Montag, 17.8.2009

Kultur

Suche
 



vorheriges Kapitel  nächstes Kapitel

Erster Aufzug

Erste Szene

Hohes Felsenufer des Vierwaldstättersees, Schwyz gegenüber.

Der See macht eine Bucht ins Land, eine Hütte ist unweit dem Ufer, Fischerknabe fährt sich in einem Kahn. Über den See hinweg sieht man die grünen Matten, Dörfer und Höfe von Schwyz im hellen Sonnenschein liegen. Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Haken, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge. Noch ehe der Vorhang aufgeht, hört man den Kuhreihen und das harmonische Geläut der Herdenglocken, welches sich auch bei eröffneter Szene noch eine Zeitlang fortsetzt.

Fischerknabesingt im Kahn: Melodie des Kuhreihens
Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
    Da hört er ein Klingen,
    Wie Flöten so süss,
    Wie Stimmen der Engel
    Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihn um die Brust,
    Und es ruft aus den Tiefen:
    Lieb Knabe, bist mein!
    Ich locke den Schäfer,
    Ich zieh ihn herein.

Hirteauf dem Berge: Variation des Kuhreihens
    Ihr Matten lebt wohl,
    Ihr sonnigen Weiden!
    Der Senn muss scheiden,
    Der Sommer ist hin.
Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder,
Wenn der Kuckuck ruft, wenn erwachen die Lieder,
Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,
Wenn die Brünnlein fliessen im lieblichen Mai
    Ihr Matten lebt wohl,
    Ihr sonnigen Weiden!
    Der Senne muss scheiden,
    Der Sommer ist hin.

Alpenjägererscheint gegenüber auf der Höhe des Felsen: Zweite Variation
Es donnern die Höhen, es zittert der Steg,
Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichtem Weg,
    Er schreitet verwegen
    Auf Feldern von Eis,
    Da pranget kein Frühling,
    Da grünet kein Reis;
Und unter den Füssen ein neblichtes Meer,
Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr,
    Durch den Riss nur der Wolken
    Erblickt er die Welt,
    Tief unter den Wassern
    Das grünende Feld.

Die Landschaft verändert sich, man hört ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten von Wolken laufen über die Gegend.

Ruodi der Fischer kommt aus der Hütte, Werni der Jäger steigt vom Felsen, Kuoni der Hirte kommt, mit dem Melknapf auf der Schulter. Seppi, sein Handbube, folgt ihm.

Ruodi:
Mach hurtig Jenni. Zieh die Naue ein.
Der graue Talvogt kommt, dumpf brüllt der Firn,
Der Mythenstein zieht seine Haube an,
Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch,
Der Sturm, ich mein, wird dasein, eh wir's denken.

Kuoni:
's kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen
Mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.

Werni:
Die Fische springen, und das Wasserhuhn
Taucht unter. Ein Gewitter ist im Anzug.

Kuonizum Buben:
Lug Seppi, ob das Vieh sich nicht verlaufen.

Seppi:
Die braune Liesel kenn ich am Geläut.

Kuoni:
So fehlt uns keine mehr, die geht am weitsten.

Ruodi:
Ihr habt ein schön Geläute, Meister Hirt.

Werni:
Und schmuckes Vieh - Ist's Euer eigenes, Landsmann?

Kuoni:
Bin nit so reich - 's ist meines gnädigen Herrn,
Des Attinghäusers, und mir zugezählt.

Ruodi:
Wie schön der Kuh das Band zu Halse steht!

Kuoni:
Das weiss sie auch, dass sie den Reihen führt,
Und nähm ich ihr's, sie hörte auf zu fressen.

Ruodi:
Ihr seid nicht klug! Ein unvernünft'ges Vieh -

Werni:
Ist bald gesagt. Das Tier hat auch Vernunft,
Das wissen wir, die wir die Gemsen jagen,
Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn,
'ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet
Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.

Ruodizum Hirten:
Treibt Ihr jetzt heim?

Kuoni:
Die Alp ist abgeweidet.

Werni:
Glücksel'ge Heimkehr, Senn!

Kuoni:
Die wünsch ich Euch,
Von Eurer Fahrt kehrt sich's nicht immer wieder.

Ruodi:
Dort kommt ein Mann in voller Hast gelaufen.

Werni:
Ich kenn ihn, 's ist der Baumgart von Alzellen.

Konrad Baumgarten atemlos hereinstürzend.

Baumgarten:
Um Gottes willen, Fährmann, Euren Kahn!

Ruodi:
Nun, nun, was gibt's so eilig?

Baumgarten:
Bindet los!
Ihr rettet mich vom Tode! Setzt mich über!

Kuoni:
Landsmann, was hat Ihr?

Werni:
Wer verfolgt Euch denn?

Baumgartenzum Fischer:
Eilt, eilt, sie sind mir dicht schon an den Fersen!
De Landvogts Reiter kommen hinter mir,
Ich bin ein Mann des Tods, wenn sie mich greifen.

Ruodi:
Warum verfolgen Euch die Reisigen?

Baumgarten:
Erst rettet mich, und dann steh ich Euch Rede.

Werni:
Ihr seid mit Blut befleckt, was hat's gegeben?

Baumgarten:
Des Kaisers Burgvogt, der auf dem Rossberg sass -

Kuoni:
Der Wolfenschiessen! Lässt Euch der verfolgen?

Baumgarten:
Der schadet nicht mehr, ich hab ihn erschlagen.

Allefahren zurück:
Gott sei Euch gnädig! Was habt Ihr getan?

Baumgarten:
Was jeder freie Mann an meinem Platz!
Mein gutes Hausrecht hab ich ausgeübt
Am Schänder meiner Ehr und meines Weibes.

Kuoni:
Hat Euch der Burgvogt an der Ehr geschädigt?

Baumgarten:
Dass er sein bös Gelüsten nicht vollbracht,
Hat Gott und meine gute Axt verhütet.

Werni:
Ihr habt ihm mit der Axt den Kopf zerspalten?

Kuoni:
O lasst uns alles hören. Ihr habt Zeit,
Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden.

Baumgarten:
Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt
Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes.
»Der Burgvogt liegt in meinem Haus, er hab
Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten.«
Drauf hab er Ungebührliches von ihr
Verlangt, sie sei entsprungen, mich zu suchen.
Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war,
Und mit der Axt hab ich ihm 's Bad gesegnet.

Werni:
Ihr tatet wohl, kein Mensch kann Euch drum schelten.

Kuoni:
Der Wüterich! Der hat nun seinen Lohn!
Hat's lang verdient ums Volk von Unterwalden.

Baumgarten:
Die Tat ward ruchbar, mir wird nachgesetzt -
Indem wir sprechen - Gott - verrinnt die Zeit -

Es fängt an zu donnern.

Kuoni:
Frisch Fährmann - Schaff den Biedermann hinüber.

Ruodi:
Geht nicht. Ein schweres Ungewitter ist
Im Anzug. Ihr müsst warten.

Baumgarten:
Heil'ger Gott!
Ich kann nicht warten. Jeder Aufschub tötet -

Kuonizum Fischer:
Greif an mit Gott, dem Nächsten muss man helfen,
Es kann uns allen Gleiches ja begegnen.

Brausen und Donnern.

Ruodi:
Der Föhn ist los, ihr seht wie hoch der See geht,
Ich kann nicht steuern gegen Sturm und Wellen.

Baumgartenumfasst seine Knie:
So helf Euch Gott, wie Ihr Euch mein erbarmet -

Werni:
Es geht ums Leben, sei barmherzig, Fährmann.

Kuoni:
s'ist ein Hausvater, und hat Weib und Kinder!

Wiederholte Donnerschläge.

Ruodi:
Was? Ich hab auch ein Leben zu verlieren,
Hab Weib und Kind daheim, wie er - Seht hin
Wie's brandet, wie es wogt und Wirbel zieht,
Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe.
- Ich wollte gern den Biedermann erretten,
Doch es ist rein unmöglich, ihr seht selbst.

Baumgartennoch auf den Knien:
So muss ich fallen in des Feindes Hand,
Das nahe Rettungsufer im Gesichte!
- Dort liegt's! Ich kann's erreichen mit den Augen
Hinüberdringen kann der Stimme Schall,
Da ist der Kahn, der mich hinübertrüge,
Und muss hier liegen, hülflos, und verzagen!

Kuoni:
Seht wer da kommt!

Werni:
Es ist der Tell aus Bürglen!

Tell mit der Armbrust.

Tell:
Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?

Kuoni:
's ist ein Alzeller Mann, er hat sein Ehr
Verteidigt, und den Wolfenschiess erschlagen,
Des Königs Burgvogt, der auf Rossberg sass -
Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen.
Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt,
Der fürcht't sich vor dem Sturm und will nicht fahren.

Ruodi:
Da ist der Tell, er führt das Ruder auch,
Der soll mir's zeugen, ob die Fahrt zu wagen.

Tell:
Wo's not tut, Fährmann, lässt sich alles wagen.

Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.

Ruodi:
Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das täte keiner, der bei Sinnen ist.

Tell:
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt,
Vertrau' auf Gott und rette den Bedrängten.

Ruodi:
Vom sicheren Port lässt sich's gemächlich raten,
Da ist der Kahn und dort der See! Versucht's!

Tell:
Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen,
Versuch es Fährmann!

HirtenundJäger:
Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!

Ruodi:
Und wär's mein Bruder und mein leiblich Kind,
Es kann nicht sein, s'ist heut Simons und Judä,
Da rast der See und will sein Opfer haben.

Tell:
Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft,
Die Stunde dringt, dem Mann muss Hülfe werden.
Sprich, Fährmann, willst du fahren?

Ruodi:
Nein, nicht ich!

Tell:
In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn,
Ich will's mit meiner schwachen Kraft versuchen.

Kuoni:
Ha, wackrer Tell!

Werni:
Das gleicht dem Waidgesellen!

Baumgarten:
Mein Retter seid Ihr und mein Engel, Tell!

Tell:
Wohl aus des Vogts Gewalt errett ich Euch,
Aus Sturmesnöten muss ein andrer helfen.
Doch besser ist's, Ihr fallt in Gottes Hand,
Als in der Menschen! Zu dem Hirten: Landsmann, tröstet Ihr
Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet,
Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte.

Er springt in den Kahn.

Kuonizum Fischer:
Ihr seid ein Meister Steuermann. Was sich
Der Tell getraut, das konntet Ihr nicht wagen?

Ruodi:
Wohl bessre Männer tun's dem Tell nicht nach,
Es gibt nicht zwei, wie der ist, im Gebirge.

Werniist auf den Fels gestiegen:
Er stösst schon ab. Gott helf dir, braver Schwimmer!
Sieh, wie das Schifflein auf den Wellen schwankt!

Kuoniam Ufer:
Die Flut geht drüber weg - Ich seh's nicht mehr.
Doch halt, da ist es wieder! Kräftiglich
Arbeitet sich der Wackre durch die Brandung.

Seppi:
Des Landvogts Reiter kommen angesprengt.

Kuoni:
Weiss Gott, sie sind's! das war Hülf in der Not.

Ein Trupp Landenbergischer Reiter.

Erster Reiter:
Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen.

Zweiter:
Des Wegs kam er, umsonst verhehlt ihr ihn.

KuoniundRuodi:
Wen meint ihr, Reiter?

Erster Reiterentdeckt den Nachen:
Ha, was seh ich! Teufel!

Werni oben:
Ist's der im Nachen, den ihr sucht? - Reit zu!
Wen ihr frisch beilegt, holt ihr ihn noch ein.

Zweiter:
Verwünscht! Er ist entwischt.

Ersterzum Hirten und Fischer:
Ihr habt ihm fortgeholfen,
Ihr sollt uns büssen - Fallt in ihre Herde!
Die Hütte reisset ein, brennt und schlagt nieder!

Eilen fort.

Seppistürzt nach:
O meine Lämmer!

Kuonifolgt:
Weh mir! Meine Herde!

Ruodiringt die Hände:
Gerechtigkeit des Himmels,
Wann wird der Retter kommen diesem Lande? Folgt ihnen.


vorheriges Kapitel  nächstes Kapitel

Soeben erschienen:
Sigmund Freud, Werkausgabe auf CD-ROM

Die Werkausgabe aus dem Projekt Gutenberg-DE umfaßt alle Hauptwerke Freuds, sowie 81 kürzere Schriften, insgesamt über 5000 Buchseiten zum Lesen am Bildschirm im Internetbrowser und als PDF.
Preis: € 19,90

» Information, Werkverzeichnis und Bestellung

Gutenberg-DE Edition 11 auf DVD

Klassische Literatur in deutscher Sprache in der 11. Ausgabe.
Über 5000 Bücher von mehr als 1100 Autoren: Romane, Erzählungen, Novellen, Gedichte, Bühnenwerke, Biographien, Sachbücher, Fabeln, Märchen, Sagen ... Stand: März 2009.
Preis: € 30,90

» Information, Werkverzeichnis und Bestellung

Neu: Gutenberg-DE Edition 11 jetzt auch auf USB-Datenstick

Die komplette Ausgabe der Edition 11.
Ideal für die Verwendung mit Netbooks ohne DVD-Laufwerk!
Preis: € 39,90
» Bestellung

Best of Gutenberg-DE e-Books

auf 2 GB SD-Speicherkarte im epub- oder PDF-Format mit 28 ausgewählten Texten und 3 Hörbüchern.

Im epub-Format speziell für den Sony Reader:
2 Krimis
6 Abenteuerromane
4 Erotische Titel
3 Jugendbücher
2 Science-Fiction-Romane
3 Überraschungen
Hörbücher: 3 Erzählungen
Von: Burnett, Defoe, Faber, Friedell, Glauser, Klabund, London, Maupassant, May, Moszkowski, Paasche, Poe, Salgari, Schnitzler, Spyri, Verne, Zola

Preis: 17,50 Euro
» Bestellung

Kostenlose Probe:
Robert Louis Stevenson, Das Flaschenteufelchen.
» als PDF
» im epub-Format

eBook
Erotica-SD-Karte (epub)

auf 2 GB SD-Speicherkarte im epub-Format für den Sony Reader mit 30 ausgewählten Texten aus den Gutenberg-DE Erotica CDs, unter anderem Werke von: Sacher-Masoch, Schnitzler, Flaubert, Josephine Mutzenbacher, de Sade, u.v.a.

Preis: 17,50 Euro
» Bestellung

Gutenberg-DE Erotica 1+2+3 im Sparpack!

Über 50 Werke klassischer erotischer Literatur aus 20 Jahrhunderten, viele davon exklusiv in diesen drei Ausgaben. Preisersparnis: Über 25% gegenüber dem Einzelkauf.

» Information und Inhalt

Guy de Maupassant

Neu: Inhalte erschließen mit dem Content- und Knowledge Explorer miraSRT von metainfo SYSTEMS.

Die CD-ROM ermöglicht eine neuartige intensive Auseinandersetzung mit Inhalten und Texten. Texte können nach inhaltlichen Kriterien extrahiert und verglichen werden, bis hin zur Möglichkeit, »verschüttetes Wissen« wieder auszugraben.

In dieser Ausgabe: 22 ausgewählte Werke von Guy de Maupassant mit der neuartigen Software zur Texterschließung, € 38,90.

»Ausführliche Information und Bestellung

Bibliothek der Sexualwissenschaft -
36 Klassiker der Sexualwissenschaft auf DVD

Alle Bücher als e-Faksimile mit über 14.000 Seiten, zahlreichen Illustrationen, Schwarz-Weiß-Fotografien und farbigen Tafelanhängen. Autoren: Krafft-Ebing, Forel, Hirschfeld, Bloch, Van de Velde, Adler u.a.
36 Bände für EUR 39,80.
» Information, Inhalt und Bestellung

Einzelwerk: Magnus Hirschfeld, Die Weltreise eines Sexualforschers für EUR 9,95.
» Information, Inhalt und Bestellung