Schnell deckt’ ich mir die Augen mit den Händen
Als wie mit einem Schirm, daß vor der Glut
Die schwachen Blicke Schutz und Ruhe fänden. - Gleich wie der Strahl vom Spiegel, von der Flut
Nach jenseits hüpft, und dann beim Aufwärtssteigen,
So wie vorher beim Niedersteigen tut, - Weil er von Linien, die sich senkrecht neigen,
So hier wie dort abweicht in gleichem Zug,
Wie uns die Kunst und die Erfahrung zeigen; - So ward mein Auge jetzt in jähem Flug
Getroffen vom zurückgeworfnen Lichte,
Drob ich’s in Eile schloß und niederschlug. - "Was, süßer Vater, ist dies? Dem Gesichte
Will, was ich tue, nicht zum Schutz gedeih’n.
Es scheint, als ob der Glanz hierher sich richte!" - Drauf er: "Nicht staune, wenn in solchem Schein
Noch blendend dir des Himmels Diener nahen.
Ein Bote kommt und lädt zum Steigen ein. - Bald wird, was erst die Augen tränend sahen,
Dir so zur Lust, als du nur Fähigkeit,
Sie zu empfinden, von Natur empfahen." - Der Engel sprach zu uns voll Freudigkeit:
"Geht dorten ein auf minder schroffen Stiegen,
Als jene sind, die ihr gestiegen seid." - Indem wir nun zusammen aufwärts stiegen,
Sang’s hinter uns: "Heil den Barmherz’gen, Heil!"
Und wieder klang’s: "Sei froh in deinen Siegen!" - Und da wir beid’ allein, und minder steil
Die Treppen waren, dacht’ ich: Noch im Gehen
Wird Lehre wohl vom Meister dir zuteil. - "Was mochte Guido bei dem Gut verstehen,
Das Ausschluß der Genossenschaft gebeut?"
Ich sprach’s, gewandt, ihm ins Gesicht zu sehen. - "Weil stets sein Hauptfehl ihm den Schmerz erneut"
Sprach drauf Virgil, "will er dich weiser machen
Und tadelt drum, was er nun schwer bereut. - Denn euer Sehnen geht nach solchen Sachen,
Die Mitbesitz verringert, die durch Neid
In eurer Brust der Seufzer Glut entfachen. - Doch möchten in des Himmels Herrlichkeit
Des Menschen Wünsch’ ihr rechtes Ziel erkennen,
War’ eure Brust von solcher Angst befreit. - Je mehrere dies Gut ihr eigen nennen,
Je mehr besitzt des Guts ein jeder dort,
Je stärker fühlt er sich in Lieb’ entbrennen." - "Noch fass ich nichts," versetzt’ ich meinem Hort,
"Und mindre Zweifel hat vorher das Schweigen
In meiner Seel’ erweckt, als jetzt dein Wort. - Kann höher je der Reichtum vieler steigen,
Wenn man ein Gut verteilt, als wenn es nicht
Gemeinsam wäre. Sondern einem eigen?" - Und er: "Weil, nur auf Erdengut erpicht,
Dein Geist noch nicht den höhern Flug gewonnen,
Drum schöpfst du Finsternis aus wahrem Licht. - Des Himmels unaussprechlich große Wonnen,
Sie eilen so ins liebende Gemüt,
Wie nach dem Spiegel hin der Strahl der Sonnen - Sie geben sich je mehr, je mehr es glüht,
Und reicher strömt die ew’ge Kraft hernieder,
Je freudiger des Herzens Lieb’ erblüht. - Erhebt die Seel’ erst aufwärts ihr Gefieder,
Dann liebt sie mehr, je mehr zu lieben ist,
Denn eine strahlt den Glanz der andern wieder – - Und g’nügt mein Wort dir nicht, in kurzer Frist
Wird dort von dir Beatrix aufgefunden,
Durch welche du dann ganz befriedigt bist. - Jetzt sorge nur, daß bald von deinen Wunden
Die fünf sich schließen wie das erste Paar,
Das von der Stirn durch Reu’ und Leid geschwunden." - Schon wollt’ ich sagen: Deine Red’ ist klar!
Da war ich an des andern Kreises Saume,
Wo schnell mein Wort gehemmt durch Schaulust war. - In einen Tempel schien, von wachem Traume
Dahingerissen, meine Seel’ entfloh’n,
Und Leute sah ich viel in seinem Raume. - Am Eingang schien mit süßem Mutterton
Und zärtlicher Gebärd’ ein Weib zu sagen:
"Was hast du dies an uns getan, mein Sohn? - Wir suchten dich voll Angst seit dreien Tagen,
Ich und der Vater" – sprach’s, und wundersam
Schien sie vom Weh’n der Luft davongetragen. - Drauf vors Gesicht mir eine zweite kam,
Von Zähren naß, die – wohl war’s zu erkennen –
Dem Aug’ entpreßte zornerzeugter Gram. - Sie rief: "Willst du den Herr’n der Stadt dich nennen,
Ob deren Namen Götter sich gegrollt,
Wo Strahlen jeder Wissenschaft entbrennen, - Dann, Pisistrat, zahl’ ihm der Frechheit Sold,
Der’s wagte, deine Tochter zu umfassen!"
Allein der Herr, der liebreich schien und hold, - Entgegnet’ ihr, die also rief, gelassen:
"Wird jener, der uns liebt, von uns verdammt,
Was tun wir dann an solchen, die uns hoffen?"– - Dann sah ich eine Schar, von Zorn entflammt,
Und einen Jüngling dort, von ihr gesteinigt,
Tod! Tod! so schrien sie wütend allesamt. - Er beugte sich, schon bis zum Tod gepeinigt,
Des Last ihn zu der Erde niederrang,
Doch seinen Blick dem Himmel stets vereinigt, - Und fleht’ empor zu Gott in solchem Drang:
"Vergib der Wut, die gegen mich entbrannte!"
Mit einem Blicke, der zum Mitleid zwang. - Als meine Seele sich von außen wandte
Zurück zu dem, was wahr ist außer ihr,
Und ich nun den nicht falschen Wahn erkannte, - Da sprach mein Führer, der, nicht weit von mir,
Mich gleich dem Schläfer, der erwacht, erblickte:
"Nicht halten kannst du dich! Was ist mit dir? - Bereits seit einer halben Stunde knickte
Dein Knie, du taumeltest, dein Auge brach,
Als ob dich Schlummer oder Wein bestrickte." - "O süßer Vater, hörst du’s an" – dies sprach
Ich drauf zu ihm – "so will ich dir verkünden,
Was mir erschien, als mir die Kraft gebrach." - "Ob mir entgegen hundert Masken stünden,"
Entgegnet’ er, "und deckten dein Gesicht,
Doch würd’ ich, was du denkst, genau ergründen. - Das, was du sahst, du sahst’s, damit du nicht
Dich ungemahnt verschlössest jenem Frieden,
Des Strom hervor aus ew’ger Quelle bricht. - Was ist dir? fragt’ ich nicht, wie der danieden
Zu fragen pflegt, des Auge nicht mehr schaut,
Sobald die Seel’ aus seinem Leib geschieden. - Die Füße dir zu kräft’gen, fragt’ ich laut,
Denn treiben muß man so den wachen Trägen,
Den Tag zu nützen, eh’ der Abend graut." - Wir gingen beid’ in sinnigem Erwägen
Dem Abend zu und sah’n, soweit man kann,
Der Sonne tiefem Strahlenglanz entgegen. - Und sieh, ein Rauch kam nach und nach heran,
Der, schwarz wie Nacht, sich bis zu uns erstreckte,
Und nirgends traf man Raum zum Weichen an, - Daher er bald uns Aug’ und Himmel deckte.
Sechzehnter Gesang
- Das Schwarz der Höll’ und einer Nacht, durchfunkelt
Nicht von des ärmsten Himmels bleichstem Schein,
Vom dichtesten der Nebel rings umdunkelt, - Nie schloß es mich in grobem Schleier ein,
Als jener Rauch, der dorten uns umflossen;
Nie schien es mir so schmerzlich rauh zu sein. - Nicht könnt’ ich steh’n, die Augen unverschlossen,
Drum nahte sich, und seine Schulter bot
Mein Führer mir treu, weis’ und unverdrossen. - So wie der Blinde gern in seiner Not
Dem Führer nachfolgt, um nicht anzurennen
An was Gefahr bring’ und vielleicht den Tod, - So folgt’ ich ihm, ohn’ etwas zu erkennen,
Durch widrig bittern Qualm und horcht’ auf ihn,
Der sprach: "Gib Achtung, daß wir uns nicht trennen." - Ich hörte Stimmen dort, und jede schien
Um Gnad’ und Frieden zu dem Lamm zu stöhnen,
Ob des der Herr die Sünden uns verzieh’n. - Agnus Dei hört’ ich den Anfang tönen,
Wobei sich aller Wort und Weise glich,
Und voller Einklang herrscht’ in ihren Tönen. - "Dies sind wohl Geister, Herr!" so wandt’ ich mich
An ihn, und er: "Es ist, wie du entscheidest;
Sie lösen von der Zornwut Schlingen sich." - "Wer bist du, der du unsern Rauch durchschneidest,
Von dem man, wie du von uns sprichst, vernimmt,
Daß du die Zeit dir noch nach Monden scheidest?" - Die Rede ward von einem angestimmt,
Drum sprach mein Meister: "Stille sein Begehren
Und frag’ ihn, ob man hier nach oben klimmt." - "Geschöpf, das, um zum Schöpfer heimzukehren,
Sich reiniget und schön wird wie zuvor,
Begleite mich, dann sollst du Wunder hören!" - So ich, und er: "Ich schreite mit dir vor,
So weit ich darf, und, um uns nicht zu scheiden,
Führ’ uns im Rauch an Auges Statt das Ohr." - Drauf ich: "Obschon die Hüllen mich umkleiden,
Die nur der Tod löst, schreit’ ich doch hinauf
Und drang bis hierher durch der Hölle Leiden. - Und nahm der Herr mich so zu Gnaden auf,
Daß ich vermag zu ihm emporzustreben,
Ganz gegen dieser Zeit gewohnten Lauf, - So sage mir, wer warst du einst im Leben,
Und ob ich hier die rechte Straße hielt,
Denn unsre Richtung wird dein Wort uns geben." – - "Mark hieß ich einst, und was die Welt enthielt,
Ich konnt’ es wohl und strebte nach dem Preise,
Nach welchem jetzt auf Erden keiner zielt. - G’rad’ vor dir ist der Weg zum höhern Kreise."
Er sprach’s: "Noch bitt’ ich dich," So fügt’ er bei,
"Fürbittend denke mein am Ziel der Reise." - Und ich zu ihm: "Bei meiner Treu, es sei!
Doch wisse, daß ich einen Zweifel finde,
An dem ich berste, sag’ ich ihn nicht frei. - Er war einst einfach; doppelt jetzt empfinde
Ich ihn in mir, nach dem, was du gesagt,
Sobald ich mit dem Dort das Hier verbinde. - Wahr ist’s, die Welt, so wie du mir geklagt,
Ist öd an jeder Tugend, jeder Ehre,
Und ganz mit Bosheit schwanger und geplagt. - Doch daß ich sie erkenn’ und ändern lehre,
So bitt’ ich, deute jetzt die Ursach’ mir.
Der sucht sie dort,
der in des Himmels Sphäre." - Ein bang gepreßtes Ach! entwand sich hier
Laut seiner Brust, und dann begann er: "Wisse,
Die Welt ist blind, und du, Freund, kommst von ihr. - Ihr, die ihr lebt, sprecht immer nur, es müsse
Der Himmel selber Schuld an allem sein,
Als ob er euch gewaltsam mit sich risse. - Wär’s also, sprich, wo wäre nur ein Schein
Von freiem Willen? Wie entspräch’s dem Rechte,
Daß Lust der Tugend folgt, dem Laster Pein? - Die Triebe pflanzen ein des Himmels Mächte,
Nicht sag’ ich all; allein auch dies gesetzt,
Ward euch Erkenntnis auch fürs Gut’ und Schlechte, - Und freier Will’ – und, wenn er, auch verletzt
Und müde, standhaft mit dem Himmel streitet,
So siegt er, wohlgenährt, doch stets zuletzt. - Die Urkraft, welche sich durchs All verbreitet,
Beherrscht die Freien und erschafft den Geist,
Den nicht der Himmel mehr als Vormund leitet. - Drum, wenn die Gegenwart euch mit sich reißt,
In euch nur liegt der Grund, liegt in euch allen,
Wie, was ich sage, deutlich dir beweist. - Es kommt aus dessen Hand, des Wohlgefallen
Ihr lächelt, eh’ sie ist, gleich einem Kind,
Das lacht und weint in unschuldsvollem Lallen, - Die junge Seele, die nichts weiß und sinnt,
Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen,
Sie gern dahin kehrt, wo die Freuden sind. - Sie schmeckt ein kleines Gut erst, fühlt Verlangen
Und rennt ihm nach, wenn sie kein Führer hält,
Kein Zaum sie hemmt, der Neigung nachzuhangen. - Gesetz, als Zaum, ist nötig drum der Welt,
Ein Herrscher auch, der von der Stadt, der wahren,
Im Auge mindestens den Turm behält. - Gesetze sind, doch wer mag sie bewahren?
Kein Mensch! Denn seht, ein Hirt, der wiederkaut,
Doch nicht gespaltne Klau’n hat, führt die Scharen; - Daher die Herde, die dem Führer traut,
Der das verschlingt, wonach sie selber lüstert,
Nur dies verzehrt und nicht nach Höherm schaut. - Drum, was man auch von anderm Grunde flüstert,
Nicht die Natur ist ruchlos und verkehrt,
Nur schlechte Führung hat die Welt verdüstert. - Rom hatte, da’s zum Glück die Welt bekehrt,
Zwei Sonnen, und den Weg der Welt hatt’ eine,
Die andere den Weg zu Gott verklärt. - Verlöscht ward eine von der andern Scheine,
Und Schwert und Hirtenstab von einer Hand
Gefaßt im übel passenden Vereine. - Denn nicht mehr fürchten, wenn man sie verband,
Sich Hirtenstab und Schwert – du kannst’s begreifen,
Denn an den Früchten wird der Baum erkannt. - Man sah im Land, das Etsch und Po durchstreifen
Eh’ man dem Kaiser Widerstand getan,
Stets edle Sitt’ und Kraft und Tugend reifen. - Jetzt finden, die den Guten sich zu nah’n
Und sie zu sprechen, sich errötend scheuen,
In jenem Land vollkommen sichre Bahn. - Die alten Zeiten schelten dort die neuen
Noch durch drei Greise von der echten Art,
Die sich des nahen Todes harrend freuen. - Konrad Pallazzo ist es, und Gherard
Und Guid Castel, der besser heißen würde
Nach fränk’scher Art: der ehrliche Lombard. - Roms Kirche fällt, weil sie die Doppelwürde,
Die Doppelherrschaft jetzt in sich vermengt,
In Kot, besudelnd sich und ihre Bürde" – - "Mein Marco," sprach ich, "klares Licht empfängt
Durch deine Rede jetzt mein Geist – ich sehe,
Was aus der Erbschaft Levis Stamm verdrängt. - Doch sage, welcher Gherard, meinst du, stehe
Als Trümmer noch versunkner guter Zeit,
So, daß er dieser Zeit Verderbnis schmähe? – - "Betrügst, versuchst du mich in meinem Leid?"
So er: "Du, Tuscisch sprechend, tust dergleichen,
Als kenntest du nicht Gherards Trefflichkeit? - Den Namen kenn’ ich, sonst kein andres Zeichen,
Wenn man’s von seiner Gaja nicht entnimmt,
Gott sei mit dir, hier muß ich von euch weichen. - Sieh, wie in weißem Glanz der Rauch entglimmt.
Fort muß ich, denn schon ist der Engel dorten;
Ich scheid’, eh’ er mich wahr hier sprechend nimmt." - Er sprach’s und horchte nicht mehr meinen Worten.
Siebzehnter Gesang
- Denk’, Leser, wenn dich Nebel je umstrickte,
Auf Alpenhöh’n, durch den, wie durch die Haut
Des Maulwurfs Auge blickt, das deine blickte, - Wie, wenn der feuchte Qualm, der dich umgraut,
Nun dünn wird und beginnt, sich zu erhellen,
Dann matt hinein das Rund der Sonne schaut; - Und doch vermagst du kaum, dir vorzustellen,
Wie ich die Sonn’ itzt wiedersah, die sich
Soeben senken wollt’ ins Bett der Wellen. - So, gleichen Schritts mit meinem Hort, entwich
Ich aus der Wolk’, als wie aus dunkler Klause,
Zum Strahl, der sterbend schon am Strand erblich. - Phantasie, die du aus ihrem Hause
Weithin die Seel’ entrückst, daß man’s nicht spürt,
Ob ringsumher Trompetenschall erbrause, - Was regt dich auf, wenn nichts den Sinn berührt?
Das Himmelslicht erregt dich, das hernieder
Von selber strömt, das auch ein Wille führt. - Die Arge sah ich, die sich im Gefieder
Des Vogels barg, der ewig Reu’ und Gram
Verhaucht im Klang der süßen Klagelieder. - Und ganz zurückgedrängt ward wundersam
Hier meine Seel’ in sich, zu nichts sich neigend
Und nichts aufnehmend, was von außen kam. - Darauf erschien, der Phantasie entsteigend,
Ein Mann am Kreuz, so trotzig-stolz wie er
Von Ansehn war, sich auch im Tode zeigend. - Ich sah dabei den großen Ahasver,
Esther, sein Weib, und Mardochai, den Frommen,
In Wort und Tat so ganz, rund um ihn her. - Und dieses Bild zersprang, kaum wahrgenommen,
Gleich einer Blase, die mit kurzem Schein
Im Wasser glänzt, wenn sie emporgeschwommen. - Dann zeigte mein Gesicht ein Mägdelein.
"O Fürstin, Mutter!" rief die Tränenvolle,
"Was wolltest du aus Zorn vernichtet sein! - Du starbst, daß dein Lavinia bleiben solle.
Bin ich nun dein? Nicht andrer Tod, es zwingt
Der deine mich zu bittrem Tränenzolle." - Gleich wie der Schlaf in jähem Schreck zerspringt,
Wenn Strahlen an des Schläfers Antlitz prallen,
Doch eh’ er ganz erstirbt, sich sträubt und ringt, - So sah ich jetzt mein Traumbild niederfallen,
Als mir ein Licht ins Antlitz schlug, so klar,
Wie’s nie zur Erde strömt aus Himmelshallen. - Ich wandte mich, zu sehen, wo ich war,
Als eine Stimm’ erklang: "Hier müßt ihr steigen!"
Und ich vergaß des andern ganz und gar. - Sie zwang den Willen, sich dorthin zu neigen,
Zu sehn, wer sprach, und ließ, bis ich belehrt,
Die Unruh’ nicht in meinem Innern Schweigen. - Wie von der Sonne, die den Blick beschwert,
Durch zuviel Licht ihr eignes Bild bedeckend,
Ward von dem Glanze meine Kraft verzehrt. - "Ein Himmelsgeist ist’s, uns den Weg entdeckend,
Der aufwärts führt, auch ohne daß wir fleh’n,
Und selber sich in seinem Licht versteckend. - Wie wir uns selber tun, ist uns gescheh’n,
Denn wer die Not erblickt und harrt der Bitte,
Ist böslich schon geneigt, sie zu verschmäh’n. - Auf! Solchem Rufe nach mit raschem Tritte!
Wir müssen aufwärts, eh’ das Dunkel naht,
Sonst löst der Tag erst die gehemmten Schritte." - Mein Führer sprach’s, worauf zum Felsgestad’
Wir, hingewandt nach einer Stiege, gingen,
Und wie ich auf die erste Stufe trat, - Fühlt’ ich ein Weh’n, wie von bewegten Schwingen
Im Angesicht, und laut erklang’s, mir nah:
"Heil den Friedfert’gen, die den Zorn bezwingen." - Der Sonne letzte bleiche Strahlen sah
Ich über uns, gefolgt von nächt’gen Schatten.
Und schon erschienen Sternlein hier und da. - "O meine Kraft, was mußt du so ermatten!"
So dacht’ ich still bei mir, denn ich empfand,
Daß sich entstrickt der Füße Nerven hatten. - Wir waren auf der höchsten Stufe Rand
Und standen fest, wie angeheftet, dorten,
Gleich einem Kahn in des Gestades Sand. - Aufmerksam lauscht’ ich erst nach allen Orten,
Ob nichts zu hören sei, und wandte nun
Zu meinem Meister mich mit diesen Worten: - "Mein süßer Vater, sprich, welch übles Tun
Führt uns zur Läuterung in diesem Kreise.
Laß nicht die Rede, gleich den Füßen, ruh’n." - "Trägheit zum Guten", Sprach darauf der Weise,
"Zahlt hier die dort gemachten Schulden erst;
Hier wird der träge Rudrer schnell zur Reife. - Merk’ auf, damit du’s deutlicher erfährst,
Weil ungenutzt sonst unser Stillstand bliebe –
Frucht bringt dein Weilen, wenn du dich belehrst. - Nicht Schöpfer, noch Geschöpf ist ohne Liebe,
Noch war es je. Du weißt, in der Natur
Und in der Seel’ entkeimen ihre Triebe. - Nie irrt die
erste von der rechten Spur.
Die
zweite kann im Gegenstande fehlen
Und bald zu stark sein, bald zu lässig nur. - Weiß sie zum Ziel das erste Gut zu wählen,
Ist sie beim zweiten nicht zu heiß, zu kalt,
Dann reizt sie nicht zu schlechter Lust die Seelen - Doch schweift sie ab zum Bösen, ist sie bald
Zum Guten lau, zu eifrig bald im Rennen,
So tut dem Schöpfer das Geschöpf Gewalt. - So muß die Liebe, wie du wirst erkennen,
In euch die Saat zu jeder Tugend streu’n,
Doch auch zu allem, was wir Laster nennen. - Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’n
Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den eignen Haß zu scheuen. - Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses für sich selbst bestehn,
Muß dies zu hoffen jeder Trieb vermeiden. - Drum kannst du, folgr’ ich richtig, deutlich sehn:
Dem Nächsten gilt die Liebe nur zum Schlimmen
Und kann aus dreifach schmutz’gem Quell entstehn. - Der hofft zur Herrlichkeit emporzuklimmen
Durch andrer Fall, und dieses muß zur Lust,
Die Größe zu erniedrigen, ihn stimmen. - Der Gunst, des Ruhmes und der Macht Verlust
Scheut der, wenn sich ein andrer aufgeschwungen,
Und liebt das Gegenteil mit banger Brust. - Der ist entrüstet von Beleidigungen,
Drob Durst nach Rach’ in ihm sich offenbart,
Bis ihm dem andern weh zu tun gelungen. - Ob dieser Liebe von dreifacher Art
Weint man dort unten – jetzt vernimm von Liebe,
Die nicht durch rechtes Maß geregelt ward. - Nach einem Gute strebt mit dunkelm Triebe
Der Mensch und fühlt, daß seiner Wünsche Glut,
Erreicht’ er’s nicht, ihm unbefriedigt bliebe. - Die träge Lieb’ ist’s zu dem wahren Gut,
Die säumt, es zu erschau’n, es zu erringen,
Die hier nach echter Reue Buße tut. - Gut scheinen andre Güter, doch sie bringen
Nicht wahres Glück, sind Stoff und Wurzel nicht,
Aus welchen Früchte wahren Heils entspringen. - Die Lieb’, auf solches Gut zu sehr erpicht,
Büßt in drei Kreisen oberhalb mit Zähren;
Doch wie sie dreifach irrt von Recht und Pflicht, - Das sollst du selbst dir suchen und erklären."
Achtzehnter Gesang
- Mein hoher Lehrer hatte seiner Lehre
Ein Ziel gesetzt und blickt’ aufmerksam mir
Ins Angesicht, ob ich zufrieden wäre. - Ich, noch gereizt von frischem Durst nach ihr,
Schwieg äußerlich, doch sprach bei mir im stillen:
"Beschwert ihn wohl zu viele Wißbegier?" - Doch der wahrhafte Vater, der den Willen,
Den schüchternen, bemerkt, gab sprechend jetzt
Mir neuen Mut, des Sprechens Lust zu stillen. - Drum ich: "Dein Licht, mein teurer Meister, letzt
Mein Auge so, daß es an allen Dingen,
Die du beschreibst, klar schauend sich ergötzt. - Doch, süßer Vater, laß es tiefer dringen.
Was ist doch jene Lieb’ – ich bitte, sprich! –
Aus welcher gut’ und schlechte Werk’ entspringen?" - "Scharf richte deines Geistes Aug’ auf mich,"
Versetzt’ er, "und den Irrtum jener Blinden,
Die sich zu Führern machen, lehr’ ich dich. - Der Geist, geschaffen, Liebe zu empfinden,
Bewegt sich schnell zu allem, was gefällt,
Wenn Reize sich, ihn zu erwecken, finden. - Was Wirklichkeit euch vor die Augen stellt,
paßt der Begriff, um es dem Geist zu zeigen,
Der dann dorthin nur sich gerichtet hält. - Und diese Richtung, dies Entgegenneigen,
Lieb’ ist es, ist Natur, die dem, was schön
Und reizend ist, sich hingibt als ihm eigen. - Dann, wie die Flamm’ emporglüht zu den Höh’n
Durch ihre Form bestimmt, dorthin zu streben,
Wo ihre Stoffe minder schnell vergeh’n, - So scheint der Geist der Sehnsucht nur zu leben,
Der geistigen Bewegung, die nicht ruht,
Bis, was er liebt, sich zum Genuß ergeben. - Drum sieh, wie not die Wahrheit jenen tut,
Die, lehren wollend, noch den Irrwahn hegen,
Jedwede Lieb’ an sich sei recht und gut. - Gut ist vielleicht ihr Grundstoff allerwegen;
Doch sei das Wachs auch echt und gut, man preist
Das Bild, drin abgedrückt, noch nicht deswegen." - Drauf ich: "Dein Wort und mein folgsamer Geist,
Sie lassen mich der Liebe Wesen sehen,
Obgleich der Geist noch zweifelschwanger kreist. - Denn, muß durch äußern Reiz die Lieb’ entstehen,
Lenkt die Natur die Seele, wie ist’s dann
Verdienstlich, ob wir krumm, ob g’rade gehen?" – - "Hör’ itzt, wie weit Vernunft hier schauen kann,"
So er, "dort stellt Beatrix dich zufrieden,
Denn jenseits fängt das Werk des Glaubens an. - Die wesentliche Form – sie ist geschieden
Vom Stoff und ihm vereint, und eine Kraft,
Die ihr nur eigen ist, ist ihr beschieden. - Sie kann, nicht fühlbar, bis sie wirkt und schafft,
Durch Wirkung nur sich zeigen und bewähren,
Wie durch das Laub des Baumes Lebenssaft. - Daher vermag der Mensch nicht, zu erklären,
Woher zuerst in ihm Begriff entstehn,
Woher das erste Sehnen und Begehren. - Denn wie den Trieb, dem Honig nachzugehn,
Die Bien’ erhielt, so habt ihr sie erhalten,
Die nicht zu loben ist und nicht zu schmäh’n. - Doch fühlt ihr auch die Kraft, die Rat gibt, walten,
Und sie, der andern Haupt und Herrscherin,
Soll Wach’ an eures Beifalls Schwelle halten. - Sie, des Verdienstes und der Schuld Beginn,
Nimmt, wie euch gut’ und schlechte Lieb’ entzündet,
Sie auf und lenkt zu eurer Wahl euch hin. - Drum haben jene, so die Sach’ ergründet,
Die angeborne Freiheit wohl bedacht,
Und euch die Lehren der Moral verkündet. - Mag wirklich nun im Innern, angefacht
Von der Notwendigkeit, die Lieb’ entbrennen,
So habt ihr doch auch sie zu zügeln Macht. - Die edle Kraft wird Beatrice nennen,
Wenn sie dir kund vom freien Willen tut,
Drum merk’ es, um des Wortes Sinn zu kennen." - Der Mond, der fast bis Mitternacht geruht,
Kam itzt hervor, der Sterne Zahl beschränkend,
Gleich einem Kessel anzusehn von Glut, - Den Pfad dem Himmelslauf entgegenlenkend,
Den Pfad, den Sol, von Rom gesehn, durchglühe
Inmitten Sard’ und Cors’ ins Meer sich senkend. - Der edle Geist, ob des im Ruhme blüht
Pietola vor Mantuas andern Orten,
War jetzt nicht mehr durch meine Last bemüht. - Ich, der die Zweifel all in seinen Worten
Gelöset sah und alles hell und klar,
Stand wie ein Schläfriger hinbrütend dorten. - Doch plötzlich naht’ im Kreislauf eine Schar
Und scheuchte diese Schläfrigkeit des Matten,
Da sie bereits in unserm Rücken war. - Und wie Böotiens Flüss’ in nächt’gen Schatten
Ein wild Gedräng’ an ihrem Strande sah’n,
Wenn die Thebaner Bacchus nötig hatten, - So sah ich jen’ im Kreise trabend nah’n,
Und alle trieb – so wollte mir’s erscheinen –
Gerechte Lieb’ und wackrer Eifer an. - Und schon bei uns, denn zögern sah ich keinen,
War angelangt der ganze große Hauf,
Da riefen die zwei Vordersten mit Weinen: - "Rasch zum Gebirge ging Marions Lauf;
Und Cäsar, um Ilerda zu gewinnen,
Umschloß Marseill und brach nach Spanien auf." - "Rasch, laßt aus Trägheit nicht die Zeit entrinnen,"
Schrien alle nun, "es macht der rege Fleiß
Zum Guten neu der Gnade Lenz beginnen." – - "O ihr, in denen Eifer scharf und heiß
Das, was ihr dort aus Lauheit nicht vollbrachtet,
Was ihr versäumt, wohl zu ersetzen weiß, - Der, welcher lebt – nicht sag’ ich Lügen – trachtet
Emporzusteigen, eh’ der Morgen wach,
Drum sagt den Weg, den ihr den nächsten achtet." - Mein Führer sagte dies, und einer sprach:
"Wollt ihr zum Orte, wo der Fels, gespalten
Zur Schlucht, euch durchzieh’n läßt. So folgt uns nach. - Uns ist es nicht erlaubt, uns aufzuhalten,
Denn Eile treibt uns fort, drum mögt ihr nicht,
Was uns das Recht gebeut, für Grobheit halten. - Ich übt’ in Zenos Haus des Abtes Pflicht,
Unter des guten Rotbart Herrscherstabe,
Von welchem Mailand noch mit Schmerzen spricht. - Und einer, schon mit einem Fuß im Grabe,
Er weint, gedenkend jenes Klosters, bald,
Daß er gehabt dort Macht und Ansehn habe, - Weil er den Sohn, verpfuscht an der Gestalt,
Noch mehr verpfuscht an Geiste, schlechtgeboren,
Anstatt des wahren Hirten dort bestallt." - Ob er noch sprach? Ob schwieg? – vor meinen Ohren
Verklang, sich schnell entfernend, jener Ton.
Doch merkt’ ich dies und hab’ es nicht verloren. - Und er, in jeder Not mein Helfer schon,
Sprach: "Sieh dorthin, woher die beiden kommen,
Die Trägheit scheuchend und ihr selbst entfloh’n." - Sie riefen jenen nach: "Erst umgekommen
War jenes Volk, dem sich das Meer erschloß,
Bevor der Jordan seine Herr’n bekommen. - Und jenes, das die edle Müh’ verdroß,
Bis an sein Ziel Äneen zu begleiten,
Es ward seitdem ein ruhmlos schlechter Troß." - Die Schatten schwanden kaum in fernen Weiten,
Als ein Gedank’ aufs neu’ in mir entstand,
Und dieser erste zeigte bald den zweiten, - Dem sich verwirrt der dritte, viert’ entwand,
Bis mir zuletzt die Augenlider sanken;
Und wie verschmelzend Bild um Bild verschwand, - Da ward zum Traum das Wogen der Gedanken.
Neunzehnter Gesang
- Zur Stunde, da, vom Erdqualm überwunden,
Oft vom Saturn, den Nachtfrost zu durchlau’n,
Der Tagesglut die Kraft dahingeschwunden, - Wenn in dem Osten vor des Frühlichts Grauen
Ihr größtes Glück die Geomanten sehen,
Wo’s kurze Zeit sich hält in nächt’gem Braun, - Sah ich ein Weib im Traume vor mir stehen,
Kalkweiß, verstümmelt, stotternd, krummgebückt,
Und schielend sah ich sie die Augen drehen. - Ich schaut’ auf sie – wie der, den Nachtfrost drückt,
Gestärkt wird und belebt vom Blick der Sonnen,
So wurde sie von meinem Blick durchzückt. - Schnell sprang das Band, das ihre Zung’ umsponnen;
Sie richtete sich auf; ein roter Schein
Färbt’ ihr Gesicht, wie Hauch der Liebeswonnen. - Kaum fühlte sie die Zunge sich befrei’n,
Als sie ein Lied begann, so holden Sanges,
Daß ich auf nichts horcht’, als auf sie allein. - "Ich, der Sirenen Süßeste," so klang es,
"Ich bin’s, durch die vom Weg der Schiffer schweift;
Denn wer mich hört, ist voll des Wonnedranges. - Mir folgt’ Ulyß, der lang’ umhergestreift,
Und wie Entzücken ihn und Wollust kirren,
Verläßt mich keiner, der mich ganz begreift." - Noch hört’ ich in der Luft die Töne schwirren,
Sieh, da erschien ein heil’ges Weib, mir nah,
Die Sängerin beschämend zu verwirren. - "Virgil! Virgil! sprich, wer ist diese da?"
Sie rief’s mit Zorn, als sie dies Weib entdeckte
Indes er fest nur ihr ins Auge fah. - Sie aber riß das Kleid, das jene deckte,
Ihr vorn entzwei, daß mir der Bauch erschien,
Aus dem Gestank quoll, welcher mich erweckte. - Ich schlug die Augen auf und sah auf ihn.
"Schon dreimal rief ich dich," begann der Weise.
"Auf, laß uns jetzt zur Felsenöffnung zieh’n." - Ich richtete mich auf, und alle Kreise
Des heil’gen Bergs erfüllte Morgenpracht
Und leuchtet’ hinter uns zu unsrer Reise. - Ich folgt’ ihm nach und neigte, längst erwacht,
Die Stirn, wie einer, der in schweren Sinnen
Sich selbst zum halben Brückenbogen macht. - "Kommt, hier steigt auf!" So hört’ ich’s nun beginnen,
Mit Tönen, wie sie nie im ird’schen Land,
So huldvoll und so süß, das Herz gewinnen. - Die Flügel, wie des Schwanes, ausgespannt,
Winkt’ uns der Engel vor, und beide gingen
Wir durch des Felsens enge Doppelwand. - Er weht’ uns an mit den bewegten Schwingen
Und sprach: "Heil dem, der stark das Leid erträgt,
Denn reichen Trost wird seine Seel’ erringen." - "Was hast du, das dich immer noch erregt?
Was sinkt verworren noch dein Blick zur Erden?"
So sprach Virgil, als wir uns fortbewegt. - "Ein neu Gesicht – noch seh’ ich die Gebärden" –
Versetzt’ ich, "macht mich so in Zweifeln gehn!
Noch kann ich dieses Bilds nicht ledig werden." – - "Die alte Hexe – hast du sie gesehn,
Ob der man dorten klagt, wohin wir reisen,"
Sprach er, "und wie man’s macht, ihr zu entgehn? - Doch weiter jetzt. Schau auf! In mächt’gen Kreisen
Wird dort im klaren himmlischen Gebiet
Lockbilder dir der ew’ge König weisen!" - Wie erst der Falk auf seine Füße sieht,
Doch dann nicht säumt, sich nach dem Ruf zu wenden,
Sich streckt und fliegt, wohin die Beut’ ihn zieht. - So ich – so klomm ich zwischen Felsenwänden,
Soweit der Weg sich hebt im engen Schlund,
Bis wo die Stiegen auf dem Vorsprung enden. - Und als ich frei im fünften Kreise stund,
Da lagen Leute, die sich weinend plagten,
Das Auge ganz hinabgewandt, am Grund. - "Ach, meine Seele klebt am Staube!" klagten
Sie all, und ihrer Seufzer laut Getön,
Es ließ mich kaum vernehmen, was sie sagten. - "Ihr Gotterwählte, deren Angstgestöhn
Gerechtigkeit und Hoffnung mild versüßen,
O sprecht, wo ist die Stiege zu den Höh’n?" - "Kommt ihr, gewiß, nicht liegend hier zu büßen,
So nehmt nur links den Felsen euren Lauf,
Dann liegt der Eingang bald vor euren Füßen." - So bat Virgil, und so versetzt’ es drauf
Nicht weit von uns, und, schnell erratend, klärte
Ich, was drin sonst verborgen war, mir auf. - Als ich den Blick nach dem des Führers kehrte, .
Stimmt’ er mit frohem Winke gern mir bei,
Ich möge tun, was mein Gesicht begehrte. - Kaum stand mir nun nach Wunsch zu handeln frei,
So sucht’ ich ihn, des Wort den Sinn verborgen:
Er wisse nicht, daß ich noch lebend sei. - Und sprach: "O Geist, für den des Heiles Morgen
Durch Tränen früher tagt, o laß für mich
Ein wenig ab von deinen größern Sorgen. - Wer warst du? Und was kehrt dein Rücken sich
Empor? Und dort, woher ich, noch im Leben,
Gekommen bin, dort bitt’ ich dann für dich." - "Wie wir hier liegen für verkehrtes Streben,
Bald hörst du’s," sprach er, "doch vernimm zuvor:
Mir waren Petri Schlüssel übergeben. - Bei Siestri rollt aus einem Tal hervor
Ein schöner Fluß, den das Geschlecht der Meinen
Zu seinem ersten Titel sich erkor. - Ich fühlt’ als Papst fünf Wochen lang, daß einen,
Der rein die Stola hält, sie so beschwert,
Daß leicht, wie Flaum, all andre Bürden scheinen. - Und leider, ward ich nur zu spät bekehrt;
Doch als ich zu dem Heil’gen Stuhl gelangte,
Da ward ich von des Lebens Trug belehrt. - Ich sah, daß dort das Herz nie Ruh’ erlangte,
Daß jenes Leben mir nichts Höh’res bot,
Daher ich heiß nach
diesem nur verlangte. - Bis dahin war ich arm, getrennt von Gott,
Und völlig machte mich der Geiz zum Sklaven,
Dafür sie mich bestraft mit dieser Not. - Die Läutrungsqualen, die mich hier betrafen,
Tun dir des Geizes Art und Wesen kund,
Und auf dem Berg gibt’s keine härtern Strafen. - Wie einst das Auge nicht nach oben stund,
Und nur gefesselt war von ird’schen Dingen,
So drückt’s Gerechtigkeit hier an den Grund. - Und wie den Trieb, das Gute zu vollbringen,
Der Geiz erstickt und nimmer handeln läßt,
So hält Gerechtigkeit in festen Schlingen - Hier Hand und Fuß gebunden und gepreßt;
So liegen wir, bis uns der Herr die Glieder
Einst wieder löst, hier unbeweglich fest." - Antworten wollt’ ich ihm und kniete nieder,
Doch, da ich sprach und er durchs Ohr erkannt,
Daß Ehrfurcht mich gebeugt, begann er wieder: - "Was kniest du hier?" Und ich drauf: "Ich empfand
Ob deiner Würde Vorwürf im Gewissen,
Daß ich vor dir noch g’rad’ und aufrecht stand." - "Bruder, steh auf!" – so er – "du mußt ja wissen,
Dein Mitknecht bin ich nur von einer Macht,
Der du und ich und all uns beugen müssen. - Und hattest du des heil’gen Spruches acht:
Sie freien nicht, so wirst du dir erklären,
Was ich bei meiner Rede mir gedacht. - Jetzt geh. Dein Weilen hemmt den Lauf der Zähren,
Die früher mir – denk’ an dein eignes Wort –
Das Morgenlicht des ew’gen Heils gewähren. - Alagia, eine Nichte, hab’ ich dort,
Gut von Natur, reißt nicht zu schlechten Trieben
Sie der Verwandten übles Beispiel fort, - Und sie allein ist jenseits mir geblieben."
Zwanzigster Gesang
- Schwer kämpft der Wille gegen bessern Willen,
Drum zog ich ungern jetzt vom Quell den Mund,
Weil er es wünscht’, ohn’ erst den Durst zu stillen. - Wir gingen einen Weg, wo frei der Grund
Zum Gehen war, entlang dem Felsgestade,
Gleich engem Steg am Mauerzinnenrund. - Denn jene Schar, die sich im Tränenbade
Vom Übel, das die Welt erfüllt, befreit,
Versperrt’ uns mehr nach außen hin die Pfade. - Du alte Wölfin, sei vermaledeit!
Kein Tier erjagt sich Beute gleich der deinen,
Doch bleibt dein Bauch noch endlos hohl und weit. - O Himmel, dessen Kreislauf, wie wir meinen,
Der Erde Sein und Zustand wandeln soll,
Wann wird der Held, der sie vertreibt, erscheinen? - Wir gingen langsam fort und mühevoll
Ich, horchend, als aus jener Schatten Mitte
Ein jammervoller Klageton erscholl. - "Maria, Süße!" klang’s vor meinem Schritte,
Und wie ein kreißend Weib zu jammern pflegt,
So kläglich schien der Ruf der frommen Bitte. - "Du warst so arm!" so sagt’ es dann bewegt,
"Der Armut sehn wir jene Kripp’ entsprechen,
In welche du die heil’ge Frucht gelegt." - "Fabricius, Wackrer!" hört’ ich’s weiter sprechen,
"Tugend mit Armut schien dir mehr Gewinn
Als der Besitz des Reichtums mit Verbrechen." - Gar wohl gefiel mir dieser Rede Sinn,
Und um zu sehn, wer von den Felsenbänken
Sie ausgesprochen, wandt’ ich mich dahin. - Und weiter sprach er noch von den Geschenken,
Die Nikolaus gemacht den Mägdelein,
Um sie zum Weg der Ehre hinzulenken. - "O Geist, der du so wohl sprichst," fiel ich ein,
"Sprich jetzt, wer warst du und aus welchem Grunde
Erneust du hier so würd’ges Lob allein? - Nicht unbelohnt soll bleiben solche Kunde,
Kehr’ ich zurück zum Rest der kurzen Bahn
Des Lebens, das da eilt zur letzten Stunde." - Und er: "Nicht will von dort ich Hilf empfah’n,
Doch red’ ich, denn mir strahlt im hellen Lichte
Die Huld, die Gott dir vor dem Tod getan. - Des Baumes Wurzel bin ich, der in dichte
Umschattung hüllt die ganze Christenheit,
Von dem man selten nur pflückt gute Früchte. - Doch wäre schon die Rache nicht mehr weit,
Wenn Macht Gent, Brügge, Lille und Douai hätten,
Auch bitt’ ich drum des Herrn Gerechtigkeit. - Hugo bin ich, der Stammherr der Capetten,
Philipp’ und Ludwige, die auf den Thron
Des schönen Frankreichs jetzt sich üppig betten. - Als ich lebt’ in Paris, ein Metzgersohn,
Erstarb der Königsstamm in allen Zweigen,
Und nur noch einer lebt’ in Schmach und Hohn; - Da macht’ ich mir des Reiches Zaum zu eigen,
Und so vermehrt’ ich meine Macht alsdann,
So sah ich sie durch Land und Freunde steigen, - Daß den verwaisten Thron mein Sohn gewann,
Von welchem nach dem Walten ew’ger Mächte
Die Reihe der Gesalbten dort begann. - Bis der Provence Mitgift dem Geschlechte
Der Meinen nicht die heil’ge Scham entriß,
Galt’s wenig zwar, allein vermied das Schlechte. - Seitdem verübt’ es Tat der Finsternis,
Log, raubt’ und stahl, worauf’s, aus Reu’ und Buße,
Die Normandie und Ponthieu an sich riß. - Karl kam nach Welschland, und, aus Reu’ und Buße,
Köpft’ er den Konradin und sandte drauf
Den Thomas heim zu Gott, aus Reu’ und Buße. - Bald bricht ein andrer Karl im vollen Lauf,
Denn besser sollt ihr seine Sitt’ erkennen
Und seines Stammes Art, aus Frankreich auf. - Zur Rüstung wird er nicht sich Zeit vergönnen,
Und nur mit Judas Lanze, so, daß dir,
Florenz, der Wanst platzt, in die Schranken rennen. - Nicht Land, nur Sünd’ und Schmach gewinnt er hier.
Und trägt er sie gar leicht und unbefangen,
So wird er einst noch mehr gedrückt von ihr. - Ein andrer Karl, im Seegefecht gefangen,
Verschachert, wie die Sklavin der Korsar,
Die Tochter, um das Kaufgeld zu empfangen. - Ach, was vermagst nicht du, o Geiz! Sogar
Sein eignes FIeisch beut, schmählich überwunden
Von deiner Macht, mein Blut zum Kaufe dar. - Doch ist
der Frevel schon in nichts verschwunden;
Ich seh’ Alagna, wo die Lilie weht!
Seh’ im Statthalter Christum selbst gebunden. - Seh’ ihn drauf verspottet und geschmäht!
Seh’ ihn aufs neue Gall’ und Essig schmecken!
Seh’ ihn, der unter Räubern dann vergeht! - Den grimmigen Pilatus seh’ ich schrecken
Und, noch nicht satt, ihn, ohne Kirchenschluß,
Die gier’ge Hand nach Kirchengütern strecken. - Gott, was säumt dein Rächerarm? Was muß
So lang’ an mir gerechter Unmut nagen?
Die Frevler strafend, stille den Verdruß! – - Du hörtest mich vorhin von jener sagen,
Die einzig ist des Heil’gen Geistes Braut,
Und dies beweg dich, nach dem Grund zu fragen. - Von ihr erklingt das Flehen leis und laut
Beim Tageslicht, doch von den Gegensätzen
Tönt unsre Klage, wenn die Nacht ergraut. - Dann denken wir Pygmalions mit Entsetzen,
Der ein Verwandtenmörder ward, ein Dieb
Und ein Verräter aus Begier nach Schätzen; - Des Midas, der so lang im Elend blieb,
Das jedem, der ihn sah, weil’s ihn nicht freute,
Als er die Gier gestillt, zum Lachen trieb; - Des tollen Achan auch, des Diebs der Beute,
Der, wie es scheint, noch hier nicht tragen kann
Des Josua Zorn, der ihm im Leben dräute. - Sapphiren tadeln wir und ihren Mann
Und loben den, der hinwarf Heliodoren;
Den ganzen Berg umkreist mit Schande dann - Polynestor, der totschlug Polydoren.
Zuletzt erklingt es: Crassus, sprich, wie schmeckt
Das Gold, das du zur Lieblingsspeis’ erkoren? - Der redet laut, der leis und unentdeckt,
Je wie der Drang des Leids, das wir erproben,
Uns minder oder mehr erregt und weckt. - Ich sprach vom Heil, das wir am Tage loben,
Hier nicht allein, nur daß zu lautem Klang,
Die mir hier nah sind, nicht die Stimm’ erhoben." - Wir richteten nun vorwärts unsern Gang,
Nachdem wir diesen Schatten kaum verlassen,
So schleunig, als es nur der Kraft gelang. - Da aber zitterten des Berges Massen,
Als stürz’ er hin, und Furcht erfaßte mich,
Wie sie den, der zum Tod geht, pflegt zu fassen. - Nicht schüttelte so heftig Delos sich,
Eh, beide Himmelsaugen zu gebären,
Dorthin zum sichern Nest Laton’ entwich. - Rings braust’ ein Ruf, um meine Furcht zu mehren,
Doch näher trat zu mir mein Meister da:
"Ich führe dichl – was magst du Sorgen nähren?" - Und könnt’ ich aus den Stimmen, die mir nah •
Erklangen, recht das ganze Lied verstehen,
Klang’s: Deo in excelsis gloria! - Wir blieben staunend, gleich den Hirten, stehen,
Die diesen Sang zum erstenmal gehört,
Und ließen Erdenstoß und Lied vergehen. - Doch dann, zum heil’gen Weg zurückgekehrt,
Sahn wir die Schatten, die am Boden lagen,
Schon wieder vom gewohnten Leid beschwert. - Noch nie bekämpften sich mit solchen Plagen
In mir Unwissenheit und Wißbegier,
Mag ich auch forschend die Erinnrung fragen: - Wonach ich grübelnd je gespäht? – wie hier.
Nicht fragen dürft’ ich, denn er ging von hinnen,
Und nichts erklären könnt’ ich selber mir; - So ging ich schüchtern fort in tiefem Sinnen.
Einundzwanzigster Gesang
- Der Durst, den die Natur gegeben hat,
Den nur das Wasser stillt, um dessen Gnade
Die Samariterin den Heiland bat, - Verzehrte mich, und auf verengtem Pfade
Trieb Eile mich, dem Führer nachzuzieh’n,
Voll Gram, daß Schuld uns so mit Leid belade. - Und sieh, wie Kunde Lukas uns verlieh’n,
Daß Christus zween, die unterweges waren,
Erstanden aus dem Grabgewölb’, erschien; - So uns ein Schatten – hinter uns, die Scharen,
Dort ausgestreckt, betrachtend, ging er fort
Und ließ sich sprechend erst von uns gewahren. - "Gott geb’ euch Frieden, Brüder!" war sein Wort,
Das plötzlich hin zu ihm uns beide kehrte;
Und ziemend dankt’ ihm mein getreuer Hort - Und sprach: "Zu denen, so der Herr verklärte,
Versetz’ er dich, zu jenem sel’gen Chor,
Des Frieden er auf ewig mir verwehrte." - Und jener sprach: "Wenn Gott euch nicht erkor,"
(Doch säumte nicht, indessen fortzugehen,)
"Wer leitet’ euch die heil’ge Stieg’ empor?" - Virgil darauf: "Sieh hier die Zeichen stehen,
Die
diesem eingeprägt vom Engel sind,
Und daß er auserwählt ist, wirst du sehen. - Allein weil sie, die unablässig spinnt, -
Ihm noch nicht ganz den Rocken abgesponnen,
Den KIotho anlegt, wenn ein Sein beginnt, - Hätt’ er, allein, die Höhe nie gewonnen,
Weil seine Seele, Schwester dir und mir,
Noch nicht nach unsrer Art zu sehn begonnen. - Drum bin ich aus dem Höllenschlunde hier,
Und meine Schule wies und weist ihm alles,
Was sie gewähren kann der Wißbegier. - Doch sprich, was schwankte so gewalt’gen Pralles
Vorhin der Berg? Was tönte bis zum Strand
Der allgemeine Ruf so lauten Schalles?" - Mein teurer Meister, also fragend, fand
So meiner Sehnsucht Ohr, daß mein Begehren,
Mein Durst durch Hoffnung Lindrung schon empfand. - Und jener sprach: "Den Berg, den heil’gen, hehren,
Nichts trifft ihn sonder Ordnung, was es sei,
Und ew’ge Regel herrscht in diesen Sphären. - Stets ist er hier von jeder Störung frei;
Wenn einen Geist von ihm Gott aufgenommen,
Verkünden’s Erdenstoß und Jubelschrei. - Wer jene kleine Stieg’ emporgeklommen
Von dreien Stufen, sieht nicht Reif noch Tau,
Nicht Hagel mehr, noch Schnee, noch Regen kommen. - Kein Wölkchen trübt hier je des Himmels Blau,
Nie blinkt des Blitzes Schnell verschwundne Helle’
Nie baut sich Iris’ Brück’ auf dunkelm Grau. - Kein trockner Dunst steigt über jene Stelle,
Von der ich sprach, auf der die Füße stehn
Des Pförtners von der diamantnen Schwelle. - Von Stürmen, die im Erdenschoß entstehn,
Mag’s sein, daß unten oft der Berg erdröhne,
Hier – wie, begreif ich nicht – ist’s nie gescheh’n. - Hier bebt er, wenn in neuer Rein’ und Schöne
Die Seele fühlt, sie
woll’ erhoben sein.
Ihr Steigen fördern dann die Jubeltöne. - Der Reinheit Prob’ ist dieser Will’ allein;
Frei, treibt er sie, zum Zuge sich zu rüsten,
Und er verleiht ihr sicheres Gedeih’n. - Erst will sie zwar, doch fühlt’ auch, mit Gelüsten
Nach längrer Qual, daß nach Gerechtigkeit,
Die, so einst sündigten, erst leiden müßten. - Ich lag fünfhundert Jahr’ in diesem Leid
Und länger noch und fühlte mir soeben .
Zum Aufwärtszieh’n den Willen erst befreit. - Drum fühltest du den ganzen Berg erbeben,
Drum pries den Herrn die ganze fromme Schar,
In Hoffnung, bald sich selber zu erheben." - Sprach’s, und je heißer die Begierde war,
Je mehr fühlt’ ich vom Tranke mich erquicken
Und fühlte mich gestärkt und frei und klar. - Virgil drauf: "Welche Netz’ euch hier umstricken,
Wie ihr entschlüpft, was durch den Berg gezückt,
Was Jubeltön’ empor die Seelen schicken, - Das hat dein Wort mir deutlich ausgedrückt.
Jetzt sage mir: Wer bist du einst gewesen?
Und was hat hier so lang dich schwer gedrückt?" - Drauf jener: "Damals, als das höchste Wesen,
Das Blut zu rächen, das für schnödes Geld
Judas verkauft, den Titus auserlesen, - Da lebt’ ich mit dem Namen, der bei Welt
Und Nachwelt gilt, geschmückt mit höchstem Preise,
Doch war noch nicht vom Glaubenslicht erhellt. - So süß war des klangreichen Geistes Weise,
Daß Rom mich Tolosanen rief und hoch
Mich ehrte mit verdientem Myrtenreise. - Mich, Statius, nennt man jenseits heute noch.
Von Theben hob’ ich, vom Achill gesungen,
Bis unterwegs ich sank dem zweiten Joch. - Auch meine Glut ist an der Flamm’ entsprungen,
Der göttlichen, die Funken ausgesprüht
Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen. - Sie, die Äneis, ist’s, die mich durchglüht,
Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
Und ohne sie war ich umsonst bemüht. - O hätt’ ich mit Virgil gelebt! Mit nichten
Schien mir’s zu schwer, ein Jahr lang, noch im Bann,
Dafür auf die Befreiung zu verzichten." - Bei diesen Worten sah Virgil mich an
Mit einem Blick, der schweigend sagte: Schweige!
Doch weil die Kraft, die will, nicht alles kann, - Nicht hindern kann, daß sich die Seele zeige,
Und, wie durch sie die jähe Regung blitzt,
Trän’ oder Lächeln uns ins Antlitz steige, - So blinkt’ ich lächelnd mit den Augen itzt,
Drum sah mir jener, dem dies nicht entgangen,
Ins Auge, wo das Bild der Seele sitzt. - "So wie du mögst zum großen Ziel gelangen,"
Begann er drauf, mir zugewandt, "So sprich:
Was schwebt’ ein Lächeln jetzt um deine Wangen?" - Nun zeigen hier und dorten Schlingen sich.
Der heißt mich schweigen, jener, offenbaren.
Ich seufze nur, doch man ergründet mich. - "Du magst dir jetzt das längre Schweigen sparen,"
Begann Virgil, "sprich nur, denn er beweist
.Zu große Sehnsucht, alles zu erfahren." - "Vielleicht wohl wundert’s dich, du alter Geist,"
Also begann ich jetzo, "daß ich lachte,
Doch will ich, daß du mehr verwundert seist. - Er, der mich aufwärts führt, wohin ich trachte,
Es ist Virgil, der Quell, der deinen Sang
Von Helden und von Göttern strömen machte. - Glaubst du, das andrer Grund des Lachens Drang
In mir erregt, magst du den Glauben lassen;
Es war dein Wort, das mich zum Lachen zwang." - Da neigt’ er sich, die Knie ihm zu umfassen,
Zu meinem Hort, der sprach: "Laß, Bruder, laß!
Wir sind ja Schatten beid’ und nicht zu fassen." - Und er stand auf und sprach: "Du wirst das Maß
Der Liebe, die mich an dich zieht begreifen,
Da ich der Körper Mangel ganz vergaß - Und Schatten sucht’ als Festes zu ergreifen."
Zweiundzwanzigster Gesang
- Schon hinter uns geblieben war der Engel,
Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt
Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel. - Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
Sie riefen: "Heil dem Dürstenden!" und schwiegen,
Und ohne weitres war ihr Sinn erklärt. - Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,
Ging aufwärts, den behenden Geistern nach,
Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen. - "An Lieb’, entzündet von der Tugend," sprach
Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen,
Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach. - Darum, seit Juvenal hinabgekommen
Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint,
Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen, - War ich in Liebe dir so wohlgemeint,
Wie wir sie selten Niegesehnen weihen,
So, daß nun kurz mir diese Stiege scheint. - Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen,
Löst mir zu große Sicherheit den Zaum,
Und wolle Kunde mir als Freund verleihen: - Wie fand der Geiz doch – ich begreif es kaum –
Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
Errungen hat, in deinem Busen Raum?" - Hier sah ich Lächeln jenes Mund umschweben,
Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund,
Zeugt’s nur von Liebe, muß mir Freude geben. - Oft werden uns von außen Dinge kund,
Die falsche Zweifel in der Seel’ erregen,
Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund. - Du scheinst – die Frage zeigt’s – den Wahn zu hegen,
Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen. - Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt,
Und dieses Unmaß hab’ ich hier in Schlingen
So viele tausend Monden lang beklagt. - Dort unten müßt’ ich, Steine wälzend, ringen,
Hätt’ ich dein zürnend Warnen nicht gehört:
Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen. - Verfluchter Durst nach Gold, der uns betört! –
Die ernste Mahnung hört’ ich dich verkünden
Und ward aus eitlen Träumen aufgestört. - Daß nur zu offen meine Hände stünden,
Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
Mit Reu’ ob dieser und der andern Sünden. - Wieviel’ erstehn einst mit verschnittnem Haar,
Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne
Durch Reu’ auch diesem Fehler nötig war. - Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne
Sich einer andern g’rad’ entgegensetzt,
Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne. - Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt
Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
Drum hat das Gegenteil mich herversetzt." - "Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen.
Die Jokasten Gram zu Gram gefügt,"
Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen, - "War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt,
Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
Bei dessen Mangel keine Tugend g’nügt. - Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,
Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn
Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?" - Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn
Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen
Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nah’n. - Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen,
Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
Um hinter ihm die Straße zu erhellen, - Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit,
Ich seh’ ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit. - Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,
Durch dich ward ich den Christen beigeseIIt;
Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen. - Vom wahren Glauben schwanger war die Welt
Schon überall; es streuten diesen Samen
Die Boten ew’gen Reichs ins weite Feld. - Mit deinem oft berührten Worte kamen
Die neuen Pred’ger sämtlich überein,
Drum folgt’ ich denen, die ihr Wort vernahmen. - Sie schienen mir so heilig und so rein –
Und als sie Domitian verfolgte, machten
Mich weinen ihre Klag’ und ihre Pein. - Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,
Da mir so redlich ihre Sitt’ erschien;
All andre Sekten mußt’ ich drum verachten. - Eh’ dichtend, ich an Thebens Flüsse zieh’n
Die Griechen ließ, hatt’ ich die Tauf empfangen,
Obwohl ich äußerlich als Heid’ erschien, - Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;
Und ob der Lauheit hab’ ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen. - Sprich jetzo du, der du den Schleier mit
Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
Denn Zeit genug beim Steigen haben wir: - Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,
Cäcilius, Plautus? – sprich, ich bitte sehr,
Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?" - "Sie, ich und mancher sonst," erwidert’ er,
"Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
Den Musenmilch getränkt, wie keinen mehr, - Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;
Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
Wo unsre süßen Nährerinnen walten. - Dort ist Euripides, Anakreon
Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte,
Mit dem Simonides und Agathon. - Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte,
Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte. - Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt,
Rückkehrend von Langia, tot gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt." - Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
Und sah’n umher, das Weitre zu erkunden. - Die fünfte Dienerin des Tages stand
Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel FIammenspitz’ emporgewandt. - "Wir kehren, denk’ ich, unsre rechten Seiten",
Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten." - So ward Gewohnheit unsre Führerin;
Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn, - Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief’ erschlossen. - Doch machte bald der Dichter süßes Wort
Ein Baum mit würzig duft’gen Äpfeln schweigen.’
Inmitten unsers Weges stand er dort; - Und wie die Tann’ aufwärts, von Zweig zu Zweigen
Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß
Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen. - Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,
Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume,
Das auf die Blätter sprühend sich ergoß. - Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
Aus dessen Zweigen eine Stimm’ erscholl:
"Die Speise hier wird teuer eurem Gaume." - "Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll. , - Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;
Nicht Königskost hat Daniel gewollt,
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen. - Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,
Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt. - Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen, - Wie’s offenbart im Evangelium steht."
Dreiundzwanzigster Gesang
- Indes ins Laubwerk meine Blicke drangen,
So scharf und spähend, wie sie einer spannt,
Der seine Zeit verliert mit Vogelfangen, - Rief er, der mehr als Vatersorg’ empfand:
"Sohn, komm. Die Zeit, die uns verlieh’n zum Reisen,
Sei eingeteilt und nützlicher verwandt." - Schnell wandt’ ich Blick und Schritt zu beiden Weisen,
Die also sprachen, daß zum leichten Gang
Die Mühe ward, den Felsen zu umkreisen. - Sieh, da erklangen Klagen und Gesang:
"Herr, meine Lippen," klang’s mit einem Stöhnen,
Das mich zugleich mit Lust und Leid durchdrang. - "Mein süßer Vater, welche Stimmen tönen?"
Ich rief’s, und er drauf: "Schatten sind’s, die nun
Für einst versäumte Pflicht den Herrn versöhnen." - Wie unterweges eil’ge Wandrer tun,
Die Leut’ einholen, welche sie nicht kennen,
Und sich zwar umsehn, doch nicht stehn und ruh’n; - So kam jetzt hinter uns in schnellerm Rennen
Ein frommer Haufe, lief vorbei und schaut’
Uns staunend an, um schweigend fortzurennen. - Die Augen tief und hohl und nachtumgraut,
Erschienen sie, die Hagern, die Erblaßten,
Die Knochen alle sichtbar durch die Haut. - So mager, glaub’ ich, war nach langem Fasten,
So ausgetrocknet nicht Erisichthon,
Als nun sein eignes FIeisch die Zähn’ erfaßten. - Sie gleichen jenen, dacht’ ich, da sie floh’n,
Die einst Jerusalem verloren haben,
Wo selbst die Mutter fraß den eignen Sohn. - Tief war das Aug’ in seinem Rund vergraben,
Das einem Ringe sonder Gemme glich,
Und Nas’ und rings die Knochen scharf erhaben. - Daß eines Apfels Duft so jämmerlich
Zurichten könn’ und Duft von einer Quelle,
Begier erzeugend, wer wohl dächt’ es sich? - Schon staunt’ ich, wie der Hunger sie entstelle,
Indem ich noch die Ursach’ nicht verstund,
Von ihrem magern Leib und traur’gem Felle. - Da sah ich, wie aus seines Hauptes Grund
Ein Geist auf mich die Augen forschend richte,
Der ausrief: Welche Gnade wird mir kund? - Nie hätt’ ich ihn erkannt am Angesichte,
Doch durch die Stimme ward mir offenbart,
Wie Hunger Ansehn und Gestalt vernichte. - Und dieser Funke machte völlig klar
Mir die Erinnrung, daß ich sein gedachte,
Und sah, daß dies
Foreses Antlitz war. - Und er begann nun flehend: "Ach, verachte
Die dürre Haut nicht, noch mein blaß Gesicht,
Ob auch die Schuld um alles FIeisch mich brachte. - Gib wahrhaft mir von deinem Los Bericht,
Und von den zwei’n, die bei dir sind – ich flehe! –
Verweigre mir erwünschte Kunde nicht." - "Dein Angesicht, bei dem mit tiefem Wehe,"
Begann ich, "als ich’s tot sah, ich geklagt,
Betrübt mich mehr, da ich’s so hager sehe. - Drum sprich, bei Gott, was so dein Laub zernagt.
Nicht wolle, daß ich, weil ich staun’, erzähle,
Denn übel spricht, wen selbst die Neugier plagt." – - "Vom ew’gen Rat", so sprach Foreses Seele,
"Sinkt eine Kraft, die Bach und Baum durchdringt,
Durch die ich hier mich abgemagert quäle. - Sie ist’s, die jeden, der hier weinend singt,
Zur Heiligkeit vom wüsten Schwelgerleben
Durch Hunger und durch Durst zurückebringt. - Der Duft, den jene Früchte von sich geben,
Der Quell auch, der sie netzt, entflammt der Brust
Nach Speis und Trank ein nie gestilltes Streben. - Sooft im Kreis wir dorthin zieh’n gemußt,
Wird immer diese Pein in uns erneuert.
Ich sage Pein und sollte sagen:
Lust, - Weil nach dem Baum uns jener Drang befeuert,
Der Christum froh dahin zum Kreuz gebracht,
Wo unsrer Schmach sein teures Blut gesteuert." - Drauf ich: "Forese, seit du jene Nacht
Vertauscht mit diesem bessern Leben, zählte
Man nur fünf Jahr’, die kaum den Lauf vollbracht. - Wenn dir die Kraft zu sünd’gen eher fehlte,
Als du durchdrungen warst von gutem Leid,
Das stets die Seele neu mit Gott vermählte, - Wie stiegst du in so kurzer Frist so weit?
Dort unten dich zu finden mußt’ ich meinen,
Wo man verlorne Zeit ersetzt durch Zeit." - Und er: "Zum süßen Wermutstrank der Peinen
Hat mich befördert meiner NeIIa Fleiß
In frommem FIeh’n und ihr unendlich Weinen. - Denn ihr Gebet, ihr Stöhnen fromm und heiß,
Hat mich der Küste, wo man harrt, entzogen
Und mich befreit aus jedem andern Kreis. - Ihr. die ich so geliebt, ist Gott gewogen,
Weil sie, der nur der Tugend Reiz gefällt,
Sich ganz vom Pfad der andern abgezogen. - Der Sarden rohes Bergesland enthält
Mehr Scham und Sitte noch in feinen Frauen
Als das, wo ich sie ließ in jener Welt. - O süßer Bruder, soll ich dir’s vertrauen?
Ich glaube schon die Zukunft, der das Heut
Nicht alt erscheinen wird, vor mir zu schauen, - Wo man den frechen Frau’n, die ungescheut
Den Busen mit den Brüsten offenbaren,
Dies von der Kanzel in Florenz verbeut. - Wann mußten Frau’n von Türken und Barbaren,
Um mit bedeckter Brust einherzugehn,
Von Staat und Kirche Rügen erst erfahren? - Doch könnten nur die Unverschämten sehn,
Was ihnen schon der Himmel vorbereitet,
Sie wurden heulend, offnen Mundes, stehn. - Sie jammern, wenn kein Wahn mich hier verleitet,
Eh’ auf des Wange, der jetzt eingelullt
Von Eipopeia wird, sich Flaum verbreitet. - Jetzt sprich von dir und zahle mir die Schuld.
Sieh alle, die dorthin die Augen lenken,
Wo du die Sonne deckst, voll Ungeduld." - Und ich versetzt’ ihm: "Willst du des gedenken,
Was du mit mir einst warst, und ich mit dir,
So wird noch jetzt dich die Erinnrung kränken. - Vor kurzem hat von dort er, der vor mir
Als Führer geht, mich mit sich fortgenommen,
Als rund euch schien der Bruder
dieser hier." - – Die Sonne zeigt’ ich – "Mir zum Heil und Frommen
Bin ich durch wahren Todes tiefe Nacht
Mit ihm in diesem wahren Fleisch gekommen. - Er hat im Kreislauf mich emporgebracht
Zu diesem Berg, wo die sich g’rad’ erheben,
Die einst das Erdenleben krumm gemacht. - Er wird mir sein Geleit so lange geben,
Bis ich gelangt zu Beatricen bin;
Ohn’ ihn dann muß ich weiter aufwärts streben. - Es ist Virgil" – hier zeigt’ ich nach ihm hin –
"Sieh auch den andern und erkenne diesen
Als den, ob des der Berg gebebt vorhin, - Da euer Reich ihn von sich weggewiesen."
Vierundzwanzigster Gesang
- Nicht hemmt’ uns Gehn im Reden, Red’ im Gehn;
Der Lauf ging beim Gespräch so rasch vonstatten,
Wie eines Schiffs bei guten Windes Weh’n. - Und die, wie’s schien, zweimal gestorbnen Schatten,
Sie sogen Staunen durch die Augen ein,
Da sie bemerkt mein irdisch Leben hatten. - "Wohl eil’ger", sprach ich weiter, "würd’ er sein,
Zum Platz zu zieh’n, der dort ihm angewiesen,
War’ er nicht aufgehalten von uns zwei’n. - Doch sprich, wo ist Piccarda? Wer von diesen,
Von welchen jeder Blick jetzt auf mir ruht,
Ward durch den Ruf im Leben einst gepriesen?" - "Sie, meine Schwester, einst so schön als gut,
Trägt dort, wo wir das ew’ge Licht erkennen,
Die Krone des Triumphs mit heiterm Mut." - Sprach’s, und darauf: "Hier darf man alle nennen,
Denn, vom heilsamen Fasten abgezehrt,
Würd’ einer sonst den andern nimmer kennen. - Sieh dort" – er sprach’s, den Finger hingekehrt –
"Den Buonagiunta; sieh dort den Erblaßten,
Vom Hunger mehr als jeden sonst, verheert, - Des Arme dort die heil’ge Kirch’ umfaßten.
Er war von Tours und büßt hier manchen Schmaus
Von weinersäuften Aal mit schwerem Fasten." - Noch wählt’ er manchen von der Schar heraus
Und nannt’ ihn mir, was jeden sehr erfreute,
Und keiner sah drum trüb und finster aus. - Ich Sah den Bonifaz, der viel Leute
Mit Pfründenfett geatzt; den Ubaldin,
Der an den Zähnen selbst vor Hunger käute; - Sah den Marchese, den, trotz allem Zieh’n
Aus seinem Krug, der Durst nur ärger brannte,
Und dem der Mund beständig trocken schien. - Doch wie, wer viel sah, eins nur wählt. So wandte
Ich mein Gesicht nun zu dem Buonagiunt,
Der, wie es schien, mich dort am besten kannte. - Er murmelt’ in sich, und von seinem Mund,
An dem sich hier der Schlemmer Sünden rächen,
Ward etwas wie das Wort
Gentucca kund. - Ich sprach: "Der du das Schweigen abzubrechen
So lüstern scheinst, sprich so, daß man’s versteht,
Und dich und mich befriedige dein Sprechen." - Drauf er: "Ein Weib, das noch entschleiert geht,
Gibt dir dereinst an meiner Stadt Behagen,
So sehr man diese Stadt auch immer schmäht. - Du wirst dorthin die Rede mit dir tragen,
Und trog mein Murmeln dich, in kurzer Zeit
Wird dir die Wirklichkeit er klarer sagen. - Doch sprich, erblick’ ich
den in meinem Leid,
Der jene neuen Weisen fand, beginnend:
Ihr Frau’n, die ihr der Liebe kundig seid." - Drauf ich: "Dem Hauch der Liebe lausch’ ich sinnend;
Was sie mir immer vorspricht, nehm’ ich wahr
Und schreib’ es nach, nichts aus mir selbst ersinnend." - "Die Schlinge, Bruder," sprach er, "seh’ ich klar,
Die von dem neuen süßen Stil gehalten
Mich diesseits hat, Guitton’ und den Notar. - Ich seh’, ihr lasset nur die Liebe walten,
Und eure Feder folgt, wie sie gebeut,
Wir aber ließen sie nicht also schalten. - Wer, Beifall suchend, keck sie überbeut,
Gibt Schwulst, statt des, was euch Natur verliehen."
Er schwieg und schien befriedigt und erfreut. - Wie Vögel, die zum Nil im Winter ziehen,
Sich oft versammeln in gedrängtem Hauf
Und schneller dann in Streifen weiterfliehen; - So machten alle dort sich wieder auf,
Die, abgewandt, sich eilig fort begaben,
Durch Magerkeit und Willen leicht zum Lauf. - Und gleich wie einer, atemlos vom Traben,
Die andern läßt, um ganz gemach zu gehn,
Bis ausgeschnauft die heißen Laugen haben, - So war es mit Forese jetzt gescheh’n;
Er, hinter mir, ließ zieh’n die heil’ge Herde
Und sprach: "Wann werd’ ich wohl dich wiedersehn?" - "Nicht weiß ich es. Doch glaub’ ich, daß der Erde",
Versetzt’ ich, "nicht so schnell mein Geist entfleugt,
Als ich nach diesem Strand mich sehnen werde. - Denn seh’ ich dort den Ort, der mich erzeugt,
Tagtäglich mehr vom Guten sich entblößen
Und jämmerlich bereits zum Sturz gebeugt!" - Und er: "Jetzt geh, den Stifter alles Bösen
Seh’ ich am Schweif des Pferds geschleppt zum Ort,
Von welchem Reu’ und Tränen nie erlösen. - Stets schneller geht der Lauf des Tieres fort,
Und endlich läßt’s den Leib des Jammervollen
Zerstampft, entstellt, ein widrig Scheusal, dort. - Nicht lange werden diese Kreise rollen"
–Zum Himmel blickt er auf – "und klar wird dir,
Was dämmernd nur mein Wort dir zeigen sollen. - Du bleibe jetzt; die Zeit ist teuer hier,
Und daß ich gleichen Schritts mit dir gegangen,
Dies kostet mich bereits zuviel von ihr." - Wie einer, wenn die Reiter vorwärts drangen,
Hervorsprengt aus der Reih’, in der er ritt,
Den Ruhm des ersten Angriffs zu erlangen, - So trennt’ er sich von uns mit größerm Schritt,
Indes ich hinter ihm mit meinem Horte
Und mit dem andern Meister weiterschritt. - Schon war er vor uns an so fernem Orte,
Daß ihm mein Blick dahin durch weiten Raum,
Wie die Erinnrung folgte seinem Worte; - Als wir voll Obstes einen andern Baum
Mit üppigem Gezweig nicht fern entdeckten,
Da wir uns bogen um des Kreises Saum. - Und Leute, die hinauf die Hände streckten,
Schrien auf zum Laub, das in die Lüfte steigt,
Den Kindlein gleich, den gierigen, geneckten, - Die bitten, während der Gebetne schweigt,
Und, um zu schärfen die Begier, ihr Sehnen
Hoch hinhält und es frei und offen zeigt. - Dann gingen sie, geheilt vom eitlen Wähnen;
Wir aber schritten zu dem Baum heran,
Der alle Bitten abweist, alle Tränen. - "Vorüber schreitet, denn ihr dürft nicht nah’n!
Der Baum, der Even reizt’, ist weiter oben.
Von ihm hat dieser seinen Keim empfah’n." - So sprach, ich weiß nicht wer, vom Baume droben,
Weshalb Virgil mit Statius, engverschränkt,
Und mir hinging, wo sich die Felsen hoben. - "An die verfluchten Wolkensöhne denkt,"
Sprach’s, "die dem Theseus mit den Doppelbrüsten
Im Kampf getrotzt, von zuviel Wein getränkt. - An die Hebräer denkt und ihr Gelüsten,
Und denkt, weshalb verschmäht hat Gideon,
Mit ihnen gegen Midian sich zu rüsten." - So gingen wir, dem Felsen nah, davon,
Und hörten aus des Laubs geheimer Regung
Des Gaumens Schuld und ihren schlechten Lohn. - Dann aber ging’s mit freierer Bewegung
Auf breitem Pfad an laufend Schritte fort,
Und jeder schwieg in sinniger Erwägung. - "Was geht ihr drei so ernst erwägend dort?"
Rief’s plötzlich nun, ich aber fuhr zusammen,
Gleich einem scheuen Roß, bei diesem Wort. - Mein Haupt kehrt’ ich dorthin, woher zu stammen
Die Rede schien, und sah in rotem Schein
Glas und Metall nie so im Ofen flammen, - Wie einen hier, der sprach: "Hier geht ihr ein,
Wollt ihr empor zur freien Höhe kommen,
Und im Genuß des ew’gen Friedens sein." - Mir hatte das Gesicht sein Glanz benommen,
Drum wandt’ ich mich zu meinen Führern hin,
Wie wer dem folgt, was er durchs Ohr vernommen. - Und wie des Morgenrots Verkünderin,
Die, Düfte raubend, in den Blüten wühlte,
Die Mailuft, weht, die süße Schmeichlerin, - So fühlt’ ich an der Stirn ein Weh’n, so fühlte
Ich ein Gefieder, sanft bewegt, das mir
Das Antlitz mit Ambrosiadüften kühlte. - Und dann erklang dies Wort: "O selig ihr,
Die ihr die Gnad’ empfingt, daß unverdüstert
Des Geistes Licht euch bleibt von der Begier, - Indem euch nur, wie’s ziemt, nach Speise lüstert."
Fünfundzwanzigster Gesang
- Die Stund’ erheischte rasches Steigen schon,
Nachdem die Sonne hier den Mittagsbogen
Dem Stier geräumt, dort Nacht dem Skorpion. - Drum, wie ein Mann, der, von nichts angezogen,
Was sich auch zeige, seines Weges zieht
Vom Drang der Not zu größter Eil’ bewogen, - So drangen wir ins höhere Gebiet
Durch eine Stiege, die uns so beschränkte,
Daß uns die Enge voneinander schied. - Und wie ein Störchlein, das die Flügel schwenkte,
Aus Luft zum Flug, dann aber, sonder Mut,
Vom Neste fortzuzieh’n, sie wieder senkte, - So ich, bald lodernd, bald verlöscht die Glut
Der Fragelust, das Antlitz aIso zeigend,
Wie der, der sich zum Sprechen anschickt, tut. - Da sprach mein Herr, obwohl voll Eifer steigend:
"Laß nicht der Rede Pfeil unabgeschnellt,
Die Sehne nur bis hin zum Drücker beugend." - Worauf ich, sicher durch dies Wort gestellt,
Den Mund erschloß: "Wie wird man hier so mager,
Hier, wo kein Leib ist, welchen Speis erhält?" - Drauf er: "Gedächtest du an Meleager,
Der eben, wie verzehrt ein Holzbrand ward,
Sich abgezehrt, du wärst kein solcher Frager. - Und dächtest du, wie gleich an Mien’ und Art
Sich euer Antlitz regt in Spiegelbildern,
Dann schiene lind und weich dir, was jetzt hart. - Allein um alles dir nach Wunsch zu schildern,
Sieh hier den Statius, welcher dir verspricht,
Weil ich ihn bitte, deinen Durst zu mildern." - "Entwickl’ ich ihm das göttliche Gericht,"
Sprach Statius drauf, "hier, wo du gegenwärtig,
So sei’s verzieh’n – du willst, drum weigr’ ich nicht." - Und dann: "Jetzt sei dein Geist bereit und fertig
Für meine Rede, Sohn – dann sei des Wie?
Das du erfragst, in vollem Licht gewärtig. - Das reinste Blut, das von den Adern nie
Getrunken wird, vergleichbar einer Speise,
Die über den Bedarf Natur verlieh, - Empfängt im Herzen wunderbarerweise ,
Die Bildungskraft für menschliche Gestalt,
Geht dann mit dieser durch der Adern Kreise, - Noch mehr verkocht, zu einem Aufenthalt,
Den man nicht nennt, von wo’s zu anderm Blute
In ein natürlich Becken überwallt. - Daß beides zum Gebild zusammenflute,
Ist leidend dies, und tätig das, vom Ort,
In dem die hohe Bildungskraft beruhte. - Drin angelangt, beginnt’s sein Wirken dort;
Geronnen erst, erzeugt es junges Leben
Und schreitet in des Stoffs Verdichtung fort. - Die Seel entsteht aus tät’ger Kräfte Streben,
Wie die der Pflanze, die schon stillesteht,
Wenn jene kaum beginnt, sich zu erheben. - Bewegung zeigt sich dann, Gefühl entsteht,
Wie in dem Schwamm des Meers, und zu entfalten
Beginnt die tät’ge Kraft, was sie gesät. - Nun beugt, nun dehnt die Frucht sich aus, beim Walten
Der Kraft des Zeugenden, die, nie verwirrt
Von fremdem Trieb, nur ist, um zu gestalten. - Doch, Sohn, wie nun das Tier zum Menschen wird,
Noch siehst du’s nicht, und dies ist eine Lehre,
Worin ein Weiserer als du geirrt. - Er war der Meinung, von der Seele wäre
Gesondert die Vernunft, weil kein Organ
Die Äußerung der letztern uns erkläre. - Jetzt sei dein Herz der Wahrheit aufgetan,
Damit dein Geist, was folgen wird, bemerke!
Wenn Bildung das Gehirn der Frucht empfah’n, - Kehrt, froh ob der Natur kunstvollem Werke,
Zu ihr der Schöpfer sich und haucht den Geist,
Den neuen Geist ihr ein, von solcher Stärke, - Daß er, was tätig dort ist, an sich reißt,
Und mit ihm sich vereint zu
einer Seele,
Die lebt und fühlt und in sich wogt und kreist. - Und, daß dir’s nicht an hellerm Lichte fehle,
So denke nur, wie sich zum edlen Wein
Die Sonnenglut dem Rebensaft vermalte. - Gebricht es dann der Lachesis an Lein,
Dann trägt sie mit sich aus des Leibes Hülle
Des Menschlichen und Göttlichen Verein; - Die andern Kräfte sämtlich stumm und stille,
Doch schärfer als vorher in Macht und Tat,
Erinnerung, Verstandeskraft und Wille. - Und ohne Säumen fällt sie am Gestad,
An dem, an jenem, wunderbarlich nieder,
Und hier erkennt sie erst den weitern Pfad. - Kaum ist sie nun auf sicherm Orte wieder,
Da strahlt die Bildungskraft rings um sie her,
So hell wie einst beim Leben ihrer Glieder. - Und wie die Luft, vom Regen feucht und Schwer.
Sich glänzend schmückt mit buntem Farbenbogen
Im Widerglanz vom Sonnenfeuermeer; - So jetzt die Lüfte, so die Seel’ umwogen,
Worein die Bildungskraft ein Bildnis prägt,
Sobald die Seel’ an jenen Strand gezogen. - Und gleich der Flamme, die sich nachbewegt,
Wo irgendhin des Feuers Pfade gehen,
So folgt die Form, wohin der Geist sie trägt. - Sieh daher die Erscheinung dann entstehen,
Die Schatten heißt; so bildet sich in ihr
Jedwed Gefühl, das Hören und das Sehen. - Und daher sprechen, daher lachen wir,
Und daher weinen wir die bittern Zähren
Und seufzen laut auf unserm Berge hier. - Der Schatten bildet sich, je wie Begehren
Und Leidenschaft uns reizt und Lust und Gram.
Dies mag dir, was du angestaunt, erklären." - Und schon als ich zur letzten Marter kam,
Indem wir, rechts gewandt, die Schlucht verließen,
Ward ich auf das, was dort war, aufmerksam. - Den Felsen sah ich Flammen vorwärts schießen,
Der Vorsprung aber haucht’ empor zur Wand
Windstöße, die zurück die Flammen stießen. - Wir mußten einzeln gehn am freien Rand,
Und ängstlich hört’ ich
hier die Flamme schwirren,
Indes sich dort ein tiefer Abgrund fand. - Mein Führer sprach: "Hier laß dich nichts verwirren
Und halte straff der schnellen Augen Zaum,
Denn leicht ist’s hier, mit einem Tritt zu irren." - Gott höchster Gnade! hört’ ich’s aus dem Raum,
Den jene große Glut erfüllte, singen
Und hielt den Blick an meinem Wege kaum. - Ich sah dort Geister, die durchs Feuer gingen,
Und sah auf meinen bald, bald ihren Gang
Und ließ den Blick von hier nach dorten springen. - Ich weiß von keinem Mann – dies Wort erklang
Mit lautem Ruf, als jenes Lied verklungen,
Und neu begannen sie’s mit leisem Sang, - Und riefen wieder, als sie’s ausgesungen:
"Diana blieb im Hain und jagt’ ergrimmt
Kalisto fort, die Venus’ Gift durchdrungen." - Dann ward die Hymne wieder angestimmt,
Dann riefen sie von keuschen Frau’n und Gatten,
Die lebten, wie’s zu Eh’ und Tugend stimmt. - Und dies nur tun sie, ohne zu ermatten,
Wie’s scheint, solang die Flamme sie umfließt,
Bis solche Pfleg’ und Arzenei den Schatten - Zuletzt die Wund’ auf ewig wieder schließt.
Sechsundzwanzigster Gesang
- Indem wir, einer so dem andern nach,
Am Rand hingingen, sprach mein treu Geleite:
"Gib acht und nütze, was ich warnend sprach." - Die Sonne schlug auf meine rechte Seite
Und übergoß, ein blendend Strahlenmeer,
Mit lichtem Weiß des Westens blaue Weite. - In meinem Schatten schien die Glut noch mehr
Hochrot zu glüh’n, drum sah’n bei solchem Zeichen
Der Schatten viel im Gehen nach mir her. - Und dieses schien zum Anlaß zu gereichen,
Daß über mich sich ein Gespräch erhob:
"
Der scheinet einem Scheinleib nicht zu gleichen." - Soviel sie konnten, richteten sie drob
Sich zu mir hin, doch immer wohl beachtend,
Daß nie ihr Fuß der Flamme sich enthob. - "Du, der du wohl, sie ehrerbietig achtend,
Und nicht aus Trägheit nachgehst diesen zwei’n,
Oh, sieh mich hier in Durst und Feuer schmachtend - Und sprich, uns allen Labung zu verleih’n;
Denn wie wir jetzt nach deinem Wort verlangen,
Kann durst’ger nach dem Quell kein Libyer sein. - Wie machst du’s doch, die Strahlen aufzufangen,
Gleich einer Wand, als wärest du dem Tod
Bis jetzt noch nicht, wie wir, ins Netz gegangen." - So rief der ein’ in seiner Flammennot,
Und eben wollt’ ich alles ihm verkünden,
Als meinem Blick sich etwas Neues bot. - Denn auf dem Weg, den Flammen rings entzünden,
Entgegen jenen, kam ein zweiter Hauf,
Drum späht ich hin, das Weitre zu ergründen. - Und die und jene machten schnell sich auf
Und küßten sich mit kurzer Lust und waren
Zufrieden schon und floh’n im vollen Lauf. - So sieht man im Gewühl der braunen Scharen
Sich Äms und Ämse mit den Rüsseln nah’n,
Vielleicht: Wie’s geht? Wes Weges? zu erfahren, - Sobald der Gruß der Freundschaft abgetan,
Hob, eh’ sie weiterzog, nach kurzer Weile
Die Schar wetteifernd laut zu schreien an. - "Sodom! Gomorra!" klang’s von diesem Teile;
Von dort: "Pasiphae kroch in die Kuh,
Und also lockt’ an sich den Stier die Geile." - Wie Kranichscharen teils nach kurzer Ruh’
Gen Libyen fliegen, scheu vor Frost und Eise,
Teils scheu vor Hitze den Riphäen zu, - So zieh’n
die hier-,
die dortenhin im Kreise
Und singen dann ihr Lied mit Reu’ und Gram
Und schrei’n von ihrer Schuld nach alter Weise. - Doch jener, der vorhin mir näher kam
Und bat, blieb wieder mit den andern stehen,
Dem Ansehn nach herhorchend, aufmerksam. - Ich, der ich zweimal ihren Wunsch ersehen,
Begann: "O ihr, die Hoffnung aufrechthält,
Sei’s, wann es sei, zum Frieden einzugehen, - Nicht reif noch unreif ließ ich auf der Welt
Den Leib zurück und hob’ auf diesen Wegen
Mit FIeisch und Bein und Blut mich eingestellt. - Ich stieg empor, die Blindheit abzulegen,
Und geh’ – ein Himmelsweib erfleht’ es mir –
Mit dem, was sterblich ist, dem Licht entgegen. - Doch wie sich euch erfüllen mag, was ihr
So heiß ersehnt: zum Himmel euch zu Schwingen,
Dem lieberfüllten räumigen Revier; - So sprecht, ich will’s zu aller Kunde bringen:
Wer seid dort ihr, um die die Flamme schwirrt,
Und wer sind die, die euch entgegengingen?" - So stutzt, erstaunt, verblüfft, der Bergeshirt,
Dem beim Umherschau’n selbst die Worte fehlen,
Wenn, roh und wild, er sich zur Stadt verirrt, - Wie sie – ihr Ansehn könnt’ es nicht verhehlen –
Allein sobald ihr trübes Staunen schwand,
Das bald sich abklärt in erhabnen Seelen, - "Heil dir, des Fuß den Weg in unser Land,"
Sprach er, den ich aus früh’rer Frage kannte,
"Des Geist zur Besserung Erfahrung fand! - Vernimm, daß jene Schar im Trieb entbrannte,
Ob des man Cäsarn, so, daß er’s gehört,
Einst beim Triumphe Königin benannte, - Drum schrien sie: Sodom! – was sie einst betört,
Voll Reue tadelnd, wie du jetzt vernommen;
So wird der Brand durch Scham noch aufgestört. - Im Zwittertriebe waren
wir entglommen,
Doch weil wir menschliches Gesetz verlacht,
Von tierischen Gelüsten eingenommen. - Drum rufen wir, auf eigne Schmach bedacht,
Des Weibes Namen aus, wenn wir uns trennen,
Das sich im Viehgebild zum Vieh gemacht. - Nun hortest du mich unsre Schuld bekennen,
Doch unsre Namen kundzutun verbeut
Die Zeit; auch wüßt’ ich alle nicht zu nennen. - Wer ich bin, höre, wenn es dich erfreut.
Guid Guinicell, zur Läutrung zugelassen,
Weil ich vor meinem Tod die Schuld bereut." – - Wie hergestürzt, die Mutter zu umfassen,
Die Söhne, da sein Schwert Lykurgus schwang,
So wollt’ ich tun, doch mußt’ ich mehr mich fassen, - Als meines Vaters Name mir erklang,
Des Vaters manches, der vom süßen Minnen
Besser als ich in holden Weisen sang. - Ich ging und sah ihn an in tiefem Sinnen
Und sagte nichts und hörte keinen Laut,
Auch ließ die Glut nicht weiter mich nach innen. - Doch als ich satt mich dann an ihm geschaut,
Erbot ich mich, in allem ihm zu dienen,
In solcher Art, der gern der andre traut. - Und er: "Wie du so freundlich mir erschienen.
Tilgt deine Spur in mir nicht Leibes Flut,
Und ewig wirst du meinen Dank verdienen. - Doch meinst du’s wirklich denn mit mir so gut,
So sprich, warum? Sprich, weshalb eben wieder
So liebevoll auf mir dein Auge ruht?" - Und ich darauf: "Ob deiner süßen Lieder,
Die teuer sind den Herzen fort und fort,
Sinkt nicht der neuern Sprache ganz danieder." - "Ach, Bruder," sprach er, und bei diesem Wort
Zeigt’ er mit seinem Finger hin auf einen,
"Der Sprache bessrer Schmied war jener dort, - Der in Romanz’ und Liebesliedern keinen
Unüberwunden ließ; und Toren sind,
Die ihn von Giraut übertroffen meinen. - Nicht nach der Wahrheit – nach des Rufes Wind
Gerichtet werden Meinung und Gesichter;
So läßt Vernunft und Kunst sie taub und blind. - So machten’s mit Guitton viel alte Richter,
Des Lob so viele schrien, weil andre schrien,
Bis Wahrheit ihn besiegt und andre Dichter. - Jetzt, wenn so weites Vorrecht dir verlieh’n,
Daß dir’s erlaubt ist, zu dem Kloster droben,
Wo Christus selber Abt ist, hinzuzieh’n, - So bet’ ein Paternoster doch dort oben
Bei ihm für mich, soweit’s in dieser Welt
Noch not für uns, die wir der Sünd’ enthoben." - Drauf schwand er, jenem, der sich nah gestellt,
Vielleicht Platz machend, in der Flammen Röte,
Wie in der Flut ein Fisch, der niederschnellt. - Und dem Gewiesnen naht’ ich mich und flehte
Ihn inniglich um seinen Namen an,
Dem schon Willkommen! meine Sehnsucht böte. - Worauf er gleich mit frohem Mut begann:
"Die edle Frage weißt du zu verschönen,
Daß ich mich bergen weder will noch kann. - Ich bin Arnald und geh’ in Schmerz und Stöhnen,
Den Wahn erkennend der Vergangenheit,
Und singe, hoffend, dann in Jubeltönen. - Jetzt bitt’ ich dich, hast du die Herrlichkeit
Auf dieses Berges Gipfel aufgefunden,
Dann denke meines Leids zur rechten Zeit." - Hier war er in der Läutrungsglut verschwunden.
Siebenundzwanzigster Gesang
- Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage
Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfließt unter hoher Wage. - Und Mittagshitz’ erwärmt des Ganges Flut,
So stand die Sonn’ itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glänzt’ in heitrer Glut. - Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
"Beglückt, die reines Herzens sind!" – und mehr
Als menschlich war sein Ton, der mächt’ge, frohe. - Drauf: "Weiter nicht, ihr Heil’gen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!" - Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört’ ich mich zum schwersten Tod verdammen. - Ich sank auf die gefaltnen Hände vor,
Ins Feuer schauend – wen ich brennen sehen,
Des Bild stieg jetzt vor meinem Geist empor. - Die Führer nahten sich, mir beizustehen,
Und tröstend sprach zu mir Virgil: "Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen. - Gedenk’, gedenke – konnt’ ich früher schon
Dich sicher auf Geryons Rücken führen
Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron? - War’ auch die Glut noch loher anzuschüren,
Und stündest du auch tausend Jahre drin,
Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren. - Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Händen hin. - Leg’ ab, mein Sohn, leg’ ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!"
Doch säumt’ ich, wider besseres Vertrauen. - Er, sehend, daß ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: "Wie, Sohn, noch verdrossen?
Von Beatricen trennt dich diese Wand!" - Wie sterbend Ppyramus den Blick erschlossen,
Da’s:
Thisbe! klang, gekehrt zum teuren Bild,
Als blut’ges Rot die Maulbeer’ übergossen; - So kehrt’ ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Führer mich, sobald der Nam’ erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt. - Drob schüttelt er das Haupt und sagte: "Sollen
Wir diesseits bleiben?" lächelnd, denn ich tat
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen. - Drauf trat er vor mir in die Flamm’ und bat
Den Statius, uns folgend, nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad. - Ich folgt’ und hätt’, um Kühlung zu bekommen,
Mich in geschmolznes Glas gestürzt. So war
Im höchsten Übermaß die Flamm’ entglommen. - Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,
Sprechend von ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: "Ich seh’ im Geist ihr Augenpaar!" - Wir hörten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm’ entgingen. - "Gesegnete des Vaters, kommt!" so sprach
Die Stimm’ aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschau’n mir das Auge brach. - "Die Sonne geht, der Abend kommt" – so klangen
Die Töne fort – "nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen." - G’rad’ durch den Felsen ging der Weg hinauf,
Und, ostwärts steigend, hielt vor meinen Tritten
Ich die schon matten Sonnenstrahlen auf. - Und als wir wenig Stufen aufgeschritten,
Bemerkten wir am Schatten, der verging,
Sol, uns im Rücken, sei ins Meer geglitten. - Eh gleiches Grau den Horizont umfing
In allen seinen unermeßnen Teilen,
Eh Nacht um alles ihren Schleier hing, - Da mußt’ auf einer Stufe jeder weilen,
Die uns zum Bett ward, denn die Zeit benahm
Die Macht mehr, als die Lust, empor zu eilen. - Gleichwie die Ziegenherde, satt und zahm,
Im Schatten wiederkäut in stillem Brüten,
Die, hungrig, jähen Sprungs zur Höhe kam, - Wenn nun im Mittagsbrand die Luft’ entglühten,
Indes der Hirt den Stab zur Stütze macht,
Und dorten steht, gestützt, um sie zu hüten; - Und wie ein Hirt im freien Feld bei Nacht,
Damit kein wildes Tier der Herde schade,
Und sie zerstreu’, entlang der Hürde wacht; - So jetzt wir drei auf engem Bergespfade,
Der Zieg’ ich gleich, den Hirten jenes Paar,
Umschlossen hier und dort vom Felsgestade. - Ob wenig gleich zu sehn nach außen war,
Doch sah ich durch dies wenige die Sterne
Weit mehr, als sonst gewöhnlich, groß und klar. - Indes ich staunt’ in unermeßne Ferne,
Befiel mich Schlaf, der öfters uns befällt,
Damit der Geist die Zukunft kennen lerne. - Zur Stunde, glaub’ ich, da vom Sternenzelt
Cytherens erster Strahl die Höhe schmückte.
Wie immerdar, von Liebesglut erhellt, - Sah ich im Traum, der mich mir selbst entrückte,
Ein schönes junges Weib, das hold bewegt,
Durch Wiesen ging und singend Blumen pflückte. - "Lea bin ich, dies wisse, wer mich fragt,
Ich liebe, Kränze windend, hier zu wallen,
Und emsig wird die schöne Hand geregt. - Ich will, geschmückt, im Spiegel mir gefallen.
Die Schwester Rahel liebt es, stets zu ruh’n,
Und läßt dem Spiegel keinen Blick entfallen. - Und freut sie sich der schönen Augen nun,
So bin ich froh, mich mit den Händen schmückend,
Denn schau’n befriedigt sie, und mich das Tun." - Des Tages Vorlicht, um so mehr entzückend,
Je mehr des Pilgrims Nachtquartier dem Ort
Der Heimat nah ist, scheuchte, höher ruckend, - Die Finsternis von allen Seiten fort,
Mit ihr den Traum; drum eilt’ ich, aufzusteigen,
Und sah schon aufrecht beide Meister dort. - "Die süße Frucht, die auf so vielen Zweigen
Voll Eifer sucht der Sterblichen Begier,
Bringt alle deine Wünsche heut zum Schweigen!" - Mit dieser Rede sprach Virgil zu mir,
Und nie empfand bei Erdenherrlichkeiten
Ein Mensch noch solche Lust, als ich bei ihr. - Hinauf! Mich trieb’s und trieb’s, hinauf zu schreiten!
So fühlt’ ich nun mit jedem Schritt zum Flug
Die Schwingen wachten und sich freier breiten. - Und wie er mich empor die Stufen trug,
Stand bald ich auf der höchsten dort mit beiden,
Wo fest auf mich Virgil die Augen schlug. - "Des zeitlichen und ew’gen Feuers Leiden
Sahst du, und bist, wo weiterhin nichts mehr
Ich durch mich selbst vermag zu unterscheiden. - Durch Geist und Kunst geleitet’ ich dich her;
Zum Führer nimm fortan dein Gutbedünken;
Dein Pfad ist fürderhin nicht steil und schwer. - Sieh dort die Sonn’ auf deine Stirne blinken,
Sieh, durch des Bodens Kraft und ohne Saat
Entkeimt, dir Gras, Gesträuch und Blumen winken. - Bis sich dir froh ihr schönes Auge naht
Das mich zu dir einst rief mit bittern Zähren,
Ruh’ oder wandle hier auf heiterm Pfad. - Nicht harre fürder meiner Wink’ und Lehren,
Frei, g’rad’, gesund ist, was du wollen wirst,
Und Fehler wär’ es, deiner Willkür wehren, - Drum sei fortan dein Bischof und dein Fürst.
Achtundzwanzigster Gesang
- Begierig schon, zu spähn umher und innen
Im göttlichen, lebend’gen, dichten Wald,
Der sanft den Morgen milderte den Sinnen, - Verließ ich das Gestad nun alsobald,
Um langsam, langsam in das Feld zu treten,
Auf einem Grund, dem ringsum Duft entwallt. - Von einem Lüftchen, einem sanften, steten,
Ward leiser Zug an meiner Stirn erregt,
Nicht mehr, als ob mich Frühlingswind’ umwehten. - Er zwang das Laub, zum Zittern leicht bewegt,
Sich ganz nach jener Seite hin zu neigen,
Wohin der Berg den ersten Schatten schlägt. - Doch nicht so heftig wühlt’ er in den Zweigen,
Daß es die Vöglein hindert’, im Gesang
Aus grünen Höh’n all ihre Kunst zu zeigen. - Nein, wie der Lüfte Hauch ins Dickicht drang,
Frohlockten sie ihr Morgenlied entgegen,
Wozu, begleitend. Laubgeflüster klang, - So klingt’s, wenn Zweig’ um Zweige sich bewegen
Im Fichtenwald an Chiassis Meergestad,
Sobald sich des Schirokko Schwingen regen. - Schon war ich mit langsamem Schritt genaht,
Und bald so dicht vom alten Hain umschlossen,
Daß nicht zu sehn war, wo ich ihn betrat. - Da sieh die Bahn durch einen Bach verschIossen,
Der links hin, mit der kleinen Wellen Schlag
Die Gräser bog, die seinem Bord entsprossen. - Das reinste Wasser hier am klarsten Tag,
Trüb scheint es und vermischt mit fremden Dingen,
Vergleicht man’s dem, wo nichts sich bergen mag, - Obwohl, da Schatten ewig es umringen,
Es dunkel, dunkel strömt und nie hinein
Der Sonne noch des Mondes Strahlen dringen. - Es stand mein Fuß; doch jenseits in den Hain
Ließ übern Fluß ich meine Blicke schreiten,
Und sah dort mannigfache grüne Mai’n. - Und mir erschien – so stellt dem Blick zuzeiten
Sich unversehn Erstaunenswertes dar,
Den Geist von allem andern abzuleiten – - Ein einsam wandelnd Weib, das wunderbar
Im Gehen sang, aufsammelnd Blüt’ um Blüte,
Womit vor ihr bemalt der Boden war. - "O Schöne, die du, zeigt sich das Gemüte,
Wie’s pflegt, im Äußern, mich zu glauben zwingst,
Daß an der Liebe Strahl dein Herz entglühte, - O käme Lust dir, daß du näher gingst,"
Ich sprach’s zu ihr, den Fuß zum Bache lenkend,
"Daß ich verstehen könne, was du singst. - Dich seh’ ich jetzt, Proserpinens gedenkend,
Des Orts auch, wo die Mutter sie verlor,
Und sie den Lenz, sich in die Nacht versenkend." - Und wie die Tänzerin, die kaum empor
Die Sohlen hebt, mit engen Schritten gleitend,
Ein zartes Füßlein kaum dem andern vor; - So sah ich sie, durch bunte Blumen schreitend,
Jungfräulich bodenwärts den Blick gewandt,
Und Ehrbarkeit und Würde sie begleitend, - 5o daß ich bald den Wunsch befriedigt fand,
Indem ich, wie sie näher hergezogen,
Den Sinn des süßen Liedes wohl verstand. - Sobald sie dort war, wo des Flusses Wogen
Den grünen Rasen am Gestad besprüh’n,
Erhob sie hold der Wimpern schöne Bogen. - Nicht mocht’, als Amor, übermäßig kühn,
Die Mutter wund mit seinem Pfeile machte,
In solcher Lust Cytherens Auge glüh’n. - Am rechten Ufer stand sie dort und lachte,
Und pflückte Blumen von der Wiese Saum,
Die ohne Saat hervor die Höhe brachte. - Das Bächlein trennt’ uns um drei Schritte kaum,
Doch Hellespont, den Xexes überschritten,
Noch jetzt dem höchsten Menschenstolz ein Zaum, - Hat schärfer nicht Leanders Haß erlitten,
Indem er Sestos und Abydos schied,
Als meinen er, ein Hemmnis meinen Schritten. - "Ihr seid hier neu und weil in dem Gebiet,"
Begann sie nun, "das an der Menschheit Morgen
Zu ihrer Wiege Gott, der Herr, beschied, - Ich lächle, staunt ihr noch und seid in Sorgen.
Doch zeigt der PsaIm:
Herr, du erfreutest mich –
Euch klar das Licht, das Nebel noch verborgen. - Du, der du vorn stehst und mich batest, sprich;
Noch scheinst du einem Zweifel nachzuhängen,
Drum frage nur, und ich befried’ge dich." - "Das Wasser," sprach ich, "samt des Waldes Klängen,
Sie müssen das, worauf ich kaum getraut,
Da sie ihm widersprechen, hart bedrängen." - Drum sie: "Vom Grunde des, was du geschaut,
Und was gehört, sei Kunde dir beschieden;
Sie scheucht den Nebel, welcher dich umgraut. - Das höchste Gut, allein in sich zufrieden,
Den Menschen schuf’s zum Guten gut, und wies
Dies Land ihm an, als Pfand für ew’gen Frieden, - Aus welchem bald ihn seine Schuld verstieß,
Die Schuld, die süße Spiele mit Beschwerden,
Mit Zähren ehrbar Lachen wechseln ließ. - Damit, entqualmt dem Wasser und der Erden
Die Dünste, die der Hitze nach, so weit
Es möglich ist, emporgezogen werden, - Ihn nicht befehdeten mit ihrem Streit,
Stieg himmelwärts der Berg in solcher Weise,
Und ist vom Tor an ganz von Dunst befreit. - Nun, weil noch immerfort im ersten GIeise
Der Lüfte ganzer Zirkellauf sich dreht,
Wenn nichts ihn unterbricht in seinem Kreise, - Trifft diesen Gipfel, der frei ragend steht,
Die Lebensluft, die, jedes Blatt bewegend,
Den dichten Wald mit diesem Klang durchweht. - Die Pflanze, sich in ihrem Hauche regend,
Beschwängert dann die Luft mit ihrer Kraft,
Und diese streut sie aus in jede Gegend. - Die Länder, wie ihr Boden wirkt und schafft,
Ihr Himmelsstrich und ihre Lage, treiben
Dann Bäume von verschiedner Eigenschaft. - Nun wird dies fürder nicht ein Wunder bleiben,
Wie manche Pflanzen, wo man nicht bestellt,
Ja, ohne sichtbar’n Samen doch bekleiben. - Und wissen sollst du, daß im heil’gen Feld,
In dem du bist, die Samen alle sprießen,
Und Früchte, nie gepflückt in eurer Welt. - Den Fluß auch siehst du nicht aus Adern fließen,
Genährt vom Dunst, den Kälte niederpreßt,
Die bald vertrocknen, bald sich wild ergießen. - Ihm ward ein Quell, aus welchem, stät und fest,
Die Wässer, die dem Doppelarm entfluten,
Die Wille Gottes neu ersetzen läßt. - Der Arm hier hat die Kraft, daß in den Fluten
Jedweder Schuld Erinnerung versinkt;
Der andre dort erneuert die des Guten, - Der hier heißt Lethe; aber dorten winkt
Dir Eunoe – allein nur jenen letzen
Wird seine Kraft, der aus dem erstem trinkt. - Kein Wohlgeschmack ist seinem gleich zu schätzen;
Und wäre schon genügend, was ich sprach,
Vermöcht’ ich auch nichts weiter zuzusetzen, - Doch bring’ ich gern noch einen Zusatz nach,
Und deinen Dank vermein’ ich zu verdienen,
Wenn ich dir mehr erfüll’, als ich versprach. - Den alten Dichtern, glaub’ ich, wenn von ihnen
Gepriesen ward das Glück der goldnen Zeit,
War dieser Ort im Traumgesicht erschienen. - Hier sproß die Menschheit ohne Schuld und Leid,
Hier jede Frucht in ew’gem Frühlingsleben,
Hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit." - Und als sie noch mir solches kundgegeben,
Kehrt’ ich mich um, und sah ein Lächeln hier,
Bei diesem Schluß, der Dichter Mund umschweben, - Dann aber wandt’ ich wieder mich zu ihr.
Neunundzwanzigster Gesang
- In Sang, nach liebentglühter Frauen Art,
ließ sie zuletzt der Rede Schluß verhallen:
"Heil, wem bedeckt jedwede Sünde ward." - Und gleichwie Nymphen, in der Waldnacht Hallen,
Hier vor der Sonne Strahlen fliehend, dort
Aufsuchend ihren Schimmer, einsam wallen; - Ging sie dem Strom entgegen hin am Bord,
Ich, folgend kleinem Schritt mit kleinem Schritte,
Ging sie begleitend gegenüber fort. - Kaum hundert waren mein’ und ihrer Tritte,
Da bog mit beiden Ufern sich der Bach,
Und ostwärts ging ich durch des Waldes Mitte. - Nicht lange zog ich dieser Richtung nach,
Da sah ich sich zu mir die Schöne wenden:
"Mein Bruder, halt’ itzt Ohr und Auge wach!" - Sie sprach’s, und gleich durchlief von allen Enden
Ein schnell entstandner Glanz den großen Hain;
Ich glaubt’, es möge mich ein Blitzstrahl blenden, - Doch weil, wie kommt, so geht des Blitzes Schein
Und dieser Glanz sich dauernd nur vermehrte,
So dacht’ ich still bei mir: Was mag das sein? - Und durch die Luft, die helle, lichtverklärte,
Zog süßer Laut, und eifrig schalt ich jetzt.
Daß Evas Frevelmut zu viel begehrte. - Wo Erd’ und Himmel nicht sich widersetzt,
Da fühlt’ ein Weib sich, kaum der Ripp’ entsprossen,
Vom Schleier, der ihr Aug’ umzog, verletzt. - O hätte sie sich fromm in ihm verschIossen,
Hätt’ ich die überschwänglich große Lust,
Wohl früher schon und länger dann genossen. - Nachdem ich zweifelnd, meiner kaum bewußt,
In diesen Erstlingswonnen fortgegangen,
Mit Drang nach größern Freuden in der Brust, - Da glüht’, als war’ ein Feuer aufgegangen,
Die Luft im Laubgewölb’ – es scholl ein Ton,
Und deutlich hört’ ich bald, daß Stimmen sangen. - Hochheil’ge Jungfrau’n, wenn ich öfter schon
Frost, Hunger, Wachen treu für euch ertragen,
Jetzt treibt der Anlaß mich, jetzt fordr’ ich Lohn. - Laßt auf mich her des Pindus Wellen schlagen,
Urania sei meine Helferin,
Was schwer zu denken ist, im Lied zu sagen. - Ich glaubte sieben Bäume weiterhin
Von Gold zu schau’n, allein vom Schein betrogen
War durch den weiten Zwischenraum mein Sinn. - Denn als ich nun so nahe hingezogen,
Daß sich vom Umriß, der den Sinn betört,
Gestalt und Art durch Ferne nicht entzogen, - Da ließ die Kraft, die den Verstand belehrt,
Anstatt der Bäume Leuchter mich erkennen,
Und deutlich ward Hosiannasang gehört. - Und oben sah ich das Geräte brennen,
Und heller ward die Flamm’ als Lunas Licht
In Monats Mitt’ um Mitternacht zu nennen. - Zum Führer wandt’ ich staunend mein Gesicht,
Doch nichts vermocht’ er weiter vorzubringen,
Als was ein tief erstauntes Antlitz spricht. - Da blickt’ ich wieder nach den hohen Dingen,
Die langsamer als eine junge Braut,
Sich stillbewegend, mir entgegengingen. - "Was bist du doch", so schalt die Schöne laut,
"Für die lebend’gen Lichter so entglommen,
Daß nicht auf das, was folgt, dein Auge schaut?" - Und hinter ihnen sah ich Leute kommen,
Wie man dem Führer folgt, weiß ihr Gewand,
Weiß, wie man nichts auf Erden wahrgenommen. - Das Wasser glänzte mir zur linken Hand,
Worin, wenn ich in seinen Spiegel sähe,
Ich meine linke Seite wiederfand. - Als ich am rechten Platze war, so nahe,
Daß nur der Fluß mich schied, hemmt’ ich den Schritt,
Um besser zu erschau’n, was dort geschahe. - Ich sah, wie jede Flamme vorwärts glitt,
Und hinter jeder blieb ein helles Strahlen,
Das, Pinselstrichen gleich, die Luft durchschnitt. - So sah man sieben Streifen oben strahlen,
Sie allesamt in jenen Farben bunt,
Die Phöbes Gurt und Phöbus’ Bogen malen. - Nicht ward ihr Ende meinem Auge kund,
Doch sah ich, daß an beiden äußern Grenzen
Zehn Schritt der erste von dem letzten stund. - Und wie ich also sah den Himmel glänzen,
Da zogen drunten, zwei an zwei gereiht,
Zweimal zwölf Greise her in Lilienkränzen. - Und alle sangen: "Sei gebenedeit
In Adams Töchtern! Herrlich und gepriesen
Sei deine Huld und Schön’ in Ewigkeit." - Und als nun die beblümten frischen Wiesen,
Die jenseits das Gestad des Bachs begrenzt,
Die Auserwählten nach und nach verließen, - Sah ich, wie Stern um Stern am Himmel glänzt,
Vier Tiere dort zunächst sich offenbaren,
Und jedes ward mit grünem Laub bekränzt - Und war versehn mit dreien Flügelpaaren,
Mit Augen ihre Federn ganz besetzt,
Wie die des Argus, als er lebte, waren. - Nicht viel der Reime, Leser, wend’ ich jetzt
Auf ihre Form, denn sparsam muß ich bleiben,
Da größrer Stoff mich noch in Kosten setzt. - Laß von Ezechiel sie dir beschreiben;
Von Norden sah er sie, so wie er spricht,
Mit Sturm, mit Wolken und mit Feuer treiben. - Wie ich sie fand, beschreibt sie sein Bericht,
Nur stimmt Johannes in der Zahl der Schwingen
Mir völlig bei und dem Propheten nicht. - Es stellt’ im Raum sich, den die Tier’ umfingen,
Ein Siegeswagen auf zwei Rädern dar,
Des Seil’ an eines Greifen Hälse hingen. - Und in die Streifen ging der Flügel Paar,
Die hoch, den mittelsten umschließend, standen,
So, daß kein Streif davon durchschnitten war. - Sie hoben sich so hoch, daß sie verschwanden;
Gold schien, soweit er Vogel, jedes Glied,
Wie sich im andern Weiß und Rot verbanden. - Nicht solchen Wagen zum Triumph beschied
Rom dem Augustus, noch den Afrikanen;
Ja, arm erschiene dem, der diesen sieht, - Sols Wagen, der, entrückt aus seinen Bahnen,
Verbrannt ward auf der Erde frommes Fleh’n
Durch Zeus’ gerechten Ratschluß, wie wir ahnen, - Man sah im Kreis drei Frau’n sich tanzend dreh’n
Am Rande rechts, und hochrot war die eine,
Gleich lichter Glut der Flammen anzusehn. - Die zweite glänzte hell in grünem Scheine,
Gleich dem Smaragden, und die dritte schien
Wie frisch gefallner Schnee an Weiß’ und Reine. - Die Weiße sah man bald den Reigen zieh’n,
Die Rote dann, und nach dem Sang der letzten
Die andern langsam gehn und eilig flieh’n. - Links vier im Purpurkleid, die sich ergötzten,
Und, wie die eine, mit drei Augen, sang,
Nach ihrer Weis im Tanz die Schritte setzten. - Nach allen diesen kam den Pfad entlang,
Ungleich in ihrer Tracht, ein paar von Alten,
Doch gleich an Ernst und Würd’ in Mien’ und Gang. - Der erste war für einen Freund zu halten
Des Hippokrat, den die Natur gemacht,
Um ihrer Kinder liebste zu erhalten. - Der andre schien aufs Gegenteil bedacht,
Mit einem Schwert, und durch das scharfe, lichte,
Ward ich diesseits des Bachs in Angst gebracht. - Dann kamen vier daher, demüt’ge, schlichte,
Und hinter ihnen kam ein Greis, allein
Und schlafend, mit scharfsinnigem Gesichte. - Die sieben schienen gleich an Tracht zu sein
Den ersten zweimal zwölf, doch nicht umblühten
Die Häupter Lilienkränz’ in weißem Schein, - Rosen vielmehr und andre rote Blüten,
Und wer vom weiten sie erblickte, schwor,
Daß oberhalb der Brau’n sie alle glühten. - Mir gegenüber fuhr der Wagen vor,
Worauf ein Donnerhall mein Ohr ereilte,
Und sich des Zugs Bewegung schnell verlor, - Der jetzt zugleich mit seinen Fahnen weilte.
Dreißigster Gesang
- Sobald der Empyre’n Gestirn des Norden,
(Das nimmer aufgeht, noch sich wieder senkt,
Und das durch Sünden nur umnebelt worden; - Bei welchem jeder dort der Pflicht gedenkt,
Zu der es leitet, wie den Kahn hienieden,
Das, welches tiefer steht, zum Hafen lenkt), - Stillstand, da wandten, die’s vom Greifen schieden,
Die zweimal zwölf und vier Wahrhaften, sich
Zum Wagen hin als wie zu ihrem Frieden. - Und einer, der des Himmels Boten glich,
Rief dreimal singend zu der andern Sange:
"Komm, Braut vom Libanon, und zeige dich!" - Wie bei des Weltgerichts Posaunenklange
Der Sel’gen Schar, mit leichtem Leib umfahn,
Dem Grab erstehen wird mit eil’gem Drange, - So hoben von des heil’gen Wagens Bahn
Wohl hundert sich bei solcher Stimme Schalle,
Des ew’gen Lebens Diener, himmelan. - "Heil dir, der kommt!" so klang’s im Widerhalle,
"Streut Lilien jetzt mit vollen Händen hin!"
Und Blumen warfen rings und oben alle. - Schon sah ich bei des Tages Anbeginn
Geschmückt den Osten sich mit Rosen zeigen,
Sah klar den Himmel und die Königin - Des Tages, sanft umschattet, höher steigen,
So daß, da ihren Schimmer Dunst umfloß,
Mein Blick ihn aushielt, ohne sich zu neigen. - Hier, durch die. Blumenflut, die sie umschloß,
Und niederstürzend um und in den Wagen,
Sich aus der Himmelsboten Hand ergoß, - Sah ich ein Weib in weißem Schleier ragen,
Olivenzweig’ ihr Kranz, und ums Gewand,
Das Feuer schien, des Mantels Grün geschlagen. - Mein Geist, dem schon so manches Jahr entschwand,
Seit er in ihrer Gegenwart mit Beben
Demüt’gen Staunens bange Lust empfand, - Fühlt’, eh das Aug’ ihm-Kunde noch gegeben,
Durch die geheime Kraft, die ihr entquoll,
Die alte Liebe mächtig sich erheben. - Kaum war der hohen Kraft die Seele voll,
Der Kraft, durch die, bevor ich noch entgangen
Der Knabenzeit, mein wundes Herz erschwoll, - So wandt’ ich links mich hin, mit dem Verlangen,
Mit dem ein Kind zur Mutter läuft und Mut
Im Schrecken sucht und Trost im Leid und Bangen, - Um zu Virgil zu sagen: "Ach mein Blut!
Kein Tröpflein blieb mir, das nicht bebend zücke –
Ich kenne schon die Zeichen alter Glut." - Doch sein beraubt ließ uns Virgil zurücke,
Virgil, der väterliche Freund – Virgil,
Dem sie mich übergab zu meinem Glücke. - Was Eva einst verloren, da sie fiel,
Nicht half es mir, die Tränen zu vermeiden,
Wovon ein Strom die Wangen niederfiel. - "O Dante, mag Virgil auch von dir scheiden,
Nicht weine drum, noch jetzo weine nicht;
Zu weinen ziemt dir über andres Leiden!" - Und wie mit ernstgebietendem Gesicht
Ein Admiral, der, musternd seine Scharen
Vom hohen Bord, sie mahnt an ihre Pflicht, - So war
sie links im Wagen zu gewahren,
Als ich nach meines Namens Klang mich bog,
Den hier die Not mich zwang, zu offenbaren; - Ich sah die Frau, die erst sich mir entzog,
Als sie erschien, in jener Engelfeier,
Wie nach mir her ihr Blick von jenseits flog. - Doch ihr vom Haupte wallend ließ der Schleier,
Der von Minervens Laub umkränzet ward,
Mir ihren Anblick nur noch wenig freier. - Stolz sprach sie nun mit königlicher Art,
Gleich einem, der erst mild spricht, anzuschauen,
Und sich das härtre Wort fürs Ende spart: - "Schau’ her, Beatrix bin ich! Welch Vertrauen
Führt dich zu diesen Höh’n? Wie? Weißt du nicht,
Beglückte wohnen nur in diesen Auen." - Ich sah zum Bach hinab, sah mein Gesicht,
Sah auf die Blumen dann, die mich umgaben,
Gedrückt die Stirn von schwerer Scham Gewicht. - So stolz erscheint die Mutter ihrem Knaben,
Wie sie mir schien; denn ihr mitleidig Wort
Schien den Geschmack der Bitterkeit zu haben. - Sie schwieg, da sang der Engel Chor sofort
Den Psalmen:
Herr, auf dich nur steht mein Hoffen,
Bis:
Stellest meine Fuß auf weiten Ort. - Wie auf den Rücken Welschlands, welcher offen
Den Stürmen ragt, der Schnee, im Frost gehäuft,
Zu Eis erstarrt, vom slaw’schen Wind getroffen, - Dann, in sich selbst versickernd, niederträuft,
Wenn laue Wind’ aus Libyen ihn verzeihen,
So wie, dem Feuer nah, das Wachs zerläuft; - So war ich ohne Seufzer, ohne Zähren,
Bevor die Engel sangen, deren Sang
Nur Nachklang ist vom Lied der ew’gen Sphären. - Doch als im Lied ihr Mitleid mir erklang,
Wohl heller klang, als hätten sie gesungen:
"Was, Herrin, machst du ihm das Herz so bang?" - Da ward das Eis, das fest mein Herz umschlungen,
Zu Hauch und Wasser bald und kam durch Mund
Und Auge bang aus meiner Brust gedrungen. - Sie, welche, wie zuvor, im Wagen stund,
Sie wandte sich dem Engelchor entgegen,
Und tat den heil’gen Scharen dieses kund: - "Ihr wacht im ew’gen Tag, und nimmer mögen
Euch einen Schritt entziehen Schlaf und Nacht,
Den das Jahrhundert tut auf seinen Wegen. - Drum ist die Antwort wohl für ihn bedacht,
Der drüben weint, damit sie klar beweise,
Daß große Schuld auch große Schmerzen macht. - Nicht durch die Kraft allein der ew’gen Kreise,
Die jedes Wesen zu dem Ziele lenkt,
Das ihm sein Stern gesteckt für seine Reise, - Durch das auch, was die Gnade Gottes schenkt,
Sie, deren Regen solche Dünst’ umgeben,
Daß sich kein Blick in ihre Tiefen senkt, - War dieser einst in seinem neuen Leben
Gar hoch begabt, um sich zur Trefflichkeit
Durch rechte Sitte mächtig zu erheben. - Doch wilder wird in schnöder Üppigkeit
Jedweder schlechte Same sich entfalten,
Je kräft’ger ist des Bodens Fruchtbarkeit. - Wohl wußt’ ich ein’ge Zeit ihn festzuhalten,
Indem ich ihm die jungen Augen wies;
Da ließ er gern als Führerin mich walten. - Doch hatt’ er, als ich kaum die Welt verließ,
Zum bessern Sein zu gehn, sich mir entzogen,
Indem er andern ganz sich überließ. - Als ich vom FIeisch zum Geist emporgeflogen,
Und höh’re Tugend, höhern Reiz empfah’n,
Da war er minder hold mir und gewogen. - Er wandte seinen Schritt zur falschen Bahn,
Trugbildern folgend schnöden Wonnelebens,
Den falschen Lockungen und leerem Wahn. - Im Traum und Wachen rief ich ihn vergebens,
Und Mahnung haucht’ ich ihm und Warnung ein,
Doch blieb er taub im Leichtsinn eiteln Strebens. - Ein Mittel könnt’ ihm nur zum Heil gedeih’n,
So tief schon hatt’ er sich im Wahn verloren,
Und solches war der Anblick ew’ger Pein. - Deswegen drang ich zu der Hölle Toren
Und habe den, der ihn herauf geführt,
Mit Bitten und mit Tränen dort beschworen. - Nicht wär’s, wie sich’s nach ew’gem Rat gebührt,
Wenn er durch Lethe ging’ und sie genösse,
Und nicht vorher, bußfertig und gerührt, - In Reuezähren seine Schuld ergösse.
Einunddreißigster Gesang
- "Du, jenseits dort am heil’gen Strom," so kehrte
Sie jetzt der Rede Spitze gegen mich,
Nachdem die Schneide schon mich hart versehrte, - Fortfahrend ohne Säumen: "Sprich, o sprich,
Ist dieses wahr? Erkennst du deine Fehle?
Auf solche Klage ziemt die Beichte sich." - Die Stimme regte sich, doch in der Kehle
Erstarb das Wort; denn, statt gehoffter Huld.
Verwirrte finstre Strenge meine Seele. - Nur wenig hatte sie mit mir Geduld:
"Was sinnst du? Sprich! Noch tilgten nicht die Wogen
Der Lethe die Erinnrung deiner Schuld." - Furcht und Verwirrung, sich vermischend, zogen
Ein
Ja! aus meinem Mund, das zwar erblickt
Vom Auge ward, allein dem Ohr entzogen. - Gleichwie zu scharf gespannt die Armbrust knickt,
Und, wenn sich Sehn’ und Bogen überschlagen,
Den Pfeil mit mindrer Kraft zum Ziele Schickt, - So brach, zu schwach, so schwere Last zu tragen,
Ich jetzt in Seufzer aus und Tränenflut
Und ließ den Ton sich nicht ins Freie wagen. - Drum sie zu mir: "In meiner Wünsche Glut,
Die einst dich jenes Gut zu lieben führte,
Das unserm Wunsch entrückt all andres Gut. - Welch eine Kette war’s, die dich umschnürte,
Das auf den Fortschritt, mit verzagtem Sinn,
Die Hoffnung abzulegen dir gebührte. - Und welche Fördrung, welcherlei Gewinn,
Die lockend dir von andrer Stirne lachten?
Was führte dich zu ihrem Wege hin?" - Nach einem tiefen, bittern Seufzer machten
Sich Töne mühsam frei aus meiner Brust,
Die kaum als Wort’ hervor die Lippen brachten. - "Die Gegenwart, mit ihrer falschen Lust,"
So weint’ ich, "hat, als eure Blick’ entschwanden,
Rückwärts zu wenden meinen Schritt gewußt." - "Verschwiegst, vermeintest du, was du gestanden,"
Sprach sie, "nicht minder wär’s dem Richter kund,
Vor dessen Blick die Lüge nie bestanden. - Doch wenn man sich verklagt mit eignem Mund.
So wird hier abgestumpft das Schwert der Rache,
Und Gnade macht des Sünders Herz gesund. - Drum, daß dein Wahn dich mehr erröten mache,
Und daß dein Herz zu jeder andern Zeit
Die Lockung der Sirenen kühn verlache, - Laß ab vom Weinen jetzt und Traurigkeit;
Vernimm vielmehr, welch andern Weg zu wallen
Dir ziemend war, als mich der Tod befreit. - Nichts ließ Natur und Kunst dir je gefallen,
Wie jenen Leib, in dem ich dort erschien,
Des schöne Glieder jetzt in Staub zerfallen. - Und sahest du die höchste Wonn’ entflieh’n
Bei meinem Tod, was konnte dich besiegen?
Welch ird’sche Lust dich fürder an sich zieh’n? - Beim Reiz der Dinge, die das Herz betrügen,
Bei ihrem ersten Pfeil, war’s ziemend, mir,
Die ich mein Sein verwandelt, nachzufliegen. - Nicht niederzieh’n sollt’ er die Schwingen dir,
Nicht harren solltest du der andern Pfeile,
Des Mägdleins nicht, nach andrer eitlen Zier. - Der junge Vogel harrt in träger Weile
Des zweiten Pfeils, doch der beschwingte flieht
Und schützt vor Netz und Pfeilen sich durch Eile." - Gleichwie ein Knabe schweigend niedersieht,
Wenn Vorwurf und Bewußtsein ihn verstören,
Und Reue sein Gesicht zur Erde zieht; - So stand ich dort: "Betrübt dich schon das Hören,"
Sie sprach’s, "So sei emporgewandt dein Bart;
Das Schauen wird noch deinen Schmerz vermehren."- - In ihrem Widerstande minder hart,
Läßt ihrem Grund die Eiche sich entreißen,
Wenn sie von Nordsturms Macht durchschüttelt ward, - Als ich das Kinn erhob, da sie’s geheißen.
Auch fühlt’ ich, da sie
Bart für
Antlitz sprach,
Des Wortes Gift an meinem Herzen reißen. - Das Antlitz hob ich zögernd und gemach,
Und sieh, die schönen englischen Gestalten,
Sie ließen jetzt im Blumenstreuen nach. - Mein Blick, kaum fähig noch, ein Bild zu halten,
Erschaute sie, dem Greifen zugewandt,
In dem, dem einen, zwei Naturen walten. - Sie schien, verschleiert, jenseits dort am Strand,
Das, was sie einst war, jetzt zu überwinden,
Wie sie vordem die andern überwand. - Wie mußt’ ich da der Reue Schmerz empfinden!
Wie, was mich von ihr abgewandt, die Lust
Der eiteln Welt jetzt hassenswürdig finden! - So nagte Selbstbewußtsein meine Brust,
Daß ich hinsank – mit welchem innrem Beben,
Ihr, die es mir erregt, ihr ist’s bewußt. - Als äußre Kraft das Herz mir neu gegeben,
Sprach über mir sie, die mir erst allein
Erschienen war: "Mich fass, um dich zu heben!" - Sie zog mich bis zum Hals den Fluß hinein,
Glitt, wie ein Webschiff, ohne sich zu senken,
Auf seiner Fläch’ und zog mich hinterdrein, - Um mich zum sel’gen Ufer hinzulenken.
Dort klang’s: "Entsünd’ge mich!" so süß – ich kann
Es nicht beschreiben, ja, nicht wieder denken. - Die schöne Frau erschloß die Arme dann,
UmschIang mein Haupt und taucht’ es in die Wogen,
Drob ich vom Wasser trank, das mich umrann. - Drauf, als sie mich gebadet vorgezogen,
Bot sie zum Tanze mich den schönen vier,
Die hold um meinen Hals die Arme bogen. - "Wir sind am Himmel Sterne, Nymphen hier.
Und als zur Welt Beatrix kam, so gingen
Als ihre Dienerinnen wir mit ihr. - Wir werden dich ihr vor die Augen bringen;
Dir schärfen dann, fürs holde Licht darin
Den Blick die drei, die schauend tiefer dringen." - Sie sangen diese Worte zum Beginn,
Worauf sie mich zur Brust des Greifen brachten.
Dort wandte sie nach uns das Antlitz hin. - Sie sprachen dann: "Hier darfst du frei betrachten,
Wir stellten dich vor der Smaragden Licht,
Woraus dich wund der Liebe Pfeile machten." - Mir weckt’ ein glühend Sehnen ihr Gesicht
Und band an ihrer Augen Glanz die meinen;
Die ihren wichen vor dem Greifen nicht. - Und drinnen sah ich den zwiefachen Einen,
Gleichwie die Sonn’ im Spiegel, schimmernd klar,
Als diesen bald, als jenen bald erscheinen. - Nun denke, Leser, selbst, wie wunderbar,
Das Abbild, sich verwandelnd, zu erblicken,
Obwohl das Urbild stets dasselbe war. - Indes die Seel’ in Staunen und Entzücken
Die Speise kostete, die größern Drang
Nach sich erweckt, je mehr wir uns erquicken, - Da sah ich jene drei vom höchsten Rang,
Dies zeigte die Gebärd’, uns nahe kommen,
Den Engeltanz begleitend mit Gesang. - "Beatrix, laß den Blick, den heil’gen, frommen,"
So sangen sie, "auf deinen Treuen sehn,
Der dich zu schau’n so hoch emporgeklommen. - Enthüll’ aus Gnad’ ihm deinen Mund, wir fleh’nl
Die zweite Schönheit, die du noch verborgen,
O laß sie auf vor seinen Augen gehen!" - O Glanz lebend’gen Lichts! o ew’ger Morgen!
Wer trank so tief aus des Parnassus Flut,
Wer ward so bleich in seinen Müh’n und Sorgen, - Daß er vermag, mit freiem, kühnem Mut
Sich deiner Schilderung zu unterfangen,
Wenn du bei Himmelsharmonien in Glut - Den unbewölkten Lüften aufgegangen?
Zweiunddreißigster Gesang
- Den zehenjähr’gen Durst zu löschen, hingen
An ihrem Reiz die Augen, so voll Gier,
Daß mir die andern Sinne ganz vergingen. - Seitwärts baut’ eine Mauer dort und hier
Nichtachtung auf, denn mit dem Netz, dem alten,
Zog mich ihr heil’ges Lächeln hin zu ihr. - Da wandten mir die himmlischen Gestalten
Mit Macht nach meiner Linken das Gesicht,
Mit diesem Ruf: Im Schauen Maß gehalten! - Nun stand ich dort wie einer, den das Licht
Der Sonne mit dem Flammenpfeil geblendet,
Und dem zunächst die Sehkraft ganz gebricht.’ - Doch als das wen’ge sie mir neu gespendet –
Nach jenem vielen wenig und gering,
Von dem ich mit Gewalt mich abgewendet – - Da sah ich, das ruhmvolle Kriegsheer fing
Sich rechts zu kehren an, indem’s den Lichten,
Den sieben, nach, der Sonn’ entgegenging. - Wie, wenn die Scharen auf den Sieg verzichten,
Sie unterm Schild sich mit der Fahne dreh’n,
Eh’ sie, geschwenkt, sich ganz zum Rückzug richten, - So war die Schar des Himmelreichs zu sehn,
Und eh’ sich um des Wagens Deichsel legte,
Sah man den Zug vor’ und vorübergehn. - Die sieben Frauen rechts und links, bewegte
Der Greif die heil’ge Last mit stiller Macht,
So daß an ihm sich keine Feder regte. - Ich, Statius, sie, die mich zum Furt gebracht,
Wir leiteten dem Rade nach die Schritte,
Das, umgeschwenkt, den kleinern Bogen macht. - So ging es durch des hohen Waldes Mitte,
Öd’, weil der Schlang’ einst Eva Glauben gab,
Und Engelsang gab Maß für unsre Tritte. - Dreimal so weit nur, als ein Pfeil herab
Vom Bogen fliegt, war nun der Zug gekommen,
Und Beatrice stieg vom Wagen ab. - "Adam!" so ward ein Murmeln rings vernommen,
Und einen Baum, von Laub und Blüten leer,
Umringt’ im Kreise nun die Schar der Frommen. - Sein Haar verbreitet sich so mehr, je mehr
Er aufwärts steigt, hoch, daß er selbst den Indern
Durch seine Höhe zum Erstaunen war’. - "Heil dir, o Greif, mit deinem Schnabel plündern
Willst du nicht diesen Baum, der Süßes zwar
Dem Gaumen gibt, doch Marter dann den Sündern." - So rief rings um den starken Baum die Schar.
Und er, in dem sich Leu und Aar verbunden:
"So nimmt man jedes Rechtes Samen wahr." - Die Deichsel, wo ich ziehend ihn gefunden,
Schob er zum öden Stamm und ließ am Baum,
Aus ihm entnommen, sie an ihn gebunden. - Wie unsre Pflanzen, wenn zum Meeressaum
Das große Licht sich senkt, von dem umschlossen,
Das nach den Fischen glänzt am Himmelsraum, - Sich üppig bläh’n zu neuen jungen Sprossen,
Jede gefärbt nach der Natur Gebot, .
Eh’ Sol den Stier erreicht mit seinen Rossen; - So, mehr als Veilchen zwar, doch minder rot
Als Rosenglut, erneute sich die Pflanze,
Die erst verwaist erschien und kahl und tot. - Und wie sie nun erblüht’ im neuen Glanze,
Ertönt’ ein nie gehörter Lobgesang,
Doch nicht ertrug mein müder Sinn das Ganze. - Könnt’ ich euch malen, wie mit süßem Klang
Von Pan und Syrinx einst Merkur den Späher,
Den unbarmherz’gen, zum Entschlummern zwang, - So zeigt’ ich, wie nach einem Urbild, eher,
Wie jener Sang in Schlummer mich gebracht,
Doch das Entschlummern sing ein bessrer Seher. - Ich springe bis zur Zeit, da ich erwacht,
Da mir ein Glanz zerriß den dunkeln Schleier,
Und eine Stimme rief: Steh auf, hab’ acht! - Wie zu der Blut’ des Baums, des Apfel teuer
Den Engeln sind, den nichts erschöpfen kann,
Der Speise gibt zur ew’gen Hochzeitsfeier, - Geführt, Jakobus, Petrus und Johann
Aus ihrer Ohnmacht bei dem Wort erstanden,
Bei dessen Klang wohl tiefrer Schlaf entrann, - Und nun vermindert ihre Schule fanden.
Denn Moses und Elias waren fort,
Und ihren Herrn in anderen Gewanden; - So ich – und über mich gebogen dort
Stand jetzt die Schöne, wie um mein zu hüten,
Die mich geführt entlang des Flusses Bord. - "Wo ist Beatrix?" rief ich, und mir glühten
Vor Angst die Wangen. "Auf der Wurzel", sprach
Die Schöne, "sitzt sie unter neuen Blüten. - Sieh hin, wer sie umgibt. Dem Greifen nach
Entfloh’n empor die anderen, mit Sange,
Der süßer, tiefer klang, als dort am Bach. - Ob sie noch mehr gesprochen und wie lange,
Nicht weiß ich es, denn mir im Auge stand
Sie, die mein Ohr versperrte jedem Klange. - Sie saß allein auf jenem reinen Land,
Wie’s schien, zur Hut des Wagens dort gelassen,
Den an den Baum der Zweigestalt’ge band. - Die sieben Nymphen sah ich sie umfassen,
Im Kreis, die Lichter haltend, die vom Zwist
Des Nord- und Südwinds nie sich löschen lassen. - "Als Fremdling weilst du dort nur kurze Frist
Und wirst mit mir als ew’ger Bürger bleiben
In jenem Rom, wo Christus Römer ist. - Zum Heil der Welt mit ihrem bösen Treiben
Schau’ auf den Wagen, um, was du gesehn,
Zurückgekehrt, den Menschen zu beschreiben." - Beatrix sprach’s – wie könnt’ ich widerstehn?
Ganz so, wie’s der Gebieterin gefallen,
Ließ ich voll Demut Geist und Auge gehn. - Nicht sah man je so schnell aus Himmels Hallen.
Aus dichter Wölk’, ein flammendes Geschoß,
Den Blitz aus fernster Höhe niederfallen, - Als auf den Baum Zeus’ Vogel niederschoß,
Nicht wühlend bloß in Blüten und in Blättern,
Die Rind’ auch brechend, die sein Mark umschloß. - Dann sah man ihn zum Wagen niederschmettern,
Der bei dem Stoße rechts und links sich bog,
Gleich einem Schiff im Kampf mit wilden Wettern. - Dann war ein Fuchs, der jähen Sprunges flog,
Ins Innre selbst des Wagens eingebrochen,
Wohin ihn Gier nach beßrer Speise zog. - Doch mit dem Vorwurf des, was er verbrochen,
Trieb meine Herrin ihn so eilig fort,
Als laufen konnten seine magern Knochen. - Und nochmals stürzte von dem hohen Ort,
Wie schon vorhin, der Adler in den Wagen,
Und ließ ihm viel von seinen Federn dort. - Und wie aus banger Brust der Laut der Klagen,
Klang aus dem Himmel eine Stimm’ und sprach:
"Mein Schifflein, schlechte Ladung mußt du tragen!" - Und unten, zwischen beiden Rädern, brach
Der Erde Grund, ausspeiend einen Drachen,
Der nach dem Wagen mit dem Schwanze stach. - Dann zog er ihn zurück, wie’s Wespen machen,
Nahm einen Teil des Bodens mit und schien,
Von dannen eilend, des Gewinns zu lachen. - Der Rest des Wagens blieb, doch sah man ihn
Mit Federn, die wohl reiner Sinn gespendet,
Wie üppig Land mit Gras, sich überzieh’n. - Und dieses Werk war so geschwind vollendet,
Und voll die Deichsel und das Räderpaar,
Bevor die Brust ein Oh! und Ach! beendet. - Und Häupter trieb, als er verwandelt war,
Der Wagen vor, an den vier Ecken viere,
Drei aber nahm man auf der Deichsel wahr, - Die letzten drei gehörnt wie die der Stiere,
Die ersten vier mit einem Horn versehn;
So glich er nie geschautem Wundertiere. - Und sicher, wie auf Bergen Schlösser stehn,
Saß eine zügellose Hure drinnen
Und ließ umher die flinken Augen späh’n. - Und, gleich, als solle sie ihm nicht entrinnen,
Stand ihr zur Seit’ ein Ries’, und diese zwei
Sah ich sich küssen und sich zärtlich minnen. - Allein, weil sie die Augen gierig frei
Auf mich gewandt, schlug sie der wilde Freier
Vom Kopf zum Fuß mit wütendem Geschrei. - Drauf löst’ er ab vom Baum das Ungeheuer,
Von Argwohn voll und wildem Zorn und Arg,
Und zog es durch den Wald, des dichter Schleier - Die Hure samt dem Wundertier verbarg.
Dreiunddreißigster Gesang
- Herr,
eingefallen sind die Heiden! fingen,
Abwechselnd drei und vier, mit süßem Klang,
Doch tränenvoll, die Frauen an zu singen. - Beatrix horchte schweigend dem Gesang,
Verwandelt wie Maria, die mit Grauen
Des Mutterschmerzes unterm Kreuze rang. - Doch als nun ihrem Wort die andern Frauen
Erst Raum gegeben, sah ich sie erstehn,
G’rad’, aufrecht, gleich dem Feuer anzuschauen. - "
Über ein kleines sollt ihr nicht mich sehn,
Und wiederum, ihr Schwestern, meine Lieben,
Über ein kleines werdet ihr mich sehn." - Sie sprach’s und stellte vor sich alle sieben,
Und hinter sich, durch ihren Wink allein,
Die Frau, mich und den Weisen, der geblieben. - Sie ging, doch mochten’s kaum zehn Schritte sein,
Die sie gegangen und uns gehen lassen,
Da blitzt’ ins Auge mir des ihren Schein. - "Geh itzt geschwinder," sagte sie geIassen,
"Komm näher her, daß, red’ ich nun mit dir,
Du wohl vermögend seist, mein Wort zu fassen." - Kaum war ich, wie ich sollte, nah bei ihr,
Da sprach sie: "Bruder, bist mir nah gekommen,
Doch zu erfragen wagst du nichts von mir?" - Wie wenn von zuviel Ehrfurcht schwer beklommen
Mit seiner Obrigkeit ein niedrer Mann
Halblaut und stockend spricht und kaum vernommen, - So sprach ich jetzt, da ich zu ihr begann:
"O Herrin, Ihr erkennt ja mein Verlangen,
Und was ich brauch’, und was mir frommen kann." - Und sie: "Mach’ itzt dich los von Scham und Bangen,
Ich will’s, und rede sicher nun und klar,
Und nicht wie einer, der im Traum befangen. - Der Wagen, den die Schlange brach, er war,
Doch wer dies zu verschulden sich nicht scheute,
Er fürchte Gottes Rach’ auf immerdar! - Nicht immer sonder Erben wird, wie heute
Der Adler sein, der ihm die Federn ließ,
Drob er erst Ungeheuer ward, dann Beute. - Schon nahen Sterne sich – wie ich’s gewiß
Im Geist erkannt, so sei es ausgesprochen –
Da kommt, von Schranke frei und Hindernis, - Fünfhundert fünf und zehn hervorgebrochen,
Ein Gottgesandter, der die Dirn’ erschlägt
Zusamt dem Riesen, der mit ihr verbrochen. - Und hab’ ich jetzt dir Worte vorgelegt,
Wie Sphinx und Themis, schwierig zu erraten,
Daher dein Geist im Dunkel Zweifel hegt, - So lösen bald dies Rätsel dir die Taten
Statt der Najaden auf, und unbedroht
Verbleiben drob die Herden und die Saaten. - Merk’, was ich sagt’, und höre mein Gebot:
Du sollst es dort den Lebenden erzählen,
Im Leben, das ein Rennen ist zum Tod. - Nicht sollst du, wenn du dorten schreibst, verhehlen,
Wie du den Baum gesehn. Erinnre dich:
Du sahst zu zweien Malen ihn bestehlen. - Wer diesen Baum bestiehlt und freventlich
Verletzt, kränkt Gott mit tät’gen Lästerungen,
Denn er schuf heilig nur den Baum für sich. - Für solchen Raub hat qualenvoll gerungen
Fünftausend Jahr und mehr der erste Geist
Nach ihm, des Tod des Bisses Fluch bezwungen. - Wohl schlummert dein Verstand, wenn du nicht weißt,
So hoch sei jener Baum aus tiefen Gründen,
Wenn dir des Gipfels Bau dies nicht beweist. - Und hätte nicht, wie Elsas Flut, mit Rinden
Von Stein dein Grübeln die Vernunft bedeckt,
Und war’ ihr Licht dir nicht getrübt von Sünden, - So hättest du, was das Verbot bezweckt,
Und wie darin der Herr gerecht erscheine,
Am Baum durch solche Zeichen leicht entdeckt. - Doch weil dein Geist verhärtet ist zum Steine,
Befleckt von Schuld, verworren und berückt
Und blöde bei der Wahrheit hellem Scheine, - So nimm, zwar nicht als Wort, doch ausgedrückt
Als Bild, in dir die Rede mit von hinnen,
Wie man den Pilgerstab mit Palmen schmückt." - Und ich: "So fest, als nur im Wachse drinnen
Das Bild sich hält, das drein das Siegel gräbt,
Trag’ ich, was ihr gezeichnet habt, hier innen. - Doch was, wenn sich so hoch mein Blick nicht hebt,
Fliegt eu’r ersehntes Wort in solche Sphären,
Daß er es mehr verliert, je mehr er strebt." - "Auf, daß du wissest, welcher Schule Lehren",
So sprach sie, "du gefolgt, und sehst, wie weit
Sie meinem Wort zu folgen sich bewähren; - Und wie ihr fern mit eurem Wege seid
Von Gottes Weg, so fern, wie von der Erden
Des höchsten Himmels Glanz und Herrlichkeit." - Und ich: "Nicht will’s mir klar im Geiste werden,
Daß ich mich je entfernt von eurer Spur;
Nicht fühl’ ich im Gewissen drob Beschwerden." - "Entsinnst du dessen dich nicht mehr?" so fuhr
Sie lächelnd fort; "doch von der Lethe Fluten
Trankst du noch heute, des gedenke nur. - Und, wie man richtig schließt vom Rauch auf Gluten,
So siehest du durch dies Vergessen klar,
Daß du dich abgewandt vom wahren Guten. - Jetzt wahrlich stellt, von jeder Hülle bar,
Soviel, im engsten Kreise sich bewegend,
Dein Blick es fassen kann, mein Wort sich dar." - Und flammender, sich trägem Schrittes regend,
Betrat jetzt Sol des Meridians Gebiet,
Das stets ein andres ist in andrer Gegend. - Da standen still, wie, wer als Führer zieht
Vor einer Schar, sich schickt zum Stillestande,
Wenn er auf seinem Wege Neues sieht, - Die sieben Frau’n an dichten Schattens Rande.
Wie grünbelaubt schwarzästig Waldgeheg
Auf kalte Flüss’ ihn fließt im Alpenlande. - Euphrat und Tigris schien vor ihrem Weg
Sich aus derselben Quelle zu ergießen,
Sich dann, wie Freunde, trennend, still und träg. - "O Licht, der Menschheit Ruhm, welch Wasser sprießen
Seh’ ich aus einem Ursprung hier und dann
Sich von sich selbst entfernend weiterfließen?" - Auf diese Bitte hob Beatrix an:
"Mathilden bitt’," – und diese sprach dagegen,
Wie wer vom Vorwurf leicht sich lösen kann: - "Dies und noch anderes ihm auszulegen,
Versäumt’ ich nicht, was, des bin ich gewiß,
Der Lethe Wässer nicht zu tilgen pflegen." - Beatrix drauf: "Die größre Sorg’ entriß,
Wie’s oft geschieht, dies seinem Angedenken
Und ließ sein geistig Aug’ in Finsternis. - Doch Eunoe sieh – eil’, ihn dahin zu lenken,
Und, wie du immer pflegst, ihm durch die Flut
Mit Leben die erstorbne Kraft zu tränken." - Wie ohn’ Entschuldigung, wer, mild und gut,
Als eignen Willen fremden aufgenommen,
Der sich durch Wink und Wort ihm zeigte, tut, - So ging, nachdem sie mich am Arm genommen,
Die schöne Frau und sagte weiblich mild
Zu Statius: "Auch du sollst mit ihm kommen." - Hätt’ ich, o Leser, Raum zu größerm Bild,
So würd’ ich dir zum Teil die Wonnen singen
Des Tranks, der Durst erregt, wenn er ihn stillt. - Doch läßt sich nichts mehr auf die Blätter bringen,
Die ich zu diesem zweiten Lied erkor,
Drum hemmt der Zaum der Kunst mein Weiterdringen. - Ich ging aus jener heil’gen Flut hervor,
Wie neu erzeugt, von Leid und Schwäche ferne,
Gleich neuer Pflanz’ in neuen Lenzes Flor, - Rein und bereit zum Flug ins Land der Sterne.
Das Paradies
Erster Gesang
- Der Ruhm des, der bewegt das große Ganze,
Durchdringt das All, und
diesem Teil gewährt
Er minder, jenem mehr von seinem Glanze. - Im Himmel, den sein hellstes Licht verklärt, -
War ich und sah, was wiederzuerzählen
Der nicht vermag, der von dort oben kehrt. - Denn, nah’n dem Ziel des Sehnens unsre Seelen,
Das unsern Geist zur tiefsten Tiefe zieht,
Dann muß der Rückweg dem Gedächtnis fehlen. - Doch alles, was im heiligen Gebiet
Nur einzusammeln war von sel’ger Schöne,
Der edle Schatz, sei Stoff jetzt meinem Lied. - Apollo, Güt’ger, leih mir deine Töne
Zum letzten Werk – mach’ ein Gefäß aus mir,
Wert, daß es dein geliebter Lorbeer kröne. - Mir g’nügt’
ein Gipfel des Parnaß bis hier,
Doch, soll der Rennbahn Ziel der Sieger grüßen,
So fleh’ ich jetzt um beid’ empor zu dir. - Den Odem hauch’ in mich, den reinen, süßen,
Daß du hier stark, wie bei dem Wettkampf, seist,
Den Marsyas kämpft’, um frevlen Stolz zu büßen. - O Götterkraft, wenn du dich jetzt mir leihst,
Den Nachschein von des sel’gen Reiches Glanze
Zu malen aus dem Bild in meinem Geist, - Dann siehest du mich nah’n der teuren Pflanze
Und, durch den Stoff und dich des wert, geschmückt
Und reichgekrönt mein Haupt mit ihrem Kranze. - Wenn man ihr Laub, o Vater, selten pflückt,
Um Cäsars und des Dichters Sieg zu ehren,
Weil Schuld und Schmach den Willen niederdrückt, - Muß Freud’ es wohl dem freud’gen Gott gewähren,
Den Delphos preist, kehrt nun mit kühnem Mut
Nach Daphnes Laub ein Herz all sein Begehren. - Und weckt ein kleiner Funk’ oft große Glut,
So fleht nach mir zu höherer Verkündung
Ein andrer wohl um deine Hilf und Hut. – - Den Sterblichen entsteigt aus mancher Mündung
Das Licht der Welt; allein in einer sind
Vier Kreise mit drei Kreuzen in Verbindung, - Wo’s bessern Lauf mit besserm Stern beginnt,
So daß der Erde Wachs in diesem Zeichen
Von ihm ein schöneres Gepräg gewinnt. - In ihm hieß Sol den Tag bei uns erbleichen
Und dort entglüh’n; und auf dem Halbkreis hier
Die schwarze Nacht sich nah’n und dort entweichen. - Und links gewandt erschien Beatrix mir,
Und wie kein Aar je fest und ungeblendet
Zur Sonne sah, so blickte sie zu ihr. - Und wie der erste Strahl den zweiten sendet,
Der, ihm entflammt, hell auf- und rückwärts blitzt,
Dem Pilgrim gleich, der sich zur Heimat wendet, - So macht’ ihr Blick, der durch die Augen itzt
Mein Innres traf, zur Sonn’ auch meinen steigen,
Mit größrer Kraft, als onst der Mensch besitzt. - Viel darf man dort, was hier zu übersteigen
Die Kraft pflegt, die uns nimmer dort gebricht,
Am Ort, den Gott schuf als der Menschheit eigen. - Nicht lang’ ertrug ich’s, doch so wenig nicht,
Um nicht zu sehn, daß, wie dem Feu’r entnommen,
Das Eisen sprüht, sie sprüht’ in Glut und Licht. - Und plötzlich schien ein Tag zum Tag zu kommen,
Als sei durch den, der’s kann, am Himmelsrand
Noch eine zweite neue Sonn’ entglommen. - Fest schauend nach den ew’gen Kreisen, stand
Beatrix dort, und ihr ins glanzerhellte
Gesicht sah ich, von oben abgewandt, - Und fühlte, da mir Lust das Innre schwellte,
Was Glaukus fühlt’, als er das Kraut geschmeckt,
Das ihn im Meer den Göttern zugesellte. - Verzückung fühlt’ ich. Was sie sei, entdeckt
Die Sprache nicht, mag’s drum dies Beispiel Iehren,
Wenn je in euch die Gnade sie erweckt. - Ob ich nur Seele war? – Du magst’s erklären,
O Liebe, Himmelslenkerin, die mich
Mit ihrem Licht erhob zu jenen Sphären. - Als nun der Kreis, der durch dich ewiglich
In Sehnsucht rollt, mein Aug’ an sich gezogen
Mit Harmonien, verteilt, gemischt durch dich, - Durchflammte Sonnenglut des Himmels Bogen
So weit hin, wie von Strom und Regenflut
Kein See noch je erstreckt die breiten Wogen. - Des Klanges Neuheit und die lichte Glut,
Sie machten, daß ich vor Begierde brannte,
Wie nimmer sie erweckt ein andres Gut; - Drob sie, die mich, wie ich mich selbst, erkannte,
Mir zu befried’gen den erregten Geist,
Noch eh’ ich fragte, schon sich zu mir wandte - Und sprach: "Ein Wahn ist Schuld, daß du nicht weißt,
Was du sogleich erkennen wirst und sehen,
Sobald du dich von seinem Trug befreist. - Du glaubst noch auf der Erde fest zu stehen,
Doch flieht kein Blitz aus seinem Vaterland
So schnell, wie du jetzt eilst, hinaufzugehen." - Kaum daß der erste Zweifel mir verschwand,
Durchs kurze Wort und ihres Lächelns Frieden,
Als wieder schon ein neuer mich umwand. - Ich sprach: "Vom Staunen ruht’ ich schon zufrieden;
Doch steig’ ich jetzt durch leichte Stoff’ empor,
Drum ist dazu mir neuer Grund beschieden." - Ein Seufzer weht’ aus ihrem Mund hervor,
Dann sah sie hin auf mich, wie auf den Knaben
Die Mutter blickt, die sagen will: Du Tor! - "Die Dinge sämtlich", so begann sie, "haben
Unter sich Ordnung, und das All ist nur
Durch diese Form gottähnlich und erhaben. - Die höhern Wesen sehn in ihr die Spur
Der Kraft, der ew’gen, die zum Ziel gegeben
Vom Schöpfer ward der Ordnung der Natur. - Nach ihr nun sehn wir alle Wesen streben,
Ob hoch ihr Los, ob niedrig sei; ob mehr,
Ob minder nah sie ihrem Ursprung leben. - Sie treiben durch des Seins unendlich Meer,
Geleitet vom Instinkt, den Gott als Steuer
Jedwedem gab, auf mancher Bahn daher. - Er trägt zum Mond empor das rege Feuer,
Er ist’s, der rund den Bau der Erde drückt,
Er ist der Herzschläg’ Ordner und Erneurer. - Nicht nur auf Wesen, die vernunftlos, zückt
Er, wie ein Bogen, seine sichern Pfeile,
Auf die auch, die Vernunft und Liebe schmückt. - Die Vorsicht, die zum Ganzen eint die Teile,
Die durch